Arthroskopie bei Knie-Arthrose nutzlos

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Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 23. Juni 2022
Leider gibt es nur wenige wirksame Behandlungsmöglichkeiten bei Arthrose. Die Arthroskopie gehört nicht dazu.
Die Arthroskopie (Gelenksspiegelung) kann Knieschmerzen nicht lindern und auch nicht die Beweglichkeit verbessern. Sie bringt bei Knie-Arthrose keine Vorteile.
Frage:
Hilft Arthroskopie (Gelenksspiegelung) bei Arthrose des Kniegelenks? Kann sie Schmerzen verringern oder die Beweglichkeit verbessern?
nein
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die Datenlage ist eindeutig: Als Behandlung bei Knie-Arthrose ist die Arthroskopie nutzlos. Sie kann langfristig weder Schmerzen lindern noch die Funktion des Kniegelenks verbessern.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Steife, schmerzende Gelenke im Alter sind ein weitverbreitetes Problem. Die Ursache: Abnützungen der normalerweise schützenden Knorpelschicht im Gelenk. Durch zu hohe oder falsche Belastung kommt es zu Reibung und Entzündung im Gelenk, es schmerzt und versteift. Am häufigsten ist Arthrose im Knie- und Hüft-Gelenk.

Was bringt Arthroskopie bei Arthrose?

Menschen mit einer Arthrose des Knie-Gelenks wird oft zu einer Arthroskopie (Gelenksspiegelung), geraten. Über kleine Schnitte schauen Ärztinnen und Ärzte dabei mit winzigen Kameras direkt ins Gelenk. Damit begutachten sie meist nicht nur den Zustand der betroffenen Knorpel und des Meniskus: Auch kleine Eingriffe wie Spülungen des Gelenks oder Glättung der Knorpeloberfläche werden normalerweise im Zuge der Arthroskopie durchgeführt. Das Ziel: Im Kniegelenk „aufzuräumen“, also lose Knorpelteilchen und Gewebsfasern zu entfernen und somit die Reibung im Gelenk zu verringern. Das soll die Beschwerden lindern.

Was vielleicht logisch klingt, hat aber einen Haken: Den Behandelten bringt die Arthroskopie bei Arthrose nichts. Zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt eine aktuelle Übersichtsarbeit [1].

Studien sprechen eindeutig gegen einen Nutzen

Ein Forschungsteam fasste darin die aussagekräftigsten aller bisher veröffentlichten Studien zu Arthroskopie bei Knie-Arthrose zusammen. In diesen Studien hatten Behandelte nach einer Arthroskopie nicht merklich weniger Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen als Personen, die nur zum Schein oder gar nicht behandelt wurden. Untersucht wurde das 3 Monate nach dem Eingriff. Auch bei der Lebensqualität schien es keinen Unterschied zu geben.

Arthroskopie gegen Arthrose: nicht wirksam, aber auch nicht sehr riskant

Immerhin: Auch unerwünschte Ereignisse waren in den Arthroskopie-Gruppen nicht auffällig häufig zu beobachten. Sehr riskant scheint der Eingriff nicht zu sein, die verfügbaren Daten sind allerdings nicht verlässlich genug, um dies völlig ausschließen zu können.

Österreich zahlt, Deutschland nicht

In Deutschland wird die Arthroskopie als Behandlung bei Knie-Arthrose seit 2016 nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt. Der Grund: die fehlende Wirksamkeit. In Österreich scheint das die Krankenkassen allerdings nicht zu stören. Hierzulande werden die Kosten für eine Arthroskopien immer übernommen – egal aus welchem Grund sie durchgeführt wird.

Arthrose: Was hilft?

Starkes Übergewicht und Fehlstellungen belasten die Kniegelenke. Das kann die Entwicklung einer Arthrose schon in jüngeren Jahren begünstigen. Gewicht zu verlieren kann Schmerzen reduzieren und die Beweglichkeit der betroffenen Gelenke verbessern. Schonung ist bei Arthrose jedoch keine gute Idee, ganz im Gegenteil: Angemessene Bewegung hilft, das Gelenk stabil zu halten, den Knorpel mit Nährstoffen zu versorgen und das Gelenk „zu schmieren“. Gut geeignet sind zum Beispiel Aerobic, Gehen, Yoga, Schwimmen und Radfahren [2,3]. Kurzfristige können auch Schmerzmittel Linderung verschaffen. Eine Heilung von Arthrose ist allerdings nicht möglich.

In vielen Fällen wird irgendwann eine Operation notwendig, bei der das betroffene Gelenk teilweise oder ganz durch eine künstliche Gelenksprothese ersetzt wird.

Fragwürdige Heilmittel gegen Arthrose

Der Leidensdruck bei Arthrose ist meist groß und Betroffene wünschen sich eine wirksame Behandlung dagegen. Das wissen auch Anbieter diverser Behandlungen und Nahrungsergänzungsmittel, deren Nutzen fragwürdig ist.

So haben wir zum Beispiel bereits in anderen Beiträgen herausgefunden, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Chondroitin und Salben mit DMSO bei Arthrose wahrscheinlich wirkungslos sind. Genauso scheint die Kernspinresonanz-Therapie keine Vorteile zu bringen.

Nicht nachgewiesen weil zu wenig erforscht ist der Nutzen von Präparaten mit Hyaluronsäure, Pinienrinden-Extrakt, Teufelskralle, Katzenkralle, Kurkuma oder Hagebuttenpulver.

Ebenso wenig erforscht ist auch die Wirksamkeit mancher – oft selbst zu zahlenden – Eingriffe, wie zum Beispiel der Stammzell-Therapie und der Behandlung mit pulsierenden Magnetfeldern. Nicht belegt ist auch die Wirksamkeit der Ultraschall-Therapie.

Möglicherweise helfen könnten hingegen die Eigenbluttherapie sowie Avocado- und Sojaöl oder Weihrauch.

Mehr wissen

Weitere verlässliche Informationen zu Arthrose finden Sie auf www.gesundheitsinformation.de. Mehr dazu, wann eine Arthroskopie sinnvoll ist und wann nicht, lesen Sie hier.
Einen anschaulichen Überblick zum Nutzen der Arthroskopie bei Arthrose liefert außerdem das deutsche Harding-Zentrum für Risikokompetenz.

 

Versionsgeschichte:

  • 23.6.2022: Bei einer neuerlichen Suche fanden wir eine aktuelle Übersichtsarbeit. Ihre Ergebnisse verstärken das Vertrauen in unsere ursprüngliche Einschätzung.
  • 22.8.2014: Erste Veröffentlichung des Artikels.

 

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Die Studien im Detail

Nach welchen Studien haben wir gesucht?

Wer ein Medikament schluckt und von seiner Wirkung überzeugt ist, der wird sehr wahrscheinlich einen Effekt spüren – auch wenn vielleicht gar kein Wirkstoff vorhanden ist. Man nennt das den Placebo-Effekt. Einen noch größeren Placebo-Effekt als Medikamente können chirurgische Eingriffe entfalten – das weiß man aus Studien [4].

Will man also untersuchen, ob es Menschen mit Arthrose nach einer Arthroskopie besser geht, vergleicht man ihre Beschwerden am besten mit einer Gruppe von Menschen, die nur denken, sie hätten eine Arthroskopie gehabt. In Wirklichkeit aber haben sie nur eine sogenannte Schein-Operation hinter sich. Bei Schein-Operationen wird die Patientin oder der Patient in Narkose versetzt und ein Hautschnitt gemacht – mehr nicht. Natürlich passiert so etwas nur im Rahmen von klinischen Studien und alle Beteiligten geben vorher ihre Zustimmung zur Teilnahme.

Solche Studien sind die verlässlichste Art, die Wirksamkeit der Arthroskopie zu untersuchen. Die Übersichtarbeit, die wir gefunden haben, fasst die Ergebnisse vier solcher Studien mit 309 Personen zusammen [1]. Die Hälfte dieser Personen erhielt entweder eine Arthroskopie, im Zuge derer der Meniskus geglättet oder das Gelenk mit Kochsalzlösung gespült wurde. Die andere Hälfte hatte keine oder eine Schein-Arthroskopie. Nach 3 Monaten bis 2 Jahren hatten die Teilnehmenden etwa gleich viele Beschwerden, egal ob sie tatsächlich behandelt worden waren oder nicht.

So kommen wir zu unserer Einschätzung

Unser Vertrauen in das Ergebnis ist groß, weil

  • sowohl die Übersichtsarbeit als auch die darin zusammengefassten Studien von hoher Qualität sind
  • und die Studien alle zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen.

Wir halten es für unwahrscheinlich, dass zukünftige Studien zu einem ganz anderen Ergebnis kommen werden.

Wissenschaftliche Quellen


[1] O’Connor, D., et al. (2022). „Arthroscopic surgery for degenerative knee disease (osteoarthritis including degenerative meniscal tears).“ Cochrane Database Syst Rev 3(3): Cd014328. (Link zur Übersichtarbeit)

[2] IQWiG (2021)
Abgerufen am 21.6.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[3] IQWiG (2021)
Abgerufen am 21.6.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[4] Kaptchuk, T. J., Goldman, P., Stone, D. A., & Stason, W. B. (2000). Do medical devices have enhanced placebo effects?. Journal of clinical epidemiology, 53(8), 786-792. (Link zur Studie)