Nutzen unklar: Hyaluronsäure zum Schlucken bei Knie-Arthrose

AutorIn: Iris Hinneburg
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 4. Februar 2020
Was tun, wenn das Knie wegen Abnutzung schmerzt?
Kapseln mit dem „Schmiermittel“ Hyaluronsäure sollen die Beschwerden bei einer Arthrose im Knie lindern. Diese Behauptung ist aber unzureichend untersucht.
Frage:
Verbessert die Einnahme von Hyaluronsäure in Kapselform die Beschwerden bei einer Kniearthrose?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die Frage wurde in drei kleinen Studien mit diversen Mängeln untersucht. Sie kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Daher können wir nicht sicher sagen, ob Hyaluronsäure zum Einnehmen einen günstigen Einfluss auf die Beschwerden bei einer Kniearthrose hat. Auch über mögliche Risiken können wir auf Basis der besten verfügbaren Studien keine verlässlichen Aussagen treffen.

Wie gehen wir vor?

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0 Fallstudien

Für Menschen mit einer Arthrose in Knie sind Bewegungen wie Treppensteigen mitunter qualvoll. Bei dieser Gelenkserkrankung können Schmerzmittel kurzfristig helfen. Viele Betroffene sind aber auf der Suche nach Mitteln, die dauerhaft Linderung bringen.

Angeblich können jede Menge Nahrungsergänzungsmittel aus dem Internet für eine langfristige Besserung bei einer Arthrose sorgen. Dazu gehören auch Kapseln mit Hyaluronsäure zum Einnehmen.

Helfen diese Kapseln tatsächlich bei einer Kniearthrose? Das wollte ein Leser von uns wissen.

Schmiermittel für Gelenke

Hyaluronsäure kommt natürlicherweise im Körper vor. In den Gelenken wirkt sie wie ein Schmiermittel.

Bei einer Arthrose ist der Knorpel abgenutzt, und auch Hyaluronsäure wird vermehrt abgebaut. Dadurch entstand die Idee, Hyaluronsäure zum Ausgleich von außen zuzuführen.

Offenbar kein Vorteil durch Hyaluronspritzen

Das passiert zum Beispiel in Form von Spritzen, die direkt ins Gelenk verabreicht werden. Allerdings: Auf diesem Weg hat Hyaluronsäure offenbar nur einen geringen Nutzen.

In aussagekräftigen Studien zeigte sich kaum ein Unterschied zu Kochsalzspritzen. Hinzu kommt das Risiko für Infektionen und Entzündungsreaktionen [4].

Kapsel besser als Spritze?

Wirkt Hyaluronsäure besser, wenn sie nicht gespritzt, sondern in Kapseln gepackt und dann geschluckt wird? Das ist das schwer vorherzusagen. Denn man weiß nicht, was genau der Körper mit der zugeführten Hyaluronsäure macht.

Besonders plausibel erscheint dieser Wirkmechanismus aus unserer Sicht aber nicht. Denn die Hyaluronsäure müsset dafür erst durch den Verdauungstrakt und dann über das Blut in die Gelenke gelangen.

Kaum Praxistests

Soweit die theoretischen Überlegungen.. Solide Fakten schaffen kann allerdings nur die Praxis, also Studien mit Betroffenen.

Deswegen haben wir nach den besten verfügbaren Studien gesucht – konnten aber nur drei kleine Untersuchungen [1-3] auswerten.

Mangelhaft und widersprüchlich

Leider waren diese Studien nicht aussagekräftig und sind auch zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen, so dass wir auf Basis der aktuellen Studienlage keine sicheren Schlüsse ziehen können. Wir wissen also nicht, ob das Einnehmen von Hyaluronsäure-Kapseln die Beschwerden bei einer Kniearthrose lindern kann.

Woran es haperte bei den ausgewerteten Studien? Es haben insgesamt nur 120 Menschen teilgenommen und es wurden nicht alle Daten bei der Auswertung berücksichtigt.

Unklar: Nutzen und Risiken bei Langzeitanwendung

Die Studiendauer war außerdem maximal ein Jahr lang. Daher lässt sich nicht ableiten, wie der Nutzen bei einer dauerhaften Einnahme ausfällt. Das wäre bei einer chronischen Erkrankung aber wichtig zu wissen. Dasselbe gilt für die Risiken, die mit der Einnahme von Hyaluronsäure einhergehen, insbesondere bei einer Langzeitanwendung. Auch kurzfristige unerwünschte Effekte sind unserer Ansicht nach nicht systematisch untersucht worden.

Arthrose: häufige Erkrankung

Die Arthrose gehört zu den häufigsten Gelenkserkrankungen. Sie ist vor allem eine Erkrankung von älteren Menschen. Etwa die Hälfte der Frauen über 70 und ein Drittel der Männer über 70 sind vom „Gelenksverschleiß“ betroffen.

Meist entwickelt sich die Arthrose am Hüft- oder Kniegelenk. Sie kann aber auch an Schultern, Fingern und Zehen auftreten.

Keine Heilung, aber Linderung

Bisher steht kein Medikament zur Heilung von Arthrose zur Verfügung. Aber es gibt verschiedene Maßnahmen zur Linderung: Bewegung, Schmerzmittel und Abnehmen bei Übergewicht.

Bei einer Arthrose in Knie oder Hüfte gibt es Hilfsmittel wie Gehstöcke, um das Gelenk zu entlasten. Wenn der Gelenkverschleiß weit fortgeschritten ist, kann ein künstlicher Gelenkersatz helfen [4,5].

Mehr wissenschaftlich gesicherte Information zum Thema Arthrose finden Sie auf den Seiten von Gesundheitsinformation.de, erstellt durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Diverse Mittel unter der Lupe

Wir haben bereits verschiedene Mittel unter die Lupe genommen, die als hilfreich bei Arthrose beworben werden:

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Die Studien im Detail

Bei unserer Suche haben wir uns auf randomisiert-kontrollierte Studien beschränkt. Das sind Studien, bei denen die Teilnehmenden, eingeteilt nach dem Zufallsprinzip, entweder Kapseln mit Hyaluronsäure einnahmen. Oder ihnen wurde ein Scheinmedikament verabreicht.

Wir haben bei unserer Auswertung nur Studien berücksichtigt, bei denen die eingesetzten Präparate zu einem großen Anteil aus Hyaluronsäure bestanden. Diesen Kriterien folgend konnten wir letztlich drei Studien auswerten [1-3] – sie wurden in den USA und in Japan durchgeführt.

Nur eine Form von Arthrose

In allen Studien wurden Menschen mit Kniearthrose getestet. Aussagen über den Nutzen von Hyaluronsäure-Kapseln bei anderen Formen von Arthrose, etwa in der Hüfte oder in den Fingergelenken, lassen sich auf dieser Basis also nicht treffen.

Testpersonen: typische, aber zu wenige

In den Studien nahmen jeweils 20 bis 60 Personen teil (insgesamt: 120). Das ist ziemlich wenig und schränkt die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse deutlich ein.

Insgesamt waren die Testpersonen repräsentativ für jene Menschen, die üblicherweise von einer Kniearthrose betroffen sind.

  • Die Teilnehmenden waren etwa 55 bis 70 Jahre alt – also eine Altersgruppe, in der Kniearthrose häufig ist.
  • In zwei Studien [1,3] fand sich die Angabe, dass die Testpersonen übergewichtig waren. Übergewicht ist ein deutlicher Risikofaktor bei Kniearthrose. In einer Studie [2] fehlen entsprechende Angaben.

Unterschiedliche Mittel, Dosierungen und Fragebögen

In den Studien wurden Hyaluronsäure-Präparate eingesetzt, die sich deutlich voneinander unterschieden. Die Tagesdosis lag zwischen etwa 50 bis 200 Milligramm. Diese Unterschiede machen es schwierig, allgemeingültige Aussagen über Hyaluronsäure zum Einnehmen zu treffen.

Der Nutzen wurde in allen Studien mit speziellen Fragebögen erhoben. Diese Bögen erfassen die typischen Beschwerden bei einer Arthrose: zum Beispiel Schmerzen oder eingeschränkte Beweglichkeit. Allerdings waren die verwendeten Fragebögen ziemlich unterschiedlich, was wieder den Vergleich erschwert.

Langzeitnutzen unklar

Die Einnahmedauer betrug acht Wochen [1], drei Monate [3] beziehungsweise ein Jahr [2]. Damit lassen sich nur Aussagen über einen relativ kurzen Zeitraum treffen. Eine längere Beobachtungsdauer wäre wichtig, da Betroffene typischerweise länger mit einer Kniearthrose leben.

Informationen fehlen

Was die Aussagekraft außerdem einschränkt: In allen Studien gab es erhebliche Mängel. So wurden oft nicht die Daten aller Teilnehmenden ausgewertet.

Außerdem vermissen wir wesentliche Details in den Veröffentlichungen, die für die Bewertung der Studien wichtig gewesen wären. Dazu gehören beispielsweise Angaben zur zusätzlichen Einnahme von Schmerzmitteln.

Widersprüchliche Ergebnisse

Auch sind die Ergebnisse widersprüchlich: Eine Studie [1] konnte gar keinen Unterschied zwischen Hyaluronsäure und einem Scheinmedikament feststellen, eine andere [2] nur in einigen wenigen untersuchten Aspekten.

War der in der dritten Studie [3] festgestellte rechnerische Nutzen der Hyaluronsäure so groß war, dass die Betroffenen tatsächlich einen Unterschied spürten? Das lässt das Studienteam in seiner Publikation offen.

Und die Verträglichkeit?

Ob die Einnahme von Hyaluronsäure auch unerwünschte Effekte hat, haben die Studien unserer Einschätzung nach nicht systematisch untersucht. Weil nur wenige Menschen relativ kurz untersucht wurden, lassen sich keine verlässlichen Schlussfolgerungen zur Verträglichkeit ziehen.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Kalman u.a. (2008)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 20 Menschen mit Kniearthrose
Fragestellung: Welchen Einfluss hat die Einnahme eines Hyaluronsäure-Präparats auf Schmerzen und Lebensqualität bei Kniearthrose?
Interessenkonflikte: Der Hersteller des Hyaluronsäure-Präparats hat die Studie finanziert.

Kalman D u.a. Effect of a natural extract of chicken combs with a high content of hyaluronic acid (Hyal-Joint) on pain relief and quality of life in subjects with knee osteoarthritis: a pilot randomized double-blind placebo-controlled trial. Nutr J. 2008;7:3 (Studie in voller Länge)

[2] Tashiro u.a. (2012)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 60 Menschen mit Kniearthrose
Fragestellung: Verbessert die Einnahme von Hyaluronsäure die Beschwerden bei Kniearthrose?
Interessenkonflikte: keine Angaben durch das Studienteam

Tashiro T u.a. Oral administration of polymer hyaluronic acid alleviates symptoms of knee osteoarthritis: a double-blind, placebo-controlled study over a 12-month period. Scientific World Journal. 2012:167928 (Studie in voller Länge)

[3] Nelson u.a. (2015)
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 40 Menschen mit Kniearthrose
Fragestellung: Verbesserte die Einnahme von Hyaluronsäure die Beschwerden bei Kniearthrose?
Interessenkonflikte: Einer der Autoren ist Angestellter des Herstellers des Hyaluronsäure-Präparats, der Hersteller hat die Studie finanziert

Nelson F u.a. The effects of an oral preparation containing hyaluronic acid (Oralvisc®) on obese knee osteoarthritis patients determined by pain, function, bradykinin, leptin, inflammatory cytokines, and heavy water analyses. Rheumatol Int. 2015;35:43-52 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] IQWiG (2018)
Kniearthrose. Abgerufen am 24. 1. 2020 unter www.gesundheitsinformation.de

[5] UpToDate (2019)
Overview of the management of osteoarthritis. Abgerufen am 22. 1. 2020 unter www.uptodate.com