Unausgereifte Therapie: Stammzellen gegen Arthrose im Knie

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 9. März 2020
Seifenblasen statt homöopathischer Kügelchen: Dass Händewaschen vor Coronaviren schützt, gilt als gesichert
Mit Stammzellen gegen Arthrose? Klingt vielversprechend, ist aber wenig ausgereift. Sichere Belege für die Wirksamkeit der Therapie fehlen.
Frage:
Kann die Injektion von Stammzellen ins Kniegelenk Schmerzen und Einschränkungen bei einer Arthrose lindern?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Es ist unklar, ob Stammzellen, die bei einer Arthrose ins Knie gespritzt werden, eine heilsame Wirkung haben. Auch mögliche Nebenwirkungen und Gefahren sind unzureichend erforscht.

Wie gehen wir vor?

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Arthrose ist die häufigste Gelenkserkrankung bei Erwachsenen [3]. Besonders oft betrifft sie die Knie.

Die Ursache ist hauptsächlich das Schwinden des schützenden Knorpels in den Gelenken. Schmerzen und Bewegungseinschränkung sind die Folge.

Jungbrunnen aus der Spritze

Eine relativ neue Therapie ist die Behandlung mit eigenen oder gespendeten Stammzellen. Meist wird dazu Knochenmark entnommen oder Fettgewebe abgesaugt. Zuerst gefiltert und dann vermehrt, kommen die Stammzellen dann per Spritze direkt ins betroffene Gelenk.

Die Kosten von mehreren tausend Euro müssen die Patientinnen und Patienten selbst tragen.

Die Hoffnung dahinter: Die Stammzellen sollen sich zu Knorpelzellen umwandeln und verloren gegangenes Knorpelgewebe nachwachsen lassen.

In der sogenannten regenerativen Medizin gelten Stammzellen als eine Art Wundermittel und Jungbrunnen. In Zukunft könnte sie durchaus in der Lage sein, auch Menschen mit Arthrose zu helfen. Im Moment sind viele der Therapien mit Stammzellen jedoch alles andere als ausgereift.

Wissenschaftlich bewiesen?

Dennoch stießen wir bei unserer Recherche auf einige Ordinationen und medizinische Zentren in Österreich die mit der Stammzellentherapie bei Arthrose werben. „In wissenschaftlichen Studien bewiesen“ versichern Anbieter. Ein Satz, der Seriosität und Sicherheit vermitteln soll. Oft entsteht so der Eindruck, es handle sich bei der Stammzelltherapie gegen Arthrose um ein bewährtes und sicheres Verfahren.

Nicht selten zitieren Anbieter auch wissenschaftliche Studien, die das untermauern sollen. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich dabei aber mitunter um Versuche an Tieren, im Reagenzglas oder kleine Pilotstudien mit einer Handvoll Testpersonen.

Effekt unklar

Solche Studien können durchaus Hinweise liefern. Verlässliche Aussagen über die Wirksamkeit und Sicherheit einer Therapie lassen sich daraus aber nicht ableiten. Deswegen haben wir uns auf die Suche nach aussagekräftigen Studien zur Wirksamkeit der Stammzellentherapie bei Arthrose gemacht.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst die derzeit besten verfügbaren sechs Studien mit knapp 200 Testpersonen zusammen. Die Studien lassen keine konkrete Aussage zu, etwa aufgrund zu geringer Teilnehmerzahl und möglichen Verzerrungen. Ob die Therapie die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen bei einer Knie-Arthrose spürbar lindern kann, bleibt unklar [1].

Unser Fazit: Im Moment ist die Therapie mit Stammzellen bei einer Arthrose im Knie nicht ausgereift. Es braucht mehr gute Forschung, um Aussagen darüber treffen zu können, ob die Therapie in der Praxis so gut wirkt wie in der Theorie erdacht.

Denn ob die Stammzellen im Knie angekommen tatsächlich das tun, was sie tun sollen und neuen Knorpel bilden, ist ebenfalls ungewiss. Fraglich ist, ob die Zellen im Gelenk überhaupt überleben [2,4].

Unbekannte und bekannte Risiken

Ebenso wenig wissen wir, ob diese Therapieform schaden könnte. Denn auch mögliche Nebenwirkungen und Schäden durch die Therapie sind wenig erforscht. Vor allem zu mittel- und langfristigen negativen Effekten ist nichts bekannt. Patientinnen und Patienten der Studien wurden höchstens ein Jahr lang beobachtet.

Fest steht, dass jede Spritze in ein Gelenk ein Risiko für Infektionen bedeutet. Für die Entnahme der Stammzellen aus dem Knochenmark wird meist der Hüftknochen angebohrt. Auch dieser Eingriff hat Risiken [4].

Reservezellen des Körpers

Im Laufe des Lebens nutzen sich die schützenden Knorpelschichten in den Gelenken ab. Das verloren gegangene Knorpelgewebe wird vom Körper nicht mehr ersetzt.

Hier kommen die Stammzellen ins Spiel.

Stammzellen gelten als Ersatzteillager des Körpers und bieten medizinisch allerlei Möglichkeiten. Denn sie können sich zu unterschiedlichen Zellen weiterentwickeln.

Stammzellen sollen, so die Hoffnung, bei Gelenksverschleiß für frische Knorpelzellen und eine neue schützende Knorpelschicht sorgen.

Wo Stammzellen zu finden sind

Im Embryo finden sich Stammzellen überall und zuhauf. Im erwachsenen Menschen sind sie nicht mehr so zahlreich vorhanden.

Bei Erwachsenen kommen sie im Knochenmark vor, in weit geringerem Ausmaß auch im Fettgewebe, Blut, Zahnmark und in der Plazenta. Diese Bindegewebs-Stammzellen können bei Bedarf zu Fett-, Muskel- und Knochenzellen werden. Theoretisch sind sie auch in der Lage, sich zu Knorpelzellen zu entwickeln.

Arthrose ist nicht heilbar

Heilen lässt sich die Volkskrankheit Arthrose derzeit nicht, und der Leidensdruck kann groß sein.
Entzündungshemmende und schmerzstillende Medikamente bekämpfen lediglich die Schmerzen. Leichte Bewegung hilft, das Gelenk zu durchbluten und flexibel zu halten. Ist die Arthrose weit fortgeschritten, kommt der Ersatz durch ein künstliches Gelenk in Frage [3].

Viele Angebote – aber was wirkt?

Dass Fachleute und Betroffene Hoffnungen in die neuartige Stammzellen-Therapie gegen Arthrose setzen, ist also verständlich. Und so überrascht es nicht, dass auch Anbieter von Behandlungsmethoden ohne solide wissenschaftliche Basis leichtes Spiel haben.

Über Mittel, die gegen Arthrose angepriesen werden, haben wir mehrfach berichtet. Zum Beispiel haben wir recherchiert, ob Hyaluronsäure, Pinienrinde, Teufelskralle und andere pflanzliche Heilmittel gegen Arthrose helfen können.

Mehr Information zur Arthrose

Mehr Informationen rund das Thema Arthrose finden Sie auf den Seiten von gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 fasst die vertrauenswürdigsten Studien zur Therapie mit Stammzellen bei einer Arthrose zusammen [1]: sechs randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 203 Patientinnen und Patienten.

Alle hatten Arthrose des Kniegelenks. Der Schweregrad war unterschiedlich.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden nach Zufallsprinzip auf zwei Gruppen aufgeteilt: Die Behandlungsgruppe bekam Stammzellen ins Gelenk gespritzt. Die Kontrollgruppe erhielt Injektionen mit einem wirkungslosen Scheinmedikament. Die Teilnehmenden und das medizinische Personal wussten mit Ausnahme einer Studie nicht, wer welcher Gruppe angehörte.

Die Teilnehmenden durften während der Studie keine anderen Behandlungen erhalten. Dazu zählten Operationen am Knie, Knorpeltransplantationen oder die sogenannte Mikrofrakturierung (kleine Bohrungen im Gelenk).

Hyaluronsäure als Placebo

Vier der sechs eingeschlossenen Studien verwendeten Stammzellen aus dem Knochenmark. In einer Studie wurden Stammzellen aus dem Fettgewebe und in einer Studie aus der Plazenta verwendet. In vier Studien wurden die Stammzellen von fremden Spenderinnen und Spendern gewonnen.

Die Vergleichsgruppen erhielten in drei Studien Placebo-Injektionen ohne Stammzellen. In drei Studien enthielten die Placebo-Injektionen zusätzlich Hyaluronsäure. Letzteres machte uns zuerst stutzig. Doch Hyaluronsäure dürfte als Scheinmedikament geeignet sein. In bisherigen Studien konnte keine Wirkung von Injektionen mit Hyaluronsäure gezeigt werden [4].

Die Teilnehmenden wurden nach der Behandlung bis zu zwölf Monate lang beobachtet. Mithilfe von Punkteskalen berichteten sie über Schmerzen und Bewegungseinschränkungen.

Effekt wohl nicht spürbar

Das Ergebnis: die Testpersonen aus der Stammzellen-Gruppe hatten laut statistischer Auswertung im Durchschnitt geringere Schmerzen. Auch fühlten sie sich etwas weniger in ihre Beweglichkeit eingeschränkt.

Die Schmerzreduktion war jedoch klein und vermutlich nur auf dem Papier sichtbar. Andere Studien haben gezeigt, dass eine so minimale Verbesserung im Alltag für die Betroffenen wahrscheinlich gar nicht wahrnehmbar ist [5,6].

Die minimal verbesserte Beweglichkeit kann durchaus rein zufällig zustande gekommen sein. Es ist also auch hier unklar, ob es einen echten Effekt gibt.

200 Personen sind nicht genug

Wir halten die zusammengefassten Ergebnisse auch aus anderen Gründen für nicht aussagekräftig. Die eingeschlossenen Studien waren zum Teil sehr unterschiedlich, was die Vergleichbarkeit erschwert. Außerdem sind die einzelnen Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.

Manche hatten auch deutliche Mängel und sind daher nicht vertrauenswürdig. So wussten etwa in einer Studie die Teilnehmenden und das medizinische Personal über die Gruppenzuteilung Bescheid. Das kann zu Verzerrungen geführt haben.

Ein weiterer wesentlicher Kritikpunkt: Insgesamt haben nur knapp über 200 Patientinnen und Patienten teilgenommen. Diese Zahl ist zu gering, um verlässliche, also nicht-zufällige Ergebnisse zu erhalten.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Kim u.a. (2019)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 203 in randomisiert-kontrollierten Studien
Fragestellung: Können Injektionen mit Stammzellen ins Gelenk Beschwerden bei Arthrose des Kniegelenks lindern?
Interessenskonflikte: Studie finanziert von Korea Health Technology R&D Project und Ministry of Health & Welfare, Republic of Korea

Kim SH, Djaja YP, Park YB, Park JG, Ko YB, Ha CW. Intra-articular Injection of Culture-Expanded Mesenchymal Stem Cells Without Adjuvant Surgery in Knee Osteoarthritis: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Sports Med. 2019 Dec 24:363546519892278. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[2] Gupta u.a. (2012)
Gupta, P. K., Das, A. K., Chullikana, A., & Majumdar, A. S. (2012). Mesenchymal stem cells for cartilage repair in osteoarthritis. Stem cell research & therapy, 3(4), 25. (Studie in voller Länge)

[3] IQWIG (2018)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Informationen zur Kniearthrose. Abgerufen am 24. 2. 2020 unter gesundheitsinformation.de

[4] IQWIG (2018)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Informationen zur Arthrose – Können Spritzen ins Knie helfen?
Abgerufen am 26. 2. 2020 unter gesundheitsinformation.de

[5] Danoff u.a. (2018)
Danoff, J. R., Goel, R., Sutton, R., Maltenfort, M. G., & Austin, M. S. (2018). How much pain is significant? Defining the minimal clinically important difference for the visual analog scale for pain after total joint arthroplasty. The Journal of arthroplasty, 33(7), S71-S75. (Zusammenfassung der Publikation)

[6] MacKay u.a. (2019)
MacKay, C., Clements, N., Wong, R., & Davis, A. M. (2019). A systematic review of estimates of the minimal clinically important difference and patient acceptable symptom state of the Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index in patients who underwent total hip and total knee replacement. Osteoarthritis and cartilage, 27(10), 1408-1419. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)