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Schnupfen: Kochsalzlösung für die Nase

Nasensprays mit Kochsalzlösung werden häufig gegen Erkältungen beworben

Nasensprays mit Kochsalzlösung werden häufig gegen Erkältungen beworben

Ob als Nasendusche, Spray oder zum Inhalieren – Kochsalzlösung gilt als Hausmittel gegen Schnupfen und Husten. Erforscht ist die Wirkung jedoch kaum.

Frage:Haben salzwasserhaltige Nasenduschen und Nasensprays oder das Inhalieren mit Kochsalzlösung eine lindernde oder vorbeugende Wirkung auf Erkältungen?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Bisher durchgeführte Studien dazu sind von schlechter Qualität und daher nicht aussagekräftig. Auf Halsschmerzen dürften Spülungen und Sprays keinen merkbaren Effekt haben.

Ob als Spray, Spülung oder in Form von Dampf aus dem Kochtopf inhaliert – viele Wege führen in die Nase. Bei Erkältungskrankheiten mit Schnupfen oder Husten greifen Betroffene häufig zu Kochsalzlösungen, die in Drogerie und Apotheke erhältich sind. Sie hoffen, damit die Atemwege freizubekommen und lästige Erkältungsbeschwerden zu lindern.

Vorbeugung mit gespülter Nase

Beworben werden die salzigen Therapien auch, um derartige Infektionen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Für die kalte Jahreszeit empfehlen Herstellerfirmen von Kochsalzlösungen, die Nasenschleimhaut regelmäßig mit ihren Produkten zu spülen. So hätten Schnupfen und Husten angeblich keine Chance.

In der Theorie sinnvoll

Der vermutete Wirkmechanismus erscheint nachvollziehbar: Kochsalzlösung soll Schleim und darin befindliche Krankheitserreger aus der verstopftem Nase schwemmen. Auch die Flimmerhärchen der Nasenschleimhaut sollen dadurch beweglicher werden. Dies könne Keime und Schmutz besser hinausbefördern und die Selbstheilungskräfte der Schleimhäute ankurbeln. Viren hätten demzufolge keine Möglichkeit mehr, sich in der Schleimhaut der Nase niederzulassen [1].

Aber: Fühlen sich schnupfengeplagte Menschen durch Spülen oder Inhalierten tatsächlich besser? Macht es Sinn, die Nase regelmäßig mit Kochsalzlösung zu befeuchten, um bei der nächsten Erkältungswelle gesund zu bleiben?

Um diese Fragen beantworten zu können, haben wir wissenschaftliche Datenbanken nach aussagekräftigen Studien durchforstet.

In der Praxis kaum erforscht

Das Ergebnis: die vermuteten Wirkungen sind sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen nur unzureichend untersucht.

So gibt es keine Belege für einen vorbeugenden Effekt von Nasentropfen, Sprays und Salzwasser-Spülungen. Die einzige Untersuchung, die wir dazu gefunden haben, ist schlecht durchgeführt und nicht vertrauenswürdig [2].

Ob sich die Mittel zur Behandlung von Erkältungen eignet, haben mehrere Forschungsgruppen versucht zu ergründen [1]. Sie wollten etwa wissen, ob eine Behandlung mit Kochsalzlösung die Nase befreien kann oder Testpersonen dadurch rascher wieder gesund werden. Die Studien sind jedoch mangelhaft und kaum miteinander vergleichbar. Aussagekräftige Ergebnisse können sie nicht liefern.

Enttäuschend

Einzig für Halsschmerzen bei Kindern findet eine Studie Hinweise auf eine Antwort. Diese sind jedoch ernüchternd: ein Salzwasserspray dürfte bei einer Entzündung des Rachens keine merkbare Linderung bewirken [1].

Enttäuschend ist die Studienlage auch zum Inhalieren von Salzwasserdampf. Ob es Linderung verschafft, über einem Topf mit heißer Kochsalzlösung zu sitzen und tief einzuatmen, scheint wissenschaftlich nie untersucht worden zu sein. Ob die Methode hilft, kann die Wissenschaft nicht beantworten.

Nebenwirkungen

Immerhin scheint die Anwendung von Kochsalzlösung in der Nase keine ernsten Nebenwirkungen zu verursachen. Manchmal kann die Behandlung jedoch die Nasenschleimhaut reizen und in der Nase brennen – vor allem bei höherer Salzkonzentration oder bei großen Mengen an Spüllösung [1].

Besser abgekocht

Die Nase mit selbst hergestellter Kochsalzlösung zu spülen, kann in sehr seltenen Fällen gefährlich sein [7,8]. So gibt es vereinzelte Berichte über Personen, die in Folge an einer Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute erkrankt und schließlich daran verstorben sind [8-10]. Die Ursache waren Keime im Trinkwasser, sogenannte Wasseramöben. Diese waren beim Spülen über die Nasenschleimhäute ins Gehirn gelangt.

Experten und Expertinnen der US-amerikanischen Centers of Disease Control and Prevention raten aus diesem Grund, das Wasser für die Kochsalzlösung mindestens eine Minute lang abzukochen [8].

Fehlende Therapie

Bisher gibt es keine Behandlung, die eine Erkältung verkürzen kann. In den meisten Fällen sind die gröbsten Beschwerden jedoch nach einer Woche überstanden [6]. Typische Beschwerden lassen sich jedoch lindern.

Kopf- und Halsschmerzen etwa lassen sich durch Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetamol verringern [6]. Diese Medikamente wirken auch fiebersenkend. Sie haben allerdings auch Nebenwirkungen.

Kurzfristig angewandt, können abschwellende Nasensprays das Durchatmen bei verstopfter Nase erleichtern. Bei längerer Anwendung gewöhnen sich die Nasenschleimhäute allerdings an den Spray und bewirken das Gegenteil: nach dem Absetzen schwillt die Schleimhaut in der Nase wieder an [4-6].

Antibiotika nutzlos

Gegen Erkältungen können Antibiotika nichts ausrichten. Der Grund: sie wirken nur gegen Bakterien. Erkältungen werden jedoch üblicherweise durch Viren verursacht [6].

Manchmal ist das Immunsystem durch die Erkältungsviren aber so geschwächt, dass zusätzlich eine Infektion mit Bakterien entsteht. Dann kann eine Behandlung mit einem Antibiotikum sinnvoll sein [4-6].

Was andere Mittel können

Beliebt sind bei Erkältungen auch Hausmittel, pflanzliche Arzneien und Nahrungsergänzungsmittel. Für einige davon haben wir uns bereits früher angesehen, wie gut sie wirken.

Für die Kapland-Pelargonie, Echinacea und das Hausmittel Hühnersuppe ist unklar, ob sie helfen.

Vitamin C ist hingegen erwiesenermaßen wirkungslos. Möglicherweise können Zink-Präparate etwas helfen. Ein Nasenspray mit Rotalgen-Extrakt dürfte hingegen unwirksam sein.

Ausführlichere, wissenschaftlich gesicherte Informationen rund um das Thema Erkältung bietet die Seite Gesundheitsinformation.de des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).

 

Die Studien im Detail

Die Studienlage zum Thema ist bescheiden. Ein australisches Wissenschaftsteam wollte wissen, wie wirksam eine Behandlung der Nase mit Salzlösung tatsächlich ist. Dazu suchten die Teammitglieder im August 2014 nach allen bisher veröffentlichten relevanten Forschungsarbeiten [1]. In zwei wissenschaftlichen Forschungsdatenbanken suchten wir auch nach neueren Studien, die nach August 2014 veröffentlicht worden waren, konnten aber keine finden.

Deshalb haben wir uns an der australischen Übersichtsarbeit orientiert: Insgesamt fanden sie fünf randomisiert-kontrollierte Studien. Darin waren die teilnehmenden Kinder beziehungsweise Erwachsene per Zufall (randomisiert) einer von zwei Gruppen zugeteilt worden: eine Gruppe erhielt Sprays oder Nasenspülungen mit Kochsalzlösung, die andere (die Kontrollgruppe) nicht. In manchen der Studien bekamen beide Gruppen zusätzlich auch Medikamente wie Schmerzmittel oder Schleimhaut-abschwellende Mittel. Erkrankt waren die Testpersonen an einer Erkältung, Grippe oder einer Infektion von Hals, Nase und Nebenhöhlen.

Wenige und mangelhafte Studien

Die Aussagekraft der bisher durchgeführten Studien [1] ist sehr gering. Der Grund sind Probleme bei der Durchführung, die die Verlässlichkeit der Ergebnisse stark mindern. Beispielsweise war in den meisten Studien sowohl den Mitgliedern der Forschungsgruppe als auch den teilnehmenden Personen bewusst, ob sie der Salzlösungs-Behandlung zugeteilt waren oder nicht. Das kann Erwartungen wecken, die unter Umständen das Studienergebnis verzerren.

Bei allen Studien besteht außerdem der Verdacht, dass die angegebenen Daten entweder nicht vollständig sind oder Teilergebnisse gar verschwiegen wurden. Die Studien sind zudem kaum miteinander vergleichbar, zu unterschiedlich sind sie durchgeführt. Beispielsweise haben nur zwei Studien untersucht, ob eine Behandlung mit Kochsalzlösung die Genesungszeit verkürzt. Darin haben insgesamt 111 Personen teilgenommen – zu wenig für ein aussagekräftiges Ergebnis.

Vorbeugende Wirkung ungeklärt

Ähnliches gilt für die vorbeugende Wirkung von Sprays und Spülungen mit Kochsalzlösung. Wir haben lediglich eine Studie gefunden, die dies untersucht hat [2]. Darin sollten sich 108 Männer zehn Wochen lang die Nase mit einem Salzwasserspray befeuchten und zehn weitere Wochen nicht. Gleichzeitig sollten sie Tagebuch über eventuelle Erkältungssymptome führen. In der Studie sind jedoch nur die Daten von 60 der 108 teilnehmenden Männer angegeben. Somit sind die Ergebnisse nicht verlässlich.

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] King u.a. (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende:749 Erwachsene und Kinder mit einer Infektion der oberen Atemwege
Fragestellung: Helfen Nasenspülungen mit Salzlösung bei Infektion der oberen Atemwege?
Interessenskonflikte: keine angegeben

King D, Mitchell B, Williams CP, Spurling GK. Saline nasal irrigation for acute upper respiratory tract infections. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Apr 20;(4):CD006821. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Tano u.a. (2004)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 108 junge gesunde Männer
Fragestellung: Verhindern tägliche Anwendungen von salzhaltigem Nasenspray Infektionen?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Tano L, Tano K. A daily nasal spray with saline prevents symptoms of rhinitis.
Acta Otolaryngol. 2004 Nov;124(9):1059-62. (Zusammenfassung)

[3] Ragab u.a. (2015)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende insgesamt: 84 Kinder mit einer Erkältung
Fragestellung: Vergleich der Wirksamkeit von Nasenspülung mit Salzlösung gegenüber Amoxicillin in Kombination mit Nasenspülung mit Salzlösung?
Interessenskonflikte: keine nach Angaben des Autorenteams

Ragab A, Farahat T, Al-Hendawy G, Samaka R, Ragab S, El-Ghobashy A. Nasal saline irrigation with or without systemic antibiotics in treatment of children with acute rhinosinusitis. Int J Pediatr Otorhinolaryngol. 2015 Dec;79(12):2178-86. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen
[4] UpToDate (2018)
Sexton DJ, McClain MT. The common cold in adults: Treatment and prevention. In Melin JA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 18.09.2018 unter: https://www.uptodate.com/contents/the-common-cold-in-adults-treatment-and-prevention

[5] Dynamed (2017)
Miner, Upper respiratory infection (URI) in adults and adolescents. Abgerufen am 17.09.2018 unter: http://www.dynamed.com/topics/dmp~AN~T114537/Upper-respiratory-infection-URI-in-adults-and-adolescents

[6] IQWiG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Erkältung. Abgerufen am 18.09.2018 unter: https://www.gesundheitsinformation.de/schnupfen-husten-und-halsschmerzen-lindern.2642.de.html?part=behandlung-65#whel

[7] RKI (2015)
Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 32. Abgerufen am 17.9.2018 unter https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2015/Ausgaben/32_15.pdf?__blob=publicationFile

[8] CDC (2018)
Centers for Disease Control and Prevention, Sinus Rinsing For Health or Religious Practice. Abgerufen am 17.09.2019 unter https://www.cdc.gov/parasites/naegleria/sinus-rinsing.html

[9] Yoder u.a. (2012)
Yoder JS, Straif-Bourgeois S, Roy SL, Moore TA, Visvesvara GS, Ratard RC, Hill VR, Wilson JD, Linscott AJ, Crager R, Kozak NA, Sriram R, Narayanan J, Mull B, Kahler AM, Schneeberger C, da Silva AJ, Poudel M, Baumgarten KL, Xiao L, Beach MJ. Primary amebic meningoencephalitis deaths associated with sinus irrigation using contaminated tap water. Clin Infect Dis. 2012 Nov;55(9):e79-85. (Fallbericht in voller Länge)

[10] CDC (2013)
Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Notes from the field:
primary amebic meningoencephalitis associated with ritual nasal rinsing–St. Thomas, U.S. Virgin islands, 2012. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2013 Nov
15;62(45):903. (Fallbericht in voller Länge)