Zistrose gegen Erkältungen und Corona: Nutzen nicht belegt

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Julia Harlfinger, Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 25. März 2021
Gerüchteküche um die Zistrose
Auch ein Mythos: Dass Präparate mit Zistrose vor einer Corona-Infektion oder Erkältungen schützen. Denn das wurde nie in aussagekräftigen Studien untersucht.
Frage:
Wirken Präparate mit Zistrose vorbeugend oder lindernd bei Erkältungen (Verkühlung) und anderen Infekten der oberen Atemwege? Können sie vor Infektionen mit dem Coronavirus schützen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Ob Tee, Lutschtabletten oder andere Mittel mit Zistrose vor Erkältungskrankheiten schützen, wurde nie bei Menschen untersucht. Auch zur vorbeugenden Wirkung von Zistrose gegen Corona gibt es keine solchen Studien. Ob Zistrose-Präparate die Beschwerden bei Erkältungskrankheiten (mit Schnupfen, Halsweh, Husten) oder gar Covid-19 lindern, ist nicht geklärt. Wir fanden zwar eine Studie, die Zistrose-Lutschpastillen bei verschiedenen leichten bis schweren Infektionen der oberen Atemwege, ausgelöst durch Viren und Bakterien, untersuchte. Diese Studie hat jedoch gravierende Mängel und liefert keine sicheren Antworten zur Wirksamkeit bei Erkältungen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Mit dem Extrakt aus der Zistrose gegen Erkältungen und Corona – damit werben einige Anbieter von Zistrosen-Präparaten. In Form von Lutschpastillen, Kompressen und Tees wird Zistrosen-Extrakt im Internet und in Apotheken angeboten. Bei der Lektüre so mancher Internetseite hat man gar den Eindruck, die hübsche Zistrose helfe gegen sämtliche Beschwerden jedweder Art.

Gleich mehrfach wirksam?

Dabei werden häufig gleich mehrere Mechanismen angeführt: Stoffe aus der Zistrose sind vermeintlich gegen Krankheitserreger wie Bakterien und Viren wirksam und sollen außerdem noch das Immunsystem stärken. Einige Inhaltsstoffe dichten angeblich die Schleimhäute in Mund und Rachen gegen Krankheitserreger ab. Deshalb, so behauptet manche Werbung, schützen die Mittel nicht nur vor Corona, sondern auch vor Erkältungen (Verkühlungen) oder anderen Infekten schützen.

Aber: Was davon ist denn tatsächlich belegt? Eine virenabtötende Wirkung ist bislang nur in Zell- und Tierversuchen nachgewiesen [3]. Damit lässt sich allerdings noch kein Infektionsschutz beim Menschen belegen.

Aussagekräftige Studien: Fehlanzeige

In mehreren großen medizinischen Datenbanken haben wir nach Antworten gesucht. Studien zur vorbeugenden Wirkung von Zistrose-Präparaten fanden wir keine. Ebenso wenig zum Schutz vor dem Coronavirus oder zur Behandlung einer Covid-19-Erkrankung. Damit fehlt die wissenschaftliche Grundlage für die Behauptung der Herstellerfirmen, Zistrose-Lutschpastillen würden vor Erkältungen oder sogar vor Corona schützen.

Kann die Zistrose vielleicht die Beschwerden lindern und helfen, schneller gesund zu werden, wenn die Erkältung bereits da ist? Dazu fanden wir eine Studie, die die Wirkung von Zistrose-Lutschpastillen gegen die Beschwerden bei Erkältungen untersuchte [1]. Dazu lutschten Teilnehmende mit Schnupfen, Halsweh oder Husten mehrmals täglich entweder Pastillen mit Zistrose-Extrakt oder Pastillen ohne Wirkstoff (Placebo). Laut dem Forschungsteam führten die Zistrose-Pastillen innerhalb einer Woche zu einem schnelleren Abklingen der Beschwerden.

Die Studie halten wir allerdings für wenig vertrauenswürdig. Sie hat einige Mängel, und es fehlen wichtige Informationen: etwa, ob die Teilnehmenden wussten, ob sie Zistrose-Lutschpastillen oder aber Placebo-Pastillen bekommen hatten. Der Placebo-Effekt kann in diesem Fall in der Zistrose-Gruppe zu besseren Ergebnissen geführt haben. Außerdem bleibt unklar, wer die Untersuchung finanziert und in Auftrag gegeben hat. Sichere Antworten kann diese Studie jedenfalls nicht liefern.

Werbung oft gar nicht zulässig

Übrigens sind solche Behauptungen rechtlich oft gar nicht erlaubt: Tee oder auch Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Zistrose etwa gelten als Lebensmittel. Und die dürfen nicht damit werben, dass sie vor Krankheiten, also auch vor Infektionen inklusive Covid-19, schützen.

Das ist nur bei Arzneimitteln gestattet, die sich jedoch einer detaillierten Prüfung unterziehen müssen. Weltweit haben Behörden in diesem Jahr dafür gesorgt, dass Anbieter entsprechende Werbung von ihren Websites entfernen [4] – vermutlich eine Sisyphos-Arbeit.

Gesundheitsbezogene Aussagen (sog. „Health Claims“) sind bei Nahrungsergänzungsmitteln nur nach Prüfung und Genehmigung durch die EFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, zulässig. Für Nahrungsergänzungsmittel mit Zistrose gibt es derzeit keinen einzigen genehmigten Health Claim [4].

Lutschpastillen mit Zistrose-Extrakt werden in Österreich meist als Medizinprodukt vertrieben. Das bedeutet: Anders als es zum Beispiel bei Arzneimittel der Fall ist, müssen Hersteller von Medizinprodukten die angebliche Wirkung nicht mit Studien belegen [5].

In Deutschland ist ein Arzneimittel mit einem Zistrosen-Extrakt auf dem Markt. Zugelassen ist es lediglich für die Behandlung von Schleimhautreizungen im Mund- und Rachenraum – jedoch nicht auf der Basis von aussagekräftigen Studien, sondern aufgrund langjähriger Anwendung (traditionelles Arzneimittel) [3].

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Die Studien im Detail

Wir konnten keine Studien finden, die die Wirksamkeit von Zistrose zur Vorbeugung oder Behandlung einer Infektion mit dem Coronavirus untersuchen. Auch zur Vorbeugung von Erkältungen konnten wir keine Studien finden.

Ob Lutschpastillen mit Zistrose-Extrakt bei Erkältungskrankheiten helfen können, wurde in einer Studie untersucht [1].

Das Forschungsteam untersuchte dazu 160 Personen, die an verschiedenen akuten Infektionen der oberen Atemwege mit Symptomen wie Schnupfen, Halsweh oder Husten litten. Es handelte sich um Infektionen mit Erkältungsviren, Grippeviren, aber auch Bakterien und die Teilnehmenden hatten unterschiedlich starke Beschwerden. Sie wurden vom Forschungsteam in zwei gleich große Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe lutschte eine Woche lang sechsmal täglich je zwei Zistrose-Lutschpastillen, die andere Gruppe bekam Pastillen ohne Zistrose-Extrakt. Anschließend wurde beobachtet, wie sehr sich diese nach einer Woche gebessert hatten.

Tatsächlich gaben jene Teilnehmenden, die Zistrose-Pastillen gelutscht hatten, weniger starke Beschwerden an als jene der Placebo-Gruppe.

Mängel und fehlende Informationen

Als vertrauenswürdig schätzen wir dieses Ergebnis allerdings nicht ein.

Das hat gleich mehrere Gründe: Zum einen geht aus der Studie nicht hervor, ob die Teilnehmenden wussten, welcher Gruppe sie zugeteilt waren. Ohne diese Verblindung kommt der Placebo-Effekt ins Spiel. Die Teilnehmenden der Zistrose-Gruppe erwarteten vielleicht einen positiven Effekt und schätzten ihre Beschwerden als weniger schlimm ein.

Zum anderen fehlen wichtige Informationen zu den Teilnehmenden. Etwa, ob sie zusätzlich zu den Lutschpastillen auch andere Medikamente wie Schmerzmittel oder Antibiotika eingenommen haben. Oder wie schlimm die Beschwerden der Teilnehmenden zu Beginn der Studie waren und ob die leicht bis schwer Erkrankten gleichmäßig auf die beiden Gruppen aufgeteilt waren. Sonst ist kein fairer Vergleich möglich.

Obwohl gemeinhin üblich, gaben die Autoren der Studie außerdem keine Auskunft darüber, wer die Studie finanziert und in Auftrag gegeben hat. Wurde die Studie auf Auftrag der Lutschpastillen-Herstellerfirma durchgeführt, müssten die Autoren diesen Interessenskonflikt offen ansprechen.

Zweite Studie vergleicht Zistrose mit grünem Tee

Wir fanden eine zweite, ziemlich ähnliche Studie desselben Autorenteams [2]. Auch hier wurden Teilnehmende mit Infekten der oberen Atemwege auf zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe lutschte wieder Zistrose-Pastillen, die andere Gruppe erhielt keine Placebo-Pastillen, sondern gurgelte mehrmals täglich mit grünem Tee. Da die Kontrolle durch eine Placebo-Gruppe fehlt, haben wir diese Studie in unserer Einschätzung nicht berücksichtigt. Die methodischen Mängel sind in dieser Studie ähnlich schwerwiegend wie in der ersten, deshalb würde sich dadurch unsere Einschätzung auch nicht ändern.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Kalus et al (2009)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Studiendauer: 1 Woche
Teilnehmende insgesamt: 160 Personen mit viralen und bakteriellen Infektionen der oberen Atemwege
Fragestellung: Bessern sich die Beschwerden durch täglich mehrmaliges Lutschen von Pastillen mit Zistrose-Extrakt schneller als durch Lutschen von Placebo-Pastillen?
Interessenskonflikte: Angaben dazu fehlen

Kalus, U., Grigorov, A., Kadecki, O., Jansen, J. P., Kiesewetter, H., & Radtke, H. (2009). Cistus incanus (CYSTUS052) for treating patients with infection of the upper respiratory tract: a prospective, randomised, placebo-controlled clinical study. Antiviral research, 84(3), 267-271.
(Studie in voller Länge)

[2] Kalus et al (2010)
Kalus, U., Kiesewetter, H., & Radtke, H. (2010). Effect of CYSTUS052® and green tea on subjective symptoms in patients with infection of the upper respiratory tract. Phytotherapy Research: An International Journal Devoted to Pharmacological and Toxicological Evaluation of Natural Product Derivatives, 24(1), 96-100.

[3] Verbraucherzentrale (2020)
Zistrose. Abgerufen am 27.11.2020.

[4] BVL (2020)
Nahrungsergänzungsmittel (NEM) – mit Bezug zur Corona-Situation.
Abgerufen am 27.11.2020.

[5] KONSUMENT.at (2021)
Abgerufen am 24.2.2021 unter https://www.konsument.at/gesundheit-kosmetik/medizinproduktegesetz