Mit Vitamin B3 gegen Corona?

Ob Vitamin B3 schwere Covid-19-Verläufe verhindern kann, wird derzeit in zwei Studien untersucht. Bisher gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass das Vitamin tatsächlich hilfreich sein könnte.

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Schützt Vitamin B3 vor schweren Covid-19-Verläufen?

Wir konnten zu diesem Thema keine abgeschlossenen aussagekräftigen Studien finden. Zwei laufende Studien untersuchen derzeit die Frage.

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Bei der Suche nach Mitteln gegen das neue Corona-Virus SARS-CoV-2 geht es oft um zwei Fragen: Wie lassen sich Infektionen vermeiden? Oder – wenn man sich doch infiziert hat – wie können schwere Verläufe verhindert werden? Also was kann dafür sorgen, dass Menschen mit Covid-19 nicht ins Krankenhaus kommen, beatmet werden müssen oder gar an der Infektion versterben?

Gerade zu der zweiten Frage sind viele Studien bisher eher enttäuschend verlaufen, etwa zu den Wirkstoffen Remdesivir und Hydroxychloroquin. Wir haben dazu bereits berichtet.

Neben solchen Arzneimitteln werden aber auch andere Behandlungen getestet. So berichteten Medien [5] etwa über eine derzeit laufende deutschen Studie [1] (Stand: 27.11.2020), bei der Menschen mit einer bisher eher leichten Covid-19-Erkrankung Vitamin B3 einnehmen sollen – mit dem Ziel, sich vor einem schwereren Verlauf zu schützen. Wir haben uns näher angesehen, was eigentlich dahinter steckt und ob es womöglich schon handfeste Ergebnisse zum Nutzen von Vitamin B3 bei Covid-19 gibt.

Bisher wenig Anhaltspunkte

Kurz gesagt: Bisher gibt es keine abgeschlossenen Studien mit menschlichen Probandinnen und Probanden zu der Frage. Neben der deutschen Studie [1] testet derzeit eine Untersuchung in Dänemark [2] mit älteren an Covid-19 erkrankten Menschen Nicotinamid-Ribosid. Das ist ein Wirkstoff, der mit Vitamin B3 chemisch eng verwandt ist.

Warum solche Studien aus der Perspektive von manchen Expertinnen und Experten überhaupt aussichtsreich erscheinen, leuchtet uns allerdings nicht so recht ein: Denn die Begründungen für die geplanten Studien zitieren fast ausschließlich mögliche Wirkungsmechanismen auf Zell-Ebene, noch nicht einmal Tierversuche mit Vitamin B3. Aufschlussreiche Studien mit Menschen mit einem Vitamin-B3-Mangel oder gar Behandlungsversuche mit Vitamin B3 bei anderen Infektionen sind nicht darunter.

Ob Vitamin B3 hilft, schwere Covid-19-Verläufe zu verhindern, bleibt also abzuwarten.

Wasserlösliches Vitamin

Der Begriff „Vitamin B3“, auch Niacin genannt, steht für eine ganze Gruppe von chemischen Substanzen, die im Körper eine sehr ähnliche Vitamin-Wirkung entfalten. Dazu gehören etwa Nicotinsäure und Nicotinamid.

Sie stecken nicht nur in Vitaminkapseln, sondern kommen in verschiedenen Lebensmitteln vor: Die meisten Menschen decken ihren Vitamin-B3-Bedarf mit Fleisch, Kaffee und Brot. Darüber hinaus ist Vitamin B3 in Fischen wie Thunfisch, Lachs oder Makrele enthalten sowie in Mungobohnen, Erdnüssen oder Pilzen.

Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung ist in industrialisierten Ländern ein Vitamin-B3-Mangel eher selten. Wenn er auftritt, liegen meist andere Erkrankungen zugrunde, etwa Alkoholismus, Leberzirrhose oder bestimmten Essstörungen Wenn Menschen über einen längeren Zeitraum zu wenig Vitamin B3 zu sich nehmen, können sie an Pellagra erkranken. Diese Vitaminmangelkrankheit kann Haut und Schleimhäute verändern, aber auch neurologische Störungen verursachen [3].

Die Studien im Detail

Zum Nutzen von Vitamin B3 bei Covid-19 haben wir keine abgeschlossenen aussagekräftigen Studien gefunden. Derzeit laufen aber zwei Studien, die das Vitamin selbst [1] oder einen chemisch eng verwandten Wirkstoff (Nicotinamid-Ribosid) [2] bei Covid-19 testen (Stand: 27.11.2020).

An der deutschen Studie [1] sollen insgesamt 1300 Erwachsene mit einer leichten Covid-19-Erkrankung teilnehmen. Sie bekommen über einen Zeitraum von vier Wochen Kapseln. Nach dem Zufallsprinzip steckt entweder Vitamin B3 oder Kieselerde in den Kapseln. Weder die Teilnehmenden noch die Studienverantwortlichen sollen wissen, wer welches Präparat erhält.

Sechs Wochen lang werden die Teilnehmenden regelmäßig angerufen und befragt. Am Ende der Studie soll hauptsächlich ausgewertet werden, wie häufig die Teilnehmenden im Krankenhaus zusätzlichen Sauerstoff benötigten. Außerdem wollen die Studienverantwortlichen beispielsweise auch vergleichen, ob in einer der beiden Gruppen mehr Menschen künstlich beatmet oder anderweitig auf der Intensivstation behandelt werden mussten oder gar verstarben.

Mögliche Probleme

Diese Informationen haben wir aus einem Studienregister. Das ist eine Datenbank, in der Eckdaten zu Studien abrufbar sind, auch wenn diese erst in der Planungs- oder Durchführungsphase sind [1]. Außerdem haben wir Auskünfte des Studienleiters aus einem Interview verwendet [5].

Auf Basis dieser sehr vorläufigen (und üblicherweise nicht von uns genutzten) Quellen meinen wir, mögliche Schwächen der Studie erkennen zu können: So werden innerhalb der Studie zwei Behandlungen mit unbekannter Wirkung getestet und verglichen: Wir wissen weder von Vitamin B3 noch von Kieselerde, ob sie helfen. Ein Vergleich mit Patientinnen und Patienten, die kein Nahrungsergänzungsmittel bekommen oder Placebo, soll nur außerhalb der Studie erfolgen. Das ist aber kein aussagekräftiger Vergleich. Für eine umfassende Beurteilung der Studie müssen wir natürlich noch deren Veröffentlichung abwarten.

Aussagekräftige Auswertungen?

Für die dänische Studie [2] haben wir ebenfalls Vorab-Informationen in einer Datenbank für geplante und laufende Studien gefunden. Es können Menschen ab 70 Jahre teilnehmen, die an Covid-19 erkrankt sind. Sie erhalten nach dem Zufallsprinzip über einen Zeitraum von zwei Wochen entweder täglich ein Scheinmedikament oder Nicotinamid-Ribosid, eine Substanz mit Vitamin-B3-Wirkung. Auch hier weiß keiner der Beteiligten, wer welches Mittel erhält.

Ausgewertet wird über einen Zeitraum von bis zu 90 Tagen vor allem, wie viele Beteiligte in den beiden Gruppen so starke Atemstörungen bekommen, dass sie sich selbst nur mehr unzureichend mit Sauerstoff versorgen können. Daneben sollen aber auch die Todesfälle, die Dauer von Krankenhausaufenthalten und Blutwerte verglichen werden.

Problematisch könnte hier sein, dass eine Vielzahl von verschiedenen Analysen geplant ist, aber insgesamt nur 100 Menschen überhaupt an der Studie teilnehmen sollen. Das erhöht möglicherweise das Risiko für Zufallsbefunde.

Wir konnten für beide Studien keine weiteren veröffentlichen Details finden, etwa die ausführlichen Prüfpläne oder Studienprotokolle. Daher lässt sich nicht abschließend klären, ob die von uns vermuteten Kritikpunkte tatsächliche Probleme sind oder lediglich auf ungeschickten oder unklaren Formulierungen und noch nicht veröffentlichten Informationen basieren.

Die dänische Studie soll noch bis 2022 laufen. Zu der deutschen Studie konnten wir keine entsprechenden Angaben finden.

[1] DRKS00021214 (2020) Verbesserung des Ernährungsstatus bezüglich Nicotinamid (Vitamin B3) und Verlauf der COVID-19-Erkrankung. Abgerufen am 27.11.2020 unter https://www.drks.de/drks_web/navigate.do?navigationId=trial.HTML&TRIAL_ID=DRKS00021214

[2] NCT04407390 (2020) Effects of Nicotinamide Riboside on the Clinical Outcome of Covid-19 in the Elderly (NR-COVID19). Abgerufen am 27.11.2020 unter https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04407390

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (o.J.) Ausgewählte Fragen und Antworten zu Niacin. Abgerufen am 27.11.2020 unter https://www.dge.de/index.php?id=359

Weitere Quellen

[4] COVit-Studie (2020) Abgerufen am 27.11.2020 unter https://www.covid19trial.de/

[5] Spiegel online (08.04.2020) Hilft Vitamin B3 bei einer Corona-Infektion? Abgerufen am 27.11.2020 unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/coronavirus-hilft-vitamin-b3-bei-einer-corona-infektion-a-b4dbffd3-93c6-4f16-a505-a3634389d339

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