Remdesivir: Wahrscheinlich kein Lebensretter bei COVID-19

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Julia Harlfinger, Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 16. November 2020
Remdesivir kann im Spital als Infusion verabreicht werden. Leben dürfte es allerdings keine retten.
Das Medikament Remdesivir kann wahrscheinlich Todesfälle bei COVID-19 nicht verhindern. Das ergeben die zusammengefassten Daten bisheriger Studien.
Frage:
Verhindert das Medikament Remdesivir Todesfälle bei COVID-19?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
In Remdesivir wurde eine Zeitlang große Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie gesetzt. Laut den bisher durchgeführten Studien kann das Mittel Todesfälle durch Covid-19 jedoch nicht verhindern. Da hilft es auch wenig, dass sich die Krankheit mit Remdesivir etwas langsamer zu verschlechtern scheint.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Seit Beginn der Pandemie wird intensiv an wirksamen Medikamenten gegen das neue Coronavirus geforscht. Bisher ohne Erfolg.

Im Fokus der Forschung stehen auch verschiedene Medikamente, die eigentlich für andere Erkrankungen bestimmt waren. Darunter auch das Medikament Remdesivir, das ursprünglich gegen das Ebola-Virus helfen sollte. Es wird in Form von Infusionen verabreicht.

In Europa und in den USA ist Remdesivir seit Oktober 2020 als Notfall-Behandlung bei Covid-19 zugelassen [2,3].

Inzwischen liegen Ergebnisse großer Studien zu Remdesivir gegen das Coronavirus vor – rechtfertigen diese die Hoffnungen in das Medikament? Wir haben die Datenlage genau unter die Lupe genommen.

Deutliche Wirkung unwahrscheinlich

Derzeit gibt es vier gut durchgeführte Studien, die die Wirksamkeit von Remdesivir gegen Covid-19 untersucht haben [1]. Insgesamt nahmen daran 7 370 Patientinnen und Patienten aus über 30 Ländern teil.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Eine Behandlung mit Remdesivir verhindert wahrscheinlich keine Todesfälle durch Covid-19.

Auf den ersten Blick wirken die Studiendaten allerdings etwas widersprüchlich – denn sie legen gleichzeitig nahe, dass das Mittel eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes etwas verzögern kann. Auf die Überlebenswahrscheinlichkeit scheint sich das aber nicht auszuwirken.

Angesichts dieser Studienergebnisse rät auch die Weltgesundheitsorganisation in einer Aussendung vom 20. November von Remdesivir explizit ab [4].

Die Schwankungsbreite der Studiendaten kann einen geringen Nutzen zwar nicht völlig ausschließen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Remdesivir bei der Behandlung von Covid-19 eine deutliche Hilfe sein kann.

Zweckentfremdete Wirkstoffe

Sind Krankheitserreger so neu, dass es noch keine Wirkstoffe dagegen gibt, müssen manchmal Medikamente gegen andere Erkrankungen „zweckentfremdet“ werden. Dann bekommen schwer Erkrankte probeweise Medikamente, wenn sonst keine Therapie helfen konnte, in der Hoffnung auf eine Wirkung. So auch beim neuen Coronavirus.

Bald nach Beginn der Pandemie waren besonders die beiden Medikamente Remdesivir und Hydroxychloroquin als mögliche Heilmittel in den Medien präsent. Das Anti-Malaria-Medikament Hydroxychloroquin kann Covid-19 Patientinnen und Patienten nicht helfen, im Gegenteil – es könnte sogar schaden. Darüber haben wir in diesem Beitrag berichtet.

Remdesivir kam als Wirkstoff-Kandidat infrage, weil es zu den antiviralen, also gegen Viren wirksamen Medikamenten gehört. Es wurde ursprünglich gegen die ebenfalls von Viren verursachte Infektionskrankheit Ebola entwickelt – ohne Erfolg allerdings. Solche Fehlschläge sind leider kein Einzelfall, und es gibt nur wenige wirksame Medikamente gegen Viruserkrankungen.

Warum Medikamente gegen Viren so selten sind

Während es viele wirksame Medikamente gegen Bakterien gibt, gestaltet sich der Kampf gegen Viren weit schwieriger.

Forscherinnen und Forscher stehen hier vor drei großen Herausforderungen [5].

Zum einen sind Viren unheimlich vielfältig. Während Bakterien in Aufbau und Stoffwechsel relativ ähnlich sind, unterscheiden sich Virenarten stark in ihrer Größe, ihren Schutzmechanismen oder in der Art, wie und wo sie sich vermehren.

Ob Grippe-Virus, Herpes-Virus oder Coronavirus – gegen jeden einzelnen Erreger muss ein maßgeschneiderter Wirkstoff entwickelt werden. Ein antivirales Medikament, das nach dem Prinzip eines Breitband-Antibiotikums gegen eine ganze Reihe von Viren gleichzeitig wirkt, gibt es nicht.

Auf fremde Körperzellen angewiesen

Das zweite Problem: Viren brauchen die Zellen anderer Lebewesen, um sich zu vermehren. Krankmachende Viren „überfallen“ die menschlichen Körperzellen und bringen sie dazu, für sie zu arbeiten. Sie zweckentfremden die Produktionsstätten der gekaperten Zellen, um neue Viren zu produzieren.

Genau hier versuchen viele antivirale Medikamente anzusetzen. Die richtige Strategie zu finden, ist jedoch nicht einfach. Die Zell-eigene Produktionsstätten zu attackieren, ist keine Option für ein antivirales Medikament. Will man das Virus bekämpfen, steht man also vor einem Problem: Einerseits das Virus am Vermehren zu hindern, ohne dabei andererseits den befallenen Körperzellen und somit dem infizierten Menschen Schaden zuzufügen.

Wettlauf mit dem Wandel

Doch auch wenn ein Wirkstoff fest steht, bedeutet das nicht, dass dieser auch auf Dauer gegen ein Virus wirksam bleibt. Das dritte Problem bei der Entwicklung von antiviralen Medikamenten ist die Wandlungsfähigkeit der Viren – sie mutieren. Ein Medikament, das sich gegen einen bestimmten Virusbestandteil richtet, kann durch Veränderung rasch unwirksam werden.

Aus diesem Grund gibt es etwa jedes Jahr eine neue Impfung gegen die Grippe: Das verantwortliche Influenza-Virus sieht jedes Jahr ein bisschen anders aus und der Impfstoff des Vorjahres wirkt nicht mehr.

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Die Studien im Detail

Wir fanden eine Übersicht aller verfügbaren Studien zu Remdesivir gegen COVID-19. Sie wird täglich aktualisiert und fasst derzeit (23. 11. 2020) die Ergebnisse von vier randomisierten kontrollierten Studien zusammen [1].

Darin fließen derzeit die Daten von insgesamt 7370 Patientinnen und Patienten aus der ganzen Welt ein, die wegen Covid-19 im Krankenhaus lagen. Die Menschen waren sehr unterschiedlich erkrankt: von leicht bis so schwer, dass ein tödlicher Ausgang zu befürchten war.

Etwa die Hälfte erhielt per Zufallszuteilung eine 5- oder 10-tägige Behandlung mit Remdesivir-Infusionen, die andere Hälfte ein Scheinmedikament (Placebo) oder kein zusätzliches Medikament. Alle Covid-Patientinnen und -Patienten erhielten darüber hinaus noch die jeweils übliche medizinische Versorgung.

Die Forschungsteams untersuchten einerseits, wie viele Patientinnen und Patienten verstarben. Die Mehrzahl überlebte glücklicherweise, und bei ihnen war von Interesse, wie schnell sie sich erholten.
Hatten die Personen aus der Remidesivir-Gruppe einen Vorteil? Nicht, wenn es um das Risiko zu versterben geht: Nach zwei bis vier Wochen waren mit Remdesivir etwa gleich viele Menschen verstorben wie ohne Remdesivir. Das wurde in allen vier Studienuntersucht. In den Studien verstarben innerhalb eines Monats durchschnittlich 10 von 100 Patientinnen und Patienten, egal ob sie Remdesivir, ein wirkungsloses Scheinmedikament (Placebo) oder die übliche medizinischen Versorgung erhalten hatten.

Remdesivir konnte also keine Todesfälle verhindern.

Die nachweisbare Menge an Viren („Viruslast“) im Körper konnte Remdesivir ebenfalls nicht verringern, wie in einer Studie mit 196 Personen berichtet wurde.

Drei Studien mit insgesamt 1894 Personen untersuchten, bei wie vielen Patientinnen und Patienten sich der Gesundheitszustand nach zwei bis vier Wochen entwickelt hatte. Hier gab es zwar einen kleinen Vorteil für die Remdesivir-Gruppe. Auf die Wahrscheinlichkeit zu versterben schien das aber keinen Einfluss zu haben. In manchen Studien wussten zudem jene Personen, die den Zustand der Teilnehmenden einschätzten, wer Remdesivir und wer ein Scheinmedikament erhalten hatte. Das macht die Ergebnisse fehleranfällig und weniger aussagekräftig.

Zwei der vier verfügbaren Studien sind laut Übersichtsarbeit methodisch einwandfrei durchgeführt, bei den anderen beiden Studien wurden nur leichte Mängel festgestellt. Außerdem gab es ausreichend viel Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Deswegen ist unser Vertrauen in die zusammengefassten Ergebnisse der vier Studien recht hoch. Aufgrund der Schwankungsbreite der Studienergebnisse kann ein möglicher kleiner Nutzen von Remdesivir zwar nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich ist das jedoch nicht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Covid-NMA Initiative (2020)
Studientyp: laufend aktualisierte Systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 4 randomisierte kontrollierte Studien
Fragestellung: Kann eine Behandlung mit Remdesivir den Krankheitsverlauf bei Covid-19 günstig beeinflussen und die Mortalität verringern? Gibt es vermehrt unerwünschte Ereignisse durch die Behandlung?
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

Living mapping and living systematic review of Covid-19 studies: Pharmacologic treatments for COVID-19 patient – Remdesivir vs placebo. Abgerufen am 16. 11. 2020 unter www.covid-nma.com

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

Andere Quellen

[2] U.S. Food and Drug Administration (FDA)
Abgerufen am 11. 11. 2020 unter www.fda.gov

[3] European Medicines Agency (EMA)
Abgerufen am 11. 11. 2020 unter www.ema.europa.eu

[4] WHO Living Guidelines
WHO (2020). Therapeutics and COVID-19: living guideline. Stand 20.11.2020 (Bericht in voller Länge)

[5] García-Serradilla u.a. (2019)
García-Serradilla, M., Risco, C., & Pacheco, B. (2019). Drug repurposing for new, efficient, broad spectrum antivirals. Virus research, 264, 22–31. (Arbeit in voller Länge)