Hydroxychloroquin nutzlos bei Covid-19

AutorIn: Bernd Kerschner
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 18. November 2020
Hydroxychloroquin-Sulfat - abgekürzt HCQS - ist ein etabliertes Mittel gegen Malaria.
Bisherige Studien zeigen klar: Hydroxychloroquin kann bei Covid-19 nicht helfen. Auch eine vorbeugende Wirkung ist unwahrscheinlich. Zudem hat das Mittel schwere Nebenwirkungen.
Frage:
Verringert Hydroxychloroquin die Wahrscheinlichkeit, bei einer Covid-19-Erkrankung zu sterben?
nein
Antwort:
Antwort:
Frage:
Beugt Hydroxychloroquin einer Covid-19-Infektion vor?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die Ergebnisse aller bisherigen Studien schließen aus, dass Hydroxychloroquin bei Covid-19-Kranken Todesfälle verhindert. Das Mittel scheint die Infektion auch nicht abzumildern. Eine vorbeugende Wirkung ist den Studienergebnissen zufolge ebenfalls unwahrscheinlich. Gut belegt ist, dass Hydroxychloroquin Nebenwirkungen hat. So kann das Mittel unter anderem Herz und Nieren schädigen.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Als „Geschenk Gottes“ im Kampf gegen das Coronavirus bezeichnete Donald Trump das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin im März 2020. Damit befeuerte der mittlerweile abgewählte US-Präsident den fragwürdigen Hype um Hydroxychloroquin, freilich ohne Beleg für eine Wirksamkeit.

Auch Brasiliens Staatsoberhaupt Jair Bolsonaro und Popstar Madonna bewarben das Medikament als angebliches Wundermittel. Den Behauptungen zufolge sollte Hydroxychloroquin besonders gut gegen das Coronavirus helfen, wenn es mit dem eigentlich nur gegen Bakterien wirksamen Antibiotikum Azithromycin kombiniert würde.

Die wissenschaftliche Grundlage hinter den Lobpreisungen war allerdings dünn: Ergebnisse aus Reagenzglas-Experimenten [7,8] und fragwürdige Beobachtungen an wenigen Covid-19-Erkrankten [9,10] klangen zwar positiv, hatten aber kaum Aussagekraft. Nach strengen wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte klinische Studien an Covid-19-Patientinnen und Patienten gab es zu diesem Zeitpunkt keine.

Eindeutige Ergebnisse

Mittlerweile (Stand November 2020) liegen Ergebnisse von aussagekräftigen Studien vor. Und sie sind so eindeutig wie enttäuschend: Demnach kann Hydroxychloroquin nichts gegen das Coronavirus ausrichten.

Gut abgesichert ist, dass eine Behandlung damit keine Todesfälle unter Covid-19-Erkrankten verhindern kann [1,2]. Der fehlende Nutzen wird jedoch auch in anderen Ergebnissen sichtbar: So geben die Studien keinen Hinweis darauf, dass die Krankheit mit Hydroxychloroquin milder verläuft oder schneller wieder vorbei ist [1]. Eine Kombination mit Azithromycin kann diese Ergebnisse nicht verbessern [3,4].

Diese Einschätzung halten wir für verlässlich. Sie basiert auf den besten derzeit verfügbaren Studien, die teils zwar kleinere Mängel haben, aber insgesamt wenig fehleranfällig sind. Die Studien wurden in mehr als 30 Ländern auf der ganzen Welt durchgeführt und umfassten insgesamt 9057 Patientinnen und Patienten mit Covid-19. Sie waren leicht bis schwer erkrankt; alle waren im Spital aufgenommen.

Zur Vorbeugung ungeeignet

Auch auf eine vorbeugende Wirkung deutet nichts hin: In Studien mit 5230 gesunden Personen erkrankten bei regelmäßiger Einnahme von Hydroxychloroquin ähnlich viele Teilnehmende wie ohne Medikament [5]. Das Mittel schien auch Krankenhausaufenthalte nicht verhindern zu können.

Schwere Nebenwirkungen

Ein verringertes Sterberisiko schließen wir also so gut wie aus. Die Studienergebnisse lassen hingegen die Möglichkeit offen, dass Hydroxychloroquin das Sterberisiko sogar geringfügig erhöht.

Das kommt nicht ganz unerwartet. Denn es ist bekannt, dass Hydroxychloroquin schwere Nebenwirkungen auslösen kann. Dazu zählen beispielsweise Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen oder Leberversagen. Weiters kann das Mittel das Nervensystem beeinträchtigen oder Übelkeit und Erbrechen verursachen [6].

Gescheiterter Hoffnungsträger

Im Frühjahr 2020 hatten Versuche an einzelnen Zellen im Labor [7,8] Hoffnungen geweckt, dass sich Hydroxychloroquin zur Bekämpfung des Coronavirus SARS-CoV-2 eignen könnte. Beobachtungen an wenigen Covid-19-Erkrankten schienen diese Hoffnung auf den ersten Blick zu bestärken [9,10]. Die Aussagekraft dieser Beobachtungsdaten war jedoch gering, denn es fehlt der Vergleich mit unbehandelten Erkrankten.

Dennoch: Voll Hoffnung gewährte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA Ende März eine Notfallzulassung von Hydroxychloroquin. Doch bereits im Juni widerrief die Behörde diese Zulassung wieder. Der Grund war, dass erste Ergebnisse aus aussagekräftigen Studien keinen Nutzen zeigen konnten, das Mittel jedoch für schwere Nebenwirkungen bekannt ist.

Im Juli wurde die letzte große Studie zu Hydroxychloroquin vorzeitig gestoppt – die „Solidarity“-Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die bis dahin gesammelten Ergebnisse wurden Mitte Oktober veröffentlicht: Wie auch die Studien davor zeigte sie keinen Nutzen [1,2].

Vielfältiges Malariamittel

Hydroxychloroquin ist ein anerkanntes Medikament zur Behandlung von Malaria. Es findet sich in der Liste jener Medikamente, die die WHO als essenziell einstuft. Es ist allerdings nur in jenen Regionen wirksam, in denen der Malaria-Erreger Plasmodium falciparum nicht bereits resistent gegen das Mittel ist.

Hydroxychloroquin kommt nicht nur gegen Malaria zum Einsatz. Es findet auch bei der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen Verwendung, etwa bei rheumatoider Arthritis oder bei Lupus. Bei diesen Erkrankungen ist das Immunsystem der Betroffenen überaktiv und richtet sich gegen den eigenen Körper. Gegen Viren wurde Hydroxychloroquin bisher nicht erfolgreich eingesetzt.

Generell ist es viel schwieriger, Impfstoffe und Medikamente gegen Viren zu finden als gegen Bakterien. Warum das so ist, haben wir bereits in unserem Beitrag zu Remdesivir als vermeintlichem Covid-19-Medikament beschrieben.

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Die Studien im Detail

Ob Hydroxychloroquin bei Covid-19 hilft, können nur randomisiert-kontrollierte Studien aussagekräftig beantworten. Bei dieser Studienform wird eine große Anzahl an Teilnehmenden per Zufall einer von zwei Gruppen zugelost: Eine Gruppe erhält das Testmedikament mit noch unbekannter Wirkung (in unserem Fall Hydroxychloroquin). Die zweite Gruppe bekommt zwecks Vergleich ein wirkungsloses Scheinmedikament. Damit die Erwartungen des Forschungsteams und der Teilnehmenden die Ergebnisse nicht verzerren, bleibt geheim, wer die echte Behandlung erhält und wer nicht. Diese Geheimhaltung der Gruppenzuteilung heißt „Verblindung“.

Zusammenfassung bisheriger Studien

Wir haben Forschungsdatenbanken nach systematischen Übersichtsarbeiten durchsucht, welche die Ergebnisse aller bisher durchgeführten randomisiert-kontrollierten Studien zu Hydroxychloroquin bei Covid-19 zusammenfassen. Gefunden haben wir zwei Übersichtsarbeiten [1,2], in denen neben anderen Studien auch die aktuellsten Ergebnisse, die uns bekannt sind, enthalten sind. Sie stammen aus der Solidarity-Studie der WHO. Sie wurden am 15. Oktober 2020 veröffentlicht.

Bei einer Übersichtsarbeit [2] handelt es sich um die Zusammenfassung von 26 randomisiert-kontrollierten Studien mit insgesamt 10 012 leicht bis schwer erkrankte Spitalspatientinnen und -patienten. Die Autorinnen und Autoren dieser Arbeit haben versucht, jede noch so kleine Studie zu finden und zu berücksichtigen. Sie haben allerdings nicht überprüft, wie aussagekräftig die einzelnen Studien sind. Zudem haben sie sich nur auf die Sterbewahrscheinlichkeit konzentriert. Daten zu anderen Ergebnissen fehlen – etwa ob die Krankheit mit Hydroxychloroquin leichter verläuft oder Betroffene rascher wieder gesund werden.

Regelmäßig aktualisiert

Bei der anderen Arbeit handelt es sich um eine „lebendige“ systematische Übersichtsarbeit [1]. Dabei aktualisieren die Autorinnen und Autoren die Analyseergebnisse regelmäßig, wenn neue Studien veröffentlicht werden. Mit Stand Mitte November 2020 fasste die Arbeit 14 randomisiert-kontrollierte Studien mit 9057 leicht bis schwer erkrankte Spitalspatientinnen und -patienten zusammen.

Beide Analysen [1,2] kommen zum selben Ergebnis: Dass Hydroxychloroquin das Sterberisiko durch Covid-19 verringert, ist so gut wie ausgeschlossen.

Zwar haben die einzelnen Studien, auf denen diese Aussage basiert, durchaus formale Mängel. Das zeigt eine Überprüfung durch die Autorinnen und Autoren der lebendigen Übersichtsarbeit [1]. Allerdings fallen diese Mängel hier nicht so sehr ins Gewicht, dass sie unser Vertrauen in die Ergebnisse zur Sterblichkeit schmälern.

So wurde ein Großteil der analysierten Studien nicht verblindet durchgeführt. Dass Erwartungen die Daten zum Sterberisiko verzerren könnte, erachten wir allerdings als wenig wahrscheinlich.

Weniger eindeutiger Ergebnisse hingegen könnten durch fehlende Verblindung sehr wohl verzerrt werden und eine Wirkung vorgaukeln – etwa wenn es um die Schwere oder Dauer der Krankheit geht . Auch hier geben die Daten jedoch keine Hinweise darauf, dass Hydroxychloroquin helfen könnte. Einzige Ausnahme sind Nebenwirkungen – diese sind bei Hydroxychloroquin deutlich erhöht.

Kombination und Vorbeugung

In weiteren Analysen berücksichtigten die Autorinnen und Autoren der regelmäßig aktualisierten Übersichtsarbeit auch andere Studien zu Hydroxychloroquin: fünf Studien zur Vorbeugung von Covid-19 [5] und zwei Studien, in denen das Malariamittel mit Azithromycin kombiniert wurde [3,4].

Neben der eingeschränkten Qualität der Studien ist auch die Anzahl der Teilnehmenden zu gering für präzise Ergebnisse. Daher ist die Aussagekraft etwas eingeschränkt. Einen Hinweis auf einen Nutzen geben die Daten jedoch nicht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] COVID-NMA Consortium (2020)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 14 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 9057 Erkrankte mit Covid-19
Untersuchungsdauer: 6 bis 30 Tage
Fragestellung: Hydroxychloroquin verglichen mit einem Scheinmedikament oder keinem Medikament zur Behandlung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 9. 11. 2020. Zur Analyse in voller Länge

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[2] Axfors u.a. (2020)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 26 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 10.012 Erkrankte mit Covid-19
Fragestellung: Hydroxychloroquin verglichen mit einem Scheinmedikament oder keinem Medikament zur Behandlung von Covid-19
Interessenskonflikte: einige Autorinnen und Autoren erhalten Gelder aus der Pharmaindustrie. Die Übersichtsarbeit selbst wurde jedoch mit Industriegeldern finanziert.

Axfors, C., Schmitt, A. M., u.a. (2020). Mortality outcomes with hydroxychloroquine and chloroquine in COVID-19: an international collaborative meta-analysis of randomized trials. MedRxiv. (Nicht-begutachtete Vorabveröffentlichung der Studie)

[3] COVID-NMA Consortium (2020)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 1 randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 667 Erwachsene mit Covid-19
Untersuchungsdauer: 15 Tage
Fragestellung: Hydroxychloroquin und Azithromycin verglichen mit keinem Medikament zur Behandlung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 11. 11. 2020. Zur Analyse in voller Länge: www.covid-nma.com

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[4] COVID-NMA Consortium (2020)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 2 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 667 + 447 Erwachsene mit Covid-19
Untersuchungsdauer: 15 bzw. 29 Tage
Fragestellung: Hydroxychloroquin und Azithromycin verglichen mit Hydroxychloroquin alleine zur Behandlung von Covid-19?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 11. 11. 2020. Zur Analyse in voller Länge: www.covid-nma.com

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[5] COVID-NMA Consortium (2020)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 5 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 5230 gesunde Erwachsene
Untersuchungsdauer: 14 bis 84 Tage
Fragestellung: Hydroxychloroquin verglichen mit einem Scheinmedikament oder keinem Medikament zur Vorbeugung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 9. 11. 2020. Zur Analyse in voller Länge: www.covid-nma.com

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[6] UpToDate (2020)
Hydroxychloroquine: Drug information. Abgerufen am 10. 11. 2020 unter www.uptodate.com

[7] Yao u.a. (2020)
Yao X, Ye F, Zhang M, Cui C, Huang B, Niu P, Liu X, Zhao L, Dong E, Song C, Zhan S, Lu R, Li H, Tan W, Liu D. In Vitro Antiviral Activity and Projection of Optimized Dosing Design of Hydroxychloroquine for the Treatment of Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2). Clin Infect Dis. 2020 Jul 28;71(15):732-739. (Laborstudie in voller Länge)

[8] Liu u.a. (2020)
Liu J, Cao R, Xu M, Wang X, Zhang H, Hu H, Li Y, Hu Z, Zhong W, Wang M. Hydroxychloroquine, a less toxic derivative of chloroquine, is effective in inhibiting SARS-CoV-2 infection in vitro. Cell Discov. 2020 Mar 18;6:16. (Laborstudie in voller Länge)

[9] Gautret u.a. (2020a)
Gautret P, Lagier JC, … , Raoult D. Hydroxychloroquine and azithromycin as a treatment of COVID-19: results of an open-label non-randomized clinical trial. Int J Antimicrob Agents. 2020 Jul;56(1):105949. (Studie in voller Länge)

[10] Gautret u.a. (2020b)
Gautret P, Lagier JC, … , Raoult D. Clinical and microbiological effect of a combination of hydroxychloroquine and azithromycin in 80 COVID-19 patients with at least a six-day follow up: A pilot observational study. Travel Med Infect Dis. 2020 Mar-Apr;34:101663. (Studie in voller Länge)