Hydroxychloroquin nutzlos bei Covid-19

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Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 16. März 2021
Hydroxychloroquin-Sulfat - abgekürzt HCQS - ist ein etabliertes Mittel gegen Malaria.
Bisherige Studien zeigen klar: Hydroxychloroquin kann bei Covid-19 nicht helfen. Auch eine vorbeugende Wirkung ist unwahrscheinlich. Zudem hat das Mittel schwere Nebenwirkungen.
Frage:
Verringert Hydroxychloroquin die Wahrscheinlichkeit, bei einer Covid-19-Erkrankung zu sterben?
nein
Antwort:
Antwort:
Frage:
Beugt Hydroxychloroquin einer Covid-19-Infektion vor?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die Ergebnisse aller bisherigen Studien schließen aus, dass Hydroxychloroquin bei Covid-19-Kranken Todesfälle verhindert. Das Mittel scheint die Erkrankung auch nicht abzumildern. Eine vorbeugende Wirkung ist den Studienergebnissen zufolge ebenfalls unwahrscheinlich. Gut belegt ist, dass Hydroxychloroquin Nebenwirkungen hat. So kann das Mittel unter anderem Herz und Nieren schädigen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Als „Geschenk Gottes“ im Kampf gegen das Coronavirus bezeichnete Donald Trump das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin zu Beginn der Pandemie. Damit befeuerte der damalige US-Präsident den fragwürdigen Hype um Hydroxychloroquin, freilich ohne Beleg für eine Wirksamkeit.

Auch Brasiliens Staatsoberhaupt Jair Bolsonaro und Popstar Madonna bewarben das Medikament als angebliches Wundermittel. Den Behauptungen zufolge sollte Hydroxychloroquin besonders gut gegen das Coronavirus helfen, wenn es mit Azithromycin kombiniert würde – einem Antibiotikum, das nur gegen Bakterien wirksam ist.

Die wissenschaftliche Grundlage hinter den Lobpreisungen war allerdings dünn: Ergebnisse aus Reagenzglas-Experimenten [7,8] und fragwürdige Beobachtungen an wenigen Covid-19-Erkrankten [9,10] klangen zwar positiv, hatten aber kaum Aussagekraft. Nach strengen wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte klinische Studien an Covid-19-Patientinnen und Patienten gab es zu diesem Zeitpunkt keine.

Eindeutige Ergebnisse

Mittlerweile (Stand März 2021) liegen Ergebnisse von etlichen aussagekräftigen Studien vor. Und sie sind so eindeutig wie enttäuschend: Demnach kann Hydroxychloroquin nichts gegen das Coronavirus ausrichten.

Gut abgesichert ist, dass eine Behandlung damit keine Todesfälle unter Covid-19-Erkrankten verhindern kann [1,2]. Der fehlende Nutzen wird jedoch auch in anderen Ergebnissen sichtbar: So geben die Studien auch keinen Hinweis darauf, dass die Krankheit mit Hydroxychloroquin milder verläuft oder schneller wieder vorbei ist [1]. Eine Kombination mit Azithromycin kann diese Ergebnisse nicht verbessern [3].

Diese Einschätzung halten wir für verlässlich. Sie basiert auf den besten derzeit verfügbaren Studien, die teils zwar kleinere Mängel haben, aber insgesamt wenig fehleranfällig sind. Die Studien wurden in mehr als 30 Ländern auf der ganzen Welt durchgeführt und umfassten insgesamt 17 083 Patientinnen und Patienten mit Covid-19. Sie waren leicht bis schwer erkrankt, waren im Spital aufgenommen oder wurden ambulant medizinisch betreut.

Zur Vorbeugung ungeeignet

Auch auf eine vorbeugende Wirkung deutet nichts hin: In Studien mit gesunden Personen erkrankten bei regelmäßiger Einnahme von Hydroxychloroquin ähnlich viele Teilnehmende wie ohne Medikament [2]. Das Mittel schien auch Krankenhausaufenthalte nicht verhindern zu können.

Schwere Nebenwirkungen

Ein verringertes Sterberisiko schließen wir also so gut wie aus. Im Gegenteil: Die Studienergebnisse lassen die Möglichkeit offen, dass Hydroxychloroquin das Sterberisiko sogar geringfügig erhöht.

Das kommt nicht ganz unerwartet. Denn es ist bekannt, dass Hydroxychloroquin schwere Nebenwirkungen auslösen kann. Dazu zählen beispielsweise Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen oder Leberversagen. Weiters kann das Mittel das Nervensystem beeinträchtigen und Übelkeit und Erbrechen verursachen [5].

Gescheiterter Hoffnungsträger

Im Frühjahr 2020 hatten Versuche an einzelnen Zellen im Labor [6,7] Hoffnungen geweckt, dass sich Hydroxychloroquin zur Bekämpfung des Coronavirus SARS-CoV-2 eignen könnte. Beobachtungen an wenigen Covid-19-Erkrankten schienen diese Hoffnung auf den ersten Blick zu bestärken [8,9]. Die Aussagekraft dieser Beobachtungsdaten war jedoch gering, denn es fehlt der Vergleich mit unbehandelten Erkrankten.

Dennoch: Voll Hoffnung gewährte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA Ende März 2020 eine Notfallzulassung von Hydroxychloroquin. Doch bereits drei Monate später widerrief die Behörde diese Zulassung wieder. Der Grund war, dass erste Ergebnisse aus aussagekräftigen Studien keinen Nutzen zeigen konnten, das Mittel jedoch für schwere Nebenwirkungen bekannt ist.

Kurz darauf wurde auch die letzte große Studie zu Hydroxychloroquin vorzeitig wegen Wirkungslosigkeit gestoppt – die „Solidarity“-Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Vielfältiges Malariamittel

Hydroxychloroquin ist ein anerkanntes Medikament zur Behandlung von Malaria. Es findet sich in der Liste jener Medikamente, die die WHO als essenziell einstuft.

Hydroxychloroquin kommt nicht nur gegen Malaria zum Einsatz. Es findet auch bei der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen Verwendung, etwa bei rheumatoider Arthritis oder bei Lupus. Bei diesen Erkrankungen ist das Immunsystem der Betroffenen überaktiv und richtet sich gegen den eigenen Körper. Gegen Viren wurde Hydroxychloroquin bisher nicht erfolgreich eingesetzt.

Generell ist es viel schwieriger, Impfstoffe und Medikamente gegen Viren zu finden als gegen Bakterien. Warum das so ist, haben wir bereits in unserem Beitrag zu Remdesivir als vermeintliches Covid-19-Medikament beschrieben.

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Die Studien im Detail

Ob Hydroxychloroquin bei Covid-19 hilft, können nur randomisiert-kontrollierte Studien aussagekräftig beantworten. Bei dieser Studienform wird eine große Anzahl an Teilnehmenden per Zufall einer von zwei Gruppen zugelost: Eine Gruppe erhält das Testmedikament mit noch unbekannter Wirkung (in unserem Fall Hydroxychloroquin). Die zweite Gruppe bekommt zwecks Vergleich ein wirkungsloses Scheinmedikament. Damit die Erwartungen des Forschungsteams und der Teilnehmenden die Ergebnisse nicht verzerren, bleibt geheim, wer die echte Behandlung erhält und wer nicht. Diese Geheimhaltung der Gruppenzuteilung heißt „Verblindung“.

Zusammenfassung bisheriger Studien

Wir haben Forschungsdatenbanken nach systematischen Übersichtsarbeiten durchsucht, welche die Ergebnisse aller bisher durchgeführten randomisiert-kontrollierten Studien zu Hydroxychloroquin bei Covid-19 zusammenfassen.

Gefunden haben wir zwei regelmäßig aktualisierte Übersichtsarbeiten [1,2], in denen alle bis dato bekannten Forschungsergebnisse enthalten sind. Die Autorinnen und Autoren aktualisieren die Analyseergebnisse, sobald eine neue Studie zum Thema veröffentlicht wird.

Mit Stand März 2021 fasst die erste Arbeit 16 randomisierte kontrollierte Studien zusammen, die Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19 untersuchen. Insgesamt 9 839 Patientinnen und Patienten nahmen an den Studien teil. Etwa eine Hälfte davon wurde mit Hydroxychloroquin behandelt, die andere mit einem Scheinmedikament oder der üblichen Symptombehandlung bei Covid-19.

Die zweite Arbeit [2] fasst sechs randomisierte kontrollierte Studien zusammen. Die insgesamt 6 059 gesunden Teilnehmenden nahmen über einen gewissen Zeitraum regelmäßig Hydroxychloroquin oder ein Scheinmedikament ein. Anschließend wurde beobachtet, wie viele der Teilnehmenden im Beobachtungszeitraum an Covid-19 erkrankten.

Die Teilnehmenden aller Studien waren leicht bis schwer an Covid-19 erkrankt, im Spital aufgenommen oder in ambulanter ärztlicher Behandlung.

Zur Vorbeugung und Behandlung nutzlos

Beide Analysen [1,2] kommen zum ernüchternden Ergebnis: Dass Hydroxychloroquin das Sterberisiko durch Covid-19 verringert, ist so gut wie ausgeschlossen. Die vorbeugende Einnahme von Hydroxychloroquin konnte die Studienteilnehmer auch nicht vor einer Covid-19 Erkrankung schützen. Zum Teil schwere Nebenwirkungen traten allerdings häufiger bei jenen Teilnehmenden auf, die Hydroxychloroquin erhalten hatten.

Zwar haben die einzelnen Studien, auf denen diese Aussage basiert, kleine Mängel. Das zeigt eine Überprüfung durch die Autorinnen und Autoren der lebendigen Übersichtsarbeit [1,2]. Allerdings fallen diese Mängel hier nicht so sehr ins Gewicht, dass sie unser Vertrauen in die Ergebnisse zur Sterblichkeit schmälern.

So wurde ein Großteil der analysierten Studien nicht verblindet durchgeführt. Dass Erwartungen die Daten zum Sterberisiko verzerren könnte, erachten wir allerdings als wenig wahrscheinlich.

Weniger eindeutige Ergebnisse hingegen könnten durch fehlende Verblindung sehr wohl verzerrt werden und eine Wirkung vorgaukeln – etwa wenn es um die Schwere oder Dauer der Krankheit geht. Auch hier geben die Daten jedoch keine Hinweise darauf, dass Hydroxychloroquin helfen könnte.

Zu demselben Ergebnis kam auch eine umfangreiche Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration [4]: Auch die darin eingeschlossenen neun randomisierten kontrollierten Studien zeigen keinen Effekt von Hydroxychloroquin auf das Risiko, an Covid-19 zu versterben. Auch zur Vorbeugung fanden die Autorinnen und Autoren der Arbeit keinen Nutzen.

Kombination und Vorbeugung

In weiteren Analysen berücksichtigten die Autorinnen und Autoren der regelmäßig aktualisierten Übersichtsarbeiten auch andere Studien zu Hydroxychloroquin: solche zum Beispiel, in denen Hydroxychloroquin mit dem Antibiotikum Azithromycin kombiniert wurde [3]. Neben der eingeschränkten Qualität der Studien ist auch die Anzahl der Teilnehmenden zu gering für präzise Ergebnisse. Daher ist die Aussagekraft eingeschränkt. Einen Hinweis auf einen Nutzen geben die Daten jedoch nicht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] COVID-NMA Consortium (2021)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 16 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 9 839 Erkrankte mit Covid-19
Untersuchungsdauer: 14 bis 30 Tage
Fragestellung: Hydroxychloroquin verglichen mit einem Scheinmedikament oder keinem Medikament zur Behandlung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 15.3.2021. (Zur Analyse in voller Länge)

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[2] COVID-NMA Consortium (2020)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 6 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 4 829 gesunde Erwachsene
Fragestellung: Hydroxychloroquin verglichen mit einem Scheinmedikament oder keinem Medikament zur Vorbeugung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 15.3.2021. (Zur Analyse in voller Länge)

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[3] COVID-NMA Consortium (2021)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 3 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 1 185 Erwachsene mit Covid-19
Fragestellung: Hydroxychloroquin und Azithromycin verglichen mit Hydroxychloroquin alleine, Placebo oder keinem Medikament zur Behandlung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Abgerufen am 15.3.2021. (Zur Analyse in voller Länge)

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[4] Singh u.a. (2021)
Singh, B., Ryan, H., Kredo, T., Chaplin, M., & Fletcher, T. (2021). Chloroquine or hydroxychloroquine for prevention and treatment of COVID‐19. The Cochrane database of systematic reviews, 2021(2), CD013587. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] UpToDate (2020)
UpToDate. Hydroxychloroquine: Drug information. Abgerufen am 15.3.2021 unter www.uptodate.com

[6] Yao u.a. (2020)
Yao X, Ye F, Zhang M, Cui C, Huang B, Niu P, Liu X, Zhao L, Dong E, Song C, Zhan S, Lu R, Li H, Tan W, Liu D. In Vitro Antiviral Activity and Projection of Optimized Dosing Design of Hydroxychloroquine for the Treatment of Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2). Clin Infect Dis. 2020 Jul 28;71(15):732-739. (Laborstudie in voller Länge)

[7] Liu u.a. (2020)
Liu J, Cao R, Xu M, Wang X, Zhang H, Hu H, Li Y, Hu Z, Zhong W, Wang M. Hydroxychloroquine, a less toxic derivative of chloroquine, is effective in inhibiting SARS-CoV-2 infection in vitro. Cell Discov. 2020 Mar 18;6:16. (Laborstudie in voller Länge)

[8] Gautret u.a. (2020a)
Gautret P, Lagier JC, … , Raoult D. Hydroxychloroquine and azithromycin as a treatment of COVID-19: results of an open-label non-randomized clinical trial. Int J Antimicrob Agents. 2020 Jul;56(1):105949. (Studie in voller Länge)

[9] Gautret u.a. (2020b)
Gautret P, Lagier JC, … , Raoult D. Clinical and microbiological effect of a combination of hydroxychloroquine and azithromycin in 80 COVID-19 patients with at least a six-day follow up: A pilot observational study. Travel Med Infect Dis. 2020 Mar-Apr;34:101663. (Studie in voller Länge)