Covid-19: Grenzbalken gegen Coronaviren?

AutorIn: Julia Harlfinger
Review:

Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 1. Oktober 2020
Gähnende Leere am Flughafen. Lassen sich Coronaviren dadurch beeindrucken?
Viele Ländern haben das Reisen zumindest zeitweise stark eingeschränkt oder Gesundheits-bezogene Grenzkontrollen eingeführt. Führt das zu einer besseren Kontrolle der Corona-Pandemie?
Frage:
Sind internationalen Reisebeschränkungen und Gesundheitschecks an der Grenze wirksam, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen?
möglicherweise
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Möglicherweise führen reisebezogene Kontrollmaßnahmen dazu, dass der „Import“ und „Export“ von Infektionen über die Grenzen hinweg reduziert wird. Es könnte auch sein, dass die Anzahl der Infizierten langsamer ansteigt. Durch Gesundheitschecks an der Grenze könnten auch bislang unentdeckte Infektionen identifiziert werden – ob dies der Pandemie einen echten Dämpfer versetzt, ist aber durchaus fraglich.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Es gibt kein allein seligmachendes Wundermittel gegen die Corona-Pandemie. Noch sind weder Impfungen zur Vorbeugung oder Medikamente zur Behandlung in Sicht.

Nicht „die eine“ Maßnahme

So lange keine einfach erscheinende technische Patentlösung parat ist, gilt es, Covid-19 durch „richtiges“ Verhalten vorbeugen. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich Covid-19 – eine komplexe Erkrankung in einer komplexen Welt – schlagartig mit einer einzigen Maßnahme wirkungsvoll eindämmen oder sogar eliminieren lässt. Also sind mehrere Maßnahmen parallel notwendig.

Dazu zählen Abstandhalten, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und Händewaschen. Auch die Quarantäne von infizierten Menschen sowie die Nachverfolgung und Isolierung von deren Kontaktpersonen haben sich als wirkungsvoll erwiesen.

Besser durch die Pandemie dank Reisebeschränkung?

Um Covid-19 einzudämmen, sind oder waren in vielen Ländern auch diverse Maßnahmen an den Grenzen in Kraft. Sie haben die internationale Reisetätigkeit stark eingeschränkt oder die Reisenden beim Übertritt zwischen den Ländern kontrolliert.

Zu den reisebezogenen Kontrollmaßnahmen zählen zum Beispiel:

  • komplette oder teilweise Grenzschließungen
  • Einschränkungen des Flugverkehrs
  • Einreiseverbote für Personen aus Risikoländern
  • Gesundheitskontrollen bei Ein- oder Ausreise, wie Fiebermessen, Symptomabfrage oder reihenweise Screenings per PCR-Test
  • Quarantänepflicht nach der Einreise, zuhause oder in Quarantänehotels

Ähnliche Anstrengungen zur internationalen Infektionskontrolle gab es schon in der Vergangenheit, um der Ausbreitung von MERS, SARS und Ebola entgegenzusteuern.

Viel Aufwand – und wo bleibt die Wirkung?

Reisebeschränkungen und Grenzkontrollen sind ein starker Eingriff in die sonst übliche Reisefreiheit mit weitreichenden Nebenwirkungen. Entscheidungen dafür (oder dagegen) waren ein Balanceakt für Politikerinnen und Politiker zu Beginn der Pandemie. Es gab Anfang 2020 keine Fakten zur Entscheidungsfindung, sondern nur bestmögliche Annahmen.

Wie sieht es jetzt, im Herbst 2020, mit der Datenlage zu den Reisebeschränkungen aus? Forscherinnen und Forscher um Jacob Burns aus München wollten wissen, ob diese aufwändigen Maßnahmen überhaupt wirkungsvoll sind. Um sich einen möglichst objektiven Überblick [1] zu verschaffen, haben sie zuerst in verschiedenen Datenbanken nach allen verfügbaren Studien zu diesem Thema gesucht. Jene mit der höchsten Aussagekraft wurden herausgefiltert und zusammengefasst.

Die Forscherinnen und Forscher wollten neben vielen Detailfragen wissen:

Lassen sich durch internationale Reisebeschränkungen und Gesundheits-bezogene Grenzkontrollen:

  • neue Fälle vermeiden?
  • Personen mit (noch) unbekannten Infektionen erkennen?
  • Geschwindigkeit und Heftigkeit der Pandemie bremsen?

Durch Einschränkungen des internationalen Grenzverkehrs lassen sich möglicherweise der „Import“ und „Export“ von Infektionsfällen über Ländergrenzen hinweg verhindern (um 70 bis 81%). Vielleicht können die Maßnahmen auch das allzu rasche Ansteigen der Fallzahlen verhindern. Gut abgesichert ist das nicht, und die Ergebnisse gelten als vorläufig.

Manchen Studien zufolge soll es auch zu einer Senkung der neuen Fälle (um 26 bis 90%) und auch der Todesfälle kommen. Allerdings sind die Ergebnisse sehr unzuverlässig.

 

Gesundheitschecks an der Grenze, mit oder ohne Quarantäne führt Studien zufolge vielleicht zur Erkennung von einem Teil der infizierten Reisenden (10-53%). Allerdings ist unwahrscheinlich, dass allein dadurch ausreichend viele Infizierte identifiziert werden, um letztlich einen deutlichen Einfluss auf das Infektionsgeschehen zu haben.

Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass Screenings an der Grenze hilfreich sein könnten, um die Wucht des Ausbruchs zu bremsen und Todesfälle ein wenig zu reduzieren. Diese Erkenntnisse sind allerdings mit großer Unsicherheit behaftet. Zu beachten dabei ist die sehr unterschiedliche Aussagekraft von Screeningmaßnahmen.

 

Mit großer Vorsicht zu genießen sind auch Studienergebnisse zur Quarantäne als alleinige Maßnahme. Demnach ist sehr unsicher, ob die Absonderung von Reiserückkehrerinen und -rückkehrern einen deutlichen Effekt hat, also weitere Infektionen und Todesfälle verhindern kann. (Eine breiter angelegte Übersichtsarbeit zur Quarantäne legt durchaus nahe, dass dadurch COVID-19-Infektionen und Todesfälle verhindert werden können.)

Unklares Ausmaß negativer Folgen
Welche negativen Auswirkungen die Maßnahmen haben und wie groß diese unerwünschten Effekte sind, hat keine der Studien analysiert. Denkbar ist, dass die Maßnahmen weitreichende negative wirtschaftliche oder soziale Folgen haben.

Kein Beweis für Unwirksamkeit
Diese Ergebnisse sind natürlich etwas enttäuschend, weil sie nur schwache Anhaltspunkte bieten. Das Autorenteam betont allerdings, dass man davon keineswegs die Unwirksamkeit der Maßnahmen ableiten kann. Vielmehr würden ihre Auswertungen nahelegen, dass einige reisebezogene Kontrollmaßnahmen bei Ausbrüchen von COVID-19, aber auch SARS und MERS, einen positiven Einfluss auf den Ausgang des Infektionsgeschehens haben könnten.

Sie hoffen, dass zukünftige Studien besser zeigen, wie gut die Maßnahmen einzeln oder kombiniert greifen. Diese wären auch eine Entscheidungshilfe für die Politik, die sich im Laufe der kommenden Monate wohl laufend diesem Thema widmen muss. Für den Effekt der Maßnahmen spielt wohl eine Rolle, in welcher Phase der Epidemie die Maßnahmen starten, wie intensiv die Reisetätigkeit zwischen den Ländern ist, wie strikt die Maßnahmen behördlich durchgesetzt und von der Bevölkerung eingehalten wurden.

Corona-Schwerpunkt bei Medizin-transparent

Seit Beginn der Pandemie haben wir laufend über Covid-19 berichtet: etwa über die Wirksamkeit von Masken und Quarantäne, über die Aussagekraft von Selbsttests.

Außerdem haben wir diverse Mittelchen unter die Lupe genommen, die gerüchteweise eine Anti-Corona-Wirkung haben sollen, zum Beispiel Propolis und Nikotin.

Alle Beiträge zu Fakten und Mythen sind hier nachzulesen.

Unterstützung in der Corona-Krise in Form von gesicherten Informationen finden Sie auf dem Portal von gesundheitsinformation.de

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Die Studien im Detail

Ein Team aus 14 Autorinnen und Autoren hat bis Ende Juni 2020 in mehreren Datenbanken nach Studien gesucht. Berücksichtigt haben sie nicht nur Studien zu Covid-19. Eingeflossen sind auch Studien zu Reisebeschränkungen während der Ausbrüche von MERS und SARS. Die insgesamt 36 Studien wurden in allen Weltregionen durchgeführt, mit Ausnahme von Afrika und dem östlichen Mittelmeerraum [1].

Nicht gut abgesichert

Leider sind diese Resultate nicht sehr belastbar. Das liegt einerseits an der Art der Studien – zumeist rechnerischen Simulationen (22 von 36 Studien). Diese beruhen nicht auf „echten“ Beobachtungen, sondern stehen und fallen mit den Annahmen, die Forscherinnen und Forschern zu Beginn treffen müssen – und die bei aller Sorgfalt auch falsch sein können.

Beobachtungsstudien mit Daten aus dem echten Leben wären prinzipiell aufschlussreicher. Aufgrund von unbekannten Einflussfaktoren sind die bisherigen Beobachtungsstudien jedoch nur wenig aussagekräftig.

Die Studien bezogen sich teils auf unterschiedliche Maßnahmen und Krankheiten (Covid-19, MERS, SARS) und waren daher oft nicht vergleichbar.

Nicht immer fachlicher Qualitätscheck

Weiters haben nicht alle analysierten Studien einen rigorosen Peer-Review durchlaufen. Das ist die normalerweise übliche Prüfung von Veröffentlichungen durch Fachleute. Darauf wird während der Corona-Pandemie oft aus Zeitgründen verzichtet. So sind die Ergebnisse in Form von Vorabdrucken schneller zugänglich, aber eine wichtige Qualitätskontrolle entfällt dadurch.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Burns et. al (2020)
Burns J, Movsisyan A, Stratil JM, Coenen M, Emmert-Fees KMF, Geffert K, Hoffmann S, Horstick O, Laxy M, Pfadenhauer LM, Philipsborn P, Sell K, Voss S, Rehfuess E. Travel‐related control measures to contain the COVID‐19 pandemic: a rapid review. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, Issue 9. Art. No.: CD013717. DOI: 10.1002/14651858.CD013717.
(Volltext)