Booster-Impfung für AstraZeneca-Geimpfte (Vaxzevria)

AutorIn:
Review: 

Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 31. Dezember 2021
Der “dritte Stich” soll den sinkenden Schutz vor Covid-19 wieder erhöhen.
Für einen anhaltenden Corona-Schutz scheinen drei Impfungen notwendig zu sein. Was sagen Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit der Booster-Impfung für AstraZeneca-Geimpfte?
Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Die Booster-Impfung: Wer empfiehlt was?

Alle Personen über 18 Jahre, die bereits zwei Impfungen mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria) erhalten haben, sollten sich ein drittes Mal impfen lassen. So lautet die Empfehlung der zuständigen Impfkommissionen – in Österreich bereits 4 Monate nach der zweiten Impfung, in Deutschland 3 Monate danach [5,6].

Begründet wird die Empfehlung damit, dass der Impfschutz nach der zweiten Teilimpfung mit der Zeit nachlässt. Zwei Impfungen mit AstraZeneca scheinen zudem nicht auszureichen, um vor einer Erkrankung durch die Omikron-Variante zu schützen.

Womit boostern und warum?

Das Nationale Impfgremium (NIG) in Österreich und die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland empfehlen AstraZeneca-Geimpften für die dritte Teilimpfung („Booster“) einen mRNA-Impfstoff (Moderna oder Biontech/Pfizer) [5,6].

Mit einer Einschränkung: Personen unter 30 Jahren sollen bei der dritten Impfung nicht den Moderna-Impfstoff erhalten, sondern jenen von Biontech/Pfizer (Stand Dezember 2021). Dasselbe gilt für Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel, weil für den Biontech/Pfizer-Impfstoff die Unbedenklichkeit in der Schwangerschaft am besten abgeklärt ist. Die Behörden begründen diese Empfehlung damit, dass Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen in dieser Altersgruppe häufiger nach der Moderna-Impfung vorkamen als nach der Biontech/Pfizer-Impfung [5,8]. Die Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung ist eine sehr seltene Nebenwirkung der beiden mRNA-Impfstoffe. In unserem allgemeinen Beitrag zum Moderna-Impfstoff haben wir beleuchtet, wie oft diese Nebenwirkung auftritt.

Schutz vor Omikron-Variante

Wie gut schützt die Booster-Impfung davor, durch die Omikron-Variante an Covid-19 zu erkranken?
Wir fanden dazu eine Beobachtungsstudie aus England [9]. Sie zeigt, dass die Booster-Impfung mit Biontech/Pfizer den Schutz vor der Omikron-Variante deutlich erhöht.

An der Studie nahmen rund 93.000 Personen teil – darunter Personen ohne Impfung, mit zweifacher AstraZeneca-Impfung sowie mit zusätzlicher Booster-Impfung von Biontech/Pfizer. teil. 315 von ihnen erkrankten an der Omikron-Variante. Dabei zeigte sich:

Bei der Omikron-Variante betrug der Impfschutz vor einer Covid-19-Erkrankung:

  • Ohne Booster-Impfung: keinerlei Schutz vier bis fünf Wochen nach der Zweitimpfung (AstraZeneca)
  • Mit Booster-Impfung: 71 Prozent zwei Wochen nach der dritten Impfung (Biontech/Pfizer)

Das bedeutet, dass nur eine Booster-Impfung Schutz bietet. Sie dürfte 71 Prozent der Omikron-Covid-19-Erkrankungen verhindert, die ohne Impfung auftreten würden.

Diese Ergebnisse sind jedoch nicht gut abgesichert, die Schwankungsbreite ist hoch. Denn für genaue Ergebnisse gab es unter den Teilnehmenden zu wenige Omikron-Covid-19-Erkrankungen. Zudem ist noch nicht untersucht, wie gut die Booster-Impfung vor einem schweren Covid-19-Verlauf schützt. Zukünftige Studien werden wohl präzisiere Daten liefern.

Nachlassender Schutz bei früheren Virus-Varianten

Bei bisher verbreiteten Varianten des Coronavirus betrug die Schutzwirkung vor einer Covid-19-Erkrankung im Anschluss an die zweite AstraZeneca -Impfung 60 Prozent oder mehr. Das bedeutet, dass die Impfung über 60 Prozent der Covid-19-Erkrankungen verhinderte, die ohne Impfung aufgetreten wären. Mehr als sechs Monate später ist die Schutzwirkung in zwei Studien jedoch auf 32 bzw. 42 Prozent abgefallen [4,9].

Die zuvor erwähnte englische Studie [9] hat auch die Schutzwirkung vor der Delta-Variante des Coronavirus untersucht. Dafür wurden die Daten von rund 93.000 Teilnehmenden berücksichtigt. Sie zeigen einen klaren Vorteil für die Booster-Impfung.

Bei der Delta-Variante betrug der Impfschutz vor einer Covid-19-Erkrankung in der englischen Studie:

  • Ohne Booster-Impfung: 42 Prozent ab sechs Monaten nach der Zweitimpfung mit AstraZeneca
  • Mit Booster-Impfung: 94 Prozent zwei Wochen nach der dritten Impfung mit Biontech/Pfizer

Mehr Antikörper durch dritte Impfung

Zu einer Booster-Impfung mit dem Impfstoff von Moderna haben wir keine Studie gefunden, die die Schutzwirkung vor einer Covid-19-Erkrankung beziffern könnte. Wir sind aber auf zwei Antikörper-Studien gestoßen [1,2]. Beide kommen zu einem sehr ähnlichen Ergebnis: Nach einer Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff (Biontech/Pfizer oder Moderna) steigt die Menge der Antikörper gegen das Coronavirus im Blut der Geimpften deutlich an. Das weist darauf hin, dass die Booster-Impfung den nachlassenden Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung wieder erhöht. Wie hoch der Schutz vor einer Erkrankung tatsächlich ist, lässt sich anhand der Antikörperwerte jedoch nicht sagen.

Etwas mehr Müdigkeit nach Moderna-Booster

Nebenwirkungen wie Fieber, Müdigkeit oder Schmerzen im geimpften Arm kamen in den Studien nach der Booster-Impfung etwa gleich häufig vor wie nach den ersten beiden Impfungen. Mit einer Ausnahme: Nach der dritten Impfung mit dem Moderna-Impfstoff gaben in einer Studie mehr Geimpfte an, sehr müde zu sein [1]. Allerdings bekamen die Teilnehmenden in dieser Studie nicht die empfohlene halbe Moderna-Dosis, sondern eine volle Dosis des Impfstoffs.

Wie häufig welche Nebenwirkungen auftreten, haben wir in unseren Beiträgen zu den Impfstoffen von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca zusammengefasst.

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Die Studien im Detail

Die Beobachtungsstudie aus England [9] zur Omikron- und Delta-Variante analysierte die Daten von rund 93.000 Personen. Die Studie wurde nach dem „Test-Negativ-Design“ durchgeführt: Alle hatten Symptome einer Covid-19-Erkrankung, doch nur bei rund 37.000 von ihnen zeigte ein Coronatest, dass sie sich tatsächlich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert hatten. Bei den anderen schien es sich zumeist um eine gewöhnliche Erkältung zu handeln.

Die Analyse zeigte, dass der Anteil der Covid-19-Erkrankten unter den Ungeimpften am höchsten war. Mit Booster-Impfung war er am niedrigsten. Wie viele Covid-19-Fälle die zweifache bzw. die dreifache Impfung im Vergleich zu keiner Impfung verhindert hat, zeigen die Zahlen zur Schutzwirkung oben im Haupttext.

Die Ergebnisse sind jedoch mit Unsicherheit behaftet. Ein Grund ist, dass insgesamt nur wenige Omikron-Erkrankungen aufgetreten sind: insgesamt 315, davon 10 bei Personen mit Booster-Impfung. Aufgrund der geringen Fallzahlen ist die Schwankungsbreite der Ergebnisse hoch.

Antikörper-Studien

Zusätzlich fanden wir bei unserer Suche in verschiedenen Forschungsdatenbanken zwei Antikörper-Studien [1,2].

Die erste ist eine randomisierte kontrollierte Studie [1]. Dabei wurden 388 Personen, die bereits zweimal eine AstraZeneca-Impfung erhalten hatten per Zufall (randomisiert) in vier etwa gleich große Gruppen unterteilt: zwei Booster-Gruppen und zwei Kontroll-Gruppen. Die beiden Booster-Gruppen erhielten rund drei Monate nach der zweiten Impfung jeweils eine Booster-Impfung mit dem Biontech/Pfizer- oder dem Moderna-Impfstoff. Die beiden Kontrollgruppen bekamen einen Meningokokken-Impfstoff, der nicht vor dem Coronavirus schützt. Weder das Studienteam noch die Teilnehmenden wussten, wer welchen Impfstoff bekam. Die Studie war also doppelt verblindet.

14- bis 27-mal mehr Antikörper

Ein Monat nach der Booster-Impfung untersuchte das Studienteam die Anzahl der neutralisierenden Antikörper gegen das Coronavirus im Blut der Teilnehmenden. Das Ergebnis: Mit dem Moderna-Impfstoff geboosterte Teilnehmende hatten rund 27-mal, mit dem Biontech/Pfizer geboosterte rund 14-mal mehr Antikörper als die Teilnehmenden der Kontrollgruppe.

Die Moderna-Gruppe erhielt in dieser Studie allerdings die volle Dosis von 100 Mikrogramm. Für die Booster-Impfung ist derzeit jedoch nur die halbe Dosis, also 50 Mikrogramm, empfohlen. Abgesehen davon halten wir die Studie für verlässlich, denn sie wurde solide durchgeführt.

Kleinere Studie kommt zu selbem Ergebnis

Bei der zweiten Studie handelt es sich um eine Beobachtungsstudie [2]. Dieser Studientyp ist weniger aussagekräftig als eine randomisiert-kontrollierte Studie. Dabei erhielten 43 Personen, die zuvor zweimal mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft worden waren, sechs Monate danach eine dritte Impfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff. Zwei bis vier Wochen nach der Booster-Impfung hatten die Geimpften rund 57-mal mehr Antikörper im Blut als davor. An der Studie nahmen nur wenige Personen teil und sie hat einige Mängel. Wir schätzen ihre Aussagekraft deshalb als gering ein.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Munro u.a. (2021)
Studientyp: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 388 Erwachsene
Fragestellung: Haben zweimal AstraZeneca-geimpfte Personen nach einer dritten Impfung mit dem Moderna-Impfstoff mehr Antikörper gegen das Coronavirus als vorher?
Interessenskonflikt: Manche der Autorinnen und Autoren sind an anderen Studien beteiligt, die von den Herstellerfirmen der Covid-19-Impfstoffe finanziert und in Auftrag gegeben wurden.

Munro APS, Janani L, Cornelius V, et al. Safety and immunogenicity of seven COVID-19 vaccines as a third dose (booster) following two doses of ChAdOx1 nCov-19 or BNT162b2 in the UK (COV-BOOST): a blinded, multicentre, randomised, controlled, phase 2 trial. Lancet. 2. Dezember 2021. (Studie in voller Länge)

[2] Ireland u.a. (2021)
Studientyp: Beobachtungsstudie
Teilnehmende: 43 Erwachsene
Fragestellung: Haben zweimal AstraZeneca-geimpfte Personen nach einer dritten Impfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff mehr Antikörper gegen das Coronavirus als vorher?
Interessenskonflikt: keine laut Autorinnen und Autoren

Ireland, G., Whitaker, H., Ladhani, S. N., Baawuah, F., Subbarao, V., Linley, E., … & Brown, K. E. (2021). Serological responses to COVID-19 booster vaccine in England. medRxiv. (Studie in voller Länge)

[3] Andrews u.a. (2021)
Andrews N, Tessier E, Stowe J et al. Vaccine effectiveness and duration of protection of Comirnaty, Vaxzevria and Spikevax against mild and severe COVID-19 in the UK. Preprint vom 21.09.2021 (Link zur Studie)

[4] Nordström u.a. (2021)
Nordström, P., Ballin, M., & Nordström, A. (2021). Effectiveness of Covid-19 Vaccination Against Risk of Symptomatic Infection, Hospitalization, and Death Up to 9 Months: A Swedish Total-Population Cohort Study. Hospitalization, and Death Up to, 9. (Link zur Studie)

[5] Robert-Koch-Institut (RKI)
Beschluss der STIKO zur 16. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung: Empfehlung der Ständigen Impfkommission Deutschland (STIKO)..Abgerufen am 31.12.2021 unter www.rki.de

[6] Nationales Impfgremium Österreich (NIG)
COVID-19-Impfungen: Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums, Version 8.0, Stand: 23.12.2021. Abgerufen am 31.12.2021 unter www.sozialministerium.at

[7] Robert-Koch-Institut (RKI)
Fragen & Antworten zur Impfung. Abgerufen am 31.12.2021 unter www.rki.de

[8] Paul-Ehrlich-Institut (2021)
Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen nach Impfung zum Schutz vor COVID-19 seit Beginn der Impfkampagne am 27.12.2020 bis zum 30.09.2021. Abgerufen am 3. 12. 2021 unter www.pei.de

[9] Andrews u.a. (2021)
Andrews, N., Stowe, J., Kirsebom, F., Toffa, S., Rickeard, T., Gallagher, E., … & Bernal, J. L. (2021). Effectiveness of COVID-19 vaccines against the Omicron (B. 1.1. 529) variant of concern. medRxiv. (nicht-begutachtete Vorabversion der Studie)