Stärkt die Taigawurzel das Immunsystem?

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Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2021
Die Beeren der Taigawurzel sehen hübsch aus. Das Extrakt wird jedoch aus der Wurzel der Pflanze gewonnen.
Das Extrakt aus der Taigawurzel soll das Immunsystem anregen und sogar Impfungen wirksamer machen. Wissenschaftlich belegt ist das nicht.
Frage:
Stärkt die Einnahme von Taigawurzel-Extrakt das Immunsystem? Kann sie Impfungen wirksamer oder verträglicher machen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
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Erklärung:
Die angebliche Immunabwehr-stärkenden Wirkung der Taigawurzel (auch Sibirischer Ginseng genannt) wurde offenbar nie in geeigneten Studien untersucht. Auch die von Nahrungsergänzungsmittel-Herstellern behauptete positive Wirkung nach Impfungen ist nicht belegt.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Die Taigawurzel soll kräftigende und Immunsystem-regulierende Eigenschaften besitzen. Zumindest gemäß den Lehren der traditionellen Medizin in Asien und Russland, wo die Taigawurzel – auch Sibirischer Ginseng oder Eleutherococcus genannt – seit langer Zeit als Heilpflanze beliebt ist [3].

Bei uns ist die Taigawurzel als Zusatz in Nahrungsergänzungsmitteln zu finden. Derzeit bewerben Hersteller im Internet entsprechende Präparate: Sie sollen das Immunsystem stärken und die Corona-Impfung wirksamer und verträglicher machen. Dazu erreichte uns die Anfrage eines Lesers. Stimmen diese Behauptungen?

Taigawurzel und Immunabwehr: Aussagekräftige Studien fehlen

Bei unserer umfangreichen Recherche haben wir keine Studien gefunden, die eine Immunsystem-stärkende Wirkung der Taigawurzel belegen können. Wir sind lediglich auf zwei kleine Studien [1,2] ohne Aussagekraft gestoßen. Rund die Hälfte der insgesamt 86 Studienteilnehmenden nahm einen Monat lang Taigawurzel-Extrakt ein. Die andere Hälfte bildete die Vergleichsgruppe: sie schluckte entweder ein Scheinpräparat (Placebo) oder ein Mittel mit Echinacea.

Beide Studien kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Jene Teilnehmenden, die täglich Taigawurzel-Extrakt in Form einer alkoholischen Lösung einnahmen, hatten am Ende mehr Abwehrzellen (weiße Blutkörperchen) als die Vergleichsgruppe.

Für verlässliche Ergebnisse waren die Studien jedoch zu klein und zu mangelhaft durchgeführt.

Effekt nur in der Theorie?

Auch wenn die Untersuchungen größer und besser durchgeführt worden wären, hätten sie die aufgestellten Behauptungen nicht belegen können. Eine Erhöhung der Anzahl an weißen Blutkörperchen mag in der Theorie zwar beeindruckend klingen. Sie sagt jedoch nichts darüber aus, ob die Taigawurzel die Immunabwehr der Teilnehmenden tatsächlich stärkte. Dazu hätten die Studien untersuchen müssen, wie oft oder wie schwer die Teilnehmenden an häufigen Infektionskrankheiten, wie etwa Erkältungen, erkranken.

Dass die Einnahme von Taigawurzel-Extrakt Impfungen wie die Corona-Impfung wirksamer oder verträglicher macht, lässt sich daraus ebenfalls nicht ableiten. Wir konnten keine Studien finden, die Taigawurzel-Extrakt in Verbindung mit Impfungen untersucht haben.

Ob die Taigawurzel der Immunabwehr nützt, lässt sich derzeit nicht belegen – aber auch nicht ausschließen. Für eine klare Aussage sind aussagekräftige Studien nötig.

Keine Nebenwirkungen beobachtet

Die Forschungsteams der Studien berichten von keinen Nebenwirkungen bei den Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind jedoch möglich [4].

Traditionell bedeutet nicht automatisch wirksam

In der traditionellen chinesischen Medizin ist die Taigawurzel oder Eleutherococcus senticosus, wie sie im Lateinischen heißt, seit langem bekannt. In der westlichen Heilkunde ist die Pflanze erst seit den Siebzigerjahren ein Begriff. Da sie vor allem in Russland wächst, ist sie auch unter dem Namen Sibirischer Ginseng bekannt, obwohl sie mit dem echten Ginseng nur wenige Inhaltsstoffe gemeinsam hat [3].

Für die behauptete positive Wirkung auf das Immunsystem sollen Inhaltsstoffe mit der Bezeichnung Eleutheroside verantwortlich sein, die auch in anderen Pflanzen vorkommen. Neben den positiven Effekten auf die Immunabwehr wird der Taigawurzel auch eine leistungssteigernde und Blutzucker-senkende Wirkung nachgesagt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter diesen vermuteten Wirkungen beschränken sich jedoch großteils auf Experimente aus dem Labor [3]. Dass eine Heilpflanze eine lange Tradition hat, muss nicht heißen, dass sie auch wirksam ist.

Immunsystem stärken: Was wirkt und was nicht

Ein starkes Immunsystem – wer will das nicht, gerade in Zeiten einer Pandemie? Etlichen Nahrungsergänzungsmitteln, Heilpflanzen und Praktiken wird eine solche Abwehr-stärkende Wirkung zugeschrieben. Wissenschaftliche Hinweise darauf gibt es nur für ganz wenige: So könnte regelmäßiger Sport vorbeugend die Schwere und Dauer von Erkältungskrankheiten (Verkühlungen) verringern. Einen geringfügigen positiven Effekt auf die Immunabwehr haben möglicherweise auch Präparate mit Echinacea.
Vitamin D-Präparate hingegen stärken das Immunsystem wahrscheinlich nicht gegen Erkältungen und Grippe – außer es besteht ein schwerer Mangel an Vitamin D. Sicher nutzlos ist das vielbeworbene Vitamin C fürs Immunsystem: Wer das Vitamin regelmäßig einnimmt, leidet nicht weniger häufig an Erkältungen.

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Die Studien im Detail

Bei unserer Suche fanden wir zwei Studien, die die Wirkung von Taigawurzel-Extrakt auf das Immunsystem von Menschen untersuchten [1,2].

Die erste Studie [1] wurde 1987 durchgeführt. Die 36 erwachsenen Teilnehmenden wurden auf zwei gleich große Gruppen aufgeteilt: 18 nahmen vier Wochen lang dreimal täglich eine alkoholische Lösung mit 1,96 Gramm Taigawurzel-Extrakt ein, die anderen 18 ein gleich aussehendes wirkstoffloses Scheinpräparat (Placebo). Zu Beginn und am Ende der Studie untersuchte das Studienteam das Blut der Teilnehmenden. Nach vier Wochen zählten sie bei den Teilnehmenden der Taigawurzel-Gruppe deutlich mehr Abwehrzellen (T-Zellen) im Blut als bei der Placebo-Gruppe.

Ähnlich fiel auch das Ergebnis der zweiten Studie [2] aus: Darin erhielten 35 Erwachsene dreimal täglich 25 Tropfen einer alkoholischen Lösung mit Taigawurzel-Extrakt. Als Vergleichsgruppe dienten 15 Teilnehmende, die dreimal täglich 40 Tropfen einer Lösung mit Echinacea-Extrakt einnahmen. Nach 30 Tagen hatten die Teilnehmenden der Taigawurzel-Gruppe deutlich mehr Abwehrzellen im Blut als zu Beginn. In der Echinacea-Gruppe war das nicht der Fall.

Mehr Abwehrzellen = stärkeres Immunsystem?

Sind diese Ergebnisse nun ein Beweis dafür, dass das Extrakt aus der Taigawurzel zu einem stärkeren Immunsystem führt? Nein.

Beide Studien untersuchten lediglich die Anzahl der Abwehrzellen im Blut der Teilnehmenden. Ob die Personen in der Taigawurzel-Gruppe tatsächlich ein geringeres Risiko hatten, krank zu werden, können sie nicht beantworten. Dazu wäre folgende Untersuchung notwendig: Eine möglichst große Anzahl von gesunden Personen müsste per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt werden. Eine Gruppe nähme regelmäßig Taigawurzel-Extrakt ein, die andere Gruppe ein gleich aussehendes, wirkungsloses Placebo-Präparat. Weder die Teilnehmenden noch die Forschenden sollten wissen, wer welcher Gruppe angehört – die Studie wäre also „doppelt verblindet“.

Nach einiger Zeit würde die Anzahl und Dauer von Erkältungskrankheiten unter den Teilnehmenden beider Gruppen miteinander verglichen. Wären die Teilnehmenden in der Taigawurzel-Gruppe deutlich seltener oder weniger schwer krank gewesen, so wäre das ein Hinweis auf ein stärkeres Immunsystem in dieser Gruppe. Eine solche Studie konnten wir jedoch trotz umfangreicher Suche nicht finden.

Ob die Einnahme von Taigawurzel-Extrakt gar Impfungen wirksamer machen könnte, dazu geben die beiden verfügbaren Studien ebenfalls keine Auskunft. Das wurde offenbar nie wissenschaftlich untersucht.

Studien klein und mangelhaft

Zudem nahmen an den Studien viel zu wenige Personen teil, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern. Auch ist unklar, ob die Zuteilung zu den Gruppen wirklich nach dem Zufallsprinzip erfolgte und ob die Studienteams oder die Teilnehmenden wussten, welcher Gruppe sie angehörten. In der zweiten Studie fehlte zudem der Vergleich mit einem Placebo-Präparat: Die Vergleichsgruppe nahm ein Extrakt aus Echinacea ein, eine Pflanze, der ebenfalls Immunsystem-stärkende Eigenschaften zugeschrieben werden. Dass Echinacea-Extrakt einen geringfügigen Schutz vor Erkältungen bieten könnte, haben wir in einem anderen Beitrag berichtet.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Bohn u.a. (1987)
Bohn, B., Nebe, C. T., & Birr, C. (1987). Flow-cytometric studies with eleutherococcus senticosus extract as an immunomodulatory agent. Arzneimittel-forschung, 37(10), 1193-1196. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Szołomicki u.a. (2000)
Szołomicki, S., Samochowiec, L., Wójcicki, J., & Droździk, M. (2000). The influence of active components of Eleutherococcus senticosus on cellular defence and physical fitness in man. Phytotherapy Research: An International Journal Devoted to Pharmacological and Toxicological Evaluation of Natural Product Derivatives, 14(1), 30-35. (Studie in voller Länge)

[3] Davydov & Krikorian (2000)
Davydov, M., & Krikorian, A. D. (2000). Eleutherococcus senticosus (Rupr. & Maxim.) Maxim. (Araliaceae) as an adaptogen: a closer look. J Ethnopharmacol, 72(3), 345-393. (Link zur Studie)

[4] Gardiner u.a. (2008)
Gardiner, P., Phillips, R. S., & Shaughnessy, A. F. (2008). Herbal and dietary supplement-drug interactions in patients with chronic illnesses. American family physician, 77(1), 73-78. (Link zur Studie)