Unterstützt Vitamin D das Immunsystem gegen Corona und anderen Viren?

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Julia Harlfinger, Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 16. April 2020
Mehr Vitamin D ist gleich besseres Immunsystem? Stimmt nicht immer.
Ob Vitamin D vor dem Coronavirus schützt, ist nicht erforscht. Wirkt das Vitamin vorbeugend gegen die Infektion mit anderen Viren? Wahrscheinlich nicht, zeigen Studien zu Schnupfen und Co.
Frage:
Können Vitamin-D-Präparate einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus vorbeugen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Frage:
Können Vitamin-D-Präparate Erkältungen, Grippe, Schnupfen und anderen viralen Atemwegserkrankungen vorbeugen, wenn kein oder nur ein leichter Mangel an Vitamin D besteht?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Ob sich eine Infektion mit dem Coronavirus durch Vitamin D abwehren lässt, wurde bisher nicht untersucht. Es ist allerdings wenig plausibel. Wahrscheinlich keinen vorbeugenden Effekt hat zusätzliches Vitamin D gegen Infektionen mit Erkältungs-, Schnupfen- und Grippeviren. Das gilt zumindest für Menschen mit normalem oder mäßig erniedrigtem Vitamin-D-Spiegel im Blut. Besteht ein gravierender Mangel, dürfte das Immunsystem von einer Behandlung mit Vitamin D allerdings profitieren

Wie gehen wir vor?

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Die Einnahme von Vitamin D soll das Immunsystem stärken und so mancher Infektion mit Viren vorbeugen. Das versprechen zumindest Werbungen für diverse Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D.

In Zeiten wie diesen ist ein fittes Immunsystem besonders gefragt: Auch gegen das Coronavirus könne man sich mit Vitamin-D-Präparaten wappnen, liest man im Internet.

Wir haben uns auf die Suche nach den neuesten Erkenntnissen gemacht. Lässt sich mit Vitamin-D-Präparaten das Immunsystem aufpeppen? So sehr, dass einem das Coronavirus nichts mehr anhaben kann? Und man geschützt ist vor viralen Infekten der Atemwege wie Erkältungen, Schupfen und Grippe?

Anti-Corona-Wirkung nicht plausibel

Studien zu Vitamin-D-Präparaten und Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus konnten wir keine finden. Auch nach Studien zu seinen nahen Verwanden SARS- und MERS-Coronaviren haben wir gesucht – ohne Ergebnis.

Dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen könnte, ist wenig plausibel. Denn auch Schnupfen und ähnliche virale Infekte können Vitamin-D-Präparate nicht verhindern.

Vitamin D: Erkältungen nicht seltener

Denn nach aktuellem Stand des Wissens schützen Vitamin-D-Präparate wahrscheinlich nicht vor Atemwegsinfekten, ausgelöst durch Viren. Das gilt für Menschen, die keinen oder nur einen mäßigen Mangel an Vitamin D haben. Das heißt, mit dem Vitamin lässt sich wohl kaum gegen Schnupfen, Erkältungen, Grippe oder Nebenhöhlenentzündungen vorbeugen.

Das ergab eine aktuelle Zusammenfassung von 25 gut gemachten Studien [1]. An diesen Studien nahmen insgesamt über 11000 Kinder und Erwachsene teil.

Die teilnehmenden Personen hatten alle ähnlich häufig Erkältungskrankheiten – ganz unabhängig davon, ob sie ein Vitamin-D-Präparat oder ein Scheinmedikament einnahmen. In beiden Gruppen hatten die Teilnehmenden mit etwa zwei Erkältungen im Jahr zu kämpfen.

Effekte nur bei Mangel

Anders sah es bei jenen aus, deren Vitamin-D-Spiegel im Blut zu Beginn der Studie gefährlich niedrig war. Diese Personen dürften von Vitamin-D-Präparaten profitieren, denn in der Studie wurden sie seltener krank.

Lieber weniger, dafür öfter

Möglicherweise ist für Personen mit Vitamin-D-Mangel auch wichtig, wie häufig sie die Präparate einnehmen. In den Studien erhielten manche Personen eine große Menge an Vitamin D auf einmal und pausierten dann länger. Andere schluckten täglich oder wöchentlich kleinere Mengen.

Jene hatten weniger Erkältungen, die kleinere Mengen und diese dafür öfter eingenommen hatten. Das Forschungsteam vermutete, dass der Körper viel Vitamin D auf einmal gar nicht erst verwerten kann.

Wer hat einen Mangel?

Ab welcher Menge Vitamin D im Blut gelten Menschen als ausreichend versorgt? Das ist alles andere als gesichert. Um die Grenzwerte gibt es bis heute leidenschaftliche Diskussionen [2].

Die Angaben unterscheiden sich je nach Fachgesellschaft. Die meisten Expertinnen und Experten konnten sich auf einen Grenzwert von 50 nmol/l (oder 20 ng/ml) im Blut einigen. Niedrigere Werte gelten als unzureichend – allerdings nur in Bezug auf die Knochengesundheit. Werte unter 25 nmol/l (oder 10 ng/ml) werden von allen Fachleuten als schwerer Mangel eingestuft.

Wie diese Grenzwerte angesetzt werden, ist keine Nebensächlichkeit: Sind sie zu hoch, wird bei vielen Menschen ein „Mangel“ festgestellt. Und das, obwohl sie eigentlich keine Minderversorgung haben.

Sie schlucken dann vielleicht Präparate, die im besten Fall mit Geldverschwendung verbunden sind. Im schlimmsten Fall kommt es zu Nebenwirkungen. Hohe Dosen an Vitamin D können durchaus problematisch sein. Als schädlich gelten mehr als 120 nmol/l Vitamin D im Blut [2].

Alte Menschen besonders gefährdet

Wer öfter im Freien unterwegs ist und sich ausgewogen ernährt, braucht sich vor gesundheitsschädlichem Vitamin-D-Mangel nicht zu fürchten. Zumindest ist das in Mitteleuropa der Fall [3].

Um gut mit Vitamin D versorgt zu sein, reicht es schon, etwa 5 bis 15 Minuten pro Tag im Sonnenlicht zu verbringen, im Herbst etwas länger. Auch wenn nur Gesicht und Hände unbedeckt sind, bildet sich in der Haut genügend Vitamin D [4].

Manche Menschen haben jedoch ein höheres Risiko für einen Vitamin-D-Mangel [5]. Dazu gehören zum Beispiel Menschen, die sich hauptsächlich drinnen aufhalten, zum Beispiel die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Gefährdet sind wohl auch Personen, die aus anderen Gründen nicht der Sonne ausgesetzt sind, vollverschleierte Frauen etwa.

Ebenfalls zu einem Mangel führen können verschiedene Erkrankungen des Darmes, wenn dadurch die Aufnahme von Vitamin D aus der Nahrung behindert ist [6].

Vitamin D sollte nicht “einfach so“ eingenommen werden. Prinzipiell ist ein schwerer Vitamin-D-Mangel hierzulande selten. Ein Bluttest auf Vitamin-D-Mangel wird von Fachgesellschaften nur für ältere oder chronisch kranke Menschen empfohlen sowie für alle, die kaum der Sonne ausgesetzt sind [10].

Vitamin D für harte Knochen

Den Großteil des benötigten Vitamin D stellt der Körper selbst her. Dazu braucht er Sonnenlicht, das möglichst ungefiltert direkt auf die Haut treffen sollte. Ein kleinerer Teil kommt aus der Nahrung, zum Beispiel aus Fisch, Eiern oder Leber.

Vitamin D ist an vielen Prozessen im Körper beteiligt. Es beeinflusst die Aufnahme und Verarbeitung von Calcium und ist somit für gesunde Knochen wichtig. Dauerhafter Vitamin-D-Mangel kann zu einer verringerten Knochendichte (Osteoporose) führen [5, 7].

Bei Kindern kann ein schwerer Mangel die noch wachsenden Knochen weich machen und Rachitis auslösen. Zur Vorbeugung dieser Mangelerscheinung bekamen Kinder früher oft Lebertran zu trinken. Die ölige Flüssigkeit wird aus Fischleber hergestellt und ist reich an Vitamin D. In Zeiten einseitiger und mangelhafter Ernährung half der Lebertran, Rachitis vorzubeugen.

Sagenhafter Ruf – unverdient

Abgesehen von der Knochengesundheit: Welche Rolle Vitamin D für die Gesundheit spielt, ist nicht gut erforscht. Aber man weiß inzwischen, dass Vitamin D für ein normal funktionierendes Immunsystem wichtig ist [2]. Es ist also plausibel, dass die Abwehrkräfte im Falle eines gravierenden Mangels geschwächt sind.

Dem Vitamin wird auch immer wieder nachgesagt, es schütze vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien, Krebs oder Alzheimer. Viele dieser Behauptungen konnten inzwischen widerlegt werden [7,8].

Auch wir haben schon mehrfach darüber berichtet:

Doch woher kommt der sagenhafte Ruf des Vitamins als Wundermittel? Einerseits gibt es die Beobachtung, dass die meisten Körperzellen Andockstellen für Vitamin D haben. Andererseits scheint es, als würden Menschen mit hohen Vitamin-D-Werten seltener krank [9].

Diese Beobachtung mag zwar richtig sein. Sie bedeutet aber nicht, dass Vitamin D die Ursache für den guten Gesundheitszustand ist. Es könnte auch eine „Begleiterscheinung“ guter Gesundheit sein.
Vielleicht ist es die Bewegung im Freien, die sowohl gesund hält, als auch die Vitamin-D-Speicher auffüllt. Genauso könnte es sein, dass gesunde Menschen sich eher im Freien aufhalten als Kranke.

Vitamin-D-Bluttests meistens nicht nötig

Die Angst vor dem Vitamin-D-Mangel ist nach derzeitigen Erkenntnissen wohl nicht gerechtfertigt. Was im Frühling, Sommer und Herbst getankt wird, versorgt den Körper auch im Winter. Denn Vitamin D wird über mehrere Monate im Körper gespeichert [6].

[Die erste Fassung dieses Artikels erschien am 31.10.2013. Diese Fassung ist das dritte Update. Neue Studien haben unsere bisherige Einschätzung bestätigt, und das Vertrauen in das Ergebnis ist größer geworden.]

Die Studien im Detail

Wir haben drei verschiedene wissenschaftliche Datenbanken nach den aktuellsten Studien durchsucht.
Keine Studien zum Thema Corona

Zum Thema Coronavirus und Vitamin D konnte wir keinerlei Studien finden. Dass die Einnahme von Vitamin D eine vorbeugende Wirkung gegen eine SARS-Cov-2-Infektion hat, halten wir für wenig plausibel.

Wahrscheinlich kein Effekt bei Erkältung und Co

Zum Thema Vitamin D und Vorbeugung von viralen Atemwegsinfekten fanden wir eine gut durchgeführte Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 [1]. Darin sind die Ergebnisse von 25 randomisierten kontrollierten Studien zusammengefasst.

Alle diese Studien gingen folgender Frage nach: Bekommen Personen, die Vitamin D zur Nahrungsergänzung einnehmen, seltener Infekte der oberen Atemwege? Dazu zählen Schnupfen, Husten oder Nasennebenhöhlenentzündungen.

Insgesamt 11321 Männer und Frauen aus 15 Ländern nahmen an diesen Studien teil, von neugeboren bis hochbetagt. Die Teilnehmenden waren zu Beginn unterschiedlich gut mit Vitamin D versorgt: Die gemessenen Werte im Blut lagen zwischen etwa 19 und 89 nmol/l.

Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe schluckte ein Vitamin-D-Präparat, die andere ein Scheinpräparat (Placebo).

Dosierung und Einnahmehäufigkeit waren unterschiedlich: Manche nahmen alle drei Monate eine größere Menge Vitamin D zu sich, andere schluckten es täglich oder wöchentlich, dafür aber kleinere Mengen. Die Teilnehmenden wussten nicht, ob es sich dabei um Vitamin D oder ein Placebo handelte.

Die Einnahme dauerte zwischen sieben Wochen und eineinhalb Jahre lang. Während dieser Zeit wurde aufgezeichnet, wie oft die Teilnehmenden eine Erkältung oder einen anderen Atemwegsinfekt bekamen.

Effekt nur bei starkem Mangel

Das Forschungsteam der Übersichtsarbeit [1] analysierte auch, ob der Vitamin-D-Spiegel zu Studienbeginn die spätere Erkrankungswahrscheinlichkeit beeinflusste. Mit normalen oder mäßig erniedrigten Vitamin-D-Werten hat das zusätzliche Vitamin D wahrscheinlich keinen Effekt auf das Risiko für Erkältungen. In beiden Gruppen wurden die Teilnehmenden im Durchschnitt zweimal pro Jahr krank.

Nur jene Teilnehmenden, die mit einem Wert von unter 25 nmol/l einen starken Vitamin-D-Mangel aufwiesen wurden etwas weniger häufig krank.

Lieber weniger, dafür öfter

Was das Forschungsteam außerdem wissen wollte: Spielen Dosierung und Einnahmehäufigkeit eine Rolle? Dabei fanden die Forscherinnen und Forscher heraus, dass Personen, die alle drei Monate eine größere Menge Vitamin D schluckten (über 30.000 IE) ebenso viele Erkältungen hatten wie die Placebo-Gruppe.

Etwas anders sah es bei jenen aus, die Vitamin D täglich oder wöchentlich einnahmen: Sie hatten zumindest ein bisschen bessere Chancen, gesund durchs Jahr zu kommen als die Placebo-Gruppe. Der Effekt war allerdings auch hier nur sehr klein .

Nebenwirkungen unwahrscheinlich

Das Fazit der Übersichtsarbeit: Für Menschen, die keinen oder nur einen mäßigen Mangel haben, sind Vitamin-D-Präparate zur Vorbeugung von Erkältungen wahrscheinlich nicht wirksam.
Nebenwirkungen von Vitamin-D-Präparaten wurden in den Studien keine beobachtet. Sie schienen der Gesundheit der Teilnehmenden also nicht geschadet haben.

In diese Ergebnisse haben wir ziemlich großes Vertrauen. Die Übersichtsarbeit ist methodisch einwandfrei gemacht, und die Daten der über 11000 Teilnehmenden sind sehr verlässlich.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Martineau u.a. (2019)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 25 randomisiert kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 11 321 Personen zwischen 0 und 95 Jahren; 10 933 in der Meta-Analyse berücksichtigt
Fragestellung: Kann die vorbeugende Einnahme von Vitamin D-Präparaten die Häufigkeit von akuten Infektionen der Atemwege verringern?
Interessenskonflikte: keine laut AutorInnen

Martineau, A. R., Jolliffe, D. A., Greenberg, L., Aloia, J. F., Bergman, P., Dubnov-Raz, G., … & Grant, C. C. (2019). Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory infections: individual participant data meta-analysis. Health Technol Assess. (Studie in voller Länge)

Andere wissenschaftliche Quellen

[2] UpToDate (2020)
Dawson-Hughes B. Vitamin D deficiency in adults: Definition, clinical manifestations, and treatment. UpToDate [Internet]. 2019 Sep 30.
Abgerufen am 8.4.2020 unter www.uptodate.com (kostenpflichtig)

[3] Palacios u.a. (2014)
Palacios, C., & Gonzalez, L. (2014). Is vitamin D deficiency a major global public health problem?. The Journal of steroid biochemistry and molecular biology, 144, 138-145. (Text in voller Länge)

[4] Gesundheitsinformation.de (2018)
Abgerufen am 9.4.2020 unter www.gesundheitsinformation.de

[5] UpToDate (2020)
Pazirandeh S, Burns DL. Overview of Vitamin D. UpToDate. 2019 Oct 14. Abgerufen am 8.4.2020 unter www.uptodate.com (kostenpflichtig)

[6] DGE & MRI (2014)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) und Max Rubner-Institut (MRI): Ausgewählte Fragen und Antworten zu Vitamin D. Aktualisierte Gemeinsame FAQ des BfR, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) und des Max Rubner-Instituts (MRI) vom 03. Dezember 2014.
Abgerufen am 9.4.2020 unter www.bfr.bund.de

[7] UpToDate (2020)
Bouillon u.a.: Vitamin D and extraskeletal health. UpToDate. 2020 Jan 27.
Abgerufen am 9.4.2020 unter www.uptodate.com (kostenpflichtig)

[8] Vitamin D Faktenbox der Österreichischen Sozialversicherung
Österreichische Sozialversicherung; Faktenbox: Informiert entscheiden! Kann ich mit Vitamin D Krebs oder Herzkreislauf-Erkrankungen vorbeugen?; Stand 2020; Abgerufen am 16. 4. 2020 unter www.sozialversicherung.at

[9] Bjeklakovic u.a. (2014)
Bjelakovic, G., Gluud, L. L., Nikolova, D., Whitfield, K., Wetterslev, J., Simonetti, R. G., … & Gluud, C. (2014). Vitamin D supplementation for prevention of mortality in adults. Cochrane database of systematic reviews. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[10] LeFevre u.a. (2015)
LeFevre ML. Screening for vitamin D deficiency in adults: U.S. Preventive Services Task Force recommendation statement. Ann Intern Med. 2015;162(2):133-40. (Zusammenfassung der Empfehlung)