Keine Belege für Spermidin gegen Demenz

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Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 11. April 2022
Nahrungsergänzungsmittel gegen Demenz? Klingt verlockend.
Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin werden mit einer angeblichen Anti-Demenz-Wirkung beworben. Eine wissenschaftliche Grundlage für diese Behauptungen fehlt jedoch.
Frage:
Verringern Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin oder eine Spermidin-reiche Ernährung das Risiko für Alzheimer und andere Formen von Demenz? Helfen sie bei bereits vorhandener Demenz?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Hersteller von Spermidin-Mitteln werben mit einer angeblichen positiven Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit und Schutz vor Demenz. Eine solche Wirkung wurde allerdings nicht in aussagekräftigen Studien nachgewiesen. Wir fanden eine einzige Studie, an der Demenz-Patientinnen und -Patienten teilgenommen hatten. Ihre Ergebnisse sind allerdings wenig eindeutig.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Der Stoff Spermidin wird vom menschlichen Körper selbst hergestellt, er kommt aber auch in bestimmten Nahrungsmitteln vor. Bei Fruchtfliegen und Mäusen kann Spermidin Körperzellen dazu bringen, Ablagerungen zu beseitigen und sich so selbst zu reinigen – das haben Studien im Labor ergeben [4]. Fachleute sprechen von Autophagie.

Ablagerungen in den Nervenzellen des Gehirns spielen eine Rolle in der Entstehung von Alzheimer-Demenz beim Menschen. Man könnte also schlussfolgern, dass Spermidin vor Alzheimer-Demenz schützt oder diese lindern kann. Aber funktioniert das so einfach?

Ja, legen Anbieter von Spermidin-Präparaten nahe und werben mit einer Schutzwirkung für die grauen Zellen. Aber können sie diesen Effekt auch wissenschaftlich beweisen? Worauf basieren ihre Versprechungen?

Einzige Studie zu Demenz: wenig überzeugend

Wir haben uns auf die Suche nach Studien gemacht, die den Einfluss von Spermidin auf die geistige Leistungsfähigkeit bei Demenz oder Gedächtnis-Problemen untersucht haben. Gefunden haben wir zwei [1,2]. Nur in einer haben tatsächliche Menschen mit Demenz teilgenommen [1]. Ihre Ergebnisse finden wir nicht sehr überzeugend.

Die 92 älteren Teilnehmenden lebten in Altersheimen und wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt drei Monate lang zum Frühstück Gebäck, das reich an Spermidin war. Die andere Gruppe erhielt zum Vergleich Spermidin-armes Gebäck (Kontroll-Gruppe).

Zu Beginn und am Ende der Studie nach drei Monaten testete das Studienteam die geistige Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden. Die Ergebnisse sind wenig eindeutig. In einzelnen Kategorien der Tests schnitten die Teilnehmenden mit der Spermidin-reichen Ernährung am Ende zwar besser ab als zu Beginn der Studie, während die Kontroll-Gruppe sich nicht verbesserte. Insgesamt betrachtet gab es aber keinen Unterschied zwischen Spermidin- oder Kontrollgruppe.

Kleine Studie ohne Demenz-Erkrankte

An einer zweiten Studie nahmen 28 Personen teil, die das Gefühl hatten, ihre geistige Leistungsfähigkeit würde sich verschlechtern [2]. Sie hatten jedoch keine Demenz, ganz im Gegenteil: Personen mit Demenz waren von der Studie explizit ausgeschlossen. Die Teilnehmenden nahmen drei Monate lang entweder Kapseln mit Spermidin oder ein gleich aussehendes Schein-Präparat (Placebo) ein.

Hier zeigte sich insgesamt keine deutliche Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit. Die Studie war allerdings auch zu klein, um einen möglichen Effekt von Spermidin beweisen oder ausschließen zu können.

Studien zu Spermidin: nicht genug als Wirksamkeits-Beleg

Selbst wenn beide Studien zu überwältigend positiven Ergebnissen gekommen wären, hätten wir dennoch Bedenken zu ihrer Aussagekraft. Denn in beiden Fällen nahmen nur wenige Personen teil. Hinzu kommt, dass in der ersten Studie nur etwa drei Viertel der 92 Teilnehmenden überhaupt die Symptome einer Demenz hatten [1]. Dass manche Teilnehmenden ihr Frühstücksgebäck aufgegessen hatten während andere nichts davon angerührt hatten, war ein weiterer Unsicherheitsfaktor in dieser Studie. Wieviel Spermidin tatsächlich aufgenommen wurde, lässt sich so schwer abschätzen.

Aber es wäre doch so einfach!

Angesichts der Vermarktung von Spermidin-Präparaten als Gedächtnis-Booster hat uns die dünne Studienlage überrascht. Denn im Grunde wäre die angebliche Wirksamkeit von Spermidin gegen Demenz einfach zu untersuchen: Wichtig wäre, Menschen zu untersuchen, die tatsächlich an Demenz erkrankt sind oder zumindest eindeutig Probleme mit dem Gedächtnis haben. Die Spermidin-Gruppe erhält am besten Spermidin in Kapselform – in jener Form also, in der es von Herstellern als Nahrungsergänzungsmittel angeboten wird. So wird sichergestellt, dass alle dieselbe Menge an Spermidin einnehmen. Die Vergleichsgruppe dagegen bekäme in unserer idealen Studie identisch aussehende Kapseln ohne Spermidin, also ein Placebo. Am Ende würde das Studienteam die geistige Leistungsfähigkeit der Spermidin-Gruppe mit jener der Placebo-Gruppe vergleichen – und zwar ohne zu wissen, wer welcher Gruppe angehört.

Im Internet fanden wir Hinweise auf eine solche Studie, deren Ergebnisse für den Herbst 2020 erwartet wurden [3]. Doch diese Ergebnisse scheinen bis heute nicht veröffentlicht worden zu sein. Wir haben bei der leitenden Forscherin der Studie per Mail nachgefragt, jedoch bisher keine Antwort erhalten (Stand April 2022).

Jungbrunnen Spermidin?

Der Körper stellt den eiweißähnlichen Stoff Spermidin selbst her und er findet sich in allen Zellen des Körpers. Wir nehmen ihn aber auch mit verschiedenen Nahrungsmitteln zu uns. Seine genaue Funktion im Körper ist noch nicht vollständig erforscht. Seinen Namen hat Spermidin übrigens daher, dass es erstmals in Sperma entdeckt wurde – denn auch dort kommt es in großer Menge vor.

Körpereigenes Spermidin spielt eine Rolle beim Erneuern und Abbauen alter Zellbestandteile („Autophagie“). Fachleute vermuten, dass diese Funktion auch den natürlichen Alterungsprozess beeinflusst. Nahrungsergänzungsmittel mit Spermidin werden deshalb auch als eine Art „Jungbrunnen“ beworben und sollen zu einem längeren und gesünderen Leben verhelfen. Etwas voreilig, wie wir finden. In Laborexperimenten lebten Fruchtfliegen und Mäuse tatsächlich länger, wenn sie Spermidin-reiches Futter zu fressen bekamen [4]. Doch das muss nicht zwangsläufig auch für Menschen gelten. Wie und ob zusätzlich über die Nahrung aufgenommenes Spermidin wirkt, ist wissenschaftlich derzeit nicht ausreichend erforscht. Zu Spermidin als Anti-Aging-Mittel haben wir hier bereits recherchiert.

Demenz: Geistig und körperlich Aktive besser geschützt

Mit steigendem Alter nimmt das Risiko für Demenz stetig zu. Im Alter von über 85 Jahren sind geschätzt 6 bis 8 von 100 Menschen von Demenz betroffen [5]. Wie genau es zu der Erkrankung kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Ein Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn und Ablagerungen zwischen den Nervenzellen dürften eine Rolle spielen. Diabetes, hohes Cholesterin, Bluthochdruck, Depression, Schwerhörigkeit und Einsamkeit erhöhen wahrscheinlich das Demenz-Risiko. Menschen, die sich geistig und körperlich betätigen und sozial aktiv sind, dürften dagegen weniger häufig an Demenz erkranken [6].

Mehr zum Thema Demenz

Ausführliche und wissenschaftlich fundierte Informationen zur Demenz gibt es bei Gesundheitsinformation.de.

Wir haben uns bereits einige Nahrungsmittel und Behandlungen genauer angesehen, die bei Demenz helfen oder davor schützen sollen:

Transkranielle Pulsstimulation: Wirkung bei Alzheimer unbelegt
Kurkuma bei Demenz: Keine Hinweise auf Wirksamkeit
Orangensaft: kein Beleg für Anti-Demenz-Wirkung
Schützt Kaffee vor Demenz und Co.?

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Die Studien im Detail

[1] Pekar u.a. (2021)

Studienart: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 92 Teilnehmende (70 Frauen, 22 Männer), durchschnittlich 83 Jahre alt; 57 Teilnehmende hatten Symptome einer leichten bis moderaten Demenz und 5 einer schweren Demenz; 23 hatten keine Demenz;
Dauer der Studie: 3 Monate
Was wurde untersucht: Verbessert eine vermehrte Spermidin-Aufnahme über die Nahrung die geistige Leistungsfähigkeit, gemessen mittels CERAD Test?
Behandlungsgruppe: Gebäck mit 3,3g Spermidin zum Frühstück, 6-mal pro Woche.
Vergleichsgruppe: Gebäck mit 1,9 mg Spermidin zum Frühstück, 6-mal pro Woche
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Aussagekraft der Studie: gering

Wichtige Informationen fehlen: Es bleibt unklar, ob die Teilnehmenden der Spermidin-Gruppe und der Vergleichsgruppe dieselben Ausgangsbedingungen hatten. Auch ist unklar, ob die Zuteilung zu den Gruppen tatsächlich zufällig erfolgte. Von 92 Teilnehmenden zu Beginn haben 79 die Studie auch beendet. Die Teilnehmenden-Anzahl ist gering und das Risiko ist hoch, dass die Ergebnisse nicht auf die Realität umlegbar sind. Wir schätzen die Studie als nicht aussagekräftig ein.

Ergebnisse:
Sowohl die Spermidin-Gruppe als auch die Vergleichsgruppe hatten am Ende der Studie weniger Demenz-Symptome und eine bessere geistige Leistungsfähigkeit. Gesondert betrachtet schnitt die Spermidin-Gruppe bei einzelnen Unterpunkten der Tests zwar besser ab als die Vergleichsgruppe. In Summe war am Ende der Studie der Schweregrad der Demenz jedoch in beiden Gruppen ähnlich.

Pekar, T., Bruckner, K., Pauschenwein-Frantsich, S., Gschaider, A., Oppliger, M., Willesberger, J., … & Jarisch, R. (2021). The positive effect of spermidine in older adults suffering from dementia. Wiener klinische Wochenschrift, 133(9), 484-491. (Link zur Studie)

 

[2] Wirth u.a. (2018)

Studienart: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmende: 28 Teilnehmende (18 Frauen, 10 Männer) mit subjektiver kognitiver Verschlechterung, aber ohne Demenz-Diagnose; 65 bis 74 Jahre;
Dauer der Studie: 3 Monate
Was wurde untersucht: Verbessert eine vermehrte Spermidin-Aufnahme als Nahrungsergänzungsmittel die geistige Leistungsfähigkeit, gemessen mittels verschiedener Gedächtnis- und Konzentrationstests?
Behandlungsgruppe: täglich 1,2 mg Spermidin als Pflanzenextrakt in Kapsel-Form
Vergleichsgruppe: identische Kapseln ohne Spermidin
Interessenskonflikte: Die verwendeten Spermidin-Präparate wurden von The Longevity Labs GmbH zur Verfügung gestellt, die auch in den Vertrieb von Spermidin Nahrungsergänzungsmitteln involviert ist.

Aussagekraft der Studie: gering

Aufgrund der sehr geringen Anzahl von Teilnehmenden ist die Studie prinzipiell nicht geeignet, einen Effekt von Spermidin auf die geistige Leistungsfähigkeit nachzuweisen oder zu widerlegen. Es bleibt zudem unklar, ob die Teilnehmenden der Spermidin-Gruppe und der Vergleichsgruppe dieselben Ausgangsbedingungen hatten und ob die beiden Gruppen zur selben Tageszeit getestet wurden. Fraglich ist auch, ob die Zuteilung zu den Gruppen tatsächlich zufällig erfolgte und die Gruppen dadurch vergleichbar waren. Auch wurden die Ergebnisse einiger Tests, die laut Studienteam durchgeführt wurden, nicht berichtet.

Ergebnisse:
In einem Untertest zeigte die Spermidin-Gruppe zwar leichte Verbesserungen, während das in der Vergleichs-Gruppe nicht der Fall war. Insgesamt gab es jedoch keine Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit zwischen der Spermidin- und der Vergleichs-Gruppe.

Wirth, M., Benson, G., Schwarz, C., Köbe, T., Grittner, U., Schmitz, D., Sigrist, S. J., Bohlken, J., Stekovic, S., Madeo, F., & Flöel, A. (2018). The effect of spermidine on memory performance in older adults at risk for dementia: A randomized controlled trial. Cortex, 109, 181-188. (Link zur Studie)

Wissenschaftliche Quellen


[3] Wirth, M., Schwarz, C., Benson, G., Horn, N., Buchert, R., Lange, C., … & Flöel, A. (2019). Effects of spermidine supplementation on cognition and biomarkers in older adults with subjective cognitive decline (SmartAge)—study protocol for a randomized controlled trial. Alzheimer’s Research & Therapy, 11. (Link zum Studienprotokoll)

[4] Madeo, F., Eisenberg, T., Pietrocola, F., & Kroemer, G. (2018). Spermidine in health and disease. Science (New York, N.Y.), 359(6374), eaan2788. https://doi.org/10.1126/science.aan2788

[5] UpToDate (2018)
Epidemiology, pathology, and pathogenesis of Alzheimer disease. UpToDate 2018. Abgerufen am 28.2.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[6] IQWiG (2021)
Abgerufen am 5.4.2022 unter www.gesundheitsinformation.de