Transkranielle Pulsstimulation: Wirkung bei Alzheimer unbelegt

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Bernd Kerschner

zuletzt aktualisiert: 17. März 2022
Alzheimer-Demenz betrifft viele. Der Wunsch nach einer wirksamen Behandlung ist groß.
Die transkranielle Pulsstimulation soll mittels Ultraschall das Gedächtnis von Alzheimer-Betroffenen verbessern. Ausreichend erforscht ist die Behandlung nicht.
Frage:
Verbessert die transkranielle Pulsstimulation (TPS) die geistige Leistungsfähigkeit von Menschen mit Alzheimer-Demenz? Kann die Behandlung die Lebensqualität von Betroffenen erhöhen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
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Erklärung:
Ob die transkranielle Pulsstimulation Menschen mit Alzheimer-Demenz helfen kann, wurde bisher nicht in aussagekräftigen Studien untersucht. Auch mögliche schädliche Auswirkungen sind unzureichend erforscht.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Alzheimer-Demenz ist mehr als bloße Vergesslichkeit. Betroffene können ihren Alltag ohne fremde Hilfe oft nicht mehr meistern, verlieren die Orientierung oder bringen sich selbst und andere in Gefahr. Für Angehörige ist es meist schmerzhaft, wenn ein von Demenz betroffener geliebter Mensch nicht mehr der ist, der er einmal war. Eine wirksame Therapie, die Demenz heilen oder das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten kann, gibt es nicht. Der Wunsch nach wirksamen Behandlungen ist verständlicherweise groß.

Transkranielle Pulsstimulation: Starthilfe fürs Gehirn?

Eine solche Wirksamkeit versprechen Anbieter der sogenannten transkraniellen Pulsstimulation – beworben unter dem Markennamen „TPS“. Eine Leserin machte uns auf diese Behandlungsmöglichkeit aufmerksam. Die TPS soll mittels Ultraschall-Pulsen das Gehirn „anregen“ und so das Gedächtnis verbessern, körperlich und geistig fitter machen und sogar Ängste und Depressionen lindern können. Wer solch große Versprechungen macht, hat doch sicher stichhaltige Beweise aus der Wissenschaft – oder? Zumindest auf den Websites von Anbietern finden sich mitunter lange Listen an Studien, die die behauptete Wirksamkeit der transkraniellen Pulsstimulation untermauern sollen [8,9]. Wir haben uns diese Studien näher angesehen und uns in wissenschaftlichen Datenbanken selbst auf die Suche gemacht. Auch bei einem Anbieter haben wir bezüglich der Studienlage nachgefragt.

Aussagekräftige Studien: nur mit Demenzkranken möglich

Um die Wirksamkeit einer Behandlung bei Demenz untersuchen zu können, braucht man vor allem eines: Teilnehmende, die an Demenz erkrankt sind. Untersuchungen an Tieren oder an einzelnen Nervenzellen im Labor können zwar erste Hinweise liefern. Ein Beleg für eine Wirksamkeit beim Menschen sind sie nicht. Wir haben deshalb nach klinischen Studien mit menschlichen Teilnehmenden gesucht.

Fehlende Vergleichsgruppe

Wir konnten zwar zwei solche Studien finden, in denen die TPS-Methode untersucht worden war [1,2]. Als Belege für eine Wirksamkeit sind sie allerdings nicht geeignet. An den Studien nahmen 35 beziehungsweise 20 an Demenz erkrankte Personen teil. Auf den ersten Blick schienen sie nach einer TPS-Behandlung bei Gedächtnis-Tests insgesamt etwas besser abzuschneiden als davor [1]. Auch ihre Stimmung schien nach der Behandlung besser zu sein [2].

Das große Manko: Es ist unklar, ob die Ergebnisse ohne TPS genauso ausgefallen wären. Denn eine Vergleichsgruppe, die nicht behandelt wurde, gab es nicht. Ein Placebo-Effekt der Behandlung ist also nicht auszuschließen. Wir halten die Studienergebnisse deshalb für nicht aussagekräftig. Um eine Wirksamkeit zu zeigen, wären Studien mit mehr Teilnehmenden und einer Vergleichsgruppe notwendig.

Fraglich ist auch, ob die Behandlung auf Dauer sicher ist. Auch mögliche schädliche Auswirkungen einer wiederholten Behandlung wurden bisher nicht ausreichend erforscht.

Studienlisten: Nicht viel dahinter

Doch was ist nun mit den Studien, die Anbieter der Behandlung auf ihren Webseiten als angebliche Belege für eine Wirksamkeit aufzählen [8,9]? Die mögen auf den ersten Blick vielleicht beeindruckend aussehen. Tatsächlich hat keine dieser Studien die Wirksamkeit aussagekräftig überprüft. In manchen der aufgezählten Untersuchungen ging es gar nicht um Demenz, sondern andere Probleme wie Herzerkrankungen, Impotenz oder Rückenmarksverletzungen. Manche der Studien betreffen sogar vollkommen andere Behandlungen. Bei wieder anderen handelt es sich um Tierstudien oder Laborexperimente mit Nervenzellen.

Auch ein Anbieter der Behandlung konnte uns auf unsere Nachfrage hin keine weiteren Studien nennen, die die Wirksamkeit der TPS bei Demenz wissenschaftlich solide untersucht haben.

Transkranielle Pulsstimulation: als Alzheimer-Therapie nicht anerkannt

Auch wenn Anbieter der transkraniellen Pulsstimulation anderes behaupten: Als Therapie ist die Behandlung mit Ultraschall bei Demenz weder erforscht noch anerkannt. In medizinischen Leitlinien zur Behandlung der Erkrankung kommt die Methode nicht vor [4,5]. Denn es gibt derzeit keine Studien, die belegen können, dass sie Menschen mit Demenz kurzfristig oder anhaltend helfen kann. Möglicherweise wissen wir in Zukunft mehr: Bei unserer Suche sind wir auch auf einige laufende Studien gestoßen, deren Ergebnisse noch ausstehen [10-12].

Stimulation mit Ultraschall-„Schockwellen“

Bei der transkraniellen Pulsstimulation werden durch die Schädeldecke hindurch (transkraniell) pulsartige, nicht hörbare Ultraschallwellen geschickt. Diese Schockwellen verursachen kurze Reizungen im Hirngewebe. Als Reaktion werden im Gehirn bestimmte Botenstoffen freigesetzt und die betroffene Hirnregion vorübergehend stärker durchblutet [3]. Das soll laut Anbietern der Methode die geistige Leistungsfähigkeit bei Demenz verbessern. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es keine.

In anderem Zusammenhang eingesetzt

In einem anderen Zusammenhang ist die Methode jedoch schon seit längerem im Einsatz: Die Behandlung mit Ultraschall-Schockwellen kann kurzzeitig die sogenannte Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen, die normalerweise verhindert, dass Stoffe aus dem Blut ungehindert in die Nervenzellen gelangen. Damit kann Medikamenten der Zugang zu den Nervenzellen ermöglicht werden, die sie sonst nicht oder nur ungenügend erreichen würden [3].

Demenz: Geistig und körperlich Aktive besser geschützt

Das Risiko für Demenz nimmt mit steigendem Alter zu. Im Alter von über 85 Jahren sind geschätzt 6 bis 8 von 100 Menschen von Demenz betroffen [6]. Es gibt verschiedene Formen der Demenz, die mit Abstand häufigste ist die Alzheimer-Demenz [7]. Wie genau es zu der Erkrankung kommt, ist noch nicht vollständig klar. Ein Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn und Ablagerungen zwischen den Nervenzellen dürften eine Rolle spielen. Diabetes, hohes Cholesterin, Bluthochdruck, Depression, Schwerhörigkeit und Einsamkeit erhöhen wahrscheinlich das Demenz-Risiko. Menschen, die sich geistig und körperlich betätigen und sozial aktiv sind, dürften dagegen weniger häufig an Demenz erkranken [7].

Mythen rund um die Demenz

Rund um das Thema Demenz haben wir bereits einige Beiträge veröffentlicht. Wie zum Beispiel zum Gerücht, Menschen mit der Blutgruppe AB hätten ein höheres Demenz-Risiko. Das ist wahrscheinlich falsch, wie wir in diesem Beitrag bereits herausgefunden haben.

Die Behauptung, Organgensaft oder Kurkuma würden vor Demenz schützen, ist zumindest nicht belegt.

Entwarnung gibt es möglicherweise für passionierte Kaffeetrinker: Wir fanden vorsichtige Hinweise auf einen Demenz-Schutz durch Kaffee.

Ausführliche und wissenschaftlich fundierte Informationen zur Demenz gibt es bei Gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Wir haben in drei verschiedenen Datenbanken nach Studien gesucht, die die Wirksamkeit von transkranieller Pulsstimulation oder ähnlichen Verfahren gegen die Symptome einer Demenz-Erkrankung untersucht haben. Wir konnten jedoch keine Studien finden, die wissenschaftliche Mindestanforderungen erfüllen. Um eine Wirksamkeit nachzuweisen sind randomisiert-kontrollierte Studien notwendig – also Studien mir einer Vergleichs-Gruppe die keine oder eine Schein-Behandlung (Placebo) erhält.

In den einzigen zwei Studien [1,2], an denen Demenzkranke teilgenommen haben, fehlt jedoch eine solche Vergleichsgruppe.
An der ersten Studie nahmen 35 Männer und Frauen mit beeinträchtigter geistiger Leistungsfähigkeit teil, die vermutlich an Demenz erkrankt waren [1]. Nach der TPS-Behandlung schienen sie in manchen Gedächtnis-Tests besser abzuschneiden, in anderen hingegen schlechter.

Dasselbe Studienteam führte an 20 der Teilnehmenden aus der ersten Studie noch einen weiteren Versuch durch [2]. Der sollte klären, ob ein bis vier Wochen TPS-Behandlung eine vorhandene Depression bei den vermutlich an Demenz Erkrankten bessern kann. Insgesamt schienen die Teilnehmenden im Depressions-Test nach der Behandlung etwas besser abzuschneiden als vorher. Auch hier gab es jedoch keine Kontrollgruppe. Es bleibt also offen, ob schon die Erwartung eines Effekts zu einer verbesserten Stimmung bei den Teilnehmenden geführt hat.

Außerdem fehlen wichtige Informationen: Zum Beispiel geben die Autorinnen und Autoren der beiden Studie [1,2] keine Auskunft darüber, welche Bereiche des Gehirns genau sie behandelten. Auch wann und durch wen die anschließenden Gedächtnis-Tests durchgeführt wurden, bleibt offen [1]. Keine der Studien kann beantworten, ob die transkranielle Pulsstimulation oder ähnliche Verfahren Menschen mit Demenz hilft.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Beisteiner u.a. (2019)
Beisteiner, R. et al.: Transcranial Pulse Stimulation with Ultrasound in Alzheimer’s Disease—A New Navigated Focal Brain Therapy, Adv. Sci., 2019 (Studie in voller Länge)

[2] Matt u.a. (2022)
Matt, E., Dörl, G., & Beisteiner, R. (2022). Transcranial pulse stimulation (TPS) improves depression in AD patients on state‐of‐the‐art treatment. Alzheimer’s & Dementia: Translational Research & Clinical Interventions, 8(1), e12245. (Studie in voller Länge)

[3] Lipsman u.a. (2018)
Lipsman, N., Meng, Y., Bethune, A. J., Huang, Y., Lam, B., Masellis, M., … & Black, S. E. (2018). Blood–brain barrier opening in Alzheimer’s disease using MR-guided focused ultrasound. Nature communications, 9(1), 1-8. (Studie in voller Länge)

[4] S3-Leitlinien Demenzen (2016)
Abgerufen am 28.2.2022 unter www.awmf.org

[5] UpToDate (2021)
Treatment of Alzheimer disease. UpToDate 2021. Abgerufen am 24.2.2021 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[6] UpToDate (2018)
Epidemiology, pathology, and pathogenesis of Alzheimer disease. UpToDate 2018. Abgerufen am 28.2.2022 unter www.uptodate.com (Kostenpflichtig)

[7] IQWiG (2021)
Abgerufen am 28.2.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[8] https://www.alzheimer-deutschland.de/ueber-tps/tps-literatur-und-studien (Abgerufen am 9.3.2022)

[9] https://www.storzmedical.com/de/fachgebiete/neurologie/literatur (Abgerufen am 9.3.)

[10] Nct, Feasibility Study of Transcranial Ultrasound Stimulation on Alzheimer’s Disease Patients. Abgerufen am 9.3.2022 unter www.clinicaltrials.gov

[11] Jprn, Umin. Clinical efficacy and safety of a trans-cranial ultrasound apparatus LD-1 in the treatment of patients with mild Alzheimer’s disease. Abgerufen am 9.3.2022 unter www. trialsearch.who.int

[12] Nct, Deep Brain Stimulation With LIFUP for Mild Cognitive Impairment and Mild Alzheimer’s Disease. Abgerufen am 9.3.2022 unter www.clinicaltrials.gov