Mundspülung mit Hydroxylapatit: Corona-Schutz nicht plausibel

AutorIn:
Review: 

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2021
Corona wegspülen? Wenn’s denn so einfach wär…
Die Produkte „Linola sept Mundspülung“ und „Karex Abwehr“ sollen dank Hydroxylapatit vor Infektionen mit dem Coronavirus schützen. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es keine.
Frage:
Schützen Mundspülungen mit Hydroxylapatit, zum Beispiel die Produkte „Linola sept Mundspülung“ und „Karex Abwehr“, vor einer SARS-CoV-2-Infektion?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Es gibt keine Studien zur Anti-Corona-Wirkung von Hydroxylapatit-haltigen Mundspülungen wie „Linola sept“ oder „Karex Abwehr“. Wir fanden weder Studien zu den Produkten selbst noch zum angeblichen Wirkstoff Hydroxylapatit. Plausibel ist der behauptete Wirkmechanismus nicht.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Durch den Inhaltsstoff Hydroxylapatit können die Mundspülungen „Linola sept“ und „Karex Abwehr“ angeblich vor dem Coronavirus schützen – so lautet das Versprechen der Herstellerfirma. Im Fall einer Infektion soll das Hydroxylapatit die Bindung des Virus an die Schleimhautzellen in Mund und Rachen verhindern.

Soweit uns bekannt ist, sind „Linola sept“ und „Karex Abwehr“ die einzigen Mundspülungen mit dem Inhaltsstoff Hydroxylapatit, die mit einer Anti-Corona-Schutzwirkung werben. Einige Leserinnen und Lesern haben bei uns nachgefragt, was an diesem Versprechen dran ist. Die Schutzwirkung sei laut Produktinformation immerhin in klinischen Studien bestätigt. Wir haben uns auf die Suche nach diesen Studien gemacht.

Keine Studien auffindbar

Ohne Ergebnis allerdings. Bei unserer Suche in drei verschiedenen wissenschaftlichen Datenbanken fanden wir keine Studien, die die vermeintliche Anti-Coronavirus-Wirkung der Mundspülungen „Linola sept“ und „Karex Abwehr“ untersucht haben. Zu anderen Spülungen mit dem Inhaltsstoff Hydroxylapatit wurden wir ebenfalls nicht fündig.

Auch die Herstellerfirma konnte auf unsere Nachfrage hin keine aussagekräftigen Studien nennen. Sie verweist jedoch auf eine derzeit laufende Studie, deren Ergebnisse bald verfügbar sein sollen.

An der eigentlichen Frage vorbeigeforscht?

Laut Eintrag in einem Studienregister [2] sollen daran Covid-19-Erkrankte teilnehmen, die zweimal täglich mit der „Linola sept“-Mundspülung gurgeln. Zentrale Frage der Studie ist, ob das Gurgeln die Viren im Rachenraum reduziert.

Ob die Mundspülung vor einer Infektion schützt, wird diese Studie allerdings nicht beantworten können, denn das wird darin gar nicht untersucht.

Für die Behauptung, Mundspülungen mit Hydroxylapatit könnten Corona-Infektionen vermeiden, gibt es also keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte.

Viren weggurgeln: nicht plausibel

Ob das Gurgeln mit antimikrobiell wirkenden Mundspülungen vor einer Coronainfektion schützen oder im Fall einer Covid-19 Erkrankung helfen kann, haben wir uns bereits genauer angesehen.

Unser Fazit: Wissenschaftliche Hinweise auf eine Wirkung von Mundspülungen gegen Corona-Infektionen fehlen. Eine vorbeugende oder lindernde Wirkung ist auch wenig plausibel.

Zum einen befinden sich Coronaviren im Mund- und Rachen-Raum normalerweise nicht außen auf der Schleimhaut, sondern im Inneren der Schleimhautzellen. Dort sind sie unerreichbar für eine Mundspülung, und können deshalb nicht einfach weggegurgelt werden.

Denkbar wäre das nur in einem sehr kleinen Zeitfenster – exakt dann, wenn die Viren über Mund und Nase in den Körper gelangen und sich außen an der Schleimhaut anheften [1]. Um einer Ansteckung vorzubeugen, wäre also ununterbrochenes Gurgeln notwendig.

Ein zusätzliches Manko bei der Theorie vom Weggurgeln: Dabei alle Viren zu erwischen, ist höchst unwahrscheinlich. Denn die meisten Coronaviren befinden sich im Nasenrachen-Raum, also an der Hinterwand der Nase. Dieser Bereich wird beim Gurgeln normalerweise nicht erreicht.

Tausendsassa Hydroxylapatit?

Das Mineral Hydroxylapatit kommt im Körper natürlicherweise in Knochen und Zähnen vor. Es macht etwa den Zahnschmelz hart und widerstandsfähig gegen Karies.

In der Medizin wird Hydroxylapatit schon seit längerem als Knochenersatzmaterial eingesetzt, beispielsweise bei Zahn-OPs. Es findet sich auch in der Zutatenliste bestimmter Zahnpflegeprodukte, die angeblich den Zahnschmelz härten. Sie enthalten das Mineral in Form winzigster Partikel: sogenanntes Nano-Hydroxylapatit. Auch für dieses Versprechen gibt es keinerlei wissenschaftliche Hinweise, wie wir in einem anderen Beitrag ausführlich berichtet haben.

Fanden Sie den Beitrag hilfreich?

Die Studien im Detail

Wir konnten keine Studien finden, die untersucht haben, ob Mundspülungen mit Hydroxylapatit vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützen können. Auch zu den Produkten „Linola sept Mundspülung“ und „Karex Abwehr“ konnten wir keine Studien finden.

Eine Studie, die die Schutzwirkung überprüfen kann, würde folgendermaßen aussehen:
Eine möglichst große Gruppe von Menschen gurgelt täglich mit einer Hydroxylapatit-haltigen Mundspülung. Eine zweite, etwa gleich große Gruppe gurgelt täglich mit einer Mundspülung, die identisch schmeckt und aussieht, aber kein Hydroxylapatit enthält – also mit einem Placebo-Präparat.

Weder die Teilnehmenden noch das Forschungsteam wissen, wer welche Mundspülung verwendet. Nach einer bestimmten Zeitspanne wird verglichen, wie viele Personen in jeder Gruppe sich in der Zwischenzeit mit dem Coronavirus infiziert haben. Idealerweise würden an der Studie Personen teilnehmen, die einem hohen Risiko für Ansteckung ausgesetzt sind, wie etwa ungeimpftes Gesundheitspersonal.

Eine solche Studie wurde bisher offenbar nicht durchgeführt.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Carrouel, F., Gonçalves, L. S., Conte, M. P., Campus, G., Fisher, J., Fraticelli, L., Gadea-Deschamps, E., Ottolenghi, L., & Bourgeois, D. (2021).
Antiviral Activity of Reagents in Mouth Rinses against SARS-CoV-2. Journal of Dental Research, 100(2), 124–132.
(Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Deutsches Register klinischer Studien
Abgerufen am 21.5.2021 unter https://www.drks.de/drks_web/navigate.do?navigationId=trial.HTML&TRIAL_ID=DRKS00024412