Vitamin C gegen Coronavirus: kein Beleg für Wirksamkeit

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Jana Meixner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 15. März 2021
Unbelegten Behauptungen zufolge soll Vitamin C das Coronavirus bekämpfen
Zu Vitamin C gibt es viele Behauptungen. Eine davon: Vitamin C soll gegen das Coronavirus wirken. Bisherige Studien liefern dazu keine Hinweise.
Frage:
Kann Vitamin C einer Infektion mit dem Coronavirus vorbeugen oder Todesfälle durch Covid-19 verhindern?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Bisherige Studien sind nicht aussagekräftig. Es gibt keine Belege dafür, dass hochdosierte Vitamin-C-Infusionen das Risiko senken, an Covid-19 zu sterben. Eine vorbeugende Wirkung ist überhaupt nicht erforscht.

Wie gehen wir vor?

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Um die gesundheitsfördernde Wirkung von Vitamin C ranken sich zahlreiche Mythen. Dazu zählt auch die Behauptung, Vitamin C könne Erkältungsviren bekämpfen.

Dass das nicht stimmt, zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien. Demnach können Vitamin-C-Präparate Erkältungen (Verkühlungen) weder lindern noch haben sie eine nennenswerte vorbeugende Wirkung (siehe Vitamin C ist bei Erkältungen nutzlos).

Auch zur Bekämpfung anderer Krankheiten mit Hilfe von Vitamin C kursieren diverse Behauptungen, doch solide Belege fehlen. Demnach soll Vitamin C vor dem Coronavirus schützen oder schwere Verläufe von Covid-19 lindern.

Vier Studien, aber kein Beweis

Bisher wurden vier Studien [1-4] zur Vitamin-C-Behandlung bei Covid-19 veröffentlicht. Hinweise auf eine Wirksamkeit von Vitamin C können sie keine liefern.

In drei [1-3] der vier Untersuchungen waren die Studienteilnehmenden so schwer an Covid-19 erkrankt, dass sie im Spital aufgenommen werden mussten. Alle Teilnehmenden erhielten die übliche und verfügbare Standardbehandlung. Aber nur die Hälfte erhielt hochdosiertes Vitamin C – meist als Infusion, in einer Studie [4] auch zum Schlucken.

Der Vergleich der beiden Gruppen deutet nicht darauf hin, dass Vitamin C Todesfälle durch Covid-19 verhindern kann. Aufgrund von Mängeln sind die Studien allerdings wenig aussagekräftig [5]. Mehr Klarheit könnten nur zukünftige Untersuchungen liefern.

Eine etwaige vorbeugende Wirkung ist bisher in keiner Studie untersucht worden. Ob Vitamin C das Risiko für eine Coronavirus-Infektion verringern kann, ist somit unerforscht.

Unerwünschte Wirkungen

Vitamin C ist wasserlöslich. Überschüssige Mengen kann der Körper rasch mit dem Urin ausscheiden [6]. Somit können sich keine bedenklichen Mengen im Körper ansammeln, daher dürften schwere Nebenwirkungen selten sein.

Wird das Vitamin hochdosiert geschluckt, kann das Durchfall, Bauchschmerzen oder Übelkeit zur Folge haben [4,6]. Hohe Vitamin-C-Mengen erhöhen zudem das Risiko für Nierensteine und Nierenstörungen [6].

Wieviel Vitamin C brauchen wir?

Der tägliche Bedarf für das Vitamin liegt bei rund 100 Milligramm, wobei die Empfehlungen leicht schwanken [7,8]. Bereits eine Orange oder ein Paprika sind mehr als ausreichend, um diese Menge abzudecken [8,9].

Vitamin C findet sich unter der chemischen Bezeichnung Ascorbinsäure auch in vielen Fertigprodukten. Dort wird es als Konservierungsmittel zugesetzt.

Laut Österreichischem Ernährungsbericht sind die Menschen hierzulande ausreichend mit dem Vitamin versorgt [10].

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Die Studien im Detail

Ob Vitamin C bei Covid-19 hilft, können nur randomisiert-kontrollierte Studien aussagekräftig beantworten. Bei dieser Studienform werden die erkrankten Testpersonen per Zufall (randomisiert) zwei Gruppen zugeteilt: Die Behandlungsgruppe erhält die Standardbehandlung plus Vitamin C. Die Kontrollgruppe bekommt neben der Standardbehandlung bloß ein wirkungsloses Scheinmedikament (Placebo).

Damit die Erwartungen des Forschungsteams und der Teilnehmenden die Ergebnisse nicht verzerren, sollte geheim bleiben, wer das Vitamin C bzw. das Placebo bekommt. Diese Geheimhaltung der Gruppenzuteilung heißt „Verblindung“.

Vitamin C als Infusion

Zur Behandlung von Covid-19 haben wir bei unserer Recherche eine laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit [5] gefunden, in der die bisherige Studienlage zu Vitamin C zusammengefasst ist. Dahinter steht ein internationales Forschungsteam, welches wöchentlich nach neuen randomisiert-kontrollierten Studien sucht und diese analysiert.

Zur Behandlung mit hochdosierten Vitamin-C-Infusionen hat das Forschungsteam drei solche Studien gefunden. Nur für eine dieser Studien sind jedoch vollständige Daten veröffentlicht [1]. Darin wurden 56 Intensivpatientinnen und -patienten mit Covid-19 aus drei chinesischen Spitälern einer von zwei Gruppen zugelost. Die Behandlungsgruppe erhielt 7 Tage lang alle 12 Stunden 12 Gramm Vitamin C in einer Infusion. Die Kontrollgruppe bekam stattdessen Infusionen ohne Wirkstoff.

Die Teilnehmenden wurden 28 Tage lang beobachtet. In diesem Zeitraum zeigte sich bei den Todesfällen kein klarer Unterschied. Das ist allerdings kein Beleg dafür, dass Vitamin C eindeutig nutzlos ist. Denn insgesamt ist die Anzahl der untersuchten Patientinnen und Patienten viel zu klein für ein aussagekräftiges Ergebnis.

Auch die Ergebnisse der anderen beiden Studien aus Pakistan [2] und dem Iran [3] deuten nicht auf einen Unterschied bei den Todesfällen hin.

Leider sind diese beiden Studien aufgrund grober Mängel nicht aussagekräftig und wurden nicht in der systematischen Übersichtsarbeit berücksichtigt. So ist unklar, über welchen Zeitraum die Teilnehmenden beobachtet wurden. Es lässt sich daher nicht nachvollziehen, ob die Zählung der Todesfälle immer nach dem gleichen Prinzip erfolgte und vergleichbar ist.

In der pakistanischen Studie [2] fehlt zudem die Information, wie lange die Vitamin-C-Behandlung gedauert hat. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Studien waren nicht verblindet. Die Teilnehmenden der Kontrollgruppe erhielten zusätzlich zur Standardbehandlung, die auch die Vitamin-C-Gruppe bekam, keine Scheininjektionen.

Vitamin C zum Schlucken

In einer randomisiert-kontrollierten Studie mit 98 leicht Erkrankten schluckte die Behandlungsgruppe hochdosierte Vitamin-C-Präparate [4]. 10 Tage lang nahm sie je 8 Gramm Vitamin C ein. Die Kontrollgruppe bekam lediglich die übliche Standardbehandlung. Nach 28 Tagen war eine Person gestorben – sie hatte die Vitamin-C-Behandlung bekommen.

Aufgrund der geringen Anzahl der Todesfälle und grober Fehler in der Studiendurchführung sind aber auch diese Ergebnisse nicht aussagekräftig.

Keine Studien zur Vorbeugung

Zu einem möglichen vorbeugenden Effekt konnten wir trotz umfangreicher Recherche in mehreren Forschungsdatenbanken keine randomisiert-kontrollierten Studien finden. Auch andere Studienarten zur Vorbeugung von Covid-19 konnten wir nicht ausfindig machen.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Zhang u.a. (2021)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie mit einfacher Verblindung
Teilnehmende: 56 Covid-19-Erkrankte in der Intensivstation
Studiendauer: Behandlung: 7 Tage, Beobachtungszeitraum: 28 Tage
Fragestellung: Bessert eine Vitamin-C-Infusionsbehandlung Covid-19-Beschwerden wirksamer als eine Schein-Infusionsbehandlung? Verringert sie das Sterberisiko?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam, öffentlich finanziert

Zhang J, Rao X, Li Y, Zhu Y, Liu F, Guo G, Luo G, Meng Z, De Backer D, Xiang H, Peng Z. Pilot trial of high-dose vitamin C in critically ill COVID-19 patients. Ann Intensive Care. 2021 Jan 9;11(1):5. (Studie in voller Länge)

[2] Kumari u.a. (2020)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie ohne Verblindung
Teilnehmende: 150 schwer an Covid-19-Erkrankte im Spital
Studiendauer: weder Behandlungsdauer noch Beobachtungszeitraum sind angegeben
Fragestellung: Bessert eine Vitamin-C-Infusionsbehandlung Covid-19-Beschwerden wirksamer als keine solche Behandlung? Verringert sie das Sterberisiko?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam, Angaben zur Studienfinanzierung fehlen

Kumari P, Dembra S, Dembra P, Bhawna F, Gul A, Ali B, Sohail H, Kumar B, Memon MK, Rizwan A. The Role of Vitamin C as Adjuvant Therapy in COVID-19. Cureus. 2020 Nov 30;12(11):e11779. (Studie in voller Länge)

[3] JamaliMoghadamSiahkali u.a. (2021)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie ohne Verblindung
Teilnehmende: 60 schwer an Covid-19-Erkrankte im Spital
Studiendauer: Behandlungsdauer: 5 Tage, Beobachtungszeitraum unklar
Fragestellung: Bessert eine Vitamin-C-Infusionsbehandlung Covid-19-Beschwerden wirksamer als keine solche Behandlung? Verringert sie das Sterberisiko?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam, öffentlich finanziert

JamaliMoghadamSiahkali S, Zarezade B, Koolaji S, SeyedAlinaghi S, Zendehdel A, Tabarestani M, Sekhavati Moghadam E, Abbasian L, Dehghan Manshadi SA, Salehi M, Hasannezhad M, Ghaderkhani S, Meidani M, Salahshour F, Jafari F, Manafi N, Ghiasvand F. Safety and effectiveness of high-dose vitamin C in patients with COVID-19: a randomized open-label clinical trial. Eur J Med Res. 2021 Feb 11;26(1):20. (Studie in voller Länge)

[4] Thomas u.a. (2021)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie ohne Verblindung
Teilnehmende: 98 leicht an Covid-19-Erkrankte
Studiendauer: Behandlungsdauer: 10 Tage, Beobachtungszeitraum 28 Tage
Fragestellung: Bessert die regelmäßige Einnahme von hochdosiertem Vitamin Covid-19-Beschwerden wirksamer als keine solche Behandlung? Verringert sie das Sterberisiko?
Interessenskonflikte: eine Autorin und ein Autor erhielten Gelder aus der pharmazeutischen Industrie

Thomas S, Patel D, Bittel B, et al. Effect of High-Dose Zinc and Ascorbic Acid Supplementation vs Usual Care on Symptom Length and Reduction Among Ambulatory Patients With SARS-CoV-2 Infection: The COVID A to Z Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2021 Feb 1;4(2):e210369. (Studie in voller Länge)

[5] COVID-NMA Consortium (2021)
Studienart: Laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 1 von 3 randomisiert-kontrollierten Studien [5]
Fragestellung: Vitamin C verglichen mit einem Scheinmedikament zur Behandlung von Covid-19
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren
The COVID-NMA initiative. Vitamin C vs Standard of care/Placebo. Abgerufen am 10. 3. 2021. Zur Analyse in voller Länge: www.covid-nma.com

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll der Übersichtsarbeit)

[6] UpToDate (2021)
Pazirandeh S. Overview of water-soluble vitamins. In Hoppin AG (ed.). Abgerufen am 15. 3. 2021 unter www.uptodate.com (Zugriff kostenpflichtig)

[7] UpToDate (2021)
Vitamin C (ascorbic acid): Drug information. Abgerufen am 15. 3. 2021 unter www.uptodate.com (Zugriff kostenpflichtig)

[8] Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2016)
Vitamine – Deckung des Tagesbedarfs. Abgerufen am 15. 3. 2021 unter gesundheit.gv.at

[9] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2002)
Mittlere Gewichte einzelner Obst- und Gemüseerzeugnisse. Abgerufen am 15. 3. 2021 unter www.bvl.bund.de

[10] Bundesministerium für Gesundheit (2012)
Österreichischer Ernährungsbericht 2012. Abgerufen am 15. 3. 2021 unter ernaehrungsbericht.univie.ac.at