Wie verlässlich sind Corona-Nasenbohrertests?

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Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 15. April 2021
Mit Nasenbohrertests auf das Coronavirus testen – besonders für Kinder eine Alternative zum Abstrich aus dem Nasenrachen.
Die Nasenbohrertests haben einige Vorteile. Auf ihre Ergebnisse ist jedoch nur bedingt Verlass.
Frage:
Erkennen selbst durchgeführte Nasenbohrertests bei beschwerdefreien Personen genauso verlässlich eine Coronavirus-Infektion wie professionell durchgeführte Schnelltests mit Abstrich aus dem Nasenrachen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Der Nasenbohrertest soll unkomplizierter und weniger unangenehm sein als der Schnelltest mit einem tiefen Abstrich aus dem Nasenrachen. Ob beide Test-Methoden ähnlich verlässliche Ergebnisse liefern, ist jedoch unklar. Bisher fehlt ein direkter Vergleich von selbst durchgeführten Nasenbohrertests und Nasenrachen-Schnelltests durch geschultes Personal. Vergleiche mit dem PCR-Test, dem derzeit verlässlichsten Coronavirus-Nachweis, aber zeigen: Bei Personen ohne Covid-19 Symptome ist auf den Nasenbohrertest eher wenig Verlass. Etwa drei Viertel der Infektionen könnten damit übersehen werden.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus.

Ein Corona-Test mit Abstrich aus dem Nasenrachen ist oftmals eine wenig angenehme Angelegenheit, besonders für Kinder. Außerdem erfordert er geschultes Personal, das mit einem dünnen Wattestäbchen eine Schleim-Probe tief aus der Nase entnimmt, von der hintersten Wand des Nasenrachens (Nasopharynx).

Unkomplizierte Alternativen zum Selbermachen sind also gefragt. Neben Spuck- und Gurgeltests gibt es deshalb seit einiger Zeit auch die Nasenbohrertests. Der oder die Getestete bohrt dazu mit einem Wattestäbchen so tief wie möglich in der Nase. Genauso wie beim professionell durchgeführten Schnelltest mit Nasenrachen-Abstrich handelt es sich auch beim Nasenbohrertest um einen Antigen-Schnelltest. Ausgewertet werden beide Tests nach demselben Prinzip – nur die Art des Abstrichs ist unterschiedlich. Einmal weit hinten aus dem Nasenrachen, einmal aus der vorderen Nase.

Unkomplizierter – aber auch verlässlich?

Während die Selbst-Abnahme eines tiefen Nasenrachen-Abstriches einiges an Überwindung erfordert, können die Nasenbohrertests einfacher selbst durchgeführt werden – ein großer Vorteil.

In österreichischen Apotheken werden die Tests derzeit kostenlos abgegeben. Auch in Schulen und am Arbeitsplatz kommen die Tests regelmäßig zum Einsatz.

Einige Leserinnen und Leser haben nun bei uns nachgefragt, wie viel Verlass auf das Ergebnis eines solchen Nasenbohrertests denn wirklich sei. Liefert das In-der-Nase-bohren ein vergleichbar genaues Testergebnis wie ein Nasenrachen-Abstrich?

Selbstgemacht vs. professionell

Wir wollten wissen, wie die zuhause oder in der Schule durchgeführten Nasenbohrertests im Vergleich zu professionell durchgeführten Schnelltests mit Nasenrachen-Abstrich (etwa in Apotheken oder Testzentren) abschneiden. Und zwar bei jenen Personen, die diese Selbst-Tests häufig anwenden – Personen ohne Beschwerden nämlich, die sich damit vor dem Verwandtenbesuch, am Arbeitsplatz oder in der Schule absichern wollen.

Die ideale Studie, um unsere Frage zu beantworten, würde folgenermaßen aussehen: Möglichst viele Teilnehmende ohne Symptome machen bei sich selbst einen Nasenbohrertest. Gleich darauf wird bei allen Teilnehmenden zusätzlich eine Probe aus dem Nasenrachen entnommen, und zwar von einer geschulten Person. Beide Proben werden mit einem Antigen-Schnelltest derselben Marke ausgewertet. Wie gut stimmen die Ergebnisse beider Tests überein? Hat der Nasenbohrertest Infektionen übersehen, die mittels Nasenrachen-Abstrich erkannt wurden?

Bei unserer Suche in verschiedenen Datenbanken wurden wir jedoch nicht fündig. Eine solche Studie scheint bisher nicht veröffentlicht worden zu sein.

Nasenbohrertests: Ohne Symptome wenig aussagekräftig

Antigen-Schnelltests wie der Nasenbohrertest sind gut geeignet, um hochansteckende Personen rasch zu erkennen. Denn bei ihnen haben sich die Coronaviren schon massenhaft vermehrt. Antigen-Schnelltests liefern aber wenig verlässliche Ergebnisse bei beschwerdefreien Personen. Das ist bereits gut mit Studien belegt [2,3].

Doch wie verlässlich erkennen die Nasenbohrertests generell eine Corona-Infektion? Um das herauszufinden, haben wir zusätzlich nach Studien gesucht, die Nasenbohrertests mit dem besten verfügbaren Testverfahren vergleich – dem Test mittels PCR (polymerase chain reaction). Und zwar bei Personen ohne Beschwerden, die auf eine Corona-Infektion hindeuten.

Das eher ernüchternde Ergebnis der einzigen Studie, die wir dazu finden konnten: Machen 10 beschwerdefreie, infizierte Personen den Nasenbohrertest, dann dürfte dieser in 6 bis 9 Fällen die Infektion übersehen [1]. Etwa drei Viertel der symptomlosen Infektionen dürften so unerkannt bleiben.

Auch mit Nasenrachen-Abstrich werden Infektionen übersehen

Auch Schnelltests mit Abstrich aus dem Nasenrachen übersehen einen großen Teil der symptomlosen Infektionen, wie wir in einem anderen Beitrag bereits zusammengefasst haben: Wie verlässlich sind Corona-Antigen-Schnelltests? Wir konnten zwar keine Studie finden, die Nasenbohrertests und Schnelltests mit Nasenrachen-Abstrich direkt miteinander vergleichen. Vergleicht man jedoch die Ergebnisse von Studien, die jede Test-Art für sich untersuchen, scheinen Nasenbohrertests weniger verlässliche Ergebnisse zu liefern als Nasenrachen -Schnelltests. Solche Vergleiche sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn es ist unklar, ob die einzelnen Studien unter ähnlichen Bedingungen durchgeführt wurden.

Nasenbohren: Möglichst tief und gründlich

Beim Nasenbohrertest nimmt die getestete Person einen Abstrich aus dem vorderen Nasenbereich, indem sie ein Wattestäbchen etwa 2 Zentimeter in die Nase vorschiebt und mehrmals dreht. Das dauert nicht lange und kann meistens ohne Hilfe selbst gemacht werden.

Die Anleitung sollte dabei genau befolgt werden: Wird zu wenig tief oder zu wenig gründlich gebohrt, kann es sein, dass trotz Infektion zu wenig Viren auf den Wattestäbchen haften und der Test ein falsch-negatives Ergebnis anzeigt, also eine Infektion übersieht. Die Verlässlichkeit des Testergebnisses könnte sich dadurch verringern.

Für Nasen-Rachen-Abstrich ist meist geschultes Personal notwendig

Einen Abstrich aus dem Nasenrachen führt normalerweise eine dafür geschulte Person durch. Sie schiebt dafür ein besonders dünnes Stäbchen am Nasenboden entlang bis zur hinteren Wand des Nasenrachens. Der oder die Getestete kann das als unangenehm empfinden, ein Kitzeln oder einen Würgereiz verspüren.

Bei beiden Arten des Abstrichs versucht man mit dem Test-Stäbchen so viele SARS-CoV-2-Coronaviren wie möglich zu erwischen. In beiden Fällen erfolgt die Auswertung der beim Abstrich gewonnen Schleim-Proben anschließend mittels Antigen-Schnelltest.

Wie funktioniert ein Antigen-Schnelltest?

Nach dem Abstrich wird das Test-Stäbchen in eine Flüssigkeit gerührt oder direkt damit beträufelt, damit sich die eventuell gesammelten Viren in der Flüssigkeit lösen. Die Lösung kommt anschließend auf ein Stück spezielles Filterpapier im Test-Kit.

Am Filterpapier befinden sich Antikörper mit Farbstoff-Teilchen, die sich an die Coronaviren anheften und sie somit farbig markieren. Antikörper sind kleine Teilchen, die bestimmte Bestandteile (Antigene) der Coronaviren erkennen und binden können.

Etwas „flussabwärts“ am Filterpapier befindet sich ein Streifen mit zusätzlichen, farblosen Antikörpern (meist mit einem T beschriftet). An ihnen bleiben die markierten Coronaviren hängen – ein farbiger Streifen wird sichtbar. Befinden sich jedoch zu wenige Viren in der Lösung, ist der Farbstreifen zu schwach, um sichtbar zu sein.

Das wird etwa dann zum Problem, wenn die getestete Person sich erst vor kurzem infiziert hat und die Viren noch keine Zeit hatten, sich ausreichend zu vermehren. Oder aber, wenn die Probe falsch abgenommen wurde.

Auch wenn es unangenehm kitzeln kann: Der Abstrich sollte am besten an der Hinterwand des Nasenrachens erfolgen, weil sich dort im Fall einer Infektion die meisten Viren befinden.

Am verlässlichsten zeigt der Test eine Infektion einige Tage rund um den Symptombeginn an. Hat die getestete Person (noch) keine Symptome, kann es sein, dass der Test ein unauffälliges Ergebnis trotz Infektion zeigt. Das Ergebnis ist also falsch-negativ.

PCR-Test nach wie vor am verlässlichsten

Das Deutsche Paul-Ehrlich-Institut hat Antigen-Schnelltests verschiedener Hersteller unabhängig überprüft. Es veröffentlicht eine regelmäßig aktualisierte Liste der Antigen-Schnelltests, die den Mindestanforderungen der Weltgesundheitsorganisation WHO entsprechen.

Antigen-Schnelltests sind zwar flexibler einsetzbar und liefern ein schnelleres Ergebnis als PCR-Tests. Sie sind aber weniger verlässlich. Der Abstrich aus dem Nasenrachen mit anschließender Auswertung durch die PCR ist die derzeit verlässlichste Methode, um eine Coronavirus-Infektion nachzuweisen [3].

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Die Studien im Detail

Nasenbohren statt professionell durchgeführtem Schnelltests?

In drei wissenschaftlichen Datenbanken suchten wir nach Studien zu der Frage, ob selbst durchgeführte Nasenbohrertest ähnlich verlässliche Ergebnisse liefern, wie professionell durchgeführte Schnelltests mit Nasenrachen-Abstrich.

Wir konnten jedoch keine Studien finden, an denen beschwerdefreie Personen teilnahmen und die beide Tests direkt miteinander verglichen.
Wir fanden zwar eine Studie, die die Verlässlichkeit selbst abgenommener Nasenbohrertests untersucht hat [4].
Teilnehmende waren allerdings nicht beschwerdefreie Personen, sondern Patientinnen und Patienten mit deutlichen Covid-19-Symptomen (wie zB. Halsschmerzen, Husten, Fieber, Störungen des Geschmacks- und Geruchssinn). In dieser Studie schnitt der Nasenbohrertest etwas schlechter ab als der Antigen-Schnelltest mit Abstrich aus dem Nasenrachen.

Aus anderen Studien ist bekannt, dass Antigen-Schnelltests bei Personen mit Symptomen viel verlässlicher eine Infektion nachweisen als bei infizierten, aber beschwerdefreien Personen [2,3]. Nasenbohrertests sind deshalb eine gute Möglichkeit, im Fall von Symptomen wie Husten, Fieber oder Halsweh rasch eine Covid-19-Erkrankung festzustellen. Auf unsere Fragestellung sind die Ergebnisse dieser Studie aber nicht umlegbar.

AGES-Studie noch nicht veröffentlicht

Auch die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hat die Verlässlichkeit von Nasenbohrertests untersucht [5]. Laut einer Presseaussendung waren dabei Nasenbohrertests ähnlich verlässlich wie solche mit Abstrich aus dem Nasenrachen. Die Studie ist jedoch noch nicht veröffentlicht. Wenn die Ergebnisse verfügbar sind, werden wir unseren Beitrag entsprechend auf den neuesten Stand bringen. An der AGES-Studie dürften allerdings ebenfalls Personen teilgenommen haben, die wegen einer Covid-19 Erkrankung im Spital behandelt wurden – also Symptome hatten.

Nasenbohrertest im Vergleich zum PCR-Test

Wir suchten außerdem nach Studien, die den Nasenbohrertest mit dem Test mittels PCR verglichen. Die PCR-Methode ist derzeit die beste verfügbare Testmethode auf das SARS-CoV-2 – er gilt als der sogenannte Gold-Standard. Wir fanden eine Studie, an der insgesamt 659 Personen teilnahmen; 332 davon hatten keine Symptome, die auf eine Covid-19 Erkrankung hinwiesen [1]. Die Studie scheint einwandfrei durchgeführt worden zu sein.

Von sämtlichen Teilnehmenden machte eine geschulte Person einen Abstrich im vorderen Nasenbereich. Die gewonnene Probe wertete sie anschließend mittels Antigen-Schnelltest aus. Zusätzlich wurde jeweils auch eine Probe vom Nasenrachen entnommen und mittels PCR-Methode ausgewertet.

Von den 332 beschwerdefreien Teilnehmenden waren laut PCR-Test 35 mit dem Coronavirus infiziert. Der Schnelltest aus dem Nasen-Abstrich zeigte die Infektion aber nur bei 8 dieser Teilnehmenden an. Bei 27 lieferte er ein falsch-negatives Ergebnis. Umgerechnet bedeutet das: Die Infektion wurde bei 6 bis 9 von 10 infizierten Personen ohne Symptomen übersehen. Die Sensitivität des Nasenbohrertests betrug rund 23 Prozent.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Agullo u.a. (2020)
Studienart: diagnostische Studie
Teilnehmende: 265 asymptomatische Erwachsene
Vergleich: Antigen-Schnelltest (Abbott Panbio®) mit Nasenrachen-Abstrich, Nasen_Abstrich und Speichel verglichen mit PCR-Test mit Nasen-Rachenabstrich
Fragestellung: Wie verlässlich werden Infektionen mit unterschiedlichen Proben erkannt?
Interessenskonflikte: keine laut Studienteam

Agulló, V., Fernández-González, M., de la Tabla, V. O., Gonzalo-Jiménez, N., García, J. A., Masiá, M., & Gutiérrez, F. (2020). Evaluation of the rapid antigen test Panbio COVID-19 in saliva and nasal swabs in a population-based point-of-care study. J Infect.
(Studie in voller Länge)

[2] Dinnes, J et al. (2021)
Rapid, point‐of‐care antigen and molecular‐based tests for diagnosis of SARS‐CoV‐2 infection. Cochrane Database of Systematic Reviews, (3).
(Übersichtsarbeit in voller Länge)

[3] UpToDate (2021)
Caliendo AM & Hanson KE. COVID-19: Diagnosis. In: UpToDate, Bloom A (Ed), UpToDate, Waltham, MA. Abgerufen am 30.3.2021 unter https://www.uptodate.com/

[4] Lindner, A. K., Nikolai, O., Kausch, F., Wintel, M., Hommes, F., Gertler, M., … & Denkinger, C. M. (2020). Head-to-head comparison of SARS-CoV-2 antigen-detecting rapid test with self-collected anterior nasal swab versus professional-collected nasopharyngeal swab. medRxiv.
(Studie in voller Länge)

[5] Seitz T, Zoufaly A, Laferl H, Schindler S, Winkelmeyer P, Asenbaum J, et al. Evaluating SARS-CoV-2 rapid antigen tests from anterior nasal swabs compared to PCR on gargle samples or nasopharyngeal swabs. Submitted 2021.
Pressemitteilung der AGES zur unveröffentlichten Studie: https://www.ages.at/service/service-presse/pressemeldungen/evaluierung-von-sars-cov-2-antigen-schnelltests-aus-anterioren-nasenabstrichen-im-vergleich-zu-pcr-an-gurgelloesungen-oder-nasopharyngealabstrichen/