Wie verlässlich sind Corona-Antigen-Schnelltests?

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Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2020
Endlich wieder die Oma besuchen! Kann ein Corona-Schnelltest die nötige Sicherheit geben?
Ob auf ein Ergebnis beim Corona-Schnelltest Verlass ist, hängt vor allem vom Zeitpunkt ab. Bei beschwerdefreien Infizierten ist der Test ungenauer als bei Menschen mit Symptomen.
Frage:
Sind Antigen-Schnelltests genauso verlässlich wie langsamere PCR-Tests? Schließt ein negatives Schnelltest-Ergebnis eine Infektion mit dem Coronavirus sicher aus?
nein
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Antigen-Schnelltests sind flexibler und schneller als PCR-Tests. Wie verlässlich Antigen-Schnelltests sind, hängt jedoch stark vom Zeitpunkt des Tests ab: Am verlässlichsten sind die Tests dann, wenn die ersten Symptome auftreten. An die Verlässlichkeit der länger dauernden PCR-Tests kommen Antigen-Schnelltests nicht heran.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Derzeit kommen Antigen-Schnelltests in Österreich wie auch in anderen Ländern gratis im Zuge von Massentests oder in Testzentren zum Einsatz. Auch Apotheken und Hausarztpraxen bieten die Tests an.

Wer Sorge hat, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben oder einfach auf Nummer sicher gehen will, hat also verschiedene Möglichkeiten, sich schnell Gewissheit zu verschaffen.

Doch ist auf die Schnelltests Verlass? Ist es zum Beispiel mit einem negativen Testergebnis möglich, sorglos die Großeltern zu umarmen?

Wir haben uns auf die Suche nach Studien gemacht, die konkrete Zahlen liefern.

Einige übersehene Infektionen

Die besten Tests, um eine Infektion mit dem Coronavirus nachzuweisen oder auszuschließen sind die PCR-Tests. Sie geben fast immer die korrekte Auskunft. Antigen-Schnelltests schneiden im Vergleich etwas schlechter ab. Wahrscheinlich erhalten nach einem Schnelltest nur 73 bis 77 Prozent der (laut PCR) infizierten Personen auch ein positives Ergebnis.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Infektion wohl bei etwa 23 bis 27 von 100 infizierten Personen übersehen wird – so eine aktuelle Übersichtsarbeit [1]. Die Testergebnisse stammten überwiegend von Personen, die wegen Beschwerden wie Fieber oder Husten ärztliche Hilfe aufgesucht hatten, also Symptome aufwiesen. Erhalten Personen mit Symptomen ein negatives Testergebnis, ist dieses wahrscheinlich zu 99,8 Prozent korrekt.

Für vollkommen beschwerdefreie, also asymptomatische Menschen dürfte das Risiko für ein falsch-negatives Ergebnis jedoch um einiges höher sein – und genau diese Personen sind eine große Zielgruppe der Antigen-Schnelltests.

Unveröffentlichte Studien

Zusätzlich fanden wir 16 noch nicht offiziell veröffentlichte Studien. Sie liefern sehr unterschiedliche Ergebnisse zur Genauigkeit von Antigen-Schnelltests:

Wurden beschwerdefreie (asymptomatische) Personen getestet, so wurden durch Schnell-Tests durchschnittlich

  • 67 (40 bis 90) von 100 infizierten Personen richtig erkannt und
  • 33 (10 bis 60) von 100 Infektionen übersehen.

Hatten die Teilnehmenden bereits Covid-19-typische Beschwerden, wurden durchschnittlich

  • 84 (66 bis 95) von 100 infizierten Personen richtig erkannt und
  • 16 (5 bis 34) von 100 Infektionen übersehen.

Wie verlässlich Antigen-Schnelltests eine Infektion erkennen können, scheint also davon abhängig zu sein, ob Symptome bestehen oder nicht.

Unser Fazit

Haben Personen typische Beschwerden, sind Schnelltests gut geeignet, um rasch entscheiden zu können: Ist es Covid-19 oder nicht?

Etwas anders sieht die Sache bei Personen ohne Symptome aus. Wer ein negatives Ergebnis in den Händen hält, sollte sich nicht in falscher Sicherheit wiegen: Wird ein Schnelltest gemacht, obwohl nichts auf eine Infektion hindeutet – etwa, weil man gefahrlos Verwandte besuchen möchte – ist auf das Ergebnis weniger Verlass.

Ein negatives Ergebnis beim Antigen-Schnelltest ist immer nur eine Momentaufnahme (wie bei allen anderen Tests übrigens auch). Verlässliche Mittel sich selbst und andere vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen bleiben weiterhin: Mund-Nasen-Schutz tragen und wenn möglich Treffen ins Freie verlegen.

Schnelltests: Rund um Symptombeginn am verlässlichsten

Genau wie bei PCR-Tests werden auch für Schnelltests mit einem Wattestäbchen Abstriche aus dem Nasen- und Rachenraum entnommen. Der Test sucht nach bestimmten Proteinen auf der Oberfläche des Coronavirus in der Probe. Wird er fündig, zeigt er das mit farbigen Streifen an, wie bei einem Schwangerschaftstest. Das Ergebnis ist nach 10 bis 30 Minuten ablesbar [2].

Damit der Streifen sich aber sichtbar verfärbt, ist eine Mindestmenge an Viren notwendig. Darin unterscheiden sich Schnelltests von den aufwändigeren, dafür aber genaueren PCR-Tests: Letztere können mitunter sogar ein einziges Virus in einer Probe entdecken.

Die Menge der Viren im Nasen-Rachen-Raum nimmt vom Zeitpunkt der Infektion bis zum Auftreten erster Beschwerden zu. Deshalb liefern Schnelltests unterschiedlich verlässliche Ergebnisse, je nachdem wann die Probe entnommen wird.

Die verlässlichsten Ergebnisse erzielen Antigen-Schnelltests bei Personen mit einer hohen Menge an Coronaviren im Nasen-Rachenraum (sog. „Viruslast“). Die Viruslast ist in der Regel kurz vor Auftreten der ersten Beschwerden bis zu 5 Tage danach am höchsten [3].

Im Nasen-Rachenraum von Personen, die sich erst am Vortag angesteckt haben oder bei denen die Infektion unbemerkt (asymptomatisch) abläuft, finden sich verhältnismäßig wenige Coronaviren. Die Viruslast kann im Zuge der Vermehrung des Virus aber schnell ansteigen und das Ansteckungsrisiko dementsprechend hoch werden [4].

Vorteil Flexibilität

Ein großer Vorteil von Antigen-Schnelltests ist ihre Schnelligkeit und Flexibilität: Sie liefern rasch Ergebnisse und können an vielen Orten eingesetzt werden. Ein Labor ist dazu nicht nötig.

Mit Schnelltests kann das Coronavirus zwar nicht in so geringen Mengen wie mit PCR-Tests nachgewiesen werden. Im frühen Stadium der Infektion, wenn das Virus sich besonders stark vermehrt, können Antigen-Schnelltests aber nützlich sein. Ärztinnen und Ärzte können Antigen-Schnelltests beim ersten Kontakt mit symptomatischen Patientinnen und Patienten einsetzen, um schnell zu einer Diagnose zu gelangen. Bei Personen, die mit Covid-19 im Krankenhaus behandelt wurden, kann ein negatives Antigen-Schnelltest-Ergebnis zu einer sicheren Entlassung beitragen [4].

Schnelltests: Beim Massentest und in der Apotheke

Antigen-Schnelltests kommen derzeit in Österreich und anderen Ländern im Zuge von Massentests zum Einsatz. In Testzentren in den Landeshauptstädten werden Schnelltests außerdem kostenfrei angeboten. Apotheken und Hausarztpraxen in ganz Österreich bieten sie für etwa 20 bis 40 Euro pro Test auf Bestellung an.

Vor einem Test aus der Apotheke ist es allerdings ratsam, sich zu informieren, ob der verwendete Test auch die erforderlichen Qualitätskriterien erfüllt. Schnelltests gibt es mittlerweile von zahlreichen Anbietern, doch nicht alle sind von hoher Qualität. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt nur Antigen-Schnelltests, die zumindest 80 Prozent der infizierten Personen korrekt erkennen [2].

Neu entwickelte Test müssen vom jeweiligen Hersteller auf ihre Verlässlichkeit geprüft werden, nur dann erhalten sie in Österreich das sogenannte CE-Zertifikat für Medizinprodukte. Eine Überprüfung durch unabhängige Stellen ist derzeit nicht erforderlich.

Das Gesundheitsministerium rät dazu, ausschließlich CE-zertifizierte Tests zu verwenden [3]. Die Österreichischen Bundesregierung hat hier eine Liste der verwendeten Schnelltests veröffentlicht.

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Die Studien im Detail

Abgespeckte Methodik

Bei unserer Suche interessierten wir uns für Studien, die Proben sowohl mittels Antigen-Schnelltests als auch mittels PCR-Test auswerteten und anschließend untersuchten, ob die Ergebnisse übereinstimmen. Wir fanden eine aktuelle Übersichtsarbeit, die Daten zur Verlässlichkeit von Antigen-Schnelltests zusammenfasst [1].

Außerdem fanden wir einen ganzen Stapel neuer, offiziell noch nicht veröffentlichter Studien, der stetig wächst. Eine vollständige Sammlung aller verfügbaren Studien wäre in diesem Fall ein aussichtsloses Unterfangen und dieser Artikel eine Woche nach seiner Veröffentlichung schon nicht mehr aktuell. In unsere Einschätzung fließen deshalb die Ergebnisse der Übersichtsarbeit [1] ein sowie Durchschnittwerte, die wir aus den Ergebnissen der noch nicht veröffentlichten Studien errechnet haben. Aufgrund der großen Menge haben wir diese Studien nicht wie sonst üblich einzeln analysiert und bewertet. Unser Ziel war es, hier eine grobe Einschätzung zu bieten, wie viel Sicherheit ein negatives Testergebnis tatsächlich bietet.

Zwei Tests im Test

Das Forschungsteam der Übersichtsarbeit [1] war ausschließlich an Tests mit Menschen und nicht an Studien aus dem Labor interessiert. Deshalb konnten in der Arbeit nur zwei Studien berücksichtigt werden. In diesen zwei Studien wurden die Antigen-Schnelltests SD Biosensor der Firma Roche und Panbio™ der Firma Abbott unter die Lupe genommen. Insgesamt 2 603 Personen wurden dabei sowohl mittels Antigen-Schnelltest als auch mittels PCR-Test auf SARS-CoV-2 getestet. Ein Großteil der Getesteten hatte Beschwerden, die auf eine Infektion mit dem Coronavirus hindeuteten.

Anschließend wurde ausgewertet, wie gut die Ergebnisse der beiden Testmethoden übereinstimmten. PCR-Test sind zwar ebenfalls nicht unfehlbar, sie gelten derzeit aber als die verlässlichste Methode, eine Infektion mit SARS-CoV-2 nachzuweisen.

Das Ergebnis des Vergleichs: Durchschnittlich 73 bis 77 von 100 infizierten Personen wurden von den Antigen-Schnelltests als solche erkannt. Umgekehrt bedeutet das, dass 23 bis 27 infizierte Personen übersehen wurden.

Negatives Ergebnis: Sicher virenfrei?

Derzeit (Stand: Dezember 2020) dürften etwa 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert sein [5]. Anhand dieser Zahl, der sogenannten Prävalenz, lässt sich berechnen, was ein negatives Ergebnis beim Schnelltest konkret bedeutet: Fällt der Test negativ aus, ist die getestete Person zu mehr als 99 Prozent nicht infiziert – in der Fachsprache heißt dieser Wert auch negativer Vorhersagewert (negative predictive value). Das gilt aber nur für Personen mit Symptomen. Machen beschwerdefreie Personen einen Schnelltest, dürfte dieses Restrisiko um einiges höher sein. Wir können es aber nicht gut eingrenzen.

Etliche neue Studien

In der Übersichtsarbeit sind Studien bis November 2020 berücksichtigt. Da derzeit viel geforscht wird und laufend Neues hinzukommt, machten wir uns auch nach Studien auf die Suche, die danach veröffentlicht worden waren. Wir fanden 16 Untersuchungen, deren Ergebnisse als Vorab-Veröffentlichung erschienen sind. Sie wurden zugunsten einer rascheren Veröffentlichung noch nicht durch externe Expertinnen und Experten überprüft. Im Zuge der Corona-Krise hat es sich etabliert, dass Studien bereits vor dieser Qualitätskontrolle, der in der Fachsprache peer review genannt, allgemein zugänglich sind.

Bis zu einem Drittel der Infektionen könnte übersehen werden

In den 16 Studien wurden Schnelltests von verschiedenen Herstellerfirmen verwendet. Die getesteten Personengruppen unterschieden sich von Studie zu Studie stark: Manche hatten zum Zeitpunkt des Tests etwa Symptome, andere fühlten sich gesund.

Hatten die Studienteilnehmer COVID-19-typische Symptome, dann lag die Sensitivität des Tests durchschnittlich bei rund 84 Prozent. Das bedeutet, dass von 100 infizierten Personen 84 ein richtig positives Testergebnis erhielten. Die Ergebnisse fielen allerdings je nach Studie sehr unterschiedlich aus: In manchen lag die Sensitivität bei 66 Prozent, in anderen bei etwa 95 Prozent. Bei 5 bis 34 von 100 infizierten Personen hingegen wurde die Infektion übersehen.

Das Risiko, eine Infektion mit dem Coronavirus zu übersehen scheint höher zu sein, wenn es keine Anzeichen auf eine Erkrankung gibt. Waren die Studienteilnehmer beschwerdefrei oder hatten nur sehr leichte Beschwerden, erkannte der Test durchschnittlich rund 67 von 100 infizierten Personen. Auch hier reichte die Sensitivität der Tests von 40 Prozent bis 90 Prozent. Es wurden also 10 bis 60 von 100 Infektionen übersehen.

Der in den Studien am häufigsten untersuchte Schnelltest war Panbio™ der Firma Abbott (13 Studien). Dieser Test erkannte durchschnittlich in etwa 75 von 100 Fällen korrekt eine Infektion. Die unterschiedlichen Studien lieferten auch hier unterschiedliche Zahlen und berichteten von einer Sensitivität zwischen 43 bis 93 Prozent.

Ausblick

Die Aktualisierung einer anderen großen Übersichtsarbeit zur Verlässlichkeit von Antigen-Schnelltests [6] läuft gerade. Die Ergebnisse werden für Anfang 2021 erwartet. Sobald die Arbeit veröffentlicht wird, bringen wir unsere Einschätzung hier auf den aktuellen Stand.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Glechner & Zachariah (2020)
Studientyp: Rapid Systematic Review
Eingeschlossene Studien: 2 diagnostische Studien
Teilnehmende insgesamt: 2603 Personen mit Verdacht auf COVID-19
Fragestellung: Wie hoch sind Sensitivität und Spezifität von Antigen-Schnelltests auf SARS-CoV-2 im Vergleich zu PCR-Tests?
Interessenskonflikte: keine

Glechner A., Zachariah C., COVID-19: Antigen-Schnelltest im Vergleich zu PCR-Tests: Rapid Review. EbM Ärzteinformationszentrum; Dezember 2020. (Arbeit in voller Länge)

[2] WHO (2020)
World Health Organization. (2020). Antigen-detection in the diagnosis of SARS-CoV-2 infection using rapid immunoassays: interim guidance, 11 September 2020 (No. WHO/2019-nCoV/Antigen_Detection/2020.1). Abgerufen am 21.12.2020 unter www.who.int

[3] Österreichisches Sozialministerium (2020)
Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Antigen-Tests im Rahmen der Österreichischen Teststrategie SARS-CoV-2. Dezember 2020. Abgerufen am 23. 12. 2020 unter www.sozialministerium.at

[4] Corman u.a. (2020)
Corman et al (2020). Comparison of seven commercial SARS-CoV-2 rapid Point-of-Care Antigen tests. medRxiv. (pre-print, Studie in voller Länge)

[5] Bundesanstalt Statistik Österreich (2020)
Presseaussendung der APA, abgerufen am 23.12.2020 unter www.ots.at

[6] Dinnes u.a. (2020)
Dinnes et al. (2020) Cochrane COVID-19 Diagnostic Test Accuracy Group. Rapid, point-of-care antigen and molecular-based tests for diagnosis of SARS-CoV-2 infection. Cochrane Database Syst Rev. 2020 Aug 26 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)