Carrageen-Nasenspray: unbelegter Corona-Schutz

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2021
Wenn’s nur so einfach wäre: Corona vorbeugen und kurieren mit Algenspray.
Ein Nasenspray mit Carrageen aus Rotalgen soll Coronaviren ausbremsen können. In der aktuellen Studienlage finden sich allerdings keine Belege für diese Behauptung.
Frage:
Beugt ein Nasenspray mit Carrageen aus der Rotalge einer Infektion mit dem Coronavirus vor? Kann er eine bereits ausgebrochene Covid-19-Erkrankung lindern?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Ob ein solcher Spray prinzipiell vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen kann, wurde bisher nicht erforscht. Studien gibt es nur zur Behandlung von Covid-19. Doch diese sind grob mangelhaft und daher nicht aussagekräftig.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus.

Nasensprays mit einem Extrakt aus Rotalgen sollen Behauptungen zufolge nicht nur gegen Erkältungsviren wirksam sein. Das in ihnen enthaltene Carrageen, ein Schleimstoff aus der Rotalge, hemmt vermeintlich auch das Coronavirus Sars-CoV-2. Angeblich beugen die Sprays so einer Covid-19-Erkrankung vor. Dazu erreichte uns eine Leseranfrage.

Über Carrageen-Nasensprays aus Rotalgen zum Schutz vor Erkältungsviren sowie als Behandlung von Erkältungen haben wir bereits ausführlich berichtet. Laut aktueller Studienlage gibt es keine soliden Hinweise darauf, dass Carrageen-Nasensprays vorbeugend oder lindernd bei Erkältungen wirken. Unseres Wissens nach sind die Sprays in Österreich, Deutschland und der Schweiz unter den Produktnamen „Coldamaris“, „Algovir“, „ProSens“ und „Viru-Stopp“ erhältlich. Wir können nicht ausschließen, dass Carrageen-Nasensprays noch unter weiteren Namen vermarktet werden.

Vorbeugende Wirkung unklar

Wie die Coronaviren-Abwehr per Carrageen aus der Rotalge funktionieren soll? In die Nase gesprüht, legt sich der Schleimstoff angeblich als schützender Film auf die Schleimhaut und soll auf diese Weise eindringende Coronaviren abwehren.

Soweit die Theorie. Doch funktioniert das auch in der Praxis?

Zuerst vielversprechend, dann enttäuschend

Wir haben uns auf die Suche nach Studien gemacht, die eine vorbeugende Wirkung untersucht haben. Zwei Studien [1,2] schienen auf den ersten Blick vielversprechend. Doch nach genauerem Durchlesen schwand unser Vertrauen in ihre Ergebnisse.

Den Studienautorinnen und -autoren zufolge reduziert die Nutzung des Sprays das Risiko, an Covid-19 zu erkranken. Wir haben an dieser Interpretation allerdings starke Zweifel, weil die Studien viele Mängel haben, etwa wegen der eine sehr geringen Teilnehmerzahl und eventuell unterschiedlichen Beobachtungszeiträumen. Mehr dazu im Abschnitt „Die Studien im Detail“.

Es bleibt somit unklar, ob ein Nasenspray mit Carrageen aus Rotalgen vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen kann. Wir können dies weder ausschließen noch bestätigen. Möglicherweise werden derzeit laufende Studien eine bessere Antwortbasis liefern.

Linderung wenig wahrscheinlich

Und was, wenn man bereits an Covid-19 erkrankt ist? Kann der Spray für eine schneller Genesung sorgen oder wenigsten eine Linderung der Beschwerden? Das ist nicht erforscht.

Zum Weiterlesen

Gesicherte Information rund um Vorbeugung und Behandlung von Coronainfektionen finden Sie auf den Seiten von www.gesundheitsinformation.de.

Im Corona-Schwerpunkt von Medizin-Transparent haben wir zahlreiche Produkte auf ihre Anti-Corona-Wirksamkeit überprüft.

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Die Studien im Detail

Wir sind auf zwei randomisiert-kontrollierte Studien zur Vorbeugung von Covid-19 gestoßen [1,2]. Beide Studien wurden in Argentinien zu einer Zeit durchgeführt, als noch keine Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen waren.

Eine Studie [1] untersuchte 394 argentinische Spitalsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, die regelmäßig Kontakt zu Covid-19-Erkrankten hatten. Per Zufall (randomisiert) wurden sie einer von zwei Gruppen zugeteilt: Die Interventionsgruppe sprühte sich für 3 Wochen (4 Mal täglich) einen Nasenspray mit Rotalgen-Carrageen in jedes Nasenloch. Die Kontrollgruppe tat dasselbe mit einem Salzwasserspray ohne Carrageen (Placebo).

Insgesamt 12 Teilnehmende erkrankten im Laufe der Studie an Covid-19: 2 in der Interventionsgruppe und 10 in der Kontrollgruppe. Das sieht auf den ersten Blick durchaus nach einem Schutzeffekt durch den Spray aus.

Aus mehreren Gründen können wir daraus jedoch nicht ableiten, dass der Carrageen-Spray vor einer Coronainfektion schützt:

  • Für uns war nicht nachvollziehbar bzw. widersprüchlich, in welchem Zeitraum die Erkrankungen gezählt wurden. Im Text und im Studienprotokoll zur Planung gab es Angaben zu 21, 25 sowie 28 Tagen nach Behandlungsstart. Wir sind daher unsicher, ob die Zählung für alle einheitlich gehandhabt wurde [1].
  • Ob die Teilnehmenden zu Studienbeginn, also vor der Spraybehandlung, bereits mit SARS-CoV-2 infiziert waren, ist nicht untersucht worden.
  • Die Studie berichtet von insgesamt 12 Covid-19-Erkrankten. Das sind viel zu wenige für aussagekräftige Ergebnisse. So lässt sich nicht ausschließen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen schlichtweg durch Zufall zustande gekommen sind.

Carrageen und Ivermectin

Die zweite randomisiert-kontrollierte Studie [2] zur Vorbeugung von Covid-19 fand ebenfalls in Argentinien statt. Die Hälfte der 234 Teilnehmenden bekam eine Kombination aus Carrageen-Nasenspray und Ivermectin. Dabei handelt es sich um ein etabliertes Wurmmittel, das wahrscheinlich unwirksam bei der Behandlung von Covid-19 ist.

Den Spray sprühten sich die Testpersonen für 4 Wochen (6 Mal täglich) in Nase und Mund. Zusätzlich sollten sie sich an die üblichen Maßnahmen zur Infektionsvorbeugung halten. Die andere Hälfte – die Kontrollgruppe – sollte lediglich die allgemeinen Maßnahmen befolgen, erhielt aber keine zusätzliche Behandlung. Die Teilnehmenden arbeiteten entweder als Gesundheitspersonal oder waren in der Administration oder als Reinigungskräfte im Gesundheitswesen tätig.

Dem Forschungsteam zufolge erkrankten 29 Teilnehmende an Covid-19: 4 in der Interventionsgruppe und 25 in der Kontrollgruppe. Auch diese Ergebnisse halten wir nicht für solide Belege einer Anti-Corona-Schutzwirkung:

  • Innerhalb welchen Zeitraums die Teilnehmenden erkrankt waren, ist nicht erwähnt. Somit ist nicht nachvollziehbar, wann eine erkrankte Person noch zu den Ergebnissen dazugezählt wurde und wann nicht mehr.
  • 29 Erkrankungen sind viel zu wenig für aussagekräftige Ergebnisse. So lässt sich nicht ausschließen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen nur durch Zufall zustande gekommen sind.
  • Teilnehmende der Interventionsgruppe und der Kontrollgruppe wussten, ob sie den Spray bekamen oder nicht. Das könnte ihr Hygiene-Verhalten beeinflusst und somit das Ergebnis verzerrt haben. Für einen fairen Vergleich hätte die Kontrollgruppe einen Placebo-Spray erhalten müssen, ohne sich dessen bewusst zu sein.
  • In der Interventionsgruppe war der Anteil an Gesundheitspersonal höher als in der Kontrollgruppe. Möglicherweise befolgte diese Personengruppe die allgemeinen Hygienemaßnahmen besser als Teilnehmende, die in der Administration oder als Reinigungskräfte arbeiteten.
  • In der Kontrollgruppe war der Anteil übergewichtiger Personen höher. Starkes Übergewicht gilt als ein Risikofaktor für eine Covid-19-Erkrankung.

Behandlung Covid-19

Zur (unterstützenden) Behandlung von Covid-19 mit einem Carragen-Spray aus Rotalgen haben wir keine Studien gefunden.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Figueroa u.a. (2021)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmende: 394 Spitalsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, die regelmäßig in Kontakt mit Covid-19-Erkrankten sind
Studiendauer: Behandlung 3 Wochen, Beobachtungszeitraum unklar
Fragestellung: Verringert die regelmäßige Verwendung eines Nasensprays mit Carrageen das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, verglichen mit einem Placebo-Nasenspray?
Interessenskonflikte: Zwei Autoren haben vom einem Carrageen-Nasenspray-Hersteller in der Vergangenheit Gelder erhalten. Der in der Studie verwendeten Carrageen- und Placebo-Nasenspray wurde durch diesen Hersteller kostenlos zur Verfügung gestellt.

Figueroa, J. M., Lombardo, M., … & CARR-COV2 Trial Group. (2021). Efficacy of a nasal spray containing Iota-Carrageenan in the prophylaxis of COVID-19 in hospital personnel dedicated to patients care with COVID-19 disease. A pragmatic multicenter, randomized, double-blind, placebo-controlled trial (CARR-COV-02). medRxiv.
(Vorveröffentlichung der Studie in voller Länge)
(Studienprotokoll)

[2] Chahla u.a. (2021)
Studienart: randomisiert-kontrollierte Studie
Studiendauer: Behandlung: 4 Wochen, Beobachtungszeitraum: unklar
Teilnehmende: 234 gesunde Personen (77% Gesundheitspersonal, Rest: Administrations- und Reinigungspersonal) ohne SARS-CoV-2-Infektion
Fragestellung: Verringert die regelmäßige Verwendung eines Nasensprays mit Carrageen und Ivermectin das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, verglichen mit keinem Nasenspray?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Chahla, R. E., Ruiz, L. M., Ortega, E. S., Morales, M. F., Barreiro, F., George, A., … & Goroso, G. D. (2021). A randomized trial-intensive treatment based in Ivermectin and Iota-Carrageenan as pre-exposure prophylaxis for COVID-19 in healthcare agents. medRxiv. (Vorveröffentlichung der Studie in voller Länge)