Ivermectin gegen Corona: wahrscheinlich wirkungslos

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Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 3. Mai 2021
Wirksam gegen Würmer, Milben, Läuse… und Corona?
Das Anti-Parasitenmittel Ivermectin galt als vielversprechender Kandidat für ein Corona-Medikament. Offenbar zu Unrecht, wie Studien zeigen.
Frage:
Ist Ivermectin ein wirksames Medikament zur Behandlung einer Covid-19-Erkrankung?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Frage:
Senkt Ivermectin bei Covid-19 das Risiko zu sterben?
möglicherweise nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Das Medikament Ivermectin dürfte Todesfälle durch Covid-19 eher nicht verhindern. Das Mittel kann die Erkrankung wahrscheinlich auch nicht abmildern oder verkürzen. Ein möglicher positiver Effekt lässt sich allerdings auch nicht sicher ausschließen. Dafür wären größere Studien notwendig.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Eigentlich ist Ivermectin ein Anti-Parasiten-Mittel. Als Medikament zum Schlucken oder als Salbe auf der Haut wirkt es gegen Würmer, Krätzmilben und Kopfläuse [2].

Wirkt es auch gegen das Coronavirus? Auf der Suche nach einem Medikament zur Behandlung von Covid-19 wurden in Ivermectin eine Zeit lang große Hoffnungen gesetzt.

Laut bisherigen Studien wirkungslos

Vermutlich zu Unrecht: Ivermectin hat bei einer Covid-19 Erkrankung wahrscheinlich keinen spürbaren Effekt: Es lässt die Krankheit wohl nicht milder oder kürzer ausfallen. Das ergaben die zusammengefassten Ergebnisse von 13 Studien [1].

Laut bisherigen Studien deutet sich an, dass Ivermectin Todesfälle nicht verhindert. Allerdings sind die bisher verfügbaren Studien klein, und die Aussagekraft ist eingeschränkt. Es ist möglich, dass größere Studien andere Erkenntnisse bringen.

Nebenwirkungen sind durch Ivermectin nicht gehäuft – auch das ergaben die bisherigen Studien.

Ausgerechnet ein Mittel gegen Parasiten?

Wie kam es eigentlich dazu, dass das Anti-Parasiten-Mittel Ivermectin zum heißen Kandidaten für ein neues Corona-Medikament avancierte?

In Laborstudien konnte Ivermectin im Reagenzglas nicht nur Parasiten, sondern auch Bakterien und Viren abtöten. Darunter auch SARS-CoV-2 [3,4].

Bei den Laborversuchen waren die Coronaviren allerdings großen Mengen von Ivermectin ausgesetzt – nämlich etwa 5 Mikrogramm. Dies wäre für den menschlichen Körper gesundheitsschädlich. Höchstens 0,08 Mikrogramm pro Milliliter Blut gelten als sichere Dosis für Menschen [4]. Ein Beispiel dafür, warum sich Ergebnisse aus dem Labor nicht ohne Weiteres auf den menschlichen Körper übertragen lassen.

Sowohl die Europäische Aufsichtsbehörde EMA (European Medical Agency), als auch die Weltgesundheitsorganisation WHO raten derzeit vom Einsatz von Ivermectin zur Behandlung von Covid-19 ab (Stand April 2021) [5,6].

Die Suche geht weiter

Unzählige Medikamente wurden inzwischen in Studien auf eine mögliche Wirksamkeit gegen Covid-19 untersucht. Bisher ohne Erfolg. Nach wie vor gibt es kein wirksames Medikament gegen das Coronavirus selbst (Stand April 2021).

Cortison und Cortison-ähnliche Medikamente können allerdings bei schweren Covid-19-Erkrankungen Todesfälle verhindern. Denn sie dämmen die durch Virus und Immunreaktion angerichteten Schäden im Körper ein. Wir haben darüber bereits in einem anderen Beitrag berichtet.

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Die Studien im Detail

Eine Übersicht der unabhängigen Cochrane Collaboration fasst alle Studien zu Ivermectin gegen COVID-19 zusammen. Diese Übersicht wird täglich aktualisiert. Derzeit (27.4.2021) beinhaltet sie die Ergebnisse von 13 randomisierten kontrollierten Studien zur Wirksamkeit von Ivermectin [1].

In diesen 13 Studien wurden die Daten von insgesamt 1480 Patientinnen und Patienten aus der ganzen Welt ausgewertet, die wegen Covid-19 im Krankenhaus lagen. Die Menschen waren sehr unterschiedlich erkrankt: von leicht bis so schwer, dass ein tödlicher Ausgang zu befürchten war.

Etwa die Hälfte bekam per Zufallszuteilung ein bis acht Tage lang eine Behandlung mit Ivermectin, die andere Hälfte ein Scheinmedikament (Placebo) oder kein zusätzliches Medikament. Alle Covid-Patientinnen und -Patienten erhielten darüber hinaus noch die jeweils übliche medizinische Versorgung.

Kein eindeutiger Überlebensvorteil

Die Forschungsteams untersuchten einerseits, wie viele Patientinnen und Patienten verstarben. Das wurde in 8 der 13 Studien mit insgesamt 1113 Personen untersucht.

Mit Ivermectin waren nach vier Wochen etwa 2 von 100 Erkrankten verstorben, ohne Ivermectin 4 von 100. Dieser Unterschied könnte auch durch Zufall zustande gekommen sein. Man sagt auch, der Unterschied ist statistisch nicht signifikant. Möglicherweise wird ein positiver Effekt von Ivermectin deutlicher, wenn mehr gut durchgeführte Studien hinzukommen.

Nicht schneller gesund durch Ivermectin

Fünf Studien mit insgesamt 422 Personen untersuchten, wie sich der Gesundheitszustand von Covid-Patientinnen und -Patienten nach vier Wochen entwickelt hatte. War ihre Erkrankung milder, erholten sie sich schneller?

Dabei zeigte sich kein Unterschied zwischen Personen, die Ivermectin geschluckt hatten und jenen ohne Ivermectin. Dieses Ergebnis ist relativ gut abgesichert. Es ist unwahrscheinlich, dass weitere Studien diese Einschätzung stark verändern werden.

Kein Nutzen, aber auch kein Schaden

Nebenwirkungen von Ivermectin wurden in acht Studien untersucht. Wenn das Anti-Parasiten-Medikament auch keine Besserung brachte, so hatten Patientinnen und Patienten die Ivermectin einnahmen, zumindest nicht mehr Nebenwirkungen als die Placebo-Gruppe. Deswegen gehen wir davon aus, dass das Medikament sicher ist.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Covid-NMA Initiative (2021)
Studientyp: laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 13 randomisierte kontrollierte Studien
Fragestellung: Kann eine Behandlung mit Ivermectin den Krankheitsverlauf bei Covid-19 günstig beeinflussen und die Mortalität verringern? Gibt es vermehrt unerwünschte Ereignisse durch die Behandlung?
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

Living mapping and living systematic review of Covid-19 studies: Pharmacologic treatments for COVID-19 patient – Ivermectin vs standard care/placebo. Abgerufen am 27.4.2021 unter https://covid-nma.com/living_data/index.php?comparison=36

Juul S, Nielsen N, Bentzer P, Veroniki AA, Thabane L, Linder A, Klingenberg S, Gluud C, Jakobsen JC. Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108.

[2] UpToDate (2021)
Weller PF. Anthelminthic therapies. In: UpToDate, Leder K (Ed), UpToDate, Waltham, MA. Abgerufen am 27.4.2021 unter https://www.uptodate.com/contents/anthelminthic-therapies (kostenpflichtig)

[3] UpToDate (2021)
Kim AY. COVID-19: Management in hospitalized adults. In: UpToDate, Hirsch MS (Ed), UpToDate, Waltham, MA. Abgerufen am 27.4.2021 unter https://www.uptodate.com/contents/covid-19-management-in-hospitalized-adults (kostenpflichtig)

[4] Heidary, F., & Gharebaghi, R. (2020). Ivermectin: a systematic review from antiviral effects to COVID-19 complementary regimen. The Journal of antibiotics, 73(9), 593-602. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] Stellungnahme der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
, 31.3.2021
Abgerufen am 27.4.2021 unter https://www.who.int/news-room/feature-stories/detail/who-advises-that-ivermectin-only-be-used-to-treat-covid-19-within-clinical-trials

[6] Stellungnahme der European Medical Agency (EMA), 22.3.2021
Abgerufen am 27.4.2021 unter https://www.ema.europa.eu/en/news/ema-advises-against-use-ivermectin-prevention-treatment-covid-19-outside-randomised-clinical-trials