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Weißdorn: Hilfe in Herzensangelegenheiten?

Herzschwäche: schnell außer Puste

Herzschwäche: schnell außer Puste

Schon unsere Großeltern vertrauten bei Herzproblemen auf Weißdorn-Präparaten. Doch helfen diese Patienten mit Herzmuskelschwäche tatsächlich?

Frage:Hilft Weißdorn-Extrakt Patienten mit Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz)?
Antwort:unklar
Erklärung:Die Ergebnisse der gefundenen Studien unterscheiden sich deutlich und lassen mehr Fragen offen als sie beantworten.

Außer Puste beim alltäglichen Treppensteigen, ständige Müdigkeit und dicke, geschwollene Beine – das sind die Folgen einer Schwäche des Herzmuskels; rund 250.000 Österreicher leiden unter einer solchen Herzinsuffizienz [9]. Durch die steigende Lebenserwartung wird sich die Anzahl der Personen mit Herzschwäche voraussichtlich in den nächsten Jahren noch um ein Vielfaches erhöhen [5] [9].

Bei dieser langsam fortschreitenden Erkrankung wird das Herz zu schwach, um genug Blut durch den Körper zu pumpen. Organe, Muskeln und Gewebe erhalten zu wenig Sauerstoff. In Folge werden körperliche Belastungen zunehmend anstrengender, der Alltag wird für die Betroffenen immer mehr zur Belastung. Oftmals bedroht die Erkrankung auch das Leben der Patienten [7].

Verheißungsvolles aus der Apotheke

Obwohl die Herzschwäche gut behandelbar ist, wollen Betroffene oft selbst aktiv werden und nicht nur ihre Herzmedikamente schlucken. Bei ihrer Suche werden sie im Internet und in den Apotheken auf die angeblich herzstärkende Wirkung von Weißdorn- Extrakten aufmerksam. Angeblich verspüren die Patienten schon nach kurzer Zeit wieder mehr Lebenskraft und Vitalität – und dies ohne ärztliche Verschreibung.

Seit Generationen

Die aus den Blättern und Blüten gewonnenen Weißdorn Präparate blicken auf eine lange Tradition zurück. Schon im Mittelalter fand Weißdorn bei Herzbeschwerden Verwendung [10]. Doch was sagt die moderne Wissenschaft? Können herzschwache Patienten dank Weißdorn ihr Leben wieder in vollen Zügen genießen?

Widersprüchliche Ergebnisse

Es gibt einige verheißungsvolle Studien an Versuchstieren und im Labor gezüchteten Zellkulturen, die auf eine Wirkung von Weißdorn auf das Herz schließen lassen [4] [8]. Weder Laborexperimente noch Tierstudien erlauben aber Rückschlüsse auf eine Wirksamkeit beim Menschen.

Bisher durchgeführte klinische Studien am Menschen liefern widersprüchliche Ergebnisse. Aus diesen können wir nicht ableiten, ob der Pflanzenextrakt eine sinnvolle Therapie-Ergänzung bei Herzschwäche darstellt. Entsprechend unklar ist auch, über welche Zeitspanne und in welcher Dosis das pflanzliche Mittel eingenommen werden soll und welche Patientengruppen von einer Weißdorn-Einnahme profitieren könnten. Diese und andere Fragen müssen noch besser erforscht werden.

Wechselwirkungen nicht auszuschließen

Herzschwäche ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die in die Obhut eines Arztes gehört. Die von diesem verordneten Medikamente sollten vom Patienten nicht eigenmächtig abgesetzt werden [6] [8] [9] [15]. In den meisten Studien nahmen die an Herzschwäche leidenden Patienten Weißdorn-Präparate als begleitende Therapie zusätzlich zu ihren Herzmedikamenten ein. Wissenschaftler haben jedoch den Verdacht, dass Weißdorn die Wirkung von gängigen Herzmedikamenten verändern kann. In klinischen Studien am Menschen haben sich solche unerwünschten Wechselwirkungen bisher zwar nicht bestätigt. Um sie gänzlich ausschließen zu können, braucht es jedoch gründlicher durchgeführte Studien [8] [13].

Traditionelles pflanzliches Arzneimittel

Unsere Einschätzung, dass die Studienlage zu Weißdorn bei Herzschwäche unklar ist, wird auch von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) geteilt. Die EMA ordnet Präparate mit Weißdorn-Extrakten in die Liste der traditionellen pflanzlichen Arzneimittel ein. Deren Wirksamkeit ist meist nicht durch klinische Studien belegt, sondern beruht auf Anwendung und Erfahrung über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren [8] [15].

Weißdorn-Präparate werden in der Regel gut vertragen. Am häufigsten klagen Anwender über Schwindel, Übelkeit, Müdigkeit und allergische Reaktionen. Da unklar ist, wie sich eine Einnahme von Weißdorn-Präparaten bei schwangeren oder stillenden Frauen und Kindern auswirkt, wird derzeit von einer Anwendung bei diesen Personengruppen abgeraten [3] [8] [13] [15]. Auch allen anderen rät die EMA das traditionelle Arzneimittel nur nach Rücksprache mit einem Arzt einzunehmen [8] [15].

Leben mit Herzschwäche

Von Herzinsuffizienz betroffene Patienten können einiges tun, um trotzdem ein zufriedenes Leben zu führen: Rauchstopp, auf Alkohol verzichten und eine gesunde, möglichst salzarme Ernährung wirken sich positiv aus. Ebenso kann ein an den Gesundheitszustand des Betroffenen angepasstes Training von Vorteil sein. Risikofaktoren für Herzschwäche, wie Bluthochdruck, Diabetes oder eine schlechte Durchblutung des Herzens (koronare Herzkrankheit) müssen auf jeden Fall behandelt werden [1] [5] [7].

Mit dem Rauchen aufzuhören zahlt sich in jedem Fall aus – wie Medizin Transparent berichtete, kann ein Rauchstopp das Risiko verfrüht zu sterben reduzieren. Auch über die positiven Auswirkungen einer salzarmen Ernährung auf den Blutdruck und ein damit verbundenes, möglicherweise verringertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben wir berichtet.

 

Die Studien im Detail

In den vorliegenden Studien unterscheiden sich die Herzkranken erheblich in der Schwere ihrer Erkrankung. Das erschwert ein zusammenfassendes Fazit. Problematisch für eine Beurteilung ist auch, dass fast alle Patienten gleichzeitig andere Medikamente einnehmen. Oft ist nicht klar, wer welches Medikament schluckt. Somit können wir nicht sagen, ob das Medikament, der Weißdornextrakt oder doch nur der Faktor Zufall das jeweilige Ergebnis beeinflusst hat. Nicht alle Studien untersuchen zudem das Gleiche. Manche sehen sich die Auswirkung auf die Lebensqualität näher an, andere untersuchen, ob es seltener zu Atemnot [1] [2], Herzinfarkt oder einem Herztod [3] kommt. Insgesamt ist es derzeit nicht möglich aus diesem „Wirrwarr“ an Studiendetails und Ergebnissen zu schließen, ob Weißdorn bei Herzschwäche wirksam oder unwirksam ist.

Mögliche Besserung bei leichter Herzschwäche

Die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration fassten im Jahr 2008 die Ergebnisse bisher durchgeführter Studien zusammen [1]. Die darin teilnehmenden Patienten litten in den meisten Fällen an einer leichten Form der Herzschwäche, bei der sie nur bei stärkerer Belastung Probleme haben, beispielsweise beim Treppensteigen. Tatsächlich waren jene Patienten die Weißdorn eingenommen hatten weniger kurzatmig, mehr belastbar und zeigten im Belastungs-EKG eine gesteigerte körperliche Leistungsfähigkeit. Insgesamt basiert dieses Ergebnis jedoch auf Studien von meist mäßiger Qualität, mit nur wenigen Teilnehmern und von kurzer Dauer.

Die Autoren der Übersichtsarbeit können allerdings nicht ausschließen, dass das Resultat ihrer Studienzusammenfassung übertrieben optimistisch ist. Gerade bei pflanzlichen Arzneimitteln verschwinden Studien oft in er Schublade, wenn sie nicht die erhoffte positive Wirkung zeigen. Wenn sie nicht veröffentlicht werden, können sie aber auch nicht in Übersichtsarbeiten mit einbezogen werden. Dadurch werden Ergebnisse verzerrt und ein zu positiver Eindruck kann entstehen.

Lebensqualität nicht besser

Auf den ersten Blick kam eine randomisierte kontrollierte Studie aus dem Jahr 2009 zu einem ganz anderen Ergebnis [2]. In dieser Untersuchung erhielten 120 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Herzschwäche für den Zeitraum von sechs Monaten zusätzlich zu ihren Herzmedikamenten entweder Weißdorn-Extrakt oder ein Scheinmedikament. In dieser Studie verbesserte die Einnahme von Weißdorn weder die körperliche Belastbarkeit noch die Lebensqualität der Betroffenen. Ein direkter Vergleich der Ergebnisse mit jenen der Cochrane Übersichtsarbeit ist schwer möglich, da in dieser randomisierten kontrollierten Arbeit der Anteil an Patienten mit mittelschwerer Herzschwäche deutlich höher war.

(AutorIn: C. Christof, Review: J. Wipplinger)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Pittler u.a. (2008)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Inkludierte Studien: 14 randomisierte kontrollierte Studien ( davon 10 in Metaanalyse)
Teilnehmer: (855 in Metaanalyse)
Fragestellung:Welche Wirkung hat die Gabe von Weißdorn bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz?
Mögliche Interessenskonflikte: keiner bekannt
Pittler MH, Guo R, Ernst E, Hawthorn extract for treating chronic heart failure, Cochrane Database Syst Rev. 2008 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Zick u.a.(2009)
Studienart: Randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 120 Patienten mit Herzinsuffizienz
Fragestellung: Steigert die Gabe von Weißdorn-Extrakt an Patienten mit Herzinsuffizienz deren Leistungsfähigkeit?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt
Zick SM, Vautaw BM, Gillespie B, Aaronson KD, Hawthorn Extract Randomized Blinded Chronic Heart Failure (HERB CHF) trial. Eur J Heart Fail. 2009 Oct;11(10):990-9. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[3] Holubarsch u.a. (2008)
Holubarsch CJ, Colucci WS, Meinertz T, Gaus W, Tendera M, Survival and Prognosis: Investigation of Crataegus Extract WS 1442 in CHF (SPICE) trial study group, Eur J Heart Fail. 2008 Dec;10(12):1255-63. Epub 2008 Nov 18. (Artikel in voller Länge)

[4] UpToDate (2015]
Wilson S Colucci, Investigational and emerging therapies for heart failure, 2015, abgerufen am 14.10.2015 unter www.uptodate.com/contents/investigational-and-emerging-therapies-for-heart-failure

[5] UpToDate (2015]
Ramachandran S Vasan, Epidemiology and causes of heart failure, abgerufen am 17.10.2015 unter: http://www.uptodate.com/contents/epidemiology-and-causes-of-heart-failure

UpToDate (2015)
Patient information: Heart failure (The Basics),abgerufen am 14.10.2015 unter: www.uptodate.com/contents/heart-failure-the-basics

[7] IQWIG (2014)
Herzschwäche. Abgerufen am 15.10.2015 unter www.gesundheitsinformation.de/herzschwaeche.2635.de.html

[8] European Medicines Agency (2014)
Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), Assessment report on Crataegus spp., folium cum flore , abgerufen am 15.10.2015 unter: http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_HMPC_assessment_report/2014/10/WC500175526.pdf

[9] Marzluf u.a.(2015)
Marzluf BA, Reichardt B, Neuhofer LM, Kogler B, Wolzt M, Influence of drug adherence and medical care on heart failure outcome in the primary care setting in Austria. Pharmacoepidemiol Drug Saf. 2015 Jul;24(7):722-30. (Zusammenfassung)

[10] Holubarsch (2005)
Holubarsch C.J.F., Evidenz-basierte Medizin mit Weißdorn-Extrakt: Ein Phytopharmakon ist einen weiten Weg gegangen, Pharm. Unserer Zeit 34. Jahrgang 2005 Nr. 1. (Zusammenfassung)

[11] Yang u.a. (2012)
Yang B, Liu P.,Composition and health effects of phenolic compounds in hawthorn (Crataegus spp.) of different origins. J Sci Food Agric. 2012 Jun;92(8):1578-90. (Zusammenfassung)

[12] Dahmer u.a. (2010)
Dahmer S, Scott E, Health effects of hawthorn., Am Fam Physician. 2010 Feb 15;81(4):465-8. (Artikel in voller Länge)

[13] Daniele u.a. (2006)
Daniele C, Mazzanti G, Pittler MH, Ernst E, Adverse-event profile of Crataegus spp.: a systematic review. Drug Saf. 2006;29(6):523-35. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[14] National Institutes of Health (2012)
National Institutes of Health,National Center for Complementary and Integrative Health Hawthorn,abgerufen am 15.10.2015 unter: https://nccih.nih.gov/health/hawthorn

[15] European Medicines Agency (EMA,2015)
Committee for Herbal Medicinal Products (HMPC) , European Union list entry on Crataegus spp., folium cum, Flore, 28 January 2015 , abgerufen am 15.10.2015 unter: http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_Community_List_Entry/2015/02/WC500181936.pdf