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Rauchstopp im Alter verlängert Leben

Alter schützt vor Rauchstopp nicht. Auch mit über 60 lohnt es sich, mit dem Qualmen aufzuhören.

Alter schützt vor Rauchstopp nicht. Auch mit über 60 lohnt es sich, mit dem Qualmen aufzuhören.

Es lohnt sich, mit dem Rauchen aufzuhören. Zum Beispiel, weil bei Ex-Raucherinnen und -Rauchern die Lebenserwartung steigt. Auch im fortgeschrittenen Alter.

Frage:Verlängert es das Leben, mit dem Rauchen aufzuhören?
Antwort:wahrscheinlich Ja
Erklärung:Ein Rauchstopp senkt wahrscheinlich das Risiko, verfrüht zu sterben. Dies gilt vermutlich auch für ältere Personen ab 60. Und je früher der Rauchstopp gelingt, desto besser ist das offenbar. Denn dann nähert sich die Lebenserwartung von Ex-Raucherinnen und Ex-Rauchern wohl an jene von Nicht-Raucherinnen und -Rauchern an.

Rauchverbote schützen nachweislich die Gesundheit. Unterschreiben Sie hier

Mit dem Rauchen aufzuhören ist oft keine leichte Sache. Denn die meisten Raucherinnen und Raucher haben ein Suchtverhalten entwickelt. Kein Wunder, denn Zigarettenrauch samt Nikotin macht schnell und stark abhängig.

Rauchen rund um die Uhr

Erhältlich sind Zigaretten in Österreich zum Beispiel in 5784 Trafiken, 2417 Geschäften (z. B. Tankstellen) und 933 Gaststätten. Rund 6500 Automaten machen Zigaretten rund um die Uhr verfügbar [13].

Es lohnt sich!

Umso mehr Willenskraft braucht es wohl für die einzelnen Raucherinnen und Raucher, wenn sie abstinent werden und bleiben möchten. Doch ein Rauchstopp lohnt sich jedenfalls, selbst wenn es mehrere Versuche brauchen sollte.

Denn Menschen, die nicht mehr rauchen, erkranken seltener zum Beispiel an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Infektionen, Atemwegserkrankungen, Diabetes und Osteoporose [9]. Insbesondere für ältere Menschen ab 60 können Rauch-Erkrankungen wesentliche Einschränkungen von Mobilität und Unabhängigkeit bedeuten [1].

Lebenszeit zurückgewinnen

Ex-Raucherinnen und -Raucher senken nicht nur ihr Erkrankungsrisiko. Sie leben auch länger als weiterrauchende Personen. Die Vorteile eines Rauchstopps gelten nicht nur für Jüngere, sondern auch für ältere Menschen ab 60: Sie können wahrscheinlich Lebensjahre quasi zurückgewinnen. Dies zeigte eine aktuelle Studie mit 490.000 Menschen über 60 aus Europa und den USA [1].

In Lebenszeit ausgedrückt heißt das, dass ehemalige Raucherinnen und Raucher im Schnitt um knapp 2,6 Jahre früher sterben. Wer bei der Zigarette bleibt, verliert im Durchschnitt 6,7 Lebensjahre. Für Seniorinnen und Senioren, die mehr als elf Zigaretten pro Tag konsumieren, ist der Verlust an Lebenszeit noch höher.

Je früher der Rauchstopp gelingt, desto näher kommen Ex-Raucherinnen und Ex-Raucher wohl an die Lebenserwartung von Nichtraucherinnen und Nichtrauchern heran. Das gilt gleichermaßen für Frauen und Männer.

Sogar ein Ausstieg in noch höherem Alter scheint sich auszuzahlen: Selbst ein Stopp mit 80 Jahren ermöglicht es offenbar, noch Lebenszeit dazugewinnen [5].

Bestätigung früherer Ergebnisse

Diese Studien sind auf einer Linie mit den Ergebnissen von gut gemachten Untersuchungen [2-6,12], wonach es in jedem Alter Vorteile bringt, vom Rauchen loszukommen. Je früher der Stopp gelingt, umso mehr sinkt das Risiko für eine der vielen Krankheiten, die durch das Rauchen ausgelöst oder zumindest begünstigt werden.

Tödliche Mischung

Aktives und passives Zigarettenrauchen führt dazu, dass weltweit jedes Jahr etwa sieben Millionen Menschen zu früh sterben. Damit ist Rauchen die wichtigste vermeidbare Todesursache [7,9]. In Österreich gab es im Jahr 2015 schätzungsweise 10.500 Tote aufgrund des Rauchens von Tabak; das sind etwa 13 Prozent aller Todesfälle [10].

Im Zigarettenrauch sind über 4000 Substanzen enthalten; mindestens 250 davon sind gesundheitsschädlich und über 50 sind krebserregend. Es gibt keine „sichere Dosis“ von Zigarettenrauch, die für Passivraucherinnen und Passivraucher als ungefährlich gilt [7].

Altbekannter Krankmacher

Zu den Folgen des Rauchens zählen: Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Atemwegsdefekte – das sind nur einige der Erkrankungen, die bei Raucherinnen und Rauchern mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auftreten. Grippe und Erkältungen kommen häufiger vor, Wunden heilen langsamer, und das Risiko für Komplikationen nach einer Operation ist ebenfalls gesteigert [8].

Spätestens seit den 1950ern gilt der Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und Zigarettenrauchen als erwiesen. Mit ihrer berühmten „British Doctors’ Study“ [11] zeigten Richard Doll und Austin Bradford Hill, wie gefährlich Rauchen ist. Das war zu einer Zeit, als Zigarettenrauch sogar in der Arztpraxis selbstverständlich war. Damals war das Rauchen – anders als heute – noch viel weiter in den gut gebildeten und einkommensstarken Teilen der Bevölkerung verbreitet.

Österreich als „Europas Aschenbecher“

Weltweit gibt es eine Milliarde Raucherinnen und Raucher. Fast 80 Prozent von ihnen leben mittlerweile in so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern. Gleichzeitig ist mittlerweile in vielen industrialisierten Ländern die Zahl der Raucherinnern und Raucher rückläufig [7].

Ein Trend, den man hierzulande offenbar ausgelassen hat: In punkto Rauchen ist Österreich im internationalen Vergleich führend und wird in Fachkreisen als „Aschenbecher Europas“ bezeichnet. Etwa 22 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer in Österreich rauchen täglich [11,14].

Recht auf frische Luft?

Mit dem Rauchen aufzuhören oder erst gar nicht damit anzufangen – dafür sind einerseits die Lebensverhältnisse und politische Rahmenbedingungen ausschlaggebend. Über die Wirksamkeit von Rauchverboten haben wir bereits berichtet: Nichtraucherschutz: Rauchverbote nachweislich sinnvoll.

Weg von der Zigarette

Neben der Verantwortung des Staates sind auch das eigene Verhalten und die persönliche Motivation bzw. der Zugang zu Anti-Rauch-Therapien ausschlaggebend. Das Wahrnehmen von psychologischen Beratungsangeboten kann helfen. Außerdem kann eine Nikotinersatztherapie die Wahrscheinlichkeit, beim Rauchstopp zu bleiben, leicht erhöhen [8].

Als Nikotinersatz kommen Kaugummis, Lutschtabletten, Pflaster oder Sprays aus der Apotheke in Frage. Sie geben wie Zigaretten Nikotin ab, allerdings langsamer, und enthalten keine anderen gesundheitsschädigenden Stoffe wie Teer. Damit sollen mögliche Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Unruhe, Niedergeschlagenheit und Konzentrationsprobleme zumindest gemindert werden [9].

Keine Wundermittel gegen die Sucht

Auch bestimmte Entwöhnungs-Medikamente können den Ausstieg ein bisschen erleichtern. Die Mittel gehen aber mit Gesundheitsrisiken oder möglichen Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit oder Übelkeit einher [8].

Zu alternativen Methoden wie Akupunktur, Hypnose https://www.medizin-transparent.at/mit-hypnose-zum-nichtraucher oder Johanniskraut gibt es nur wenig (gute) Forschung. Ob eine der Methoden wirkt, lässt sich mithilfe der aktuellen Studienlage nicht beantworten [8].

E-Zigaretten als vermeintlich gesünderer Ersatz sind umstritten; darüber haben wir bereits berichtet: E-Zigaretten: eh harmlos. Oder?

 

Die Studien im Detail

Die großen Gefahren, die vom Rauchen ausgehen, sind hinlänglich bekannt. Und so dürfen Forscherinnen und Forscher, die die Folgen des Rauchens und Nicht-Rauchens untersuchen, ihre Probandinnen und Probanden keinesfalls im Namen der Wissenschaft rauchen lassen.

In solchen Fällen ist die Forschung auf die Beobachtung der Bevölkerung angewiesen. Beobachtungsstudien gelten als weniger verlässlich. Denn es gibt dabei Faktoren, die nicht so genau beeinflusst, gemessen und dokumentiert werden können wie bei kontrollierten Studien, die oft mit weniger Menschen und über kürzere Zeiträume durchgeführt werden. Doch bei gut gemachten Beobachtungstudien können durchaus belastbare Ergebnisse abgeleitet werden – vor allem, wenn die Daten so eindeutig und gleichbleibend in eine bestimmte Richtung weisen, wie das beim Rauchen seit vielen Jahren der Fall ist.

Eine der aktuellsten Übersichtsarbeiten [1] stammt von Aysel Müezzinler und ihrem internationalen Forschungsteam. Sie fassten Ergebnisse aus 22 Beobachtungsstudien zusammen mit 489.056 Personen (nicht-rauchend, rauchend und ex-rauchend) ab 60 Jahren. Die Beobachtungszeit dauerte zwischen acht und dreizehn Jahren; 99.298 Personen verstarben während den Studien.

In einer Gesamtanalyse von Lebensstil und Todesursachen stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, dass das Sterberisiko bei älteren Rauchern um das Doppelte und bei Ex-Rauchern ab 60 um ein Drittel erhöht war. Sie gehen von einem Zusammenhang zwischen Rauchen und Lebenserwartung aus.

Das Forschungsteam berechnete auch die Anzahl der Jahre, um die rauchende Menschen ab 60 früher verstarben: Menschen, die bis zu zehn Zigaretten am Tag geraucht hatten, starben etwa fünf Jahre früher als Nichtraucherinnen und Nichtraucher. Stark rauchende Personen (täglich 20 Zigaretten oder mehr) verloren mehr als acht Jahre.

Bei ehemaligen Raucherinnen und Rauchern fiel auf, dass das höhere Sterberisiko mit den Jahren seit dem Rauchstopp immer weiter abnahm. Bei Ex-Raucherinnen und Ex-Rauchern, die vor 20 oder mehr Jahren das Rauchen aufgegeben haben, bestand nur noch ein minimal erhöhtes Risiko gegenüber Personen, die niemals geraucht hatten.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Müezzinler u.a. (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 22 Kohortenstudien
Teilnehmende insgesamt: 489.066
Fragestellung: Zusammenhang von Rauchen und Mortalität bei älteren Menschen
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

Smoking and All-cause Mortality in Older Adults: Results From the CHANCES Consortium. Am J Prev Med 49(5): e53-e63. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Pirie u.a. (2012)
Studientyp: Kohortenstudie
Studiendauer: durchschnittlich 12 Jahre
Teilnehmerinnen insgesamt: 1 311 943 Frauen
Fragestellung: Welche Gefahren hat das Rauchen für Frauen und was sind die Vorteile eines Rauchstopps? 
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

The 21st century hazards of smoking and benefits of stopping: a prospektive study of one million women in the UK. Lancet. 2012 Oct 26 (Studie im Volltext)

[3] Vollset u.a. (2006)
Studientyp: Kohortenstudie
Studiendauer: 10 Jahre
Teilnehmende insgesamt: 24 505 Frauen und 25 034 Männer
Fragestellung: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Rauchen und Tod bei Menschen zwischen 40 und 70 Jahren?
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

Smoking and Deaths between 40 and 70 Years of Age in Women and Men.
Ann Intern Med. 2006 Mar 21;144(6):381-9 (Zusammenfassung der Studie)

[4] Doll u.a. (2004)
Studientyp: Kohortenstudie
Studiendauer: durchschnittlich 50 Jahre
Teilnehmende insgesamt: 34 439 männliche Ärzte
Fragestellung: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Sterblichkeit und Rauchen bei Männern?
Interessenkonflikte: keine laut Autoren

Mortality in relation to smoking: 50 years observations on male British doctors. BMJ, 2004 Jun 26;328(7455):1519 (Volltext der Studie)

[5] Gellert u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 17 Kohortenstudien
Teilnehmende insgesamt: 1.228.366
Fragestellung: Zusammenhang von Rauchen und Mortalität bei älteren Menschen
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

Smoking and All-Cause Mortality in Older People“ Arch Intern Med. 2012 Jun 11;172(11):837-44 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[6] He u.a. (2014)
Studientyp: Kohortenstudie
Teilnehmende: 1696
Dauer: 35 Jahre
Fragestellung: Reduziert ein Rauchstopp das Risiko für Tabak-assoziierte Erkrankungen mit Todesfolge im Vergleich zu Personen, die weiterrauchen?
Interessenkonflikte: keine laut Autorenteam

He Y, Jiang B, Li LS, Li LS, Sun DL, Wu L, Liu M, He SF, Liang BQ, Hu FB, Lam TH. Changes in smoking behavior and subsequent mortality risk during a 35-year follow-up of a cohort in Xi’an, China. Am J Epidemiol. 2014 May 1;179(9):1060-70 (Zusammenfassung der Studie)

[7] WHO Media Center (2017)
Fact Sheet Tobacco. Abgerufen am 30.12.2017 unter http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs339/en/

[8] IQWIG (2017)
Rauchen. Abgerufen am 25.12.2017 unter https://www.gesundheitsinformation.de/rauchen.2080.de.html

[9] UpToDate (2017)
Benefits and risks of smoking cessation. Abgerufen am 8.1.2018 unter: https://www.uptodate.com/contents/benefits-and-risks-of-smoking-cessation

[10] Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (2017)
Epidemiologiebericht Sucht 2017. Illegale Drogen und Tabak. Wissenschaftlicher Ergebnisbericht; erstellt von Gesundheit Österreich GmbH.
Abgerufen am 8.1.2018 unter https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/3/6/8/CH1040/CMS1511355201786/epidemiologiebericht_sucht_2017.pdf

[11] London School of Hygiene and Tropical Medicine (2015)
No Smoking Day: LSTHM and the link between smoking and lung cancer. Abgerufen am 8.1.2018 unter http://blogs.lshtm.ac.uk/library/2015/03/11/no-smoking-day-lsthm-link-smoking-lung-cancer/

[12] Jha u.a. (2013)
Jha P, Ramasundarahettige C, Landsman V, Rostron B, Thun M, Anderson RN, McAfee T, Peto R. 21st-century hazards of smoking and benefits of cessation in the United States. N Engl J Med. 2013 Jan 24;368(4):341-50. (Artikel in voller Länge)

[13] Neuberger, M. (2018)
Austria’s new government: a victory for the tobacco industry and public health disaster? (Blog des British Medical Journal, Tobacco Control).
Abgerufen am 9.1.2018 unter http://blogs.bmj.com/tc/2018/01/09/austrias-new-government-a-victory-for-the-tobacco-industry-and-public-health-disaster/

[14] GBD 2015 Tobacco Collaborators (2015)
Smoking prevalence and attributable disease burden in 195 countries and territories, 1990–2015: a systematic analysis from the Global Burden of Disease Study 2015 The Lancet , Volume 389 , Issue 10082 , 1885 – 1906 (Zusammenfassung des Artikels)