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Quecksilber im Fisch: Gefahr für Ungeborene?

Gift im Fisch gefährlich?

Gift im Fisch gefährlich?

In der Schwangerschaft viel Fisch zu essen soll gut für die Hirnentwicklung der ungeborenen Kinder sein. Doch Fisch ist häufig mit Quecksilber belastet – und könnte damit genau das Gegenteil bewirken.

 

Frage:Ist es für die geistige Entwicklung des ungeborenen Kindes schädlich, wenn die Mutter in der Schwangerschaft regelmäßig quecksilberhaltigen Fisch isst?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Viele handelsübliche Speisefischsorten sind mit Spuren von Methyl-Quecksilber belastet. Es gibt Hinweise, dass der regelmäßige Verzehr solcher quecksilberhaltigen Fische in der Schwangerschaft die Hirnentwicklung von Ungeborenen und damit deren spätere geistige Fähigkeiten beeinträchtigen kann. Hingegen könnte der Verzehr von quecksilberarmem Fisch die Hirnentwicklung der Ungeborenen fördern.

Die Ernährungsempfehlungen sind eindeutig: Mindestens ein bis zwei Portionen Fisch sollten pro Woche auf den Teller [5] – vor allem fettreiche Sorten, denn sie enthalten höhere Mengen der gesunden Omega-3-Fettsäuren. Diese Nährstoffe sind unter anderem für die Entwicklung des Gehirns von Ungeborenen wichtig. Daher wird werdenden Müttern oft geraten, in der Schwangerschaft viel Fisch zu essen [6].

Uneingeschränkt kann diese Empfehlung allerdings nicht ausgesprochen werden: Denn in vielen handelsüblichen Fischsorten ist Methyl-Quecksilber nachweisbar, eine Schwermetallverbindung, die in hohen Konzentrationen Nerven schädigen kann. Unter anderem könnte das die Hirnentwicklung von Ungeborenen beeinträchtigen [6].

Wie bedenklich ist also der Verzehr von Fisch während der Schwangerschaft? Sollten Fischgerichte vom Speiseplan gestrichen werden?

Kein Verzicht nötig

Gleich vorweg: Ein völliger Verzicht auf Fisch ist weder nötig noch ratsam. Schwangere Frauen, stillende Mütter und Kleinkinder sollten vorsichtshalber jedoch die stärker mit Quecksilber belasteten Fischsorten meiden: vor allem Thunfisch, Schwertfisch, Heilbutt oder Hecht, aber auch Hai, Torpedobarsch und Zackenbarsch [5, 6]. Denn bisherige Studien legen nahe, dass der Konsum größerer Mengen an quecksilberhaltigem Fisch die geistige Leistungsfähigkeit des Nachwuchses geringfügig beeinträchtigen könnte [1, 2, 3].

Stattdessen können quecksilberarme Fische gewählt werden. Besonders gesund sind Arten, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, wie Sardellen, Hering oder Sardine. Auch Lachs ist kaum mit Schwermetall belastet und zugleich reich an Omega-3-Fettsäuren [6]. Allerdings kann Zuchtlachs größere Mengen gesundheitsschädlicher Dioxine und polychlorierter Biphenyle (PCB) aufweisen (siehe dazu Dioxin: Gift im Lachs). Wildlachs ist also zu bevorzugen.

Gesund wie ein Fisch im Wasser

Wer diese Ratschläge beherzigt, braucht sich um die Gesundheit des heranwachsenden Kindes keine Sorgen zu machen. Denn grundsätzlich bringt Fisch auf dem Speiseplan etliche Gesundheitsvorteile: So könnten Schwangere, die viel Fisch oder Fischöl zu sich nehmen, eine verringerte Wahrscheinlichkeit haben, ihr Kind zu früh zur Welt zu bringen [6].

Zudem sind in Fisch enthaltene Omega-3-Fettsäuren für die kindliche Entwicklung des Gehirns und der Netzhaut des Auges essenziell. Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft oder beim Stillen viel Fisch essen, scheinen in ihrer geistigen Entwicklung davon zu profitieren; diese Annahme muss allerdings in weiteren Studien bestätigt werden [6]. Umgekehrt kann ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren beim Kind geistige Schäden, Sehstörungen und Verhaltensprobleme verursachen.

Auch Erwachsene profitieren von regelmäßigem Fischkonsum. Beobachtungsstudien zufolge scheint er beispielsweise vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen. (Medizin-Transparent hat berichtet).

Fischölkapseln kein vollwertiger Ersatz für Fisch

Fischölkapseln mit Omega-3-Fettsäuren dürften kein vollwertiger Ersatz für die positive Wirkung von Fisch in der Ernährung sein. So gibt es keinen Hinweis darauf, dass werdende Mütter ihre Kinder durch eine Nahrungsergänzung mit Fischöl in ihrer geistigen Entwicklung und Sehleistung fördern können [4].

Unklare Grenzwerte

Wie viel Quecksilber Schwangere sicher aufnehmen können, ohne ihr Kind zu gefährden, ist nicht hundertprozentig klar. Unterschiedliche Behörden geben unterschiedliche Grenzwerte an, die sie noch für unbedenklich halten. Den Grenzwert der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine Frau mit einem Körpergewicht von 60 Kilogramm erreicht, wenn sie ein bis zwei Dosen Thunfisch pro Woche isst [6, 7].

Möglicherweise müssen Schwangere aber noch vorsichtiger sein. Das jedenfalls legt eine Übersichtsarbeit über bisher veröffentlichte Studien nahe [1]. Die Autoren und Autorinnen stellten fest, dass auch Quecksilberkonzentrationen, die unter diesem Grenzwert liegen, die spätere geistige Leistungsfähigkeit des Nachwuchses im Mutterleib beeinträchtigen könnten. (Für genaue Angaben siehe den Absatz „Die Studien im Detail“.)

Entscheidungshilfe

Die Fischbestände in den Weltmeeren sind durch Überfischung großteils bereits stark dezimiert – darauf nehmen die pauschal ausgesprochenen Verzehrempfehlungen keine Rücksicht. Wer guten Gewissens Fisch essen möchte, sollte beim Einkauf auf vertrauenswürdige Qualitätssiegel achten, die zeigen, ob die jeweilige Fischart aus nachhaltiger Fischerei oder biologischer Fischzucht stammt.

Informationen zur Nachhaltigkeit auf Deutsch bietet zum Beispiel der Fischratgeber von Greenpeace [9]. Er enthält allerdings keine Informationen zum Schadstoff- oder Nährstoffgehalt.

Die National Geographic Society hat leider ihren „Seafood Decision Guide“ eingestellt, bietet dafür aber einige hilfreiche weiterführende Links zu Fragen rund um Fisch(fang) oder Schadstoffbelastung [10].

Wie das Quecksilber in den Fisch kommt

Quecksilber stammt zu großen Teilen aus der Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen. Aus der Luft gelangt es über den Regen in Flüsse und Seen und schließlich ins Meer. Dort wandelt es sich in das noch schädlichere Methyl-Quecksilber um. Dieses wird von kleinen Wasserorganismen aufgenommen, die für manche Fischarten die Nahrungsgrundlage sind. Entlang der Nahrungskette reichern sich die Schadstoffe dann immer mehr an. Besonders viel Quecksilber enthalten die Raubfische am Ende der Nahrungskette, die sich von bereits stark mit Methyl-Quecksilber belasteten Fischen ernähren.

 

Die Studien im Detail

Dass Methyl-Quecksilber das Gehirn ungeborener Kinder bereits in Konzentrationen schädigen kann, bei denen die schwangeren Mütter selbst noch keine Symptome bemerken, steht außer Frage [6]. Das haben große Vergiftungsskandale im japanischen Minamata in den 1950er Jahren oder im Irak Anfang der 1970er Jahre gezeigt.

Unklar ist jedoch, ab welcher Konzentration Methyl-Quecksilber zu Schädigungen führt. Dementsprechend unterscheiden sich die Grenzwerte, bis zu denen nationale und internationale Behörden den Verzehr von quecksilberhaltigem Fisch unbedenklich finden.

Grenzwerte sind nicht einheitlich

Laut Weltgesundheitsbehörde WHO sind bis zu 1,6 Mikrogramm Methyl-Quecksilber pro Kilogramm Körpergewicht (µg/kg) pro Woche kein Problem. Etwas strenger ist die Europäische Lebensmittelagentur EFSA, die empfiehlt, wöchentlich nicht mehr als 1,3 µg/kg zu sich zu nehmen. Der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA zufolge liegt die vertretbare Höchstmenge bei 0,7 µg pro Kilogramm Körpergewicht – das ist ungefähr die Hälfte.

Den EFSA-Grenzwert hat eine Frau mit 60 Kilo Körpergewicht erreicht, wenn sie in der Woche ein bis zwei Dosen Weißen Thunfisch isst. Diese Fischart enthält durchschnittlich ca. 0,35 µg Methyl-Quecksilber pro Gramm Fisch, doch auch in weniger belastetem Skipjack-Thunfisch wurden Mengen bis 0,26 µg/g gefunden [7].

Grenzwerte zu hoch?

Ab welchen Methyl-Quecksilbermengen ist Fischkonsum nun für ungeborene Kinder schädlich? Eine Antwort darauf versucht eine systematische Übersichtsarbeit [1] zu geben, die Einzelstudien zu dieser Fragestellung zusammenfasst.

Die Quecksilber-Konzentration im Haar lässt Rückschlüsse darauf zu, wieviel von dem Schwermetall eine Person aufgenommen hat. Umgerechnet entsprechen die Grenzwerte von EPA und WHO Quecksilber-Haarkonzentrationen von 1,2 bzw. 1,8 Mikrogramm (µg) pro Gramm Haar [8]. Damit liegen sie deutlich über den Werten von 0,3 bis 0,5 µg/g, für die die Autoren und Autorinnen der Übersichtsarbeit mögliche Beeinträchtigungen des Ungeborenen gefunden haben. Selbst in Österreich, wo Fisch traditionell seltener gegessen wird, ergab eine Messung an einer kleinen Anzahl von Frauen einen doppelt so hohen Quecksilber-Wert von 0,6 µg/g Haar [1].

Die analysierten Studien, auf denen die Schätzung des Grenzwertes beruht, waren allerdings nur Beobachtungsstudien. Sie erlauben nur mit Einschränkungen, von den beobachteten Quecksilber-Haarkonzentrationen auf geistige Leistungsschwächen der Kinder zu schließen.

Widersprüchliche Studien

Zudem kommen nicht alle Studien zu denselben Ergebnissen. In Untersuchungen auf den Färöer-Inseln und in Neuseeland bestätigte sich die Vermutung zwar: Werdende Mütter mit hohen Quecksilberwerten bekamen dort Kinder, deren geistige Leistungsfähigkeit in späteren Tests im Schnitt etwas schlechter war als die von Kindern unbelasteter Mütter – die Quecksilberwerte der Mütter waren zum größten Teil so hoch, weil diese vor und in der Schwangerschaft große Mengen an belastetem Fisch verzehrt hatten.

Studien auf den Seychellen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Die geistigen Leistungen von dort geborenen Kindern waren auch dann nicht schlechter, wenn deren Mütter höhere Quecksilberwerte aufwiesen. Ein Erklärungsansatz ist, dass bestimmte Nährstoffe in Fischfleisch wie Selen oder Omega-3-Fettsäuren die negativen Wirkungen von Methyl-Quecksilber teilweise wieder aufheben. Allerdings müsste diese Hypothese durch Studien erst abgesichert werden.

Auswirkungen auf den IQ

Trotz dieser Widersprüche scheint der Konsum von belastetem Fisch die Intelligenz des Nachwuchses messbar zu verringern, wenn auch noch nicht klar ist, wie sehr. Ein Forschungsteam der Harvard University errechnete bei der Analyse der Studien von den Färöer-Inseln, den Seychellen und aus Neuseeland eine durchschnittliche Verminderung des Intelligenzquotienten um 0,7 Punkte für jedes Mikrogramm Quecksilber im Haar der Mutter [2].

Zwei Jahre später veröffentlichte ein wissenschaftliches Team der US-Umweltbehörde EPA eine ähnliche Berechnung [3], derzufolge der IQ pro Mikrogramm nur um 0,18 Punkte abnahm. Merkwürdigerweise erwähnt diese Studie allerdings die Ergebnisse der früheren Berechnungsstudie nicht, obwohl einer der Autoren in beiden Studien mitgearbeitet hat.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

[Aktualisierte Version, ursprünglich veröffentlicht am 21. April 2015. Eine Suche nach aktuelleren Studien ergab keine inhaltlichen Änderungen.]

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Schoeman u.a. (2009)
Studienart: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 30 Längsschnittstudien und 18 Querschnittstudien
Fragestellung: Ab welcher Quecksilberkonzentration führt der regelmäßige Verzehr von Fisch in der Schwangerschaft zu beobachtbaren geistigen Folgen beim Nachwuchs?
Interessenskonflikte: keine Angabe

Schoeman K, Bend JR, Hill J, Nash K, Koren G. Defining a lowest observable adverse effect hair concentrations of mercury for neurodevelopmental effects of prenatal methylmercury exposure through maternal fish consumption: a systematic review. Ther Drug Monit. 2009 Dec;31(6):670-82. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Cohen u.a. (2005)
Studienart: Meta-Analyse, nicht-systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 3 Kohortenstudien aus den Seychellen, den Färöer-Inseln und Neuseeland
Fragestellung: Gibt es eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Methyl-Quecksilber-Aufnahme durch Fisch in der Schwangerschaft und einem niedrigeren IQ beim Nachwuchs, und wenn ja, wie groß ist der?
Interessenskonflikte: finanziert u. a. durch den Industrieverband National Food Processors Association

Cohen JT, Bellinger DC, Shaywitz BA. A quantitative analysis of prenatal methyl mercury exposure and cognitive development. Am J Prev Med. 2005 Nov;29(4):353-65. (Zusammenfassung der Analyse)

[3] Axelrad u.a. (2007)
Studienart: Meta-Analyse, nicht-systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 3 Kohortenstudien aus den Seychellen, den Färöer-Inseln und Neuseeland
Fragestellung: Gibt es eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Methyl-Quecksilber-Aufnahme durch Fisch in der Schwangerschaft und einem niedrigeren IQ beim Nachwuchs, und wenn ja, wie groß ist der?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren (die Studie wurde durch die US Environmental Protection Agency finanziert)

Axelrad DA, Bellinger DC, Ryan LM, Woodruff TJ. Dose-response relationship of prenatal mercury exposure and IQ: an integrative analysis of epidemiologic data. Environ Health Perspect. 2007 Apr;115(4):609-15. (Analyse in voller Länge)

[4] Gould u.a. (2013)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 5.272
Fragestellung: Verbessert die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren in der Schwangerschaft die geistigen Fähigkeiten des Nachwuchses?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Gould JF, Smithers LG, Makrides M. The effect of maternal omega-3 (n-3) LCPUFA supplementation during pregnancy on early childhood cognitive and visual development: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Am J Clin Nutr. 2013 Mar;97(3):531-44. (Übersichtsarbeit in voller Länge) (kritische Zusammenfassung in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[5] Bundesministerium für Gesundheit (2011)
Die Österreichische Ernährungspyramide. Abgerufen am 26.8.2016 unter
http://bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Ernaehrung/Empfehlungen/Die_Oesterreichische_Ernaehrungspyramide

[6] UpToDate (2016)
Oken E (2014). Fish consumption during pregnancy. In Barss VA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 26.8.2016 unter http://www.uptodate.com/contents/fish-consumption-during-pregnancy

[7] FDA (2006)
U.S. Food and Drug Administration (2006). Mercury Levels in Commercial Fish and Shellfish (1990-2010) Abgerufen am 26.8.2016 unter http://www.fda.gov/Food/FoodborneIllnessContaminants/Metals/ucm115644.htm

[8] Stokes & Selin (2013)
Blog Mercury Science and Policy at MIT. Measuring Our Mercury Exposure Through Hair Samples. Abgerufen am 26.8.2016 unter http://mercurypolicy.scripts.mit.edu/blog/?p=281

Weitere Quellen

[9] Fischratgeber Greenpeace 2016
Abgerufen am 26.8.2016

[10] National Geographic Society
Abgerufen am 26.8.2016