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Omega-3-Fettsäuren: kein Schutz für Herz und Kreislauf

Fischöl-Kapseln: Nahrungsergänzungsmittel mit Fragezeichen

Fischöl-Kapseln: Nahrungsergänzungsmittel mit Fragezeichen

Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl und Pflanzenölen beugen angeblich Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Bisherige Studien widerlegen dies jedoch klar.

Frage 1:Verringern Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems?
Frage 2:Verringern Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren das Risiko, frühzeitig zu sterben?
Antwort:Nein
Erklärung:Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen deutlich, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren nicht vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Angina Pectoris oder Herzschwäche schützen. Sie können auch nicht verhindern, dass man frühzeitig an diesen oder anderen Krankheiten stirbt.

In den 1970er Jahren meinten zwei dänische Forscher in Grönland etwas Interessantes entdeckt zu haben: Ihnen zufolge kam es auf der größten Insel der Erde deutlich seltener zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen als in Industrieländern [1,8].

Natürlich versuchten die Forscher dies auch zu begründen. Die Ursache für die vermeintlich bessere Gesundheit sahen sie in der traditionellen Ernährung der in Grönland lebenden Inuit: Viel Fisch, Robben und Walspeck.

Diese Nahrungsmittel enthalten große Mengen an Omega-3-Fettsäuren. Daher lag die Vermutung nahe, dass genau diese Fettsäuren eine Schutzwirkung auf Herz und Kreislauf der Inuit hatten.

Bloße Vermutung

Die These von der schützenden Wirkung von Omega-3-Fettsäuren für Herz und Kreislauf steht allerdings auf äußerst wackeligen Beinen: Dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Grönland tatsächlich seltener vorkommen, ist gar nicht gesichert [9]. Die beiden dänischen Forscher bezogen sich in ihren damaligen Annahmen auf wenig verlässliche Gesundheitsdaten, wie mittlerweile rekonstruiert worden ist.

Fettsäuren aus Kapsel und Öl

Trotzdem empfehlen nach wie vor viele Fachleute Omega-3-Fettsäuren zur Vorbeugung [2]. Apotheken, Drogerien und Onlineshops bieten Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungmittel an, in Form von Kapseln oder als „Fischöl“ zum Einnehmen. Die Hersteller bewerben die Mittel als gesundheitsfördernd für Herz und Gefäße. Doch ist die behauptete Schutzwirkung auch wissenschaftlich belegt?

Wünschenswert wäre es: Immerhin sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den heutigen Industrieländern die Todesursache Nummer eins. In Österreich sterben vier von zehn Menschen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung [4].

112.000 im Dienst der Wissenschaft

Ein Forschungsteam des wissenschaftlichen Cochrane-Netzwerks hat die angeblich schützende Wirkung hinterfragt. Die Teammitglieder fassten die Ergebnisse aller aussagekräftigen bisher durchgeführten Studien zusammen. Insgesamt analysierten sie die Daten von mehr als 112.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 79 Untersuchungen.

In den meisten Studien nahm die Hälfte der teilnehmenden Personen Omega-3-Fettsäuren in Form von Kapseln zusätzlich zu ihren täglichen Mahlzeiten ein. Die anderen schluckten Kapseln ohne Omega-3-Fettsäuren.

Schutzeffekt widerlegt

Die zusammengefassten Daten haben die bisher verbreiteten Empfehlungen auf den Kopf gestellt: Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren zeigte keinerlei vorbeugende Wirkung. Personen, die Omega-3-Kapseln geschluckt hatten, erlitten im Studienverlauf ähnlich häufig einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine andere Herz-Kreislauf-Erkrankung wie jene, die Kapseln ohne Omega-3-Fettsäuren eingenommen hatten.

Auch auf die Lebensspanne hatten die Kapseln keinen Einfluss. So können Omega-3-Fettsäuren das Risiko nicht verringern, frühzeitig an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einer anderen Ursache zu sterben.

In den Studien schien es keinen Unterschied zu machen, ob die Testpersonen Omega-3-Fettsäuren aus Fischen oder eine aus Pflanzen stammende Omega-3-Fettsäure namens Alpha-Linolensäure einnahmen. Ob die pflanzliche Omega-3-Fettsäure tatsächlich ähnlich wirkungslos ist wie die tierischen, müssen zukünftige Studien jedoch erst bestätigen

Verdauungsprobleme möglich

Auch wenn ein Nutzen wider Erwarten nicht gezeigt werden konnte, so dürften doch zumindest ernste Nebenwirkungen durch Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren unwahrscheinlich sein [1].

Leichte Nebenwirkungen durch Fischöl sind allerdings möglich. Zwischen 4 und 20 von 100 Testpersonen berichteten von Verdauungsproblemen wie Bauchschmerzen oder Durchfall [2]. Nicht ausschließen lässt sich, dass hohe Dosen von Fischöl eine Verzögerung der Blutgerinnung bewirken [2,6].

Teller statt Kapsel: Wirkt ganzer Fisch besser?

Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren bringen keinen Vorteil für die Gesundheit von Herz und Kreislauf. Aber vielleicht ist der ganze Fisch als Nahrungsmittel „wirksamer“? Schließlich enthält Fisch neben Omega-3-Fettsäuren auch viele Mineralstoffe, Vitamine und Proteine, die zu einer ausgewogenen Ernährung beitragen können. So empfehlt etwa die Österreichische Gesellschaft für Ernährung, ein- bis zweimal wöchentlich fettreichen Fisch auf den Speiseplan zu setzen [3].

Ob sich der Genuss von ganzem Fisch positiv auf die Herzgesundheit auswirkt, haben jedoch nur wenige der analysierten Studien untersucht. Die entsprechenden Daten sind zu wenig aussagekräftig, um diese Frage sicher beantworten zu können.

Gehirnentwicklung: Omega-3-Fettsäuren bedeutsam

Fetthaltiger Fisch enthält die beiden Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). In manchen Nüssen und Pflanzenölen wie Leinöl oder Chiaöl findet sich die Omega-3-Fettsäure Alpha-Linolensäure (ALA) [1,2].

DHA ist für die kindliche Gehirnentwicklung beim Ungeborenen im letzten Schwangerschaftsdrittel und den ersten beiden Lebensjahren wichtig. Bei Erwachsenen ist die genaue Aufgabe dieser speziellen Fettsäuren allerdings noch kaum erforscht [2,7].

Fachleute sind sich jedoch einig, dass Omega-3-Fettsäuren für den Körper lebensnotwendig sind. Den Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften Österreichs, Deutschlands und der Schweiz zufolge decken ein bis zwei Portionen Fisch pro Woche den Bedarf an EPA und DHA. Alternativ ließe sich der tägliche Bedarf über die Menge an ALA decken, die beispielsweise in einem Esslöffel Rapsöl enthalten ist [6,11,12].

Omega-3-Fettsäuren sollen Depressionen lindern und Kindern mit der Diagnose ADHS helfen ruhiger zu werden. Für diese behaupteten Wirkungen fehlen jedoch wissenschaftliche Belege, siehe: „Omega-3 Fettsäuren bei Depression: Wirkung fraglich“ und „Omega-Fettsäuren: Hilfe für Zappelphilipps fragwürdig“.

Risiken durch Verunreinigungen und Nebenwirkungen

Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren enthalten üblicherweise Fischöl, das aus fettreichem Meeresfisch gewonnen wird. Kann es bedenkenlos genommen werden? Schließlich ist in manchen Fischarten Quecksilber angereichert, weil das Nervengift durch die Umweltverschmutzung in die Weltmeere gelangt und von Meerestieren aufgenommen wird (siehe: „Quecksilber im Fisch: Gefahr für Ungeborene?“).

Fischöl enthält allerdings keine nennenswerten Mengen an Quecksilber [2]. Andere Umweltgifte wie polychlorierte Biphenole (PCBs) oder Dioxine lassen sich hingegen auch in Fischöl-Präparaten nachweisen – allerdings in sehr niedrigen und unbedenklichen Mengen [2,8].

 

Die Studien im Detail

Eine sehr gut gemachte systematische Übersichtsarbeit des wissenschaftlichen Cochrane-Netzwerks spiegelt den aktuellen Stand des Wissens zum Thema „Omega-3-Fettsäuren“ [1] wider. Das Autorenteam wertete die Ergebnisse von 79 randomisiert-kontrollierten Studien mit über 112.000 Testpersonen aus.

In den meisten Studien schluckten die teilnehmenden Personen ein bis sechs Jahre lang regelmäßig entweder Omega-3-Kapseln oder Placebokapseln ohne Omega-3-Fettsäuren.

Oder die Testpersonen nahmen die Omega-3-Fettsäuren über angereicherte Lebensmittel wie Margarine oder Saft zu sich. In einzelnen Studien aßen sie vermehrt Fischgerichte.

In der Zusammenfassung ergaben die Studien, dass Omega-3-Fettsäuren keinen Einfluss auf das Risiko haben, vorzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen Todesursachen zu versterben. Auch die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Ereignisse wurde durch Omega-3-Fettsäuren weder positiv noch negativ beeinflusst. Als Herz-Kreislauf-Ereignis definierte das Autorenteam unter anderem Herzinfarkt, Angina Pectoris, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, eine gestörte Durchblutung der Gliedmaßen (periphere arterielle Verschlusskrankheit), Herztod sowie Herzoperationen.

Von den 79 analysierten Studien waren 25 streng nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt und daher von hoher Qualität. Als das Autorenteam die Ergebnisse der weniger hochwertigen Studien im Rahmen einer „Sensitvitätsanalyse“ ausschloss, änderte das nichts an den Resultaten: das ist ein Qualitätsmerkmal für die Stabilität der Resultate.

Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Ergebnisse ist daher hoch. Dass Studien ein derartig eindeutiges Fazit erlauben, ist selten.

(AutorIn: C. Christof, Review: B. Kerschner, J. Harlfinger)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Abdelhamid u.a. (2018)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analsyse
Analysierte Studien: 79 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 112.059 Teilnehmer und Teilnehmerinnen
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dadurch bedingte Todesfälle beziehungsweise von Todesfällen aufgrund anderer Erkrankungen?
Interessenskonflikte: keine angegeben

Abdelhamid, A. S., et al. (2018). Omega-3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev 7: Cd003177. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] UpToDate (2018)
Mozaffarian D. Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Downey BC (ed.). UpToDate. Abgerufen am 13.8.2018 unter http://www.uptodate.com/contents/fish-oil-and-marine-omega-3-fatty-acids

[3] ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG (ÖGE) (2018)
10 Ernährungsregeln der ÖGE. Abgerufen am 08.08.2018 unter: https://www.oege.at/index.php/bildung-information/empfehlungen

[4] Statistik Austria (2018)
Gestorbene im Jahr 2017 nach Todesursachen, Alter und Geschlecht. Abgerufen am 07.08.2018 unter: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/todesursachen/todesursachen_im_ueberblick/index.html

[5] European Food Safety Authority, ESFA (2015)
Statement on the benefits of fish/seafood consumption compared to the risks of methylmercury in fish/seafood. Abgerufen am 08.08.2018 unter: https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.2903/j.efsa.2015.3982

[6] Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR, (2009)
Stellungnahme Nr. 030/2009 des BfR vom 26. Mai 2009; Für die Anreicherung von Lebensmitteln mit Omega-3-Fettsäuren empfiehlt das BfR die Festsetzung von Höchstmengen. Abgerufen am 07.08.2018 unter:
https://www.bfr.bund.de/cm/343/fuer_die_anreicherung_von_lebensmitteln_mit_omega_3_fettsaeuren_empfiehlt_das_bfr_die_festsetzung_von_hoechstmengen.pdf

[7] Enns u.a. (2014)
Enns JE, Yeganeh A, Zarychanski R, Abou-Setta AM, Friesen C, Zahradka P,Taylor CG. The impact of omega-3 polyunsaturated fatty acid supplementation on the incidence of cardiovascular events and complications in peripheral arterial disease: a systematic review and meta-analysis. BMC Cardiovasc Disord. 2014 May 31;14:70. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[8] Bang & Dyerberg (1980)
Bang H.O., Dyerberg J. (1980) Lipid Metabolism and Ischemic Heart Disease in Greenland Eskimos. In: Draper H.H. (eds) Advances in Nutritional Research. Springer, Boston, MA (Zusammenfassung des Artikels)

[9] Fodor u.a. (2014)
Fodor JG, Helis E, Yazdekhasti N, Vohnout B. „Fishing“ for the origins of the „Eskimos and heart disease“ story: facts or wishful thinking? Can J Cardiol. 2014 Aug;30(8):864-8. (Zusammenfassung des Artikels)

[10] Bundesministerium für Gesundheit (2017)
Österreichischer Ernährungsbericht 2017. Abgerufen am 16. 8. 2018 unter https://www.bmgf.gv.at/home/Ernaehrungsbericht2017

[11] Österreichische Gesellschaft für Ernährung
Fette. Abgerufen am 16. 8. 2018 unter https://www.oege.at/index.php/bildung-information/nahrungsinhaltsstoffe/fette

[12] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2016)
Regelmäßig Fisch auf den Tisch! Presseinformation vom 02.08.2016. Abgerufen am 16. 8. 2018 unter https://www.dge.de/presse/pm/regelmaessig-fisch-auf-den-tisch/