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Omega-Fettsäuren: Hilfe für Zappelphilipps fragwürdig

Lebhaft oder verhaltensauffällig?

Lebhaft oder verhaltensauffällig?

[Aktualisiert, ursprünglich veröffentlicht 23. 10. 2012] Omega-3/6-Fettsäuren sollen Kindern mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) helfen, ruhiger zu werden. Hyperaktive Kinder weisen zwar einen Mangel dieser Fettsäuren auf, dass sie aber Auswirkungen auf das Verhalten der kleinen Patienten haben ist nicht belegt.
 

 

Zeitungsartikel: Nicht konzentriert (7.5.2012, NÖN)
Frage:Hilft die Einnahme von Omega-3 & 6-Fettsäuren Kindern mit der Diagnose ADHS ruhiger zu werden und sich besser zu konzentrieren?
Antwort:Trotz eines nachgewiesenen Mangels der Omega-3- und -6-Fettsäuren bei ADHS-Kindern gibt es keine aussagekräftigen Hinweise, dass die zusätzliche Einnahme dieser Fettsäuren zu Verbesserungen führt.
Beweislage:
Unzureichende wissenschaftliche Beweislage

[Aktualisierte Version vom 8.5.2014: eine Suche nach neuen Studien bringt keine inhaltliche Änderung]

„Sitz ruhig und konzentrier dich!“, diese Aufforderungen bekommt ein Kind mit der Diagnose ADHS in der Schule nicht nur einmal zu hören. Die Abkürzung ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, eine Häufung von Verhaltensauffälligkeiten, die schon im frühen Kindesalter auftreten können.

Durch eine einfache Laboruntersuchung lässt sich ADHS nicht feststellen. Die Diagnose trifft ein Arzt oder Psychologe anhand mehrerer unterschiedlicher Kriterien. Die drei Hauptsymptome sind Aufmerksamkeitsstörungen, impulsives Verhalten und ein hoher Bewegungsdrang (Hyperaktivität), die über das normale Maß hinausgehen. Nicht bei jedem Kind sind jedoch all diese Auffälligkeiten in gleicher Weise vorhanden, außerdem können Kinder solche Verhaltensweisen auch aus vielen anderen Gründen zeigen. Das macht die Diagnose oft schwierig. [2] Je nachdem, welche Diagnosekriterien der Arzt oder Psychologie anwendet, wird die Häufigkeit von ADHS zwischen 2 und 18 pro 100 Kindern angegeben, die Mehrzahl davon Buben. [3]

Die Ursachen für Hyperaktivität sind nur unzufriedenstellend geklärt. Wissenschaftler vermuten, dass so verschiedene Faktoren wie Rauchen in der Schwangerschaft oder Komplikationen bei der Geburt mit ADHS in Verbindung stehen könnten. Bei vielen betroffenen Kindern scheint ein Mangel bestimmter Botenstoffe im Gehirn verantwortlich zu sein. Sicher sein dürfte nur, dass die Vererbung eine wichtige Rolle spielt, so könnten für bis zu 9 von 10 Fällen die Gene zumindest eine von mehreren Ursachen sein. [3]

Behandlung meist mit Medikamenten

ADHS kann nicht geheilt werden, daher versucht man, die charakteristischen Verhaltensauffälligkeiten der betroffenen Kinder zu behandeln. Die Behandlung ist jedoch individuell und auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. Meist wird eine Kombinationstherapie aus Verhaltenstherapie und Medikamenten eingesetzt. Das wohl bekannteste Medikament dazu ist Methylphenidat, ein stimulierendes und konzentrationssteigerndes Arzneimittel. [4]

Viele Eltern betroffener Kinder fragen sich, ob ihrem Kind nicht anders geholfen werden kann. Die NÖN schreibt, dass zur Behandlung von ADHS die Einnahme von Omega-3- und Omega-6-Fettsäure-hältigen Nahrungsergänzungsmitteln „zu überlegen wäre“. Kann eine zusätzliche Aufnahme dieser Fettsäuren betroffenen Kindern tatsächlich helfen?

Studien können Wirksamkeit nicht belegen

Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren gehören zu den ungesättigten Fettsäuren und sind lebensnotwendig. Jedoch stellt der Körper diese Stoffe nicht in ausreichenden Mengen selbst her, daher müssen sie mit der Nahrung aufgenommen werden. In großen Mengen sind diese Fettsäuren beispielsweise in fettreichem Fisch enthalten. Bei Kindern, die an ADHS leiden, wurde in einigen Studien ein niedrigerer Spiegel an Omega-3 & 6 – Fettsäuren festgestellt. [4] Daher vermuteten manche Forscher, dass ein Ausgleich des Omega-3/6-Mangels die Symptome von ADHS mildern könnte.

In einer systematischen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration wurden alle relevanten, bisher veröffentlichten klinischen Studien zu dieser Fragestellung zusammengefasst. Insgesamt wurde in 13 Studien an etwas mehr als 1000 kleinen ADHS-Patienten die Wirksamkeit von Omega-3/6-Fettsäuren untersucht. Ob sich die Auffälligkeiten und Probleme der Kinder gebessert hatte, wurde dabei sowohl von den Kindern selbst, deren Lehrer und Eltern als auch von Ärzten beurteilt. Im Vergleich zu Kindern, die nur ein Scheinpräparat (Placebo) bekamen, zeigte sich bei der Einnahme der Omega-3/6-Fettsäure-Präparate keine eindeutige Besserung.

Die Ergebnisse der analysierten Studien sind allerdings nur bedingt aussagekräftig, vor allem aufgrund der geringen Teilnehmerzahl. In vielen Fällen wurden Teilergebnisse nicht berichtet, die eine Wirksamkeit der Mittel möglicherweise in Frage gestellt hätten. Zudem wurden viele der Studien von den Herstellern der untersuchten Nahrungsergänzungsmittel finanziert. Die Autoren der Übersichtsarbeit kamen daher zu dem Schluss, dass die derzeit vorhandenen Studienergebnisse nicht ausreichen, um auf einen vorteilhaften Effekt von Omega-3/6-Fettsären bei ADHS schließen zu können. [1]

(Autoren: A. Kny, B. Kerschner, M. Flamm)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Gillies u.a.(2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Teilnehmer insgesamt: 1011 Probanden
Eingeschlossene Studien: 13 randomisiert-kontrollierte klinische Studien
Studiendauer: 4-16 Wochen
Fragestellung: Können Symptome von ADHS durch die Einnahme von Omega-3/6-Fettsäuren verbessert werden?
Mögliche Interessenskonflikte: keine Angabe

Titel: „Polyunsaturated fatty acids (PUFA) for attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) in children and adolescents“ Cochrane Database Systematic Review. 2012 Jul 11;7:CD007986. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] Krull KR (2012). Attention deficit hyperaktivity disorder in children and adolescents: Clinical features and evaluation. In Torchia MM (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 17.10.2012

[3] Krull KR (2012). Attention deficit hyperaktivity disorder in children and adolescents: Epidemiology and pathogenesis. In Torchia MM (ed.) UpToDate, Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 22.10.2012

[4] Krull KR (2012). Attention deficit hyperaktivity disorder in children and adolescents: Overview of treatment and prognosis. In Torchia MM (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 17.10.2012

[5] Mozaffarian D (2012). Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Rind DM (ed.) UpToDate. Abgerufen unter http://www.uptodate.com am 22. 10. 2012

[6] Karr JE, Alexander JE, Winningham RG (2011). Omega-3 polyunsaturated fatty acids and cognition throughout the lifespan: a review. Nutr Neurosci. 2011 Sep;14(5):216-25. Review.
(Zusammenfassung der Arbeit)