Omega-3-Fettsäuren: kein Schutz für Herz und Kreislauf

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2020
Ob aus Fisch oder aus Kapseln: Ein Plus an Omega-3-Fettsäuren schützt nicht das Herz.
Eine vermehrte Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren bietet keinen Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder vorzeitigem Tod. Das konnten Studien eindeutig belegen.
Frage:
Verringert die vermehrte Einnahme von Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfalls oder andere plötzlich auftretende Herz-Kreislauf-Probleme? Senkt sie das Risiko, frühzeitig zu sterben?
nein
Antwort:
Antwort:
Frage:
Kann die vermehrte Einnahme von Omega-3-Fettsäuren weiteren Herzinfarkten oder Schlaganfällen vorbeugen, wenn man bereits einen Herzinfarkt hatte? Senkt sie in diesem Fall das Risiko, frühzeitig zu sterben?
wahrscheinlich nicht
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen deutlich, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren nicht vor akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall schützen. Dasselbe gilt für besonders Omega-3-reiche Ernährung. Zusätzliche Omega-3-Fettsäuren können auch das generelle Risiko, frühzeitig zu versterben, nicht verringern.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

In den 1970er Jahren meinten zwei dänische Forscher in Grönland etwas Interessantes entdeckt zu haben: Ihnen zufolge kam es auf der größten Insel der Erde deutlich seltener zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen als in Industrieländern [3].

Die Ursache sahen sie in der traditionellen Ernährung der in Grönland lebenden Inuit: viel Fisch, Robben und Walfleisch. Darin enthalten: große Mengen an Omega-3-Fettsäuren. Sie schlussfolgerten, diese Fettsäuren müssten eine Schutzwirkung auf Herz und Kreislauf haben.

Falsche Vermutung

Die Beobachtung der beiden Forscher stellte sich später als nicht haltbar heraus. Dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Grönland tatsächlich seltener vorkommen, ist nämlich gar nicht sicher [4]. Die Theorie von der Omega-3-Fettsäure als Herzschutz entsprang vermutlich einem Fehlschluss.

Fakt oder Mythos?

Trotzdem empfehlen viele Fachleute nach wie vor Omega-3-Fettsäuren zur Vorbeugung von diversen Krankheiten [5]. Apotheken, Drogerien und Onlineshops bieten Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel an, in Form von Kapseln oder als „Fischöl“ zum Einnehmen.

Hersteller bewerben ihre Mittel als Schutz für Herz und Gefäße. Aber auch regelmäßig Meeresfisch zu essen soll vor Herzkreislauf-Erkrankungen bewahren. Klingt gut – wo doch statistisch gesehen rund 4 von 10 Menschen in Österreich an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung versterben [6].

Doch sind diese Behauptungen gerechtfertigt? Oder sind sie nichts als inzwischen widerlegte Relikte aus den 1970er Jahren?

Kein Schutzeffekt

Ein Forschungsteam des wissenschaftlichen Cochrane-Netzwerks hat die angeblich schützende Wirkung von Omega-3-Präparaten hinterfragt [1]. Die Teammitglieder fassten die Ergebnisse aller aussagekräftigen bisher durchgeführten Studien zusammen. Insgesamt analysierten sie die Daten von über 162.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 86 Untersuchungen.

Die zusammengefassten Daten widersprechen klar der weitverbreiteten Meinung: Die vermehrte Einnahme von Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmitteln oder durch spezielle Diätpläne zeigte keinerlei vorbeugende Wirkung. Personen, die zusätzliche Omega-3-Fettsäuren zu sich genommen hatten, erlitten im Studienverlauf ähnlich häufig einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder ähnliche akute Erkrankungen wie jene, die ein Scheinpräparat (Placebo) eingenommen hatten.

Omega-3 sorgt nicht für ein längeres Leben

Auch auf die Lebensspanne hatten Omega-3-Fettsäuren keinen Einfluss. Sie können das Risiko, frühzeitig zu sterben nicht verringern.

Ob die Testpersonen Omega-3-Fettsäuren aus Fischen oder eine aus Pflanzen stammende Omega-3-Fettsäure namens Alpha-Linolensäure einnahmen, schien in den Studien außerdem keinen Unterschied zu machen.

Auch nach Herzinfarkt wahrscheinlich kein Schutz

Ein zweites Forschungsteam interessierte sich dafür, ob Menschen, die bereits einen Herzinfarkt hatten, von Omega-3-Fettsäuren profitieren können [2]. In einer großen Übersichtsarbeit fassten die Teammitglieder die Ergebnisse von 11 Studien mit insgesamt 24.414 Herzinfarkt-Patientinnen und -Patienten zusammen.

Ihr Fazit: Zusätzliche Omega-3-Fettsäuren können wahrscheinlich nicht vor weiteren Herzinfarkten oder Schlaganfällen schützen. Auch nicht davor, frühzeitig zu versterben.

Hilft’s nix, schadet’s nix?

Obwohl der Nutzen fehlt: Wer Omega-3-Kapseln schluckt oder besonders viel fetten Fisch isst, muss zumindest nicht mit unerwünschten Nebenwirkungen rechnen. Auch das zeigten die zusammengefassten Studien eindeutig [1].

Omega-3-Fettsäuren in Fisch und pflanzlichen Ölen

Omega-3-Fettsäuren gehören zu den ungesättigten Fettsäuren und sind für den Körper lebensnotwendig. Er kann sie jedoch nicht selbst herstellen, sondern muss sie über die Nahrung aufnehmen. Wir benötigen Omega-3 Fettsäuren etwa für den Aufbau von Zellen und zur Herstellung von verschiedenen Botenstoffen im Körper.

Man kennt viele verschiedene Omega-3 Fettsäuren, drei davon sind besonders gut erforscht und scheinen eine besonders wichtige Rolle zu spielen: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), die besonders in fettem Fisch enthalten sind. Und die Alpha-Linolensäure (ALA), die aus pflanzlichen Nahrungsmitteln, wie Walnüssen, Leinöl oder Rapsöl kommt [1,5].

Wichtig für die kindliche Gehirnentwicklung

DHA zum Beispiel ist für die kindliche Gehirnentwicklung beim Ungeborenen und in den ersten beiden Lebensjahren wichtig. Bei Erwachsenen ist die genaue Aufgabe dieser speziellen Fettsäure allerdings noch wenig erforscht [5].

Eine positive Wirkung wird Omega-3-Fettsäuren manchmal bei Depression nachgesagt. Dafür konnten wir jedoch keine wissenschaftliche Belege finden. Ebenso fehlen Hinweise auf einen Nutzen von Omega-3-Fettsäuren bei ADHS bei Kindern.

Gesunder Fisch – um jeden Preis?

Dass Omega-3-Fettsäuren für den Körper wichtig sind, darüber sind sich Fachleute einig. Die Ernährungsgesellschaften Österreichs und Deutschlands empfehlen ein bis zwei Portionen Fisch pro Woche, um den Bedarf an Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure zu decken [7,8]. Insbesondere fette Meeresfische wie Lachs, Sardelle oder Hering enthalten große Mengen an Omega-3-Fettsäuren.

Doch hier stehen Gesundheitsempfehlung und Umweltverträglichkeit miteinander im Widerspruch: Die Überfischung und Verunreinigung der Meere nimmt stetig zu, die Fischbestände schrumpfen. Ob die Empfehlung, viel Meeresfisch zu essen, angesichts dieser Probleme noch zeitgemäß ist, ist fraglich [9]. Konsumentinnen und Konsumenten stehen daher vor einem Dilemma: Die gesundheitlich optimale Ernährung wählen – oder die ökologisch verträglichste?

Die gute Nachricht lautet: Alternativ lässt sich der tägliche Bedarf auch über die Menge an Alpha-Linolensäure decken, die beispielsweise in einem Esslöffel Rapsöl enthalten ist. Auch in Leinsamen und Walnüssen stecken große Mengen Omega-3-Fettsäuren [7,8].

Quecksilber, Biphenyle und Dioxin

Fischöl für Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren kommt üblicherweise aus fettreichem Meeresfisch. Das wirft die Frage nach möglichen Verunreinigungen auf: Schließlich reichert sich in fettreichen Fischarten besonders viel Quecksilber an. Dass das Schwermetall gefährlich für die geistige Entwicklung von Ungeborenen sein kann, haben wir bereits berichtet, siehe: Quecksilber im Fisch: Gefahr für Ungeborene?.

Schädliche Mengen an Quecksilber dürften in Fischöl allerdings nicht enthalten sein. Andere Umweltgifte wie polychlorierte Biphenyle (PCBs) oder Dioxine lassen sich hingegen auch in Fischöl-Präparaten nachweisen – allerdings in niedrigen und als unbedenklich geltenden Mengen [5,10].

Die Studien im Detail

Eine sorgfältig gemachte systematische Übersichtsarbeit des wissenschaftlichen Cochrane-Netzwerks spiegelt den aktuellen Stand des Wissens zum Thema „Omega-3-Fettsäuren“ wider [1]. Das Autorenteam wertete die Ergebnisse von 86 randomisierten kontrollierten Studien mit 162 796 Testpersonen aus. Die Studien wurden in unterschiedlichen Erdteilen durchgeführt – überwiegend in wohlhabenden Ländern, wo Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger vorkommen.

In den Studien schluckten die teilnehmenden Personen ein bis sechs Jahre lang regelmäßig entweder Omega-3-Kapseln oder Placebo-Kapseln ohne Omega-3-Fettsäuren. Andere Testpersonen nahmen Omega-3-Fettsäuren über angereicherte Lebensmittel wie Margarine oder Saft zu sich. In einzelnen Studien aßen sie auch vermehrt Fischgerichte. Währenddessen wurde ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit genau beobachtet.

Omega-3-Fettsäuren: ohne Wirkung auf Herz und Gefäße

In der Zusammenfassung ergaben die Studien, dass Omega-3-Fettsäuren keinen Einfluss auf das Risiko haben, vorzeitig zu sterben. Auch das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, plötzlicher Herztod oder andere akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen blieb gleich.

Von den 86 analysierten Studien waren 28 streng nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt und daher von hoher Qualität. Als das Autorenteam ausschließlich die Daten jener 28 besten Studien zusammenfasste, änderte das nichts am Ergebnis – das ist ein Qualitätsmerkmal und ein Hinweis auf die Stabilität der Resultate.

Unser Vertrauen in diese Ergebnisse ist daher hoch. Dass Studien eine derartig eindeutige Schlussfolgerung erlauben, kommt selten vor.

Auch „Rückfälle“ werden wahrscheinlich nicht verhindert

Eine zweite ebenso sorgfältig gemachte Übersichtsarbeit untersuchte, ob die vermehrte Einnahme von Omega-3-Fettsäuren weitere Erkrankungen verhindern kann, wenn die untersuchten Personen bereits einen Herzinfarkt hinter sich haben [2]. Dafür fasste das Autorenteam die Ergebnisse von 11 randomisierten kontrollierten Studien zusammen. Sie enthalten die Daten von insgesamt 24 414 ehemalige Herzinfarkt-Patientinnen und -Patienten.

Auch hier schluckte die Hälfte Kapseln, aß mit Omega-3-Fettsäuren angereicherte Lebensmittel oder folgte speziellen Diätplänen – während die andere Hälfte das zwecks Vergleich nicht tat. Die Studien dauerten ein bis fünf Jahre. Am Ende hatten die Teilnehmenden in beiden Gruppen ähnlich häufig einen abermaligen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten. Auch schien die Einnahme zusätzlicher Omega-3-Fettsäuren das Leben nicht verlängern zu können.

Diese Ergebnisse sind nicht ganz so gut abgesichert. Um völlig sicher zu sein, wären noch mehr Studien notwendig. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass zusätzliche Omega-3-Fettsäuren auch nach einem Herzinfarkt keinen Schutz bieten können.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Abdelhamid u.a. (2020)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 86 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 162 796 Teilnehmer und Teilnehmerinnen
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dadurch bedingte Todesfälle beziehungsweise von Todesfällen aufgrund anderer Erkrankungen?
Interessenskonflikte: keine laut AutorInnen

Abdelhamid, A. S., Brown, T. J., Brainard, J. S., Biswas, P., Thorpe, G. C., Moore, H. J., … & Hooper, L. (2020). Omega‐3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews, (3). (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Popoff u.a. (2019)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 11 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 24 414 Teilnehmer und Teilnehmerinnen
Fragestellung: Bewirken Omega-3-Fettsäuren eine Senkung des Risikos für akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dadurch bedingte Todesfälle beziehungsweise von Todesfällen aufgrund anderer Erkrankungen bei Menschen, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben?
Interessenskonflikte: keine laut AutorInnen

Popoff, F., Balaciano, G., Bardach, A., Comandé, D., Irazola, V., Catalano, H. N., & Izcovich, A. (2019). Omega 3 fatty acid supplementation after myocardial infarction: a systematic review and meta-analysis. BMC cardiovascular disorders, 19(1), 136. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Andere Quellen:

[3] Bang & Dyerberg (1980)
Bang H.O., Dyerberg J. (1980) Lipid Metabolism and Ischemic Heart Disease in Greenland Eskimos. In: Draper H.H. (eds) Advances in Nutritional Research. Springer, Boston, MA (Zusammenfassung des Artikels)

[4] Fodor u.a. (2014)
Fodor JG, Helis E, Yazdekhasti N, Vohnout B. „Fishing“ for the origins of the „Eskimos and heart disease“ story: facts or wishful thinking? Can J Cardiol. 2014 Aug;30(8):864-8. (Zusammenfassung des Artikels)

[5] UpToDate (2018)
Mozaffarian D. Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Downey BC (ed.). UpToDate. Abgerufen am 13.8.2018 unter www.uptodate.com

[6] Statistik Austria (2020)
Gestorbene im Jahr 2018 nach Todesursachen, Alter und Geschlecht. Abgerufen am 20.7.2020 unter:
www.statistik.at

[7] Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE)
10 Ernährungsregeln der ÖGE. Abgerufen am 20.7.2020 unter www.oege.at

Fette. Abgerufen am 20.7.2020 unter www.oege.at

[8] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2020)
10 Regeln der DGE. Abgerufen am 20.7.2020 unter www.dge.de

[9] National Research Council. (2015). A framework for assessing effects of the food system. National Academies Press. (ANNEX 1, DIETARY RECOMMENDATIONS FOR FISH CONSUMPTION.)
(Artikel in voller Länge)

[10] European Food Safety Authority, ESFA (2015)
Statement on the benefits of fish/seafood consumption compared to the risks of methylmercury in fish/seafood. (Artikel in voller Länge)