Unbelegt: Wasserstoffperoxid gurgeln gegen Coronavirus

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Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 21. April 2021
Wasserstoffperoxid im Mund: Kein Geschmackserlebnis und unzureichend erforscht.
Ob Gurgeln mit Wasserstoffperoxid gegen das Coronavirus, Grippe oder Erkältungen hilft, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Auch zu den Risiken ist wenig bekannt.
Frage:
Hilft das Gurgeln mit Wasserstoffperoxid (H2O2) gegen das Coronavirus oder anderen bei Infektionen im Rachenraum?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Frage:
Hat das Gurgeln mit Wasserstoffperoxid gesundheitliche Risiken?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Ob Wasserstoffperoxid (H2O2) als Gurgellösung geeignet ist, um COVID-19, Halsschmerzen oder Erkältungen zu behandeln oder vorzubeugen, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Ebenso wenig, ob die regelmäßige Anwendung schadet. Wird Wasserstoffperoxid geschluckt oder eingeatmet, kann das allerdings gesundheitliche Folgen haben.

Wie gehen wir vor?

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Gurgeln mit Wasserstoffperoxid, kurz H2O2 – manche Menschen schwören drauf.

Ganze Bücher und Internetseiten sind der Substanz gewidmet und berichten ausführlich von der angeblichen „vergessenen Heilkraft“ des H2O2.

Als Gurgellösung soll Wasserstoffperoxid zum Beispiel Viren und Bakterien im Rachen abtöten. Und so auch gegen Halsschmerzen und Erkältung helfen.

Was sagt die Wissenschaft dazu? Könnte die Theorie vom Infekt-Weggurgeln auch in der Praxis funktionieren?

Wirkung und Sicherheit wurden nicht untersucht

Wir haben uns auf die Suche nach wissenschaftlichen Antworten gemacht. Studien zum Gurgeln mit Wasserstoffperoxid zur Vorbeugung oder Behandlung von Infekten im Rachenraum konnten wir nicht finden. Ebenso wenig solche zu Risiken und negativen Auswirkungen bei regelmäßiger Anwendung.

Das heißt: Wir können nicht sagen, ob sich durch Wasserstoffperoxid-Gurgeln Erkrankungen vorbeugen oder lindern lassen und welche langfristigen Nebeneffekte es eventuell gibt.

Keine aussagekräftigen Untersuchungen zum Coronavirus

Verständlicherweise machen sich momentan viele Menschen Gedanken zum Schutz vor Viren im Allgemeinen und dem Coronavirus SARS-CoV-2 im Speziellen. Dass Gurgeln mit Wasserstoffperoxid vor Infektionen mit dem Coronavirus schützen kann, ist jedoch nicht plausibel. Wissenschaftlich untersucht wurde es nicht.

Genauso unerforscht und fraglich ist, ob sich Wasserstoffperoxid zur Behandlung einer Coronavirus-Infektion eignet. Wir fanden lediglich eine kleine Studie [1] ohne Aussagekraft: Dabei gurgelten zehn Covid-19-Erkrankte eine halbe Minute lang mit Wasserstoffperoxid. Eine halbe Stunde später hatte sich die Menge der Coronaviren in ihrem Mund und Rachen nicht merklich verringert. Ob sich die Beschwerden der Gurgelnden gebessert hatten, war nicht untersucht worden.

Aus den Ergebnissen lässt sich auch nicht schließen, ob Infizierte durch Gurgeln mit Wasserstoffperoxid für andere weniger ansteckend sind oder nicht. Denn ob die Viren nach dem Gurgeln weniger infektiös waren, hat die Studie nicht untersucht.

Langzeit-Nebenwirkungen unklar

Zu möglichen kurzfristigen Nebenwirkungen fanden wir eine Studie [2]. Sie untersuchte zwölf gesunde Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die mit Wasserstoffperoxid gurgelten.

Die Teilnehmenden berichteten über verschiedene unangenehme Nebenwirkungen: ein pelziges Gefühl im Mund, Übelkeit und Verfärbungen der Zunge etwa. Manche brachen wegen Schmerzen im Mund und Geschmacksstörungen die Studie vorzeitig ab.

Welche unerwünschten Folgen langfristiges tägliches Gurgeln mit Wasserstoffperoxid für die Mundschleimhaut hat, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Denkbar ist, dass die Lösung die Rachenschleimhaut selbst angreifen könnte und erst recht zur Eintrittspforte für Krankheitserreger wird.

Gelangt die Gurgellösung versehentlich in die Luftröhre oder wird sie geschluckt, drohen Schleimhautschäden und Magenbeschwerden [3]. Es gibt sicherere Präparate, mit denen es sich im Erkältungsfall gurgeln lässt.

Nur kurz wirksam

Wasserstoffperoxid hat eine abtötende Wirkung auf Viren und Bakterien. Daher vermutlich auch die Annahme, es könne bei Infektionen helfen.

Allerdings gibt es da einige Probleme: Zum einen erreicht auch der routinierteste Gurgler nicht jeden Winkel des Rachens. Schon gar nicht den Nasenrachen, wo sich im Falle einer Corona-Infektion die meisten Viren befinden. Krankheitserreger, die sich an unzugänglichen Stellen überleben, können sich weiter ungehindert ausbreiten.

Zum anderen ist unklar, ob ein paar Minuten Gurgeln überhaupt ausreichen, um Krankheitserregern den Garaus zu machen. Denn Wasserstoffperoxid reagiert zwar heftig, aber nur kurz mit seiner Umgebung. Dann zerfällt es rasch in seine neutralen Bestandteile.

Ebenso kurzlebig ist wohl auch sein desinfizierender Effekt [2]. Gegen Erkältungs-Viren dürfte die nötige Einwirkzeit von Wasserstoffperoxid bei etwa 15 bis 30 Minuten liegen [4]. So lange kann und will vermutlich niemand gurgeln.

Von neueren Substanzen abgelöst

Wasserstoffperoxid ist ein starkes Oxidationsmittel, das Keime abtöten kann. Reagiert es mit seiner Umwelt, werden Sauerstoffradikale gebildet. Diese sind für lebende Zellen giftig. Wasserstoffperoxid ist deshalb Bestandteil von diversen Desinfektionsmitteln.

In der Medizin verwendet(e) man es zum Reinigen von Wunden und als Mundspülung vor Zahnbehandlungen. Stark verdünnt, versteht sich. In konzentrierter Form ist Wasserstoffperoxid nämlich reizend und gesundheitsschädlich [3]. Für die Anwendung im Mund wird es üblicherweise zu einer 3-prozentigen Lösung verdünnt.

Inzwischen wurde das Wasserstoffperoxid in der Medizin jedoch von anderen Substanzen weitgehend abgelöst.

Effektiv und trotzdem umweltfreundlich

Das Haupteinsatzgebiet von Wasserstoffperoxid ist nicht die Medizin, sondern die Industrie. Hier ist es sehr beliebt, denn es ist einfach herzustellen und umweltfreundlich. Denn nachdem es mit seiner Umwelt reagiert hat, zerfällt es in nichts als Wasser und Sauerstoff. Beides absolut unschädlich.

In der Industrie kommt Wasserstoffperoxid in konzentrierter Form zum Einsatz, etwa in der Metallverarbeitung. Die Lebensmittelindustrie wiederum macht Verpackungen und Flaschen damit keimfrei.

Strahlendes Lächeln und blondes Haar

Neben seiner desinfizierenden Wirkung hat es auch noch eine andere herausragende Eigenschaft: Wasserstoffperoxid ist ein starkes Bleichmittel. In der Zahnpasta sorgt es für weißere Zähne. Es kann Stoffe, Holz und Papier bleichen, aber auch Haare. Das legendär gewordene wasserstoffblonde Haar ist nämlich genau das – mit Wasserstoffperoxid behandelt.

Und sogar die Kriminalistik kann die Substanz gut brauchen: Mittels Wasserstoffperoxid können in einem bestimmten Test Blutspuren nachgewiesen werden.

Natürliche Waffe gegen Keime

Auch im Körper kommt Wasserstoffperoxid natürlicherweise als Abfallprodukt verschiedener Stoffwechselvorgänge vor. Bei seinem Zerfall entstehen hochreaktive Sauerstoffradikale, die für atmende Zellen giftig sind.

Im Falle einer Infektion setzen betroffene Körperzellen Wasserstoffperoxid frei, um den Erregern zu schaden. Es zählt also auch zu den natürlichen Abwehrmechanismen, mit denen sich der Körper gegen Bakterien und Viren zur Wehr setzt [2].

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Die Studien im Detail

Auf die Frage, ob Wasserstoffperoxid als Gurgellösung Infektionen im Rachenraum vorbeugen oder bekämpfen kann, erhielten wir trotz intensiver Recherche keine Antworten. Wir stießen auf eine aufwändig gemachte systematische Übersichtsarbeit [5], für die ein brasilianisch-spanisches Forschungsteam im Mai 2020 zahlreiche Forschungsdatenbanken nach entsprechenden Studien durchsuchte. Nur ließ sich dabei keine einzige finden. Unsere eigene umfangreiche Suche zeigte: Auch später scheinen keine aussagekräftigen Studien dazu veröffentlicht worden zu sein.

Wir fanden nur eine kleine Studie ohne Aussagekraft für unsere Fragen [1]. Dabei gurgelten zehn Covid-19-Erkrankte eine halbe Minute lang mit 1%-iger Wasserstoffperoxid-Lösung. Davor und eine halbe Stunde danach wurde die Mende der Coronaviren in ihrem Hals und Rachen bestimmt – und zwar durch eine PCR-Test-Auswertung einer Salzwasser-Gurgelprobe. Der Vorher-Nachher-Vergleich deutet keinen Unterschied an – die Menge der SARS-CoV-2-Viren schien sich durch das Gurgeln mit Wasserstoffperoxid nicht merklich verringert zu haben.

Das wissenschaftliche Studienteam wollte auch herausfinden, ob die Viren nach dem Wasserstoffperoxid-Gurgeln weniger wahrscheinlich eine Infektion verursachen konnten als davor. Doch ihr Experiment dazu ging schief: Schon in der anfänglichen Virenprobe vor dem Gurgeln gelang es ihnen nicht nachzuweisen, dass die Viren der Covid-19-Erkrankten ansteckend waren. Somit war es ihnen nicht möglich, einen eventuellen Effekt von Wasserstoffperoxid zu untersuchen.

Darüber hinaus schwächt die geringe Anzahl von lediglich 10 Teilnehmenden die Aussagekraft. Ob Wasserstoffperoxid die Symptome der Gurgelnden lindern konnte, war nicht untersucht worden.

Aussagekräftige Studien zu mögliche Risiken oder Langzeitschäden durch regelmäßiges Spülen und Gurgeln mit Wasserstoffperoxid fehlen ebenso. Wir fanden eine einzige Studie [2] die untersuchte, wie Wasserstoffperoxid-Spülungen im Laufe von fünf Wochen auf die Mundschleimhaut gesunder Probandinnen und Probanden wirken. Sie stammt aus dem Jahr 1993.

Dazu wurden 38 Teilnehmende zufällig einer von drei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe spülte mit 0,75-prozentiger und eine mit 1,5-prozentiger Wasserstoffperoxid-Lösung. Die dritte Gruppe fungierte als Kontrolle und spülte mit Kochsalzlösung.

Drei Personen aus den beiden Wasserstoffperoxid-Gruppen brachen die Studie vorzeitig ab. Sie litten unter Schmerzen und Geschmacksstörungen, die sie auf die Gurgellösung zurückführten.

Die restlichen Teilnehmenden, die Wasserstoffperoxid verwendet hatten, berichteten deutlich häufiger über unangenehme Nebenwirkungen als jene der Kontroll-Gruppe. Ob jemand über die Studiendauer von fünf Wochen hinaus Beschwerden hatte, wurde in der Studie nicht erfasst.

Die Studie war sehr klein und hat schwerwiegende Mängel. Nicht zuletzt haben sich mikrobiologische und statistische Methoden seit den 1980er Jahren weiterentwickelt. Aussagekräftig sind diese Ergebnisse nicht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Gottsauner u.a. (2020)
Gottsauner MJ, Michaelides I, Schmidt B, Scholz KJ, Buchalla W, Widbiller M, Hitzenbichler F, Ettl T, Reichert TE, Bohr C, Vielsmeier V, Cieplik F. A prospective clinical pilot study on the effects of a hydrogen peroxide mouthrinse on the intraoral viral load of SARS-CoV-2. Clin Oral Investig. 2020 Oct;24(10):3707-3713. (Studie in voller Länge)

[2] Tombes u.a. (1993)
Tombes, M. B., & Gallucci, B. (1993). The effects of hydrogen peroxide rinses on the normal oral mucosa. Nursing research, 42(6), 332-337. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Urban u.a. (2017)
Urban, M. V., Rath, T., & Radtke, C. (2017). Hydrogen peroxide (H 2 O 2): a review of its use in surgery. Wiener Medizinische Wochenschrift, 1-4. (Zusammenfassung des Artikels)

[4] von Rheinbaben (2013)
von Rheinbaben, F., & Wolff, M. H. (2013). Handbuch der viruswirksamen Desinfektion. Springer-Verlag. S.68

[5] Ortega (2020)
Ortega KL, Rech BO, El Haje GLC, Gallo CB, Pérez-Sayáns M, Braz-Silva PH. Do hydrogen peroxide mouthwashes have a virucidal effect? A systematic review. J Hosp Infect. 2020 Dec;106(4):657-662. (Übersichtsarbeit in voller Länge)