Unbelegt: Wasserstoffperoxid gurgeln gegen Coronavirus

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger,

zuletzt aktualisiert: 16. März 2020
Wasserstoffperoxid im Mund: Kein Geschmackserlebnis und unzureichend erforscht.
Ob Gurgeln mit Wasserstoffperoxid gegen das Coronavirus, Grippe oder Erkältungen hilft, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Auch zu den Risiken ist wenig bekannt.
Frage:
Hilft das Gurgeln mit Wasserstoffperoxid (H2O2) gegen das Coronavirus oder anderen bei Infektionen im Rachenraum?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Frage:
Hat das Gurgeln mit Wasserstoffperoxid gesundheitliche Risiken?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Ob Wasserstoffperoxid (H2O2) als Gurgellösung geeignet ist, um COVID-19, Halsschmerzen oder Erkältungen zu behandeln oder vorzubeugen, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Ebenso wenig, ob die regelmäßige Anwendung schadet. Wird Wasserstoffperoxid geschluckt oder eingeatmet, kann das allerdings gesundheitliche Folgen haben.

Wie gehen wir vor?

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Sammlung von Faktenchecks zum Coronavirus

Gurgeln mit Wasserstoffperoxid, kurz H2O2 – manche Menschen schwören drauf.

Ganze Bücher und Internetseiten sind der Substanz gewidmet und berichten ausführlich von der angeblichen „vergessenen Heilkraft“ des H2O2.

Als Gurgellösung soll Wasserstoffperoxid zum Beispiel Viren und Bakterien im Rachen abtöten. Und so auch gegen Halsschmerzen und Erkältung helfen.

Was sagt die Wissenschaft dazu? Könnte die Theorie vom Infekt-Weggurgeln auch in der Praxis funktionieren?

Wirkung und Sicherheit wurden nicht untersucht

Wir haben uns auf die Suche nach wissenschaftlichen Antworten gemacht. Studien zum Gurgeln mit Wasserstoffperoxid zur Vorbeugung oder Behandlung von Infekten im Rachenraum konnten wir nicht finden. Ebenso wenig solche zu Risiken und negativen Auswirkungen bei regelmäßiger Anwendung.

Das heißt: Wir können nicht sagen, ob sich durch Wasserstoffperoxid-Gurgeln Erkrankungen vorbeugen oder lindern lassen und welche langfristigen Nebeneffekte es eventuell gibt.

Keine Untersuchungen zum Coronavirus

Verständlicherweise machen sich momentan viele Menschen Gedanken zum Schutz vor Viren im Allgemeinen und neu entdeckten Coronaviren im Speziellen. Dass Gurgeln mit Wasserstoffperoxid vor Infektionen mit dem im Dezember 2019 bekannt gewordenen Coronavirus schützen oder diese gar behandeln kann, ist wenig wahrscheinlich. Wissenschaftlich untersucht wurde es nicht.

Langzeit-Nebenwirkungen unklar

Zu möglichen kurzfristigen Nebenwirkungen fanden wir eine Studie [2]. Sie untersuchte zwölf gesunde Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die mit Wasserstoffperoxid gurgelten.

Die Teilnehmenden berichteten über verschiedene unangenehme Nebenwirkungen: ein pelziges Gefühl im Mund, Übelkeit und Verfärbungen der Zunge etwa. Manche brachen wegen Schmerzen im Mund und Geschmacksstörungen die Studie vorzeitig ab.

Welche unerwünschten Folgen langfristiges tägliches Gurgeln mit Wasserstoffperoxid für die Mundschleimhaut hat, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Denkbar ist, dass die Lösung die Rachenschleimhaut selbst angreifen könnte und erst recht zur Eintrittspforte für Krankheitserreger wird.

Gelangt die Gurgellösung versehentlich in die Luftröhre oder wird sie geschluckt, drohen Schleimhautschäden und Magenbeschwerden [3]. Es gibt sicherere Präparate, mit denen es sich im Erkältungsfall gurgeln lässt.

Nur kurz wirksam

Ob eine Wirkung plausibel wäre? Rein theoretisch ja. Wasserstoffperoxid tötet immerhin Bakterien und Viren.

Allerdings gibt es einige Probleme: Zum einen erreicht auch der routinierteste Gurgler nicht jeden Winkel des Rachens. Viren und Bakterien, die dort überleben, können sich weiter ungehindert ausbreiten.

Zum anderen ist unklar, ob ein paar Minuten Gurgeln überhaupt ausreichen, um Krankheitserregern den Garaus zu machen. Denn Wasserstoffperoxid reagiert zwar heftig, aber nur kurz mit seiner Umgebung. Dann zerfällt es rasch in seine neutralen Bestandteile.

Ebenso kurzlebig ist wohl auch sein desinfizierender Effekt [2]. Gegen Erkältungs-Viren dürfte die nötige Einwirkzeit von Wasserstoffperoxid bei etwa 15 bis 30 Minuten liegen [4]. So lange kann und will vermutlich niemand gurgeln.

Whiskey statt Wasserstoffperoxid?

Bei unserer Recherche stießen wir auf eine Studie, die untersuchte, wie Wasserstoffperoxid die gewöhnlichen Bakterien in der Mundhöhle beeinflusst [1]. Dabei spülten gesunde Probandinnen und Probanden mit Wasserstoffperoxid-Lösungen. Danach wurde die Menge an Bakterien in ihrem Speichel gemessen.

Das Resultat dieser mikrobiellen Volkszählung: Die Bakterienpopulation fiel kurzzeitig ab. Doch sie erholte sich schon nach einer Stunde zum Teil wieder. Wasserstoffperoxid verringerte zwar die Anzahl der Bakterien in der Mundhöhle. Allerdings nicht mehr als das Gurgeln mit hochprozentigem Alkohol. Oder wie es die Autoren der Studie formulierten: Für denselben Effekt könne man den Mund ebenso mit einem Glas Whiskey spülen.

Von neueren Substanzen abgelöst

Wasserstoffperoxid ist ein starkes Oxidationsmittel, das Keime abtöten kann. Reagiert es mit seiner Umwelt, werden Sauerstoffradikale gebildet. Diese sind für lebende Zellen giftig. Wasserstoffperoxid ist deshalb Bestandteil von diversen Desinfektionsmitteln.

In der Medizin verwendet(e) man es zum Reinigen von Wunden und als Mundspülung vor Zahnbehandlungen. Stark verdünnt, versteht sich. In konzentrierter Form ist Wasserstoffperoxid nämlich reizend und gesundheitsschädlich [3]. Für die Anwendung im Mund wird es üblicherweise zu einer 3-prozentigen Lösung verdünnt.

Inzwischen wurde das Wasserstoffperoxid in der Medizin jedoch von anderen Substanzen weitgehend abgelöst.

Effektiv und trotzdem umweltfreundlich

Das Haupteinsatzgebiet von Wasserstoffperoxid ist nicht die Medizin, sondern die Industrie. Hier ist es sehr beliebt, denn es ist einfach herzustellen und umweltfreundlich. Denn nachdem es mit seiner Umwelt reagiert hat, zerfällt es in nichts als Wasser und Sauerstoff. Beides absolut unschädlich.

In der Industrie kommt Wasserstoffperoxid in konzentrierter Form zum Einsatz, etwa in der Metallverarbeitung. Die Lebensmittelindustrie wiederum macht Verpackungen und Flaschen damit keimfrei.

Strahlendes Lächeln und blondes Haar

Neben seiner desinfizierenden Wirkung hat es auch noch eine andere herausragende Eigenschaft: Wasserstoffperoxid ist ein starkes Bleichmittel. In der Zahnpasta sorgt es für weißere Zähne. Es kann Stoffe, Holz und Papier bleichen, aber auch Haare. Das legendär gewordene wasserstoffblonde Haar ist nämlich genau das – mit Wasserstoffperoxid behandelt.

Und sogar die Kriminalistik kann die Substanz gut brauchen: Mittels Wasserstoffperoxid können in einem bestimmten Test Blutspuren nachgewiesen werden.

Natürliche Waffe gegen Keime

Auch im Körper kommt Wasserstoffperoxid natürlicherweise als Abfallprodukt verschiedener Stoffwechselvorgänge vor. Bei seinem Zerfall entstehen hochreaktive Sauerstoffradikale, die für atmende Zellen giftig sind.

Im Falle einer Infektion setzen betroffene Körperzellen Wasserstoffperoxid frei, um den Erregern zu schaden. Es zählt also auch zu den natürlichen Abwehrmechanismen, mit denen sich der Körper gegen Bakterien und Viren zur Wehr setzt [2].

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Die Studien im Detail

Auf die Frage, ob Wasserstoffperoxid als Gurgellösung Infektionen im Rachenraum vorbeugen oder bekämpfen kann, erhielten wir trotz intensiver Suche keine Antworten. Wir konnten keine Studien dazu finden, niemand hat das wissenschaftlich untersucht.

Auch aussagekräftige Studien zu mögliche Risiken oder Langzeitschäden durch regelmäßiges Spülen und Gurgeln mit Wasserstoffperoxid fehlen. Wir fanden eine einzige Studie [2] die untersuchte, wie Wasserstoffperoxid-Spülungen im Laufe von fünf Wochen auf die Mundschleimhaut gesunder Probandinnen und Probanden wirken. Sie stammt aus dem Jahr 1993.

Dazu wurden 38 Teilnehmende zufällig einer von drei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe spülte mit 0,75-prozentiger und eine mit 1,5-prozentiger Wasserstoffperoxid-Lösung. Die dritte Gruppe fungierte als Kontrolle und spülte mit Kochsalzlösung.

Drei Personen aus den beiden Wasserstoffperoxid-Gruppen brachen die Studie vorzeitig ab. Sie litten unter Schmerzen und Geschmacksstörungen, die sie auf die Gurgellösung zurückführten.

Die restlichen Teilnehmenden, die Wasserstoffperoxid verwendet hatten, berichteten deutlich häufiger über unangenehme Nebenwirkungen als jene der Kontroll-Gruppe. Ob jemand über die Studiendauer von fünf Wochen hinaus Beschwerden hatte, wurde in der Studie nicht erfasst.

Die Studie war sehr klein und haben schwerwiegende Mängel. Nicht zuletzt haben sich mikrobiologische und statistische Methoden seit den 1980er Jahren weiterentwickelt. Aussagekräftig sind diese Ergebnisse nicht.

Das gilt auch für eine Studie aus dem Jahr 1988. Das Forschungsteam versuchte herauszufinden, welchen Einfluss Wasserstoffperoxid auf die normalerweise vorkommenden (und nicht krankmachenden) Bakterien im Mund von gesunden Probandinnen und Probanden hat [1]. Zwölf Freiwillige spülten dazu mit verschiedenen antimikrobiellen Lösungen. Darunter waren auch 3-prozentige Wasserstoffperoxid-Lösungen. Bis zu 60 Minuten nach der Spülung wurden Speichelproben entnommen und untersucht. Das Ergebnis: Wasserstoffperoxid verringerte zwar die Anzahl der Bakterien in der Mundhöhle. Spülen mit 40-prozentigem Alkohol war hier ebenso effektiv wie Wasserstoffperoxid.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Matula u.a. (1988)
Matula, C., Hildebrandt, M., & Nahler, G. (1988). Decontamination of the oral cavity. Effect of six local anti-microbial preparations in comparison to water and parafilm as controls. Journal of international medical research, 16(2), 98-106.
(Studie in voller Länge)

[2] Tombes u.a. (1993)
Tombes, M. B., & Gallucci, B. (1993). The effects of hydrogen peroxide rinses on the normal oral mucosa. Nursing research, 42(6), 332-337. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Urban u.a. (2017)
Urban, M. V., Rath, T., & Radtke, C. (2017). Hydrogen peroxide (H 2 O 2): a review of its use in surgery. Wiener Medizinische Wochenschrift, 1-4. (Zusammenfassung des Artikels)

[4] von Rheinbaben (2013)
von Rheinbaben, F., & Wolff, M. H. (2013). Handbuch der viruswirksamen Desinfektion. Springer-Verlag. S.68