Neuromodulation gegen Tinnitus

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Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2021
Kopfhörer auf, Tinnitus weg. Funktioniert das so einfach, wie es klingt?
Den Tinnitus „verlernen“ – das verspricht die akustische Neuromodulation. Ob die Methode wirklich gegen das Pfeifen im Ohr hilft, ist allerdings nicht erwiesen.
Frage:
Kann die akustische CR ® Neuromodulation nach Tass bei Tinnitus helfen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die einzigen zwei potenziell aussagekräftigen Studien können die Frage nicht beantworten. Denn sie sind klein und haben gravierende Mängel. Eine große Studie, die die Wirksamkeit der „akustischen coordinated reset (CR)-Neuromodulation“ bei Tinnitus zeigen sollte, brachte keine eindeutigen Ergebnisse – und wurde nie veröffentlicht. Ob die Therapie bei Tinnitus helfen kann, bleibt somit fraglich.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Ein anhaltendes Klingen, Pfeifen oder Rauschen in den Ohren, etwa nach einem lauten Konzert- oder Clubbesuch, kennen viele Menschen. Diese Ohrengeräusche können eine Zeitlang anhalten, verschwinden aber meistens bald wieder von alleine.

Etwa 10 bis 20 von 100 Menschen leben jedoch längere Zeit mit solchen Geräuschen, die auch als Tinnitus bezeichnet werden. Die meisten Betroffenen empfinden den Tinnitus eher als lästig. Etwa ein Zehntel leidet aber mehr oder weniger stark darunter [6,8].

Ein Therapieverfahren mit dem Namen „acoustic coordinated reset (CR)-Neuromodulation“ soll Linderung verschaffen.

Den Tinnitus verlernen?

Bei der akustischen CR-Neuromodulation hören die Betroffenen über Kopfhörer Therapietöne – vier bis sechs Stunden täglich. Diese Therapietöne sind in Tonhöhe und Lautstärke dem jeweiligen Tinnitus-Ton angepasst. Das soll die überaktive Hirnregion, die den Tinnitus verursacht, quasi umprogrammieren. Ziel ist es, dass das Gehirn den Tinnitus „verlernt“.

Manche Arztpraxen und Tinnitus-Zentren bieten diese Behandlung an. Aber auch entsprechende Apps fürs Mobiltelefon sind erhältlich. Geeignet sei die Methode laut Anbietern jedoch nur für Patientinnen und Patienten mit tonalem Tinnitus – also Menschen, die ein ständiges Klingen oder Pfeifen hören. Betroffene, deren Tinnitus sich etwa durch Rauschen äußert, könne damit nicht geholfen werden.

Tinnitus-Behandlung über Kopfhörer – das klingt nach einer unkomplizierten und nebenwirkungsarmen Möglichkeit, Betroffenen zu helfen. Doch gibt es auch wissenschaftliche Belege für die behauptete Wirksamkeit?

Studien klein und mangelhaft

Wir fanden zwei Studien, die die Wirksamkeit der akustischen CR-Neuromodulation bei Tinnitus untersuchen [1,2]. An beiden war Peter Tass beteiligt. Er ist der Erfinder der relativ neuen Methode.

In beiden Studien [1,2] nahmen Personen teil, die bereits seit Jahren an Tinnitus litten. Sie kamen per Zufallsprinzip in eine von zwei Studiengruppen. In der Neuromodulations-Gruppe nahmen die Teilnehmenden den Tinnitus zumindest kurzfristig etwas leiser und weniger belastend wahr als in der Kontrollgruppe mit Scheinbehandlung (Placebo).

Die Forschungsteams sehen die Studien als Beleg dafür, dass die Behandlung wirkt –wir können diese Einschätzung allerdings nicht teilen. Denn die Studien sind klein und haben gravierende Mängel, die ihre Aussagekraft deutlich vermindern.

Behauptete Wirksamkeit nicht belegt

So waren zum Beispiel die Neuromodulations- und die Kontroll-Gruppe sehr unterschiedlich und nicht vergleichbar. Zumindest die Studienteams wussten außerdem, wer welche Behandlung erhielt. Diese fehlende Verblindung könnte die Ergebnisse beeinflusst haben. Mit insgesamt 81 Teilnehmenden waren die Studien außerdem viel zu klein, um verlässliche Daten liefern zu können.

Ob die akustische CR-Neuromodulation bei Tinnitus einen positiven Effekt hat, ist daher wissenschaftlich nicht belegt (aber auch nicht ausgeschlossen). Ob die Therapie langfristig helfen kann, wurde in keiner der beiden Studien untersucht.

Unveröffentlichte Studie

Dasselbe Forschungsteam führte eine weitere größere Studie mit etwa 100 Teilnehmenden durch [3]. Die Studie wurde allerdings nie veröffentlicht. Der Grund: Die erhofften Ergebnisse blieben aus. Die Neuromodulation erwies sich als nicht wirksamer als eine Scheinbehandlung [4].

Warum pfeift’s im Ohr?

Die genaue Ursache für die unangenehmen Ohrengeräusche ist nicht bekannt. Nur in wenigen Fällen lässt sich ein medizinischer Grund dafür finden, etwa eine körperliche Veränderung. Sehr wohl bekannt sind Risikofaktoren, die zu Tinnitus führen können: akustische Traumata, etwa durch eine Explosion, häufiges lautes Musikhören oder dauerhafte Lärmbelastung. Oftmals kommt es auch bei Schwerhörigkeit oder Gehörverlust zur Entwicklung eines Tinnitus [6,8].

Was hilft bei Tinnitus?

Die Behandlung des Tinnitus gestaltet sich schwierig. Einer der erfolgversprechenderen Ansätze ist die kognitive Verhaltenstherapie [5]. Dabei stehen Entspannungstechniken, Stressbewältigung und Ablenkungsstrategien im Vordergrund, um die Aufmerksamkeit weg vom Tinnitus zu lenken.

Helfen könnten auch kleine Geräte, die ähnlich wie Hörhilfen im Ohr sitzen und sogenanntes „weißes Rauschen“ produzieren. Dieses Rauschen kann die Ohrgeräusche überlagern und so zumindest zeitweise Erleichterung verschaffen. Tritt Tinnitus gemeinsam mit Schwerhörigkeit auf, scheint sich die Verwendung eines Hörgeräts positiv auszuwirken. Auch bestimmte Beruhigungsmittel oder Cortison-Präparate helfen manchen Betroffenen [7,8].

Präparate mit Ginkgo sind gegen Tinnitus wirkungslos. Zu diesem Schluss sind wir in einem anderen Beitrag gekommen.

Ausführliche Informationen zu Tinnitus und zu möglichen Behandlungen finden Sie auf Gesundheitsinformation.de.

Die Studien im Detail

Bei unserer Suche in drei verschiedenen Datenbanken fanden wir zwei Studien zu akustischer CR-Neuromodulation gegen Tinnitus [1,2] sowie eine zwar beendete, aber unveröffentlichte Studie in einem Studienregister [3].

Die größere der beiden veröffentlichten Studie stammt aus dem Jahr 2012 [1]. Darin verglich das Forschungsteam die Neuromodulations-Behandlung von 58 Tinnitus-Patientinnen und -Patienten mit einer Scheinbehandlung von 5 betroffenen Personen (Kontrollgruppe). Alle hatten seit mindestens 6 Monaten Tinnitus, und zwar mit einem oder mehreren Tönen. Über Kopfhörer erhielt die Neuromodulations-Gruppe mehrere Stunden täglich ihre spezielle Behandlung. Die Personen der Kontrollgruppe hingegen hörten täglich zufällig ausgewählte Töne, von denen kein Effekt zu erwarten war.

Die Behandlung dauerte insgesamt 12 Wochen. Vor Beginn der Therapie, währenddessen und danach gaben die Teilnehmenden mithilfe von Skalen an, wie laut und belastend sie den Tinnitus empfanden.

Das Ergebnis: Während und unmittelbar nach der Behandlung empfand die Neuromodulations-Gruppe ihren Tinnitus als weniger laut und störend als die Kontrollgruppe.

Unfairer Vergleich

Wenn 58 Personen eine Therapie bekommen und nur 5 Personen eine Scheinbehandlung, dann ist der Unterschied zwischen den Gruppen zu groß für einen soliden Vergleich. Außerdem litten die Teilnehmenden der Kontroll-Gruppe im Schnitt bereits doppelt so lange an ihrem Tinnitus wie jene der Neuromodulations-Gruppe, nämlich etwa 10 Jahre. Ihr Tinnitus könnte schwerwiegender und eine Behandlung deshalb weniger wirksam sein.

Das ist jedoch nicht der einzige Schwachpunkt dieser Studie: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studie wussten, wer welche Behandlung erhielt. Das kann die Ergebnisse verzerren. Ob die Teilnehmenden selbst eingeweiht waren, welcher Gruppe sie angehörten, ist unklar.

Außerdem trugen die scheinbehandelten Personen nur eine Stunde täglich das Stimulationsgerät samt Kopfhörern, während es in der Behandlungsgruppe vier bis sechs Stunden täglich waren. Allerdings kann schon die Erwartungshaltung eine Besserung bewirken, selbst wenn die Behandlung selbst wirkungslos ist (Placebo-Effekt). Das heißt, auch wenn die Neuromodulation vollkommen wirkungslos sein sollte, wäre bei einer vier bis sechsstündigen Behandlung der Placebo-Effekt möglicherweise größer als bei einer einstündigen. Damit hätte die Neuromodulations-Behandlung schon einen deutlichen Vorsprung gegenüber der Scheinbehandlung.

Studie mit 18 Personen

In einer zweiten Studie, veröffentlicht vom selben Forschungsteam im Jahr 2017, nahmen 18 Erwachsene mit chronischem Tinnitus teil [2]. Sie alle bekamen zwei Behandlungen zu jeweils 16 Minuten– einmal eine Neuromodulations-Behandlung und danach eine Scheinbehandlung mit zufällig ausgewählten tiefen Tönen. Vor, während und einige Minuten nach den Behandlungen machten sie Angaben zur Lautstärke ihres Tinnitus. Sowohl nach der Neuromodulation als auch nach der die Scheinbehandlung empfanden die Teilnehmenden den Tinnitus als leiser und weniger belastend. Nach der Neuromodulation fiel die Besserung allerdings deutlicher aus.

Auch in dieser Studie wussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche Behandlung gerade zum Einsatz kam. Mit 18 Teilnehmenden ist die Studie außerdem zu klein, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern.

In keiner der beiden Studien wurde untersucht, wie lange ein eventueller positiver Effekt der akustischen CR-Neuromodulation anhält.

Große Studie nie veröffentlicht

Nach der ersten Studie zur akustischen CR-Neuromodulation bei Tinnitus plante das Forschungsteam eine weitere größere Studie. Etwa 100 Personen mit Tinnitus sollten daran teilnehmen. Laut einem Eintrag in einem Studienregister wurde die Studie auch planmäßig durchgeführt – aber nie veröffentlicht [3]. Der Grund dafür: Die erhofften Ergebnisse blieben aus. Die Neuromodulation erwies sich offenbar nicht als eindeutig wirksam. Das erwähnen zumindest Mitglieder des Forschungsteams in einer späteren Veröffentlichung [4].

Wissenschaftliche Quellen


[1] Tass u.a. (2012)
Studientyp: randomisiert-kontrollierte Studie
Teilnehmer: 63 Patientinnen und Patienten mit tonalem Tinnitus
Dauer: Behandlung für 12 Wochen
Fragestellung: Hilft acoustic coordinated reset neuromodulation bei tonalem Tinnitus?

Tass PA, Adamchic I, Freund HJ, von Stackelberg T, Hauptmann C. Counteracting
tinnitus by acoustic coordinated reset neuromodulation. Restor Neurol Neurosci. 2012;30(2):137-59. (Studie in voller Länge)

[2] Adamchic u.a. (2017)
Studientyp: experimentelle cross-over Studie
Teilnehmer: 18 Patientinnen und Patienten mit tonalem Tinnitus
Dauer: jeweils 16-minütige Behandlung mit akustischer CR-Neuromodulation und Placebo
Fragestellung: Hilft acoustic coordinated reset neuromodulation bei tonalem Tinnitus?

Adamchic, I., Toth, T., Hauptmann, C., Walger, M., Langguth, B., Klingmann, I., & Tass, P. A. (2017). Acute effects and after-effects of acoustic coordinated reset neuromodulation in patients with chronic subjective tinnitus. NeuroImage: Clinical, 15, 541-558.
(Studie in voller Länge)

[3] Hoare, D. J., Pierzycki, R. H., Thomas, H., McAlpine, D., & Hall, D. A. (2013). Evaluation of the acoustic coordinated reset (CR®) neuromodulation therapy for tinnitus: study protocol for a double-blind randomized placebo-controlled trial. Trials, 14(1), 1-8.
(Studienprotokoll)
(Eintrag im Studienregister)

[4] Haller, M., & Hall, D. A. (2017). Evaluation of the Acoustic Coordinated Reset (CR®) Neuromodulation Therapy for Tinnitus: Update on Findings and Conclusions. Frontiers in psychology, 8, 1893.

[5] Martinez‐Devesa, P., Waddell, A., Perera, R., & Theodoulou, M. (2007). Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane database of systematic reviews, (1).

Weitere wissenschaftliche Quellen

[6] UpToDate (2021)
Dinces EA. Etiology and diagnosis of tinnitus. In Kunins L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 1.6.2021 unter www.uptodate.com/contents/etiology-and-diagnosis-of-tinnitus (kostenpflichtig)

[7] UpToDate (2021)

Dinces EA. Treatment of tinnitus. In Kunins L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 1.6.2021 unter www.uptodate.com/contents/treatment-of-tinnitus (kostenpflichtig)

[8] Gesundheitsinformation.de
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).
Ohrgeräusche (Tinnitus). Abgerufen am 1.6. unter www.gesundheitsinformation.de/ohrgeraeusche-tinnitus.html