Ginkgo: Keine Hilfe bei Tinnitus

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Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 7. Juni 2021
Tinnitus kann das Leben schwermachen. Eine wirksame Behandlung zu finden, ist oft schwierig.
Präparate mit Ginkgo-Extrakt kommen häufig bei Tinnitus zum Einsatz. Besser als ein Placebo wirken sie allerdings nicht.
Frage:
Kann Ginkgo-Extrakt die Beschwerden bei Tinnitus lindern?
nein
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Präparate mit Ginkgo-Extrakt können bei Tinnitus nicht helfen. Sie verringern die Lautstärke der Ohrgeräusche nicht mehr als ein Placebo. Das hat eine Zusammenfassung der aussagekräftigsten Studien ergeben, die alle zu demselben Ergebnis kamen.

Wie gehen wir vor?

Wirksamkeitsstudie(n)
Beobachtungsstudie(n)
Labor/Tier-Studien(n)

Rauschen, Summen, Pfeifen, Piepsen. Ohrgeräusche, auch als Tinnitus bekannt, erleben rund 5 bis 15 Prozent aller Menschen einmal im Leben, zumindest vorübergehend. Nach einem lauten Knall können kurzzeitig die Ohren klingeln. In manchen Fällen verschwindet das Ohrgeräusch nicht mehr. Für die einen sind die Dauergeräusche im Ohr einfach nur lästig, für andere werden sie regelrecht zur Qual.

Präparate mit dem Extrakt aus den Blättern des Ginkgo-Baumes sollen hier helfen. Ginkgo-Präparate gehören zu den am häufigsten von Ärztinnen und Ärzten verschriebenen pflanzlichen Mitteln bei Tinnitus – und das schon seit Jahrzehnten.

Ginkgo-Extrakt soll die Durchblutung fördern und neben Tinnitus auch Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen und Kopfschmerzen positiv beeinflussen. Ihren Ursprung hat die Verwendung von Ginkgo in der traditionellen chinesischen Medizin [1].

Doch was sagt die Wissenschaft zu dem angeblichen Heilmittel? Helfen Ginkgo-Präparate bei Tinnitus wirklich besser als ein Placebo?

Eindeutiges Ergebnis

Leider nein. Zu diesem eindeutigen Schluss kam eine Übersichtsarbeit, die besten verfügbaren Studien dazu zusammenfasst [1]. Darin sind die Ergebnisse von drei großen aussagekräftigen Studien mit insgesamt 1143 Teilnehmenden eingeflossen. Alle drei Studien kamen zu demselben Ergebnis: Ginkgo-Extrakt kann Tinnitus nicht besser lindern als ein Placebo (Scheinmedikament). Wir halten diese Einschätzung für gut abgesichert.

Egal ob Ginkgo oder Placebo

Die Teilnehmenden beschrieben den Tinnitus am Ende der Studien als etwas leiser und weniger belastend. Es machte jedoch keinen Unterschied, ob sie ein Ginkgo-Präparat oder ein wirkungsloses Placebo eingenommen hatten.

Die Übersichtsarbeit wurde 2013 veröffentlicht. Bei unserer Suche in drei verschiedenen Datenbanken fanden wir keine neueren Studien, die die Wirkung von Ginkgo und Placebo gegen Tinnitus verglichen.

Lärm im Kopf

Menschen mit Tinnitus hören Töne oder Geräusche, die nicht von einer äußeren Schallquelle stammen. Für manche hört es sich so an, als kämen die Geräusche von außen, andere nehmen sie „im Kopf“ wahr. Als sehr unangenehm empfundener Tinnitus kann die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen.

Vielfältige Auslöser

Ein Tinnitus kann ohne erkennbaren Auslöser entstehen. Häufig tritt Tinnitus aber nach hoher Lärmbelastung auf, etwa nach lautem Musikhören oder einem Knall. Ein Rauschen im Ohr kann auch durch Veränderungen der Blutgefäße im Kopf- und Halsbereich bedingt sein – dann ist es oft im Rhythmus des Herzschlags hörbar. Aber auch Stress und bestimmte Medikamente können Tinnitus auslösen [2,4].

Besonders häufig sind Menschen mit Schwerhörigkeit, Demenz und anderen Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit von Tinnitus betroffen [2]. Ob Ginkgo-Extrakt bei diesen Personen helfen kann, haben wir uns in einem anderen Beitrag genauer angesehen.

Tinnitus: Ursache unklar

Wie Tinnitus genau entsteht, ist derzeit nicht vollständig geklärt. Möglicherweise leiten die Hörzellen des Innenohrs überschießende Signale ans Gehirn weiter. Oder aber die Signale aus dem Ohr werden vom Gehirn falsch interpretiert [2].

Was helfen kann

Die Behandlung des Tinnitus gestaltet sich oft schwierig. Was möglicherweise helfen kann: kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungstechniken sowie kleine Geräte, die ähnlich wie Hörhilfen im Ohr getragen werden und sogenanntes „weißes Rauschen“ produzieren. Dieses Rauschen kann die Ohrgeräusche überlagern und so zumindest zeitweise Erleichterung verschaffen. Auch bestimmte Beruhigungsmittel oder Cortison-Präparate könnten manchen Betroffenen helfen [3,4].

Ausführliche Informationen zum Tinnitus und zu möglichen Behandlungen finden Sie auf Gesundheitsinformation.de.

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Die Studien im Detail

Zu der Frage, ob Ginkgo-Präparate bei Tinnitus helfen, fanden wir eine solide durchgeführte Übersichtsarbeit [1]. Darin sind die Ergebnisse von drei aussagekräftigen Studien mit insgesamt 1143 Personen zusammengefasst. Die Arbeit stammt aus dem Jahr 2013. Deshalb suchten wir zusätzlich nach Studien, die danach veröffentlicht wurden. Wir konnten jedoch keine neuen Studien finden.

Tinnitus seit mehreren Jahren

Die Teilnehmenden der drei Studien hatten seit mehreren Jahren ein belastendes Ohrgeräusch, für das keine körperliche Ursache gefunden werden konnte. Sie hatten abgesehen vom Tinnitus keine Probleme beim Hören, keine geistigen Beeinträchtigungen und waren nicht dement.

Die Teilnehmenden wurden per Zufall in zwei gleich große Gruppen geteilt. Eine Gruppe schluckte 12 Wochen lang täglich ein Präparat mit 120 bzw. 150 Milligramm Ginkgo-Extrakt. Die andere Hälfte nahm genauso lange ein identisch aussehendes Scheinpräparat (Placebo) ein. Vor, während und am Ende der Studie gaben die Teilnehmenden mithilfe einer Skala Auskunft über die empfundene Lautstärke ihres Ohrgeräusches. Zusätzlich gaben sie an, wie stark sie das Ohrgeräusch in ihrem täglichen Leben störte.

Kein Unterschied zwischen Ginkgo und Placebo

Nach 12 Wochen stuften alle Teilnehmenden der Tinnitus als etwas weniger laut und störend ein. Dabei war es jedoch egal, ob sie der Ginkgo- oder der Placebo-Gruppe angehörten. In einer Studie fiel die Besserung sogar bei jenen Teilnehmenden, die ein Placebo eingenommen hatten, etwas deutlicher aus. Das Forschungsteam der Übersichtsarbeit schloss daraus, dass der sognannte Placebo-Effekt bei der Behandlung des Tinnitus eine wichtige Rolle spielen dürfte.

Die Studien sind gut durchgeführt worden und ihre Ergebnisse sehr aussagekräftig. Unsere Einschätzung sehen wir daher als gut abgesichert an.

Keine Nebenwirkungen beobachtet

Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit traten in der Ginkgo- und in der Placebo-Gruppe etwa gleich häufig auf. Ginkgo hilft also bei Tinnitus nicht besser als ein Placebo – aber er schadet wahrscheinlich auch nicht.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Hilton u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 3 randomisierte kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 1 143 Personen
Fragestellung: Kann Ginkgo-Extrakt die empfundene Lautstärke des Tinnitus lindern und die Lebensqualität verbessern?
Interessenskonflikte: keine laut Forschungsteam

Hilton MP, Zimmermann EF, Hunt WT. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev. 2013 Mar 28;(3):CD003852. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] UpToDate (2021)
Dinces EA. Etiology and diagnosis of tinnitus. In Kunins L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 1.6.2021 unter www.uptodate.com

[3] UpToDate (2021)
Dinces EA. Treatment of tinnitus. In Kunins L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 1.6.2021 unter www.uptodate.com

[4] Gesundheitsinformation.de
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).
Ohrgeräusche (Tinnitus). Abgerufen am 1.6. unter Gesundheitsinformation.de