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Wie gesund ist tierisches Eiweiß?

Tierisches Eiweiß: macht es wirklich stark und gesund?

Tierisches Eiweiß: macht es wirklich stark und gesund?

Jeder Mensch braucht Eiweiß. Es steckt in so vielfältigen Quellen wie Tofu, Steak, Joghurt oder Nüssen. Ist tierisches Eiweiß dabei weniger gesund als pflanzliches?

Frage:Hat pflanzliches beziehungsweise tierisches Eiweiß einen Einfluss auf die Lebensdauer?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Möglicherweise wirkt sich pflanzliches Eiweiß sowie tierisches Eiweiß aus Ei, Geflügel und Fisch günstiger auf die Lebensdauer aus als Proteine aus rotem Fleisch. Es ist aber ungeklärt, wie stark dieser mögliche Effekt ist oder bei welchen Personengruppen er sich entfaltet.

Fest steht: Ohne Eiweiße geht es nicht. Menschen müssen diese lebenswichtigen Grundbausteine (auch Proteine genannt) mit der Nahrung aufnehmen. Eiweiß ist dabei nicht gleich Eiweiß. So unterschiedet sich die Zusammensetzung der Eiweißbestandteile je nach ihrer Herkunft, etwa aus Eiern, Fleisch, Fisch und Milchprodukten oder aus Hülsenfrüchten, Nüssen und Getreide.

Unklar ist: Ist Eiweiß aus pflanzlichen Quellen „besser“? Oder leben Menschen länger, wenn sie ihre Eiweiß eher aus tierischen Produkten beziehen? Wir haben uns also aufgemacht, um passende Langzeit-Ernährungsstudien aus aller Welt zu finden.

Lebenslanges Experiment Ernährung

Wie so oft bei Fragen rund um die Ernährung war es gar nicht einfach, eindeutige Antworten zu finden: Schließlich geht es bei Ernährungsstudien nicht um in einem Krankenhaus abgewickelte Versuche. Das wären etwa randomisiert kontrollierte Studien, bei denen die kurzfristige Wirkung einer Tablette auf den Blutdruck gemessen wird.

Vielmehr ist Ernährung ein „lebenslanges Experiment“ mit vielen Einflüssen, das aus ethischen und praktischen Gründen nicht unter Laborbedingungen durchgeführt werden kann. Für Forscher bedeutet dies, dass Ursache und Wirkung nicht ganz einfach aufzuschlüsseln sind.

Sojafans versus Fleischtiger

Sind für unsere Gesundheit alle Eiweißquellen gleichwertig – egal, ob aus Tier oder Pflanze? Die wenigen Studien, die sich mit der Beurteilung dieser Frage intensiv beschäftigt haben, lieferten keine ganz klaren Antworten.

Aber immerhin: Es zeichnen sich bestimmte, nicht allzu überraschende Tendenzen ab. Pflanzen-Proteine und tierische Proteine aus bestimmten Quellen (Fisch, Geflügel, Eier) scheinen eine positive Wirkung zu haben.

  • Pflanzliches Eiweiß senkt eventuell die Wahrscheinlichkeit, früher durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder aus anderen Gründen zu sterben [1-3].
  • Auch die Proteine aus Fisch und Eiern könnten einen gewissen Schutzeffekt haben [2].
  • Menschen, die mit der Nahrung besonders viel tierisches Eiweiß aus Fleisch und Milch zu sich nehmen, leben möglicherweise etwas weniger lange [1]; insbesondere könnten sie ein gesteigertes Risiko für tödliche Herz-Kreislauferkrankungen haben.

Plausibel, aber nicht eindeutig

All dies erscheint plausibel und deckt sich mit Forschungsergebnissen aus der Vergangenheit. Eindeutige Empfehlungen in Form von Kochrezepten oder Diätplänen sind aus diesen Ergebnissen allerdings nicht abzuleiten.

Es ist unklar, wie deutlich die Effekte, die zwar in der Statistik deutlich werden, tatsächlich für die einzelnen Personen spürbar sind. Ob die positiven oder negativen Wirkungen vielleicht nur für bestimmte Personengruppen gelten, zum Beispiel für Menschen mit Risikofaktoren und ungesundem Lifestyle, bleibt ebenfalls offen.

Weiters wissen wir nicht, welche Rolle die Lagerung, Zubereitung oder kulturelle Bedeutung der Eiweißquellen und ihre Kombination mit anderen Lebensmitteln vielleicht spielt. Und: Falls Speisen mit Pflanzen-Proteinen tatsächlich zu einem längeren Leben führen – tun sie dies, weil die „guten“ Pflanzenstoffe schützend wirken? Oder weil schädigende „böse“ tierische Substanzen fehlen?

Extreme vermeiden

Bevor diese Punkte im Detail geklärt werden, meinen viele Experten wie so oft bei Ernährungsfragen: Die maßvolle Mischung macht’s! Ernährungswissenschaftler empfehlen, pflanzliche Lebensmittel zu bevorzugen, also Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Getreide und Kartoffeln [4].

Tierische Erzeugnisse „dürfen“ den Fachleuten zufolge natürlich auch auf den Teller. Sie raten aber, weniger rotes Fleisch zu essen und dafür mehr zu Fisch, Geflügel und Eiern zu greifen – am besten frisch und selbst zubereitet [4].

In früheren Beiträgen haben wir uns bereits die Studienlage zu Vor- und Nachteilen einer vegetarischen oder veganen (also rein pflanzlichen) Ernährung angesehen.

 

Die Studien im Detail

Wir haben insgesamt drei ordentlich gemachte Studien [1-3] identifiziert; deren Autoren berichteten über die Auswirkungen des Proteinkonsums auf die Sterblichkeit. Untersucht wurden vier Kohorten aus den USA und dem Iran. Auch wenn Kohortenstudien in der Evidenz-Hierarchie unterhalb von randomisiert kontrollierten Studien angesiedelt werden, sind erstere für Ernährungsfragen höchst sinnvoll.

Die insgesamt 202.762 erwachsenen Teilnehmer waren am Anfang der Studien gesund, d.h. sie hatten keine Krebs-, Diabetes- oder Herzkreislauf-Erkrankungen. Sie wurden zumindest zu Studienbeginn über ihre Ernährungsgewohnheiten durch einen Interviewer befragt oder füllten eigenständig einen Fragebogen aus. So konnten die Forscher schätzen, welche Lebensmittel verspeist wurden – und in welchen Mengen. Wenn Teilnehmer starben, wurde ihre Todesursache registriert und mit den Ernährungsgewohnheiten abgeglichen. Ziel war es, einen möglichen Zusammenhang zwischen speziellen Proteinquellen und Sterblichkeit herauszufiltern.

Die größte und längste Studie [1] wurde mit über 131.300 Teilnehmern zwischen 1980 und 2002 in den USA durchgeführt. Alle vier Jahre wurden den Teilnehmern, von denen während der Studie 36.100 starben, Fragebögen zugesendet. Diese wurden mit erstaunlich hoher Quote (95%!) ausgefüllt und retourniert. Zu den abgefragten Proteinquellen zählten verarbeitetes und unverarbeitetes rotes Fleisch, Geflügel, Milchprodukte, Fisch, Eier sowie Brot, Getreide, Pasta, Nudeln, Bohnen und Hülsenfrüchte. Teilnehmer, die laut eigenen Angaben sehr viel tierisches Eiweiß aßen, verstarben im Durchschnitt etwas häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Personen, die sich großteils aus pflanzlichen Eiweißquellen ernähren. Dies galt allerdings nur für Probanden, bei denen zumindest ein ungesunder Lifestyle-Faktor verzeichnet wurde: Rauchen, Übergewicht, übermäßiger Alkohol-Konsum, mangelnde körperliche Betätigung. Weil die Teilnehmer allesamt in der Krankenpflege arbeiteten, ist es möglich, dass die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar sind. Die Teilnehmer, die übrigens aus den Kohorten der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Follow-up Study waren, hatten beispielsweise einen überdurchschnittlich hohen Eiweißkonsum. Nichtsdestotrotz liefert diese Studie wertvolle Anhaltspunkte.

Die aktuellste Studie [2] stammt aus dem Iran. Über 42.400 Frauen und Männer ohne chronische Erkrankungen (z. B. Krebs, Diabetes, koronare Herzerkrankung) nahmen daran teil. Sie kamen aus diversen sozialen Schichten, hatten unterschiedliche Lebensstile und waren somit (anders als in der oben erwähnten Studie) würdige Vertreter der Gesamtbevölkerung. Etwa 3.300 von ihnen starben im Laufe der Studiendauer von 2004 bis 2015. Nur zu Beginn der Studie wurden die Ernährungsgewohnheiten erhoben und der Proteinkonsum eingeschätzt in punkto rotes Fleisch, Huhn, Fisch, Eier, Hülsenfrüchte. Bei denjenigen, die mehr Eier, Fisch und Hülsenfrüchte zu sich nahmen, war eine geringere Sterbewahrscheinlichkeit zu verzeichnen. Rotes Fleisch und Geflügel schien weder eine positive noch eine negative Auswirkung zu haben. Auch die Ergebnisse dieser Studie konnten wir als wichtige Hinweise werten.

Noch eine weitere Studie [3] aus den USA haben wir unter die Lupe genommen – auch wenn sie methodisch den beiden aktuelleren Untersuchungen etwas unterlegen war. Sie analysierte Ernährung und Sterblichkeit von Frauen aus der Allgemeinbevölkerung im Rahmen der Iowa Women’s Health Study von 1986 bis 2000. In diesem Zeitraum starben fast 4000 von 29.000 Frauen. Eine tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankung, so schlossen die Autoren, sei wahrscheinlicher bei Konsumentinnen von rotem Fleisch und Milchprodukten.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Song u.a. (2016)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 131 342 Krankenschwestern und Krankenpfleger
Untersuchungsdauer: 1980 bzw. 1986 bis 2012
Fragestellung: Welchen Einfluss hat eine Ernährung mit viel pflanzlichem oder viel tierischem Eiweiß auf die Mortalität?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Association of Animal and Plant Protein Intake With All-Cause and Cause-Specific Mortality. JAMA Internal Medicine, 176(10), pp.1453–1463. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Farvid u.a. (2017)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 42 403 Männer und Frauen
Untersuchungsdauer: 2004 bis 2015
Fragestellung: Welchen Einfluss hat eine Ernährung mit unterschiedlichen Eiweiß-Quellen auf die Mortalität?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Dietary Protein Sources and All-Cause and Cause-Specific Mortality: The Golestan Cohort Study in Iran. American Journal of Preventive Medicine, 52(2), pp.237–248. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Kelemen u.a. (2005)
Studientyp: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 29 017 Frauen nach der Menopause
Untersuchungsdauer: 15 Jahre
Fragestellung: Welchen Einfluss hat eine Ernährung mit unterschiedlichen Eiweiß-Quellen auf die Mortalität?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Associations of Dietary Protein with Disease and Mortality in a Prospective Study of Postmenopausal Women. American Journal of Epidemiology, 161(3), pp.239–249. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen
[4] UpToDate (2017)
Colditz GA (2017) Healthy diet in adults. In Sullivan DJ (ed.). UpToDate. Zugriff am 3. 10. 2017 unter https://www.uptodate.com/contents/healthy-diet-in-adults