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Verursachen Schlafmittel Alzheimer?

Können Schlafmittel das Risiko für Alzheimer tatsächlich erhöhen?

Können Schlafmittel das Risiko für Alzheimer tatsächlich erhöhen?

Schlafmittel wie Benzodiazepine können abhängig machen. Sie stehen aber auch im Verdacht, das Risiko für Alzheimer zu erhöhen. Studien dazu sind widersprüchlich.


Frage:Erhöhen Beruhigungs- und Schlafmittel wie Benzodiazepine und verwandte Substanzen das Risiko für Alzheimer oder andere Formen von Demenz?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Bisherige Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Es lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass ein Zusammenhang in Studien nur deshalb auftritt, weil Menschen im unerkannten Frühstadium einer Demenz häufiger an Schlafstörungen leiden und deshalb zu einem höheren Ausmaß Schlafmittel verordnet bekommen.

Benzodiazepine und chemisch verwandte Substanzen werden als Beruhigungs- und Schlafmittel eingesetzt. Es ist bekannt, dass sie kurzfristig das Gedächtnis stören und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Nach Absetzen der Medikamente gehen diese Probleme aber in der Regel wieder zurück [6]. Wesentlich bedenklicher ist aber ein weiterer Verdacht: Dass die Schlafmittel auch langfristige Probleme bereiten, konkret das Risiko für Alzheimer oder andere Arten von Demenz erhöhen.

Risiko für Alzheimer bleibt unklar

Bei unserer Literaturrecherche haben wir die Arbeiten von zwei Forschungsgruppen gefunden, welche die bisherige Studienlage zusammenfassen [1,2]. Sie analysieren insgesamt sechs Beobachtungsstudien, die sich genau mit unserer Fragestellung beschäftigen. In diesen Studien wurden Teilnehmer mit und ohne Einnahme von Beruhigungs- und Schlafmitteln über einen längeren Zeitraum beobachtet. Die Forscher untersuchten dann, bei wie vielen Teilnehmern Alzheimer oder andere Formen von Demenz auftraten. Die Studien umfassten zwar mehrere Zehntausend Teilnehmer und beobachteten sie über mehrere Jahre. Trotzdem können sie die Frage nicht eindeutig beantworten, denn selbst die zuverlässigsten dieser Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Die wichtigste Herausforderung in den Studien besteht darin, zwei mögliche Effekte zu unterscheiden: Verursachen die Schlafmittel tatsächlich Alzheimer oder andere Formen von Demenz? Oder werden die Beruhigungsmittel für Gesundheitsprobleme verordnet, die in einem frühen unerkannten Stadium von Demenzerkrankungen wie Alzheimer auftreten, wie beispielsweise Schlafstörungen? Dann wäre die Einnahme von Schlafmitteln nur eine Begleiterscheinung einer beginnenden Demenz, aber nicht die Ursache. In beiden Fällen würde man aber in Beobachtungsstudien einen statistischen Zusammenhang finden. Ob der auch wirklich ursächlich ist, lässt sich mit dieser Art Studien letztlich nicht herausfinden.

Besser belegen könnten einen möglichen ursächlichen Effekt sogenannte randomisierte kontrollierte Studien. In solchen Untersuchungen wird bereits vor Studienbeginn ausgelost, welche der Teilnehmenden Beruhigungsmittel bekommen werden und welche nicht. Solche Studien werden wir für diese Fragestellung voraussichtlich jedoch nicht bekommen. Deshalb müssen wir weiter mit der Unsicherheit leben.

Benzodiazepine: Angstlöser und Schlafmittel

Benzodiazepine wie Diazepam (Valium) oder Oxazepam sorgen im Gehirn dafür, dass Impulse der Nervenzellen langsamer weitergeleitet werden. Ähnlich wirken auch chemisch verwandte Beruhigungsmittel wie Zaleplon, Zopiclon oder Zolpidem, die auch zusammengefasst als „Z-Substanzen“ bezeichnet werden. Sowohl Benzodiazepine als auch Z-Substanzen lindern Schlafprobleme und wirken angstlösend.

Die Arzneimittel bringen aber auch Risiken mit sich: So können sie zu einer Abhängigkeit führen und besonders bei älteren Patienten Tagesmüdigkeit und Stürze begünstigen. Deshalb ist es wichtig, dass Arzt oder Ärztin gemeinsam mit der betroffenen Person gut abwägen, ob tatsächlich ein solches Beruhigungs- und Schlafmittel eingesetzt werden soll, oder ob es nicht andere Alternativen gibt. Auch ist es wichtig, die niedrigste Dosis einzusetzen, die sich als wirksam erweist, und die Anwendungsdauer so kurz wie möglich zu halten [3,4].

Demenz: Alzheimer und Co

Bei einer Demenz bilden sich Nervenzellen im Gehirn zurück. Zu den typischen Beschwerden gehört, dass die Merkfähigkeit und die geistiger Leistungsfähigkeit abnehmen, außerdem kommt es zunehmend zu Sprachstörungen und Verhaltensänderungen.

Fachleute unterscheiden verschiedene Formen von Demenz: Bei der vaskulären Demenz machen sie Durchblutungsstörungen im Gehirn für die Entstehung der Krankheit verantwortlich. Bei der sogenannten Alzheimer-Demenz lagern sich im Gehirn der Betroffenen kleine Eiweißpartikel ab, die möglicherweise zum Absterben der Nervenzellen führen. Die Ursache für Alzheimer ist aber letztlich nicht geklärt, vermutlich spielen dabei mehrere Faktoren eine Rolle. Daneben gibt es auch Mischformen und weitere Varianten [5].

Für einige Demenzformen sind inzwischen Risikofaktoren bekannt, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Kopfverletzungen und bestimmte erbliche Veranlagungen erhöhen das Risiko. Medikamente werden ebenfalls immer wieder als mögliche Ursache ins Spiel gebracht. Allerdings sind die Befunde nicht eindeutig. Dabei ist es auch wichtig zu unterscheiden, ob vorübergehende geistige Veränderungen ohne Rückgang von Nervenzellen auftreten („Pseudo-Demenz“) oder tatsächlich eine Demenz nach anerkannten medizinischen Kriterien festgestellt werden kann [6,7].

 

Die Studien im Detail

Bei unserer Literaturrecherche sind wir auf zwei systematische Übersichtsarbeiten gestoßen [1,2], die unsere Frage anhand von Beobachtungsstudien untersuchen. Wegen der höheren Zuverlässigkeit beschränken wir uns hier auf Studien, die die Teilnehmer mit oder ohne Einnahme von Beruhigungs- und Schlafmitteln über einen längeren Zeitraum beobachteten (Kohortenstudien). Die neuesten der Einzelstudien stammen aus dem Jahr 2016, weitere Studien haben wir nicht identifizieren können.

Eine der Übersichtsarbeiten [1] umfasst vier Kohortenstudien mit insgesamt etwa 11.000 Teilnehmern, die andere [2] drei Kohortenstudien mit insgesamt rund 35.000 Teilnehmern. Da eine Studie in beiden systematischen Übersichtsarbeiten enthalten ist, sind es insgesamt sechs verschiedene Kohortenstudien mit etwa 45.000 Teilnehmern. Die Beobachtungszeit liegt zwischen 3 und 22 Jahren. Die meisten Studien beschäftigten sich mit den Gebrauch von Benzodiazepinen, nur eine schloss auch Z-Substanzen ein.

Die Studien untersuchen alle den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Schlafmitteln und der Entstehung von Alzheimer oder anderen Demenzformen. Allerdings kommen sie zu widersprüchlichen Ergebnissen: Einige finden einen statistischen Zusammenhang, andere dagegen nicht, und die Größenordnung des Effekts variiert stark. Möglicherweise hängt das auch mit der Auswertemethode zusammen: Bei Beobachtungsstudien kommt Störfaktoren (Confoundern) eine wichtige Rolle zu, die fälschlicherweise einen Zusammenhang vorgaukeln können, obwohl in Wirklichkeit keiner vorhanden ist. In den Studien wurden diese Störfaktoren in sehr unterschiedlichem Ausmaß berücksichtigt.

Für unsere Fragestellung gibt es außerdem noch eine andere Herausforderung: Eine Demenzerkrankung wie Alzheimer entwickelt sich üblicherweise über einen sehr langen Zeitraum. In einem sehr frühen Stadium macht sich die Erkrankung meist nicht durch Gedächtnisstörungen, sondern durch andere Symptome bemerkbar. Oft gehört dazu Schlaflosigkeit. Werden diese Probleme mit Benzodiazepinen behandelt, entsteht ein statistischer Zusammenhang zwischen der Einnahme der Schlafmittel und Demenz, obwohl die Schlafmittel nicht die Ursache für die Demenz sind. Es gibt keine exakte wissenschaftliche Methode, mit der sich dieses Problem lösen ließe. Zwei Studien mit unterschiedlichen Lösungsansätzen kommen zu entgegengesetzten Ergebnissen: Eine findet einen statistischen Zusammenhang zwischen Benzodiazepinen und Demenz, die andere nicht. Ob es also in Wirklichkeit einen ursächlichen Zusammenhang gibt, bleibt unklar.

Für die Theorie, dass der Zusammenhang nur statistisch, aber nicht ursächlich ist, gibt es noch ein weiteres Indiz: Eine weitere Studie hat auch den Einfluss der Dosierung ausgewertet. Normalerweise würde man erwarten, dass mit zunehmender Dosis auch das Demenzrisiko steigt. Genau das war aber nicht der Fall: Vielmehr hat die Studien nur bei niedrigen Dosierungen einen Zusammenhang festgestellt, aber nicht bei höheren Dosierungen. Letztlich ist das aber auch kein eindeutiger Beleg.

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Islam u.a. (2016)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit von Beobachtungsstudien
Eingeschlossene Studien: u.a. 4 Kohortenstudien mit insgesamt ca. 11.000 Teilnehmern
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Benzodiazepinen und der Entwicklung einer Demenz?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Islam MM u.a. Benzodiazepine Use and Risk of Dementia in the Elderly Population: A Systematic Review and Meta-Analysis. Neuroepidemiology. 2016;47(3-4):181-191. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Billioti u.a. (2015)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit von Beobachtungsstudien
Eingeschlossene Studien: u.a. 3 Kohortenstudien mit insgesamt rund 35.000 Teilnehmern
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Benzodiazepinen und der Entwicklung einer Demenz?
Interessenkonflikte: nach Angaben der Autoren keine im Kontext dieser Studie. Eine der eingeschlossenen Studien wurde von einer Autorin des systematischen Reviews durchgeführt.

Bilioti de Gage S u.a. Is there really a link between benzodiazepine use and the risk of dementia? Expert Opin Drug Saf. 2015 May;14(5):733-47 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2017) Was hilft beim Absetzen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln? www.gesundheitsinformation.de (Zugriff am 15.10.2017)

[4] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2017) Stürze bei älteren Menschen. www.gesundheitsinformation.de (Zugriff am 15.10.2017)

[5] IQWIG (2017)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2017) Alzheimer-Demenz
www.gesundheitsinformation.de (Zugriff am 15.10.2017)

[6] UpToDate (2017)
Risk factors for cognitive decline and dementia. www.uptodate.com (Zugriff am 12.10.2017)

[7] Gesundheit.gv.at (2017)
Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2017) Pseudodemenz: Ursachen. www.gesundheit.gv.at (Zugriff am 16.10.2017)