Plasmatherapie bei Covid-19: Sterblichkeit senken?

AutorIn: Julia Harlfinger
Review:

Bernd Kerschner, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2020
Plasma gegen Corona
Wer Covid-19 überstanden hat, kann Blutplasma spenden. Ist das gespendete Plasma wirksam, um bei anderen Menschen einen todlichen Coronaverlauf zu verhindern?
Frage:
Ist die Plasmatherapie bei Covid-19 wirksam, um Todesfälle zu verhindern?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Die Zusammenfassung bisheriger Studien lässt eine Bandbreite an Möglichkeiten offen. Die Daten von leicht bis lebensgefährlich Erkrankten belegen insgesamt weder eine positive Wirkung noch negative Effekte. Schwere Nebenwirkungen sind nicht ausreichend erforscht und lassen sich nicht ausschließen.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Seit fast einem Jahr leben wir nun schon mit der Covid-19-Pandemie. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen seit Beginn fieberhaft, brauchbare Therapien zu finden, um der Krankheit ihren Schrecken zu nehmen. Doch noch gibt es keine gut wirksame und allgemein verfügbaren Behandlung gegen die Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2.

Allerdings sind etliche Behandlungen in Erprobung.

Immunität spenden

Zu den experimentellen Therapien bei Covid-19 gehört auch der Einsatz von Rekonvaleszenten-Plasma. Doch was ist das genau?

Es handelt es sich um Blutplasma, gespendet von Personen, die Covid-19 selbst durchgemacht haben und wieder gesund geworden sind. Das Plasma dieser rekonvaleszenten (wieder gesunden) Personen enthält im besten Fall reichlich aktive Antikörper, die Coronaviren „neutralisieren“ können, und möglicherweise auch andere Abwehrstoffe.

Die Behandlung mit gespendetem Plasma könnte Patientinnen und Patienten mit Covid-19 helfen, die Infektion besser zu überstehen – so eine Hoffnung. Zumindest bei Ebola, Tollwut, Mumps und Diphterie und anderen ansteckenden Krankheiten war Rekonvaleszenten-Plasma bereits erfolgreich [9-12]. Demnach dürfte es auch recht gut verträglich sein [9-12].

Experimentelle Therapie

Ende August 2020 hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) die Covid-19 Behandlung mit Plasma per Notfallgenehmigung gestattet [9,11,12].

In Österreich haben bis Dezember 2020 ungefähr 200 Personen mit einer Coronainfektion diese experimentelle Therapie erhalten. Gespendet haben rund 500 Genesene [13].

Wirklich wirksam?

Doch was ist derzeit über die Wirksamkeit und die Sicherheit der Plasmatherapie bei Covid-19 bekannt? Dieser Frage sind schon viele Studien nachgegangen. Einigermaßen aussagekräftig sind allerdings nur wenige Arbeiten ([1-7], bewertet und zusammengefasst in [8]).

Wir haben uns diese Studien angesehen. Sie befassten sich u.a. damit, ob die Plasmatherapie eine deutlich spürbare Besserung der Beschwerden bewirkt oder ob sich Todesfälle durch das gespendete Plasma verhindern lassen.

Teilgenommen haben Erwachsene, die unterschiedlich schwer an Covid-19 erkrankt waren. Etwa die Hälfte hat Spenderplasma erhalten, zusätzlich zur üblichen und verfügbaren Behandlung.

Keine solide Einschätzung möglich

Zusammengefasst sind die Ergebnisse der bislang besten Studien leider ernüchternd. Für alle Personen zusammengenommen – von leicht betroffen bis lebensgefährlich erkrankt – hat sich bisher kein eindeutiger Vorteil durch die Plasmatherapie abgezeichnet.

  • Es kann einerseits sein, dass sich Todesfälle verhindern lassen. Es ist aber auch möglich, dass die Plasmatherapie keinen dämpfenden Effekt auf die Sterblichkeit hat [1-6].
  • Ob sich die Beschwerden [3-5] mit Hilfe der Plasmatherapie deutlich bessern? Auch dazu gibt es keine deutlichen Hinweise.

All die frustrierende Unsicherheit darf allerdings nicht als Absage an die Plasmatherapie verstanden werden. Die derzeit möglichen Berechnungen lassen eine Fülle an Möglichkeiten zu: große und kleine positive Effekte etwa. Andererseits können wir nicht einmal definitiv ausschließen, dass die Plasmatherapie dem Überleben und der Symptomverbesserung eher schadet als nützt.

Mehr gute Studien, mehr verlässliche Daten sind der einzige Weg, um unseren Blick zu schärfen und zu erkennen, in welchem engen Bereich die Effekte höchstwahrscheinlich liegen.

Keine Aussagen zur Verträglichkeit

Zu gefährlichen Nebenwirkungen ist die aktuelle Studienlage auch nicht aussagekräftig. Auch durch die Zusammenfassung von fünf Studien [2-4,6,7] lässt sich nicht abschätzen, wie verträglich die Plasmatherapie für Covid-19-Patientinnen und -Patienten ist bzw. wie häufig schwere unerwünschte Reaktionen auftreten – auch wenn die Behandlung bei anderen Erkrankungen als ziemlich gut verträglich eingestuft worden ist [9,11].

Bald mehr Information

Die gute Nachricht für alle, die diese Unsicherheit so enttäuschend wie wir finden: Derzeit laufen zahlreiche Studien, die hoffentlich bald für mehr Klarheit sorgen. Wir erwarten etwa Anfang 2021 eine neue Übersichtsarbeit [9].

Neben gesicherter Information zu Nutzen und Risiken insgesamt wäre es auch interessant zu wissen,

  • welche Patientinnen und Patienten eher von gespendetem Plasma profitieren, etwa abhängig von Vorerkrankungen oder Schweregrad der Coronainfektion
  • wann der optimale Zeitpunkt ist, um mit der Therapie zu beginnen
  • wie oft und in welcher Dosis das Plasma idealerweise verabreicht werden soll.

Eine weitere Frage: Wirkt die Plasmatherapie vorbeugend? Das ist zum Beispiel für Personen wichtig, die ein hohes Risiko für eine Ansteckung haben oder bei denen im Fall des Falles ein schwerer Verlauf befürchtet werden muss.

Frisch oder aufgetaut

Blutplasma ist der flüssige Anteil des Blutes. Es enthält keine Blutzellen und besteht hauptsächlich aus Wasser. Darüber hinaus sind auch Salze, Zucker, Fette, Vitamine und weitere Stoffe enthalten [10].

Das gespendete Plasma wird entweder gleich frisch verabreicht, und zwar als Transfusion oder Injektion. Es ist aber auch möglich, Plasma einzufrieren und für die Behandlung wieder aufzutauen.

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Die Studien im Detail

Derzeit laufen etliche Studien zum Thema. Wir gehen davon aus, dass diese in den kommenden Wochen und Monaten veröffentlicht werden. Dadurch kann sich unsere derzeitige Einschätzung (Stand: 23.12.2020) rasch ändern.

Im Rahmen unserer Recherche haben wir nach gut gemachten Übersichtsarbeiten gesucht. Ziel war es, aktuelle Übersichtsarbeiten zu finden, die den derzeitigen Stand des Wissens verlässlich zusammenfassen. Auf die zusätzliche Suche nach Einzelstudien haben wir verzichtet.

Die beste verfügbare Übersichtsarbeit [8] wird wöchentlich auf den neuesten Stand gebracht. Sie ist nicht nur aktuell, sondern auch handwerklich solide.

Hier sind die besten bis 10. Dezember 2020 verfügbaren Einzelstudien zu Sterblichkeit, Symptomverbesserung und schweren Nebenwirkungen eingeflossen, durchgeführt im Laufe des Jahres 2020 in Indien, China, Spanien, Bahrain, Argentinien und in den Niederlanden [1-7]. Teilgenommen an diesen sieben Studien haben insgesamt fast 1300 Erwachsene.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten alle eine mit Laborbefunden bestätigte Covid-19-Diagnose. Sie waren unterschiedlich stark betroffen: Der Schweregrad reichte von leichten hin zu lebensbedrohlichen Infektionen. Alle Patientinnen und Patienten waren im Spital aufgenommen.

In sämtlichen Studien wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer streng nach Zufallsprinzip auf eine Testgruppe und eine Kontrollgruppe aufteilt. Diese Studienform – randomisiert und kontrolliert – ist ideal, um die Wirksamkeit eines neuen Medikaments zu untersuchen.

Die Testgruppe erhielt die experimentelle Plasmatherapie zusätzlich zur üblichen medizinischen Versorgung. Die Kontrollgruppe bekam zwecks Vergleich „nur“ die übliche medizinische Versorgung oder, in einem Fall [6], ein Scheinmedikament. Die Behandlung mit Plasma in der Testgruppe war über die Studien hinweg keineswegs komplett einheitlich.

Todesfälle verhindern?

Daten zu allen Todesfällen (unabhängig von der Ursache) aus den sechs Studien [1-6] innerhalb von 14 bis 28 Tagen nach Studienbeginn sind in der Übersichtsarbeit [8] zusammengefasst. Das Autorenteam hat aus den Daten von 1098 Personen abgeleitet:

  • Ohne Plasmatherapie sterben ca. 15 von 100 Covid-19-Kranken.
  • Mit Plasmatherapie sterben ca. 9 bis 17 von 100 Covid-19-Kranken innerhalb von 14 bis 28 Tagen nach Behandlungsbeginn.

Einerseits ist es also möglich, dass die Plasmatherapie ein Lebensretter ist. Doch auch ein negativer Effekt lässt sich nicht ausschließen. Um mehr Sicherheit zu erlangen, bräuchte es mehr Daten aus soliden Studien und Analysen getrennt nach Personengruppen (z. B. Schwerkranke).

Erschwert wird die Einschätzung auch dadurch, dass es in den sechs zugrundeliegenden Studien einige Schwachpunkte gibt, die ihre Vertrauenswürdigkeit einschränken. Insbesondere fehlten die Daten von einigen Teilnehmenden.

Schnellere Erholung?

Ähnlich verhält es sich auch mit Aussagen zu den Symptomen mit und ohne Plasmatherapie. Dafür wurden die Daten von 229 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus drei Studien [3-5] rechnerisch zugefasst [8]. Dabei ging es um eine deutliche Erholung, einen spürbaren Rückgang der Symptome. Gemeint ist damit zum Beispiel die Entlassung aus dem Krankenhaus.

Nach der gemeinsamen Auswertung aller Daten schlussfolgerte das Studienteam:

  • Ohne Plasmatherapie erholen sich ca. 57 von 100 Covid-19-Kranke deutlich innerhalb von 2 bis 4 Wochen nach Behandlungsbeginn.
  • Mit Plasmatherapie erholen sich ca. 53 bis 70 von 100 Covid-19-Kranken.

Auch hier bleibt also unklar, ob die Plasmagruppe sich wirklich besser erholt. Die Unschärfe ist so groß, dass sowohl Vorteile als auch Nachteile möglich sind.

Zusätzlich haben die Studien, auf denen diese Berechnung basiert, einige deutliche Schwächen – wie bereits erwähnt. Und die Anzahl der Teilnehmenden war ziemlich klein.

Daten zur Sicherheit

In fünf Studien [2-4,6,7] sind Daten von 763 Probandinnen und Probanden zu schweren Nebenwirkungen erfasst; dazu zählen etwa allergische Reaktionen, Atemwegskomplikationen oder Tod.

In der Zusammenfassung [8] wurden folgende Durchschnittswerte errechnet: In der Gruppe mit Plasmatherapie kam es bei ca. 14 Prozent zu diesen gefährlichen unerwünschten Reaktionen. Mit der üblichen Behandlung waren es ca. 8 Prozent.

Doch der beobachtete positive Effekt kann dem Zufall geschuldet sein, und wieder lässt sich keine sichere Aussage ableiten: weder dass die Plasmatherapie bei Covid-19 sicher ist, noch dass sie ein vergleichsweise hohes Risiko mit sich bringt.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Agarwal u.a. (2020)
Convalescent plasma in the management of moderate covid-19 in adults in India: open label phase II multicentre randomised controlled trial (PLACID Trial). BMJ 2020; 371 :m3939 (Studie in voller Länge)

[2] Avendaño-Solà u.a. (2020)
Convalescent Plasma for COVID-19: A multicenter, randomized clinical trial. medRxiv 2020.08.26.20182444 (Studie in voller Länge)

[3] Gharbharan u.a. (2020)
Plasma for COVID-19. A randomized clinical trial. medRxiv 2020.07.01.20139857 (Studie in voller Länge)

[4] Li u.a. (2020)
Effect of Convalescent Plasma Therapy on Time to Clinical Improvement in Patients With Severe and Life-threatening COVID-19: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2020;324(5):460–470. (Studie in voller Länge)

[5] AlQahtani u.a. (2020)
Randomized controlled trial of convalescent plasma therapy against standard therapy in patients with severe COVID-19 disease. medRxiv 2020.11.02.20224303 (Studie in voller Länge)

[6] Simonovich u.a. (2020)
A Randomized Trial of Convalescent Plasma in Covid-19 Severe Pneumonia.
N Engl J Med. 2020 Nov 24:NEJMoa2031304 (Studie in voller Länge)

[7] Libster u.a. (2020)
Prevention of severe COVID-19 in the elderly by early high-titer plasma
medRxiv 2020.11.20.20234013 (Studie in voller Länge)

[8] The COVID-NMA Initiative (2020)
Studienart: laufend aktualisierte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse (living systematic review)
Analysierte Studien: 7randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmende: 1268 Erwachsene mit Covid-19
Untersuchungsdauer: 14 bis 28 Tage
Fragestellung: Gibt es einen Effekt der Plasmatherapie auf Sterblichkeit, Symptomverbesserung sowie schwere Nebenwirkungen verglichen mit der üblichen Behandung von Covid-19?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

The COVID-NMA initiative – A living mapping and living systematic review of Covid-19 trials. Abgerufen am 18.12.2020 unter https://covid-nma.com/

Juul u.a. (2020)
Interventions for treatment of COVID-19: a protocol for a living systematic review with network meta-analysis including individual patient data (The LIVING Project). Syst Rev. 2020 May 9;9(1):108. (Protokoll)

Weitere Quellen

[9] Chai u.a. (2020)
Convalescent plasma or hyperimmune immunoglobulin for people with COVID-19: a living systematic review. Cochrane Database Syst Rev. 2020 Oct 12;10:CD013600.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[10] Gesundheitsinformation.de
Glossar “Blutplasma”. Abgerufen am 10.11.2020 unter www.gesundheitsinformation.de

[11] UpToDate (2020)
Coronavirus disease 2019 (COVID-19): Convalescent plasma and hyperimmune globulin
abgerufen am 10.11.2020 unter www.uptodate.com https://www.uptodate.com/contents/coronavirus-disease-2019-covid-19-convalescent-plasma-and-hyperimmune-globulin

[12] Dynamed (2020)
Covid-19 (Novel Coronavirus). Abgerufen am 10.11.2020 unter www.dynamed.com

[13] Der Standard (2020)
Floppt das Blutplasma als Hoffnungsträger? Abgerufen am 18.12.2020 unter derstandard.at