MMS & Chlordioxid: gefährliche Wundermittel

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Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2021
MMS ist eine gesundheitsschädliche Chemikalie
Das „Miracle Mineral Supplement“, kurz MMS, ist kein Wundermittel. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Chlorbleiche. Eine heilende Wirkung ist weder belegt noch plausibel.
Frage:
Kann das „Miracle Mineral Supplement“ MMS (Natrium-Chlorit) Krankheiten heilen oder Beschwerden lindern?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Frage:
Hilft MMS bei einer Infektion mit dem Coronavirus (Covid-19)
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
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Erklärung:
Weltweit warnen Fachleute vor der Einnahme von MMS. In etlichen Fällen hat das Mittel schwere Vergiftungen ausgelöst. Behauptungen über eine heilende Wirkung sind unhaltbare Gerüchte. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Substanz gegen Autismus, Malaria, Krebs, Aids oder Hepatitis wirksam ist oder bei einer Infektion mit dem Coronavirus (Covid-19) hilft.

Wie gehen wir vor?

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Faktencheck-Serie Mythen und Fakten zum Coronavirus

Einzelne Internetseiten verbreiten das gefährliche Gerücht, eine ätzende Chlor-Verbindung könne schwere Krankheiten heilen. Dazu soll sie in Wasser eingerührt getrunken oder als Einlauf in den Darm geleitet werden.

Beworben wird die Chemikalie als „Miracle Mineral Supplement“– abgekürzt MMS. Auf Deutsch bedeutet der Name so viel wie „Wunder-Mineralstoff-Nahrungsergänzung“. Ein irreführender und verharmlosender Name. Denn bei dem Produkt handelt es sich um nichts anderes als Chlorbleiche.

Aus diesem Grund warnen Fachleute und Behörden vor einer Verwendung. Dennoch ist MMS weiterhin über einzelne Internetseiten erhältlich.

Diese werben damit, dass das Mittel so unterschiedliche Krankheiten wie Malaria, Krebs, Autismus, AIDS oder Hepatitis heilen könne. Für diese Behauptungen gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. Ebenso haltlos ist das Gerücht, die Einnahme von MMS sei gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 wirksam.

Keine aussagekräftigen Studien zu MMS

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass MMS Krankheiten heilen oder Beschwerden lindern kann. Eine solche Wirkung ist weder plausibel, noch gibt es Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit seriös überprüft haben [11].

Gefunden haben wir lediglich eine Studie mit 40 Covid-19-Erkrankten [15], die viele Mängel hat. Die Hälfte der Kranken trank täglich verdünnte MMS-Lösung, die andere Hälfte nicht. Die Ergebnisse dieser Studie sind jedoch lückenhaft und nicht nachvollziehbar. So lässt sich aus den Daten nicht ablesen, ob es den Teilnehmenden nach der MMS-Einnahme besser ging. Dass MMS bei Covid-19 hilft, bleibt weiterhin eine haltlose Behauptung.

Gesundheitsschädlich

Nicht haltlos sind hingegen Fallberichte zu verschiedenen schädlichen Auswirkungen:

  • Nach der Einnahme von MMS kann es zu Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Nierenversagen, schwerwiegenden Blutveränderungen, Blutdruckstörungen, schweren Schädigungen am Darm, und erheblichem Flüssigkeitsverlust kommen. Diese Beschwerden können lebensbedrohlich sein und zum Tod führen [1–6, 16-18].
  • Bei der Anwendung auf der Haut oder Schleimhäuten sind Verätzungen möglich [7,8].

Behörden warnen vor MMS

Inzwischen warnen weltweit unterschiedlichste Behörden und staatliche Stellen, unter anderem in England, Kanada, Deutschland oder Österreich, vor den möglichen Nebenwirkungen und raten dringend von einer Einnahme ab [9-13].

Auch die US-amerikanische Lebensmittelsicherheitsbehörde FDA rät ausdrücklich davon ab, die ätzende Chemikalie einzunehmen [14]. Zwar wurde das aus MMS entstehende Chloridoxid bis 1957 noch zum Bleichen von Mehl verwendet. Doch es ist in Europa aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Behandlung von Lebensmitteln erlaubt.

Weder in Deutschland noch in Österreich ist Natriumchlorit (MMS) als Arzneimittel(-bestandteil) zugelassen [11,13].

MMS: Gift aus dem Chemiebaukasten

Hauptbestandteil des „Miracle Mineral Supplement“ ist die chemische Verbindung Natriumchlorit (NaClO2). Einschlägige Internetseiten oder Bücher empfehlen, die Substanz durch Zugabe einer Säure zu „aktivieren“. Dabei entsteht das ätzende und giftige Gas Chlordioxid (ClO2)[12].

Chlordioxid hat in der Industrie seinen Platz: Es wird unter anderem zum Bleichen von Papier oder Stoffen verwendet. Auf der Haut wirkt die Verbindung allerdings reizend bis ätzend [7,8,10,12]. Es ist also wenig verwunderlich, dass es auch innerhalb des Körpers zu unangenehmen bis lebensbedrohlichen Reaktionen führen kann.

Chlordioxid-bildende Chemikalien wie Natriumchlorit werden auch als Desinfektionsmittel eingesetzt. Weil die Mittel Keime abtöten, hat dies anscheinend die Idee befeuert, sie könnten auch unerwünschte Vorgänge im menschlichen Körper hemmen. Es gibt allerdings nicht den geringsten Hinweis darauf, dass MMS gegen Krebs oder eine andere Erkrankung wie eine Infektion mit Coronaviren helfen könnte.

Gefährliche Machenschaften

In Deutschland wurde 2019 ein Geschäftsmann zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er MMS als Heilmittel verkauft und dabei rund 350.000 Euro Umsatz gemacht hat [14]. Trotzdem ist MMS nicht vom Markt verschwunden und wird sogar als Heilmittel gegen das Coronavirus beworben [19].

Die Studien im Detail

Bei unserer umfangreichen Recherche haben wir nur eine Studie [15] gefunden, die die Wirkung von MMS beim Menschen untersucht hat. Diese Studie ist jedoch so mangelhaft, dass ihre veröffentlichten Ergebnisse keine Aussagekraft haben.

Teilgenommen haben 40 Personen aus Bolivien. Ecuador, Peru und Mexiko, die an Covid-19 erkrankt waren. Die Hälfte von ihnen trank täglich eine MMS-Lösung (10 Milliliter 0,3%ige Chlordioxid-Lösung, verdünnt in 1 Liter Wasser). Wie lange die „Behandlung“ dauerte, ist nicht genau beschrieben. Die andere Hälfte – die Kontrollgruppe – bekam keine Chlordioxid-Lösung.

Das Forschungsteam berichtet, dass einzelne Symptome in der Chlordioxid-Gruppe nach 14 Tagen seltener waren als in der Kontrollgruppe.

Heißt das also, dass Chlordioxid eine Coronainfektion rascher abklingen oder milder ausfallen lässt? Wir zweifeln wir aus vielen Gründen an, dass sich die berichteten Ergebnisse aufs „echte Leben“ übertragen lassen:

  • Es ist fraglich, ob die beiden Gruppen zu Studienbeginn vergleichbar waren – etwa ob sie gleich schwer erkrankt waren oder ein gleich hohes Risiko für eine schwere Erkrankung hatten. Dazu hätten die Teilnehmenden nach Zufallsprinzip den Gruppen zugeteilt („randomisiert“) werden müssen.
  • Die geringe Anzahl von lediglich 40 Teilnehmenden warso klein, dass das Risiko für Zufallseffekte hoch war.
  • Es ist unklar, wie das Forschungsteam die Symptome erhoben hat. Nicht berücksichtigt ist zudem, ob die Symptome schwer oder leicht waren.
  • Das Forschungsteam hat auch nicht berichtet, ob es den Teilnehmenden insgesamt besser ging.
  • Die Kontrollgruppe bekam verschiedene Medikamente, im Gegensatz zur Chlordioxid-Gruppe.
  • Das Forschungsteam wich in der Studiendurchführung stark von ihrem zuvor veröffentlichten Studienprotokoll ab. Es ist allerdings ein Qualitätskriterium für Studien, Abweichungen vom Protokoll durch gute Planung so gut wie möglich zu vermeiden. Falls es doch zu (kleinen) Änderungen kommt, ist es wichtig, diese gut zu begründen.

Die Studie kann daher keinesfalls einen Hinweis darauf liefern, dass Chlordioxid-Lösung (die bei der Zubereitung von MMS entsteht) bei Covid-19 helfen könnte.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Nguyen u.a. (2014)
Chlorine dioxide from a dietary supplement causing hemolytic anemia. Clinical Toxicology 52: 323 (Fallbericht in voller Länge)

[2] Williams u.a. (2009)
Severe hemolysis in pediatric case after ingestion of Miracle Mineral Solution(trademark). Clinical Toxicology 47(7): 737 (zum Fallbericht)

[3] Arnold & Rushton (2018)
Arnold, J., & Rushton, W. (2018, January). The mineral miracle disaster: accidental poisoning after use of 28% sodium chlorite solution resulting in methemoglobinemia and mild hemolytic anemia. Clinical Toxicology 56(10):941-942 (zum Fallbericht)

[4] Romanovsky u.a. (2013)
Romanovsky A, Djogovic D, Chin D. A case of sodium chlorite toxicity managed with concurrent renal replacement therapy and red cell exchange. J Med Toxicol. 2013 Mar;9(1):67-70. (zum Fallbericht)

[5] Patat (2011)
Intoxication aiguë après ingestion de Solution Minérale Miracle (MMS) à base de chlorite de sodium. Journal de Pédiatrie et de Puériculture 24(2):109. (zum Fallbericht – Zugang kostenpflichtig)

[6] Lin & Lim (1993)
Lin JL, Lim PS. Acute sodium chlorite poisoning associated with renal failure. Ren Fail. 1993;15(5):645-8. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[7] Brocker u.a. (2011)
Brocker, K. A., Nehls, K., Sohn, C., & Eichbaum, M. (2011). Massive Vaginal Epitheliolysis After Treatment of LSIL and Human Papilloma Virus with Chlorine Dioxide. Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 71(06), 521-524. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[8] Nicolás u.a. (2016)
Nicolás, F. D. A. A., Mesonero, R., Molero, V., Nieto, M., Herreros, C., Ruiz, A., … & Murillo, E. D. E. (2016). Irritant contact dermatitis from “miracle mineral solution”: 2757. Journal of the American Academy of Dermatology, 74(5). (Zusammenfassung des Fallberichts)

[9] FDA (2019)
NewsCAP: The FDA warns consumers not to drink Miracle Mineral Solution and other sodium chlorite products. Am J Nurs. 2019 Dec;119(12):14. Abgerufen am 10. 5. 2021 unter lww.com

[10] Bundesinstitut für Risikobewertung (2012)
„BfR rät von der Einnahme des Produkts „Miracle Mineral Supplement“ („MMS“) ab“. Stellungnahme Nr. 025/2012 des BfR vom 2. Juli 2012. Abgerufen am 10. 5. 2021 unter bfr.bund.de

[11] Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (2020)
AGES, Medizinmarktaufsicht, Sicherheitsinformation, 10. 11. 2020: „Warnung vor Chlordioxidlösungen (MMS, CDS, CDL)“. Abgerufen am 6. 5. 2021 unter basg.gv.at

[12] Deutsche Verbraucherzentrale (2019)
„Miracle Mineral Supplement (MMS): Erhebliche Gesundheitsgefahr“. Stand: 4. 3. 2021. Abgerufen am 6. 5. 2021 unter verbraucherzentrale.de

[13] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2015)
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stuft zwei „Miracle Mineral Supplement“-Produkte als zulassungspflichtig und bedenklich ein. Pressemitteilung 3/15 vom 26.02.2015. Abgerufen am 6. 5. 2021 unter bfarm.de

[14] Medwatch.de (2019)
Bundesgerichtshof bestätigt Haftstrafe für MMS-Verkäufer. 23. 7. 2019. Abgerufen am 6. 5. 2021 unter medwatch.de

[15] Insignares-Carrione u.a. (2021)
Insignares-Carrione E, Bolano Gomez B, Andrade Yohanny, and Callisperis Patricia et al. Determination of the Effectiveness of Chlorine Dioxide in the Treatment of COVID-19. J Mol Genet Med 15 (2021): S2 (Studie in voller Länge) (vorab veröffentlichtes Studienprotokoll)

[16] Lebin u.a. (2021)
Lebin JA, Ma A, Mudan A, Smollin CG. Fatal ingestion of sodium chlorite used as hand sanitizer during the COVID-19 pandemic. Clin Toxicol (Phila). 2021 Mar;59(3):265-266. (Fallbericht in voller Länge)

[17] Tunbridge u.a. (2020)
Tunbridge, M., Isbel, N., Jegatheesan, D., Mcneill, I., Isoardi, K., & Viecelli, A. (2020, November). Sodium chlorite poisoning: a case of severe methaemoglobinaemia and dialysis-requiring acute kidney injury. Nephrology 25: 44-45. (Fallbericht in voller Länge)

[18] Zhen u.a. (2021)
Zhen J, Hakmeh W. Siblings with pediatric sodium chlorite toxicity causing methemoglobinemia, renal failure and hemolytic anemia. Am J Emerg Med. 2021 Apr;42:262.e3-262.e4. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[19] Medwatch.de (2021)
Kuhrt N. Umstrittener Tierarzt wirbt für gefährliches Wundermittel Chlordioxid. Abgerunfen am 10. 5. 2021 unter www.medwatch.de