MMS: Das gefährliche Wundermittel

AutorIn: Bernd Kerschner
Review:

Julia Harlfinger, Jana Meixner

zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2020
Bei MMS handelt es sich um eine ätzende und gesundheitsschädliche Chemikalie.
Das „Miracle Mineral Supplement“, kurz MMS, ist kein Wundermittel. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Chlorbleiche. Eine heilende Wirkung ist weder belegt noch plausibel.
Frage:
Kann das „Miracle Mineral Supplement“ MMS (Natrium-Chlorit) Krankheiten heilen oder bei Beschwerden helfen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Frage:
Hilft MMS gegen eine Infektion mit dem Coronavirus (Covid-19)
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
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Erklärung:
Weltweit warnen Fachleute vor der Einnahme von MMS. In etlichen Fällen hat das Mittel schwere Vergiftungen ausgelöst. Behauptungen über eine heilende Wirkung sind unhaltbare Gerüchte. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Substanz gegen Autismus, Malaria, Krebs, Aids oder Hepatitis wirksam ist oder gegen eine Infektion mit dem Coronavirus (Covid-19) hilft.

Wie gehen wir vor?

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Sammlung von Faktenchecks zum Coronavirus

Einzelne Internetseiten verbreiten das gefährliche Gerücht, eine ätzende Chlor-Verbindung könne schwere Krankheiten heilen. Dazu soll sie in Wasser eingerührt getrunken oder als Einlauf in den Darm geleitet werden.

Beworben wird die Chemikalie als „Miracle Mineral Supplement“– abgekürzt MMS. Auf Deutsch bedeutet der Name so viel wie „Wunder-Mineralstoff-Nahrungsergänzung“. Ein irreführender und verharmlosender Name. Denn bei dem Produkt handelt es sich um nichts anderes als Chlorbleiche.
Aus diesem Grund warnen Fachleute und Behörden vor einer Verwendung. Dennoch ist MMS weiterhin über einzelne Internetseiten erhältlich.

Diese werben damit, dass das Mittel so unterschiedliche Krankheiten wie Malaria, Krebs, Autismus, AIDS oder Hepatitis heilen könne. Für diese Behauptungen gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.
Ebenso haltlos ist das Gerücht, die Einnahme von MMS sei gegen das 2019 entdeckte Coronavirus wirksam.

Keine Studien zu MMS

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass MMS Krankheiten heilen oder Beschwerden lindern kann. Eine solche Wirkung ist weder plausibel, noch gibt es Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit seriös überprüft haben [11]. Wir erwarten auch nicht, dass derartige Studien in Zukunft durchgeführt werden.
Das einzige, was die Fachliteratur zu bieten hat, sind Fallberichte. Sie dokumentieren die schädlichen Auswirkungen von MMS:

  • Nach der Einnahme von MMS kann es beispielsweise zu Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Nierenversagen, schweren Schädigungen am Darm, zu Blutdruckstörungen und erheblichem Flüssigkeitsverlust kommen [1–6].
  • Bei der Anwendung auf der Haut oder Schleimhäuten sind Verätzungen möglich [7,8].

Behörden warnen vor MMS

Inzwischen warnen weltweit unterschiedlichste Behörden und staatliche Stellen, unter anderem in England, Kanada, Deutschland oder Österreich, vor den möglichen Nebenwirkungen und raten dringend von einer Einnahme ab [9-13].

Auch die US-amerikanische Lebensmittelsicherheitsbehörde FDA rät ausdrücklich davon ab, die ätzende Chemikalie einzunehmen [14]. Zwar wurde das aus MMS entstehende Chloridoxid bis 1957 noch zum Bleichen von Mehl verwendet. Doch es ist in Europa aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Behandlung von Lebensmitteln erlaubt.

Weder in Deutschland noch in Österreich ist Natriumchlorit (MMS) als Arzneimittel(-bestandteil) zugelassen [11,13].

MMS: Gift aus dem Chemiebaukasten

Hauptbestandteil des „Miracle Mineral Supplement“ ist die chemische Verbindung Natriumchlorit (NaClO2). Das klingt zwar ähnlich wie die chemische Bezeichnung für Kochsalz, Natriumchlorid (NaCl). Doch Natriumchlorit ist wesentlich gefährlicher. Denn einschlägige Internetseiten oder Bücher empfehlen, die Substanz durch Zugabe einer Säure wie Essig oder Zitronensäure zu „aktivieren“. Dabei entsteht das ätzende und giftige Gas Chlordioxid [12].

Chlordioxid hat in der Industrie seinen Platz: Es wird unter anderem zum Bleichen von Papier oder Stoffen verwendet. Auf der Haut wirkt die Verbindung allerdings reizend bis ätzend [7,8,10,12]. Es ist also wenig verwunderlich, dass es auch innerhalb des Körpers zu unangenehmen bis lebensbedrohlichen Reaktionen führen kann.

Chlordioxid-bildende Chemikalien wie Natriumchlorit werden auch als Desinfektionsmittel eingesetzt. Dass sie Keime abtöten, hat anscheinend die Idee befeuert, sie könnten auch unerwünschte Vorgänge im menschlichen Körper hemmen. Es gibt allerdings nicht den geringsten Hinweis darauf, dass MMS gegen Krebs oder eine andere Erkrankung wie eine Infektion mit Coronaviren helfen könnte.

Gefährliche Machenschaften

In Deutschland wurde 2019 ein Geschäftsmann zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er MMS als Heilmittel verkauft und dabei rund 350.000 Euro Umsatz gemacht hat [14]. Trotzdem ist MMS nicht vom Markt verschwunden.

Die Studien im Detail

Es gibt keine einzige Studie, die einen medizinischen Nutzen von MMS untersucht hat.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Nguyen u.a. (2014)
Chlorine dioxide from a dietary supplement causing hemolytic anemia. Clinical Toxicology 52: 323 (Zusammenfassung des Fallberichts)

[2] Williams u.a. (2009)
Severe hemolysis in pediatric case after ingestion of Miracle Mineral Solution(trademark). Clinical Toxicology 47(7): 737 (Zusammenfassung des Fallberichts)

[3] Arnold & Rushton (2018)
Arnold, J., & Rushton, W. (2018, January). The mineral miracle disaster: accidental poisoning after use of 28% sodium chlorite solution resulting in methemoglobinemia and mild hemolytic anemia. Clinical Toxicology 56(10):941-942 (Zusammenfassung des Fallberichts)

[4] Romanovsky u.a. (2013)
Romanovsky A, Djogovic D, Chin D. A case of sodium chlorite toxicity managed with concurrent renal replacement therapy and red cell exchange. J Med Toxicol. 2013 Mar;9(1):67-70. (Fallbericht in voller Länge)

[5] Patat (2011)
Intoxication aiguë après ingestion de Solution Minérale Miracle (MMS) à base de chlorite de sodium. Journal de Pédiatrie et de Puériculture 24(2):109. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[6] Lin & Lim (1993)
Lin JL, Lim PS. Acute sodium chlorite poisoning associated with renal failure. Ren Fail. 1993;15(5):645-8. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[7] Brocker u.a. (2011)
Brocker, K. A., Nehls, K., Sohn, C., & Eichbaum, M. (2011). Massive Vaginal Epitheliolysis After Treatment of LSIL and Human Papilloma Virus with Chlorine Dioxide. Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 71(06), 521-524. (Zusammenfassung des Fallberichts)

[8] Nicolás u.a. (2016)
Nicolás, F. D. A. A., Mesonero, R., Molero, V., Nieto, M., Herreros, C., Ruiz, A., … & Murillo, E. D. E. (2016). Irritant contact dermatitis from “miracle mineral solution”: 2757. Journal of the American Academy of Dermatology, 74(5). (Fallbericht in voller Länge)

[9] FDA (2019)
NewsCAP: The FDA warns consumers not to drink Miracle Mineral Solution and other sodium chlorite products. Am J Nurs. 2019 Dec;119(12):14. Abgerufen am 25. 02. 2020 unter lww.com

[10] Bundesinstitut für Risikobewertung (2012)
„BfR rät von der Einnahme des Produkts „Miracle Mineral Supplement“ („MMS“) ab“. Stellungnahme Nr. 025/2012 des BfR vom 2. Juli 2012. Abgerufen am 25.02.2020 unter bfr.bund.de

[11] Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (2015)
AGES, Medizinmarktaufsicht, Sicherheitsinformation, 27.02.2015: „Warnung vor Miracle Mineral Supplement MMS“. Abgerufen am 25.02.2020 unter basg.gv.at

[12] Deutsche Verbraucherzentrale (2019)
„Miracle Mineral Supplement (MMS): Erhebliche Gesundheitsgefahr“. Stand: 03.01.2017. Abgerufen am 25. 02. 2020 unter verbraucherzentrale.de

[13] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2015)
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stuft zwei „Miracle Mineral Supplement“-Produkte als zulassungspflichtig und bedenklich ein. Pressemitteilung 3/15 vom 26.02.2015. Abgerufen am 25 .02. 2020 unter bfarm.de

[14] Medwatch.de (2019)
Bundesgerichtshof bestätigt Haftstrafe für MMS-Verkäufer. 23. 7. 2019. Abgerufen am 25. 02. 2020 unter medwatch.de