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Macht Zucker dumm?

Können Schokolade und Co wirklich die Intelligenz beeinträchtigen?

Können Schokolade und Co wirklich die Intelligenz beeinträchtigen?

Zucker im Übermaß kann Übergewicht und Diabetes fördern. Dass er auch dumm macht, ist hingegen eine Theorie ohne wissenschaftliche Belege.

Frage:Beeinträchtigt der Konsum von Zucker die Merkfähigkeit oder andere geistige Leistungen?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Ob eine zuckerreiche Ernährung langfristig die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, ist nicht ausreichend erforscht, es fehlen aussagekräftige Studien über einen langen Zeitraum.

Darüber, dass falsche Ernährung schlecht für den Körper ist, sind sich alle einig. Die Folgen sind weitreichend: Beinahe zwei Milliarden Menschen sind weltweit von Übergewicht betroffen, darunter allein 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren, so die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO für das Jahr 2014 [5]. Damit einher gehen zum Beispiel Diabetes und Herzerkrankungen im Erwachsenenalter. Aber was genau „richtige“ oder „falsche“ Ernährung ist, das ist weniger klar.

Als mögliche Ursache vieler Krankheiten rückt seit einigen Jahren der Zucker immer mehr ins Licht. Dass Zucker im Übermaß tatsächlich für etliche Erkrankungen mitverantwortlich ist, bestreitet sicherlich keine Ärztin oder kein Wissenschaftler. Wer etwa regelmäßig große Mengen an Zucker – beispielsweise in Form von Softdrinks – zu sich nimmt, erhöht damit nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dick zu werden, sondern vermutlich auch das Risiko für eine Diabetes-Erkrankung – und zwar unabhängig vom Übergewicht (siehe Macht Zucker zuckerkrank?)

Manche Behauptung über Zucker basiert jedoch auf bloßer Spekulation. Dass Übergewicht das Krebsrisiko erhöht, ist unter Fachleuten zwar unumstritten. Dass jedoch Zucker direkt Krebs auslösen kann, ist ein Mythos, für den es keinerlei Belege gibt. Wir haben hier bereits darüber berichtet: Löst Zucker Krebs aus?

Vor einigen Jahren tauchte ein neues Gerücht auf, das von vielen Medien aufgegriffen wurde: Zucker macht dumm. Hintergrund sind einzelne Experimente an Ratten, die bei Gedächtnisaufgaben schlechter abschnitten, nachdem ihnen einige Tage lang besonders viel Zucker gefüttert wurde [4,5].

Dumme Ratten oder dumme Menschen?

Tierstudien können ein erster Schritt sein, um eine solche Vermutung zu überprüfen. Ergebnisse aus Tier-Experimenten müssen jedoch immer in Studien an menschlichen Teilnehmern bestätigt werden. Vom Gedächtnis einiger Laborratten direkt auf die menschliche Intelligenz und geistige Leistungsfähigkeit zu schließen, ist keinesfalls möglich.

Für den Menschen gibt es bisher keinen Hinweis darauf, dass Zucker dumm macht. Das liegt nicht etwa daran, dass Studien den Zusammenhang widerlegt haben, sondern daran, dass es kaum aussagekräftige Studien gibt [1-3].

Ob regelmäßiger Konsum hoher Mangen an Zucker die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann, lässt sich am besten untersuchen, indem man die Ernährungsgewohnheiten einer großen Gruppe von Menschen über viele Jahre beobachtet. Sowohl zu Beginn als auch am Ende der Studie müssten alle Teilnehmenden einen Test über ihre Merk- und Denkfähigkeit machen. Hätten diejenigen, die regelmäßig viel Zucker zu sich nehmen am Ende schlechtere Testergebnisse als zu Beginn, wäre das ein Hinweis darauf, dass der Zucker daran schuld ist.

Tatsächlich konnten wir beim Durchforsten bisherig veröffentlichter wissenschaftlicher Arbeiten nur eine einzige derartige Untersuchung finden [1]. Diese ist jedoch nur bedingt aussagekräftig. Grund dafür ist, dass der Untersuchungszeitraum mit nicht einmal vier Jahren relativ kurz war, zudem beobachteten die Studienautoren nur einen begrenzten Kreis von Personen mit einem Mindestalter von 70 Jahren [1]. Einen Zusammenhang zwischen Zucker und geistiger Leistung fand sich dabei nicht.

Ob regelmäßiger Konsum von großen Mengen Zucker langfristig tatsächlich dumm macht, kann diese Studie für die breite Bevölkerung nicht beantworten. Dazu wäre ein deutlich längerer Beobachtungszeitraum sowie jüngere Teilnehmer in viel größerer Anzahl nötig.

Intelligent statt dumm?

Manche Fachleute vermuten auch das Gegenteil – sie glauben, dass Zucker kurzfristig sogar eine positive Auswirkung auf die geistigen Fähigkeiten haben könnte [2,3]. Studien zur kurzfristigen Wirkung von Zucker auf unseren Denkapparat gibt es zwar einige, kaum eine ist aber streng nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt und somit aussagekräftig.

Für alte Menschen, bei denen die geistige Leistung häufig nachlässt, fand ein malaysisches Forschungsteam überhaupt nur eine einzige solche Untersuchung mit einer sehr kleinen Teilnehmergruppe [2]. Deren Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein zuckerhaltiges Getränk die Aufmerksamkeit von Personen über 60 verbessern könnte. Ob das wirklich so ist, müssten jedoch weitere Studien an deutlich mehr teilnehmenden Personen beweisen [2].

Ein zypriotisches Wissenschaftsteam hat alle Untersuchungen zusammengefasst [3], die die Auswirkung von Lebensmitteln mit hohem glykämischem Index auf die geistige Leistung erforscht haben. Einen hohen glykämischen Index haben solche Speisen, die den Blutzucker rasch ansteigen lassen – neben Zucker sind das etwa auch Weißbrot oder Kartoffel, während beispielsweise Vollkornprodukte den Blutzuckerspiegel nur langsam erhöhen. Die Ergebnisse der bisher veröffentlichten Studien sind jedoch widersprüchlich, die Studien selbst zumeist von geringer Qualität [3]. Zudem haben sie nicht nur Zucker untersucht.

Zucker, Diabetes und Demenz

Die Theorie, dass Zucker dumm macht, ist dennoch nicht komplett unbegründet. So ist bekannt, dass ein hoher Zuckerkonsum das Risiko für Diabetes erhöht. Diabetes wiederum gilt als Risikofaktor für die Alzheimer-Erkrankung [6,7], welche mit einer verminderten Merkfähigkeit und Denkleistung einhergeht.

Dennoch ist hier Vorsicht geboten: Nur, weil Zucker das Diabetesrisiko erhöht und Diabetes-Betroffene häufiger an Alzheimer erkranken, heißt das noch nicht, dass Zucker den geistigen Abbau im Alter verursacht [7]. Schließlich sind neben Diabetes auch für viele andere Dinge bekannt, welche die Wahrscheinlichkeit für eine Alzheimer-Erkrankung erhöhen können, etwa Rauchen, eine Depression, wenig Bildung oder wenig Kontakt zu Freunden und Verwandten [8]. Trotz intensiver Forschung liegen die Ursachen für Alzheimer größtenteils noch immer im Dunkeln.

 

Die Studien im Detail

Zur Auswirkung von langfristig hohem Zuckerkonsum konnten wir beim Durchforsten bisher veröffentlichter Studien nur eine Arbeit finden, die diese Frage direkt untersucht hat. Es handelt sich um eine Kohortenstudie, für die ein US-amerikanisches Forschungsteam 1072 alte Menschen zwischen 70 und 89 Jahren knapp vier Jahre lang beobachtete [1]. Zu Studienende gab es unter den Teilnehmenden mit hohem Zuckerkonsum jedoch nicht mehr Personen mit ersten Demenz-Anzeichen als unter Teilnehmenden mit niedrigem Zuckerkonsum.

Aufgrund der relativ kurzen Beobachtungsdauer, der verhältnismäßig geringen Anzahl an Beobachteten und der eingegrenzten Personengruppe von Menschen ab 70 lassen sich daraus jedoch keine allgemeinen Schlüsse ziehen. Dazu bräuchte es Studien mit mehr und auch jüngeren Teilnehmenden sowie einem größeren Untersuchungszeitraum.

Kurzfristige Wirkung

Ob Zucker speziell bei alten Menschen kurzfristig die geistige Leistungsfähigkeit beeinflusst, wollte ein malaysisches Forschungsteam ergründen. Im Rahmen einer systematischen Übersichtsarbeit suchten sie nach allen Forschungsergebnissen zu dieser Fragestellung, konnten aber lediglich eine gut durchgeführte (randomisiert-kontrollierte) Studie finden [2]. Darin schienen sogar jene Teilnehmenden bei einem Aufmerksamkeitstest besser abzuschneiden, die zuvor eine Traubenzuckerlösung getrunken hatten. Mit 44 Probanden ist die Aussagekraft dieser Studie allerdings nur sehr gering und nicht verallgemeinerbar.

Die Verfasser einer anderen systematischen Übersichtsarbeit [3] wollten wissen, ob Nahrungsmittel mit hohem glykämischem Index die Denk- und Merkfähigkeit beeinflussen. Insgesamt fanden sie elf randomisiert-kontrollierte Studien, die jedoch größtenteils mangelhaft durchgeführt waren. Zudem widersprechen sich die Ergebnisse und erlauben daher keine klare Erkenntnis.

Tierversuche als Grundlage

Grundlage für die Theorie, dass Zucker dumm macht, liefern zwei Laborstudien an Ratten. In einer wurden 16 Tiere in zwei gleich große Versuchsgruppen geteilt. Die Tiere, deren Nahrung Zucker zugesetzt war, erkannten verschiedene Objekte weniger gut wieder als die tierischen Kollegen, die keinen zusätzlichen Zucker erhielten [4].

In einem weiteren Experiment wurden insgesamt 24 Tiere untersucht [5]. Sechs davon erhielten über sechs Wochen Zuckerwasser zum normalen Futter und brauchten danach länger zum Finden eines versteckten Ausgangs aus der Versuchsumgebung als sechs Ratten, die normales Wasser bekamen. Die anderen zwölf erhielten zusätzlich Omega-3-Fettsäuren.

Diese Studien bieten allerdings keine Anhaltspunkte dafür, dass Zucker eine schädigende Wirkung auf das menschliche Gehirn hat, da sich die Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf Menschen übertragen lassen.

(AutorIn: A. Polubotko, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Roberts u.a. (2012)
Studienart: prospektive Kohortenstudie
Teilnehmer: 1072 alte Menschen im Alter von 70 bis 89 Jahren
Studiendauer: durchschittlich 3,7 Jahre
Fragestellung: Wirken sich verschiedene Komponenten der Ernährung auf die Wahrscheinlichkeit aus, eine Demenz zu entwickeln?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Roberts RO, Roberts LA, Geda YE, Cha RH, Pankratz VS, O’Connor HM, Knopman DS, Petersen RC. Relative intake of macronutrients impacts risk of mild cognitive impairment or dementia. J Alzheimers Dis. 2012;32(2):329-39. (Studie in voller Länge)

[2] Ooi u.a. (2011)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: Keine geeigneten Studien gefunden
Fragestellung: Wie wirken sich Kohlenhydrate auf ältere Probanden aus, die gesund sind oder eine milde kognitive Beeinträchtigung haben?
Mögliche Interessenkonflikte: keine bekannt

Ooi, Cheow Peng; Loke, Seng Cheong; Yassin, Zaitun; Hamid, Tengku-Aizan (2011): Carbohydrates for improving the cognitive performance of independent-living older adults with normal cognition or mild cognitive impairment. In: The Cochrane database of systematic reviews (4), CD007220. (Zusammenfassung der Studie)

[3] Philippou u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 11 Studien
Teilnehmer: 513 gesunde Probanden zwischen 6und 82 Jahren und 21 Diabetiker
Fragestellung: Wie wirkt sich der glykämische Index von Mahlzeiten auf die kognitive Leistung aus?
Mögliche Interessenkonflikte: keine bekannt

Philippou, Elena; Constantinou, Marios (2014): The influence of glycemic index on cognitive functioning. A systematic review of the evidence. In: Advances in nutrition (Bethesda, Md.) 5 (2), S. 119–130. (Studie in voller Länge)

Andere wissenschaftliche Quellen

[4] Beilharz u.a. (2014)
Beilharz JE, Maniam J, Morris MJ. Short exposure to a diet rich in both fat and sugar or sugar alone impairs place, but not object recognition memory in rats. Brain Behav Immun. 2014 Mar;37:134-41. (Zusammenfassung)

[5] Agrawal u.a. (2012)
Studientyp: Tierversuch
Teilnehmer: 24 Ratten
Fragestellung: Wie wirken sich Zucker und Omega-3-Fettsäuren auf die Merkfähigkeit von Ratten aus?
Mögliche Interessenskonflikte: keine bekannt

Agrawal, R. and Gomez-Pinilla, F. (2012), ‘Metabolic syndrome’ in the brain: deficiency in omega-3 fatty acid exacerbates dysfunctions in insulin receptor signalling and cognition. The Journal of Physiology, 590: 2485–2499. (Studie in voller Länge)

[5] WHO – World Health Organization
Obesity and Overweight. www.who.int/mediacentre/factsheets/fs311/en/ (Zugriff 1. 6. 2017)

[6] UpToDate (2017)
Risk factors for cognitive decline and dementia. www.uptodate.com/contents/risk-factors-for-cognitive-decline-and-dementia (Zugriff 16.04.2017)

[7] Gesundheitsinformation.de
Alzheimer-Demenz – Risikofaktoren. www.gesundheitsinformation.de/alzheimer-demenz.2219.de.html#!risikofaktoren (Zugriff 17.04.2017)

[8] IQWIG (2013)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Alzheimer-Demenz. Abgerufen am 6. 6. 2017 unter www.gesundheitsinformation.de/alzheimer-demenz.2219.de.html