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Ingwer: ein Mittel gegen Übelkeit?

Hilft Ingwer gegen Reise- oder Schwangerschaftsübelkeit?

Ingwer gilt als Heilmittel gegen Erbrechen und Übelkeit. Aber ist eine Wirkung gegen Reisekrankheit und Schwangerschaftsübelkeit auch nachgewiesen?


Frage:Verringert die Einnahme von Ingwer Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Frage:Beugt die Einnahme von Ingwer Reisekrankheit vor?
Antwort:nicht (ausreichend) erforscht
Erklärung:Zu Ingwer als Mittel gegen Übelkeit in der Frühschwangerschaft gibt es zwar einige Studien, die aber zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen.
Als Mittel gegen Reisekrankheit ist Ingwer fast gar nicht untersucht. In einer kleinen Studie gegen Seekrankheit verringerten sich zwar teilweise die Symptome, aber ob der Effekt groß genug ist, dass ihn Menschen auf Reisen tatsächlich bemerken, lässt sich auf Basis dieser Studie nicht sicher sagen.

Ob als wohlschmeckender Tee mit Zitrone oder als aromatische Schärfe im indischen Curry: Ingwer lässt sich als Lebensmittel und Gewürz vielseitig einsetzen. Darüber hinaus wird Ingwer auch ein gesundheitlicher Nutzen zugeschrieben. So wurde die scharfe Wurzel erst kürzlich zur „Heilpflanze des Jahres 2018“ gekürt [6].

Der unterirdisch wachsende Teil der Ingwerpflanze soll vor allem Übelkeit und Erbrechen vorbeugen, unter anderem in der Frühschwangerschaft oder auf Reisen. Kann er das?

Ingwer als Mittel gegen Übelkeit: kaum untersucht

Zu der Frage, ob die vorbeugende Einnahme von Ingwer eine Reisekrankheit verhindern hilft, konnten wir nur eine einzige Studie mit relativ wenigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen finden, die Ingwer unter Alltagsbedingungen untersuchte[5].

In dieser Studie verringerten sich bei einigen, aber nicht bei allen Messungen die Symptome. Ob der Effekt stark genug ist, um für Reisekranke tatsächlich einen Unterschied zu machen, lässt sich anhand der Studie nicht beantworten. Als Wirksamkeitsbeleg finden wir sie deshalb nicht überzeugend.

Zwar gibt es noch einige weitere Untersuchungen, die Ingwer unter Laborbedingungen getestet haben, doch lassen sich daraus keine verlässlichen Schlussfolgerungen für die Wirksamkeit bei Übelkeit auf einem Schiff, im Flugzeug oder Reisebus ziehen.

Dass Ingwer gegen Reisekrankheit hilft, können wir auf Basis der derzeitigen Studienlage zwar nicht ausschließen, aber auch nicht belegen.

Widersprüchliche Ergebnisse zu Ingwer in der Schwangerschaft

Etwas besser ist die Studienlage zu Ingwer gegen Schwangerschaftserbrechen [1–4]. Allerdings kommen die Studien zu widersprüchlichen Aussagen. In einigen schien der Ingwer den Frauen zu helfen, in anderen fanden die Wissenschaftler und Forscherinnen keine Effekte.

Weil die einzelnen Untersuchungen sehr unterschiedlich angelegt waren und verschiedene methodische Probleme aufweisen, lässt sich deshalb auch zur Frage, ob Ingwer die Übelkeit am Anfang einer Schwangerschaft lindern kann, leider keine sichere Aussage machen.

Hat Ingwer Nebenwirkungen?

Ebensowenig lassen die Studien eine sichere Aussage zu, ob die Anwendung von Ingwer zumindest nebenwirkungsfrei ist. Zwar gab es in den Studien keine Auffälligkeiten, doch viele Untersuchungen haben auch gar nicht aktiv nach unerwünschten Wirkungen geforscht. Hinzu kommt, dass bei den geringen Teilnehmerzahlen mögliche Nebenwirkungen vielleicht gar nicht aufgefallen sind [3] [6]. Sowohl für Ingwer als Mittel gegen Reisekrankheit als auch gegen Schwangerschaftsübelkeit braucht es also noch weitere und bessere Studien.

Veränderungen in der Schwangerschaft

Übelkeit in der Schwangerschaft und Übelkeit beim Reisen entstehen durch sehr unterschiedliche Prozesse im Körper.

Im ersten Drittel einer Schwangerschaft leiden bis zu 90 Prozent aller Frauen an Übelkeit mit oder ohne Erbrechen. Die Symptome unterscheiden sich stark von Frau zu Frau. Ein sehr starkes Erbrechen („Hyperemesis gravidarum“), das sogar eine Krankenhausbehandlung erforderlich machen kann, ist aber selten.

Warum genau Schwangerschaftsübelkeit entsteht, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutet wird, dass hormonelle Veränderungen und Umstellungen im Verdauungssystem durch die Schwangerschaft daran beteiligt sind [7].

Reisekrankheit durch falsche Eindrücke

Ganz anders entsteht die Reisekrankheit. Sie ist eine Reaktion des Körpers auf widersprüchliche Sinneseindrücke. So verarbeitet das Gehirn etwa Reize des Auges und des Gleichgewichtssinns und setzt sie miteinander in Beziehung. In manchen Situationen passen diese Eindrücke aber nicht zueinander: Sitzt man etwa auf einem schwankenden Schiff und schaut zu Boden, nimmt das Auge meist keine Reize wahr, die auf Bewegung hindeuten. Gleichzeitig meldet aber das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, dass sich der Körper bewegt. Durch diese abweichenden Informationen kann es zu Übelkeit, im schlimmsten Fall auch zu Erbrechen kommen [8].

Ob die vorbeugende Einnahme von Vitamin C das flaue Gefühl im Magen, die aufsteigende Übelkeit oder Erbrechen im Auto, Flugzeug, Bus oder auf einem Schiff verhindern kann, haben wir kürzlich in einem eigenen Beitrag untersucht. Dort sind auch ein paar Tipps nachzulesen, wie die lästige Übelkeit verhindert werden kann.

 

Die Studien im Detail


Wir fanden drei aktuelle Übersichtsarbeiten, die sich unter anderem mit dem Nutzen von Ingwer bei Schwangerschaftsübelkeit beschäftigt haben [1–3]. Zwei dieser Arbeiten basieren auf denselben Studien und wurden auch von einem Team verfasst [1, 2]. In der dritten Übersichtsarbeit wurde zusätzlich eine randomisiert kontrollierte Studie behandelt [4], die die anderen beiden Arbeiten wegen Qualitätsmängeln ausgeschlossen hatten.

Insgesamt stehen zum Vergleich von Ingwer und einem Scheinmedikament die Ergebnisse von zehn Studien zur Verfügung, die Ingwer mit Placebo verglichen haben. Die meisten davon beschränken sich auf Frauen mit eher leichten oder moderaten Beschwerden. Nur eine untersucht auch den Einsatz bei sehr starkem Erbrechen („Hyperemesis gravidarum“).

In der Regel wurde der Ingwer in Form von Kapseln mit gepulverter Ingwerwurzel verabreicht. Einzelne Studien verwendeten Ingwer auch in Form von Sirup oder Keksen.

Ingwerstudien zu verschieden für einen direkten Vergleich

Die einzelnen Studien kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen und verwendeten sehr unterschiedliche Methoden, um den Therapieeffekt zu messen. Das macht es schwierig, die Ergebnisse zu vergleichen. Die Mehrzahl der Studien untersuchte auch nur sehr wenige Teilnehmerinnen, was ihre Aussagekraft deutlich einschränkt. Hinzu kommen weitere methodische Mängel, sodass sich keine klaren Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen ziehen lassen.

Ingwer als Reisebegleiter?

Zur Anwendung von Ingwer zur Vorbeugung von Reisekrankheit fanden wir nur eine ältere gut gemachte Übersichtsarbeit [5]. Die wiederum behandelte nur eine einzige Studie, in der Ingwerkapseln mit einem Scheinmedikament zur Vorbeugung von Seekrankheit bei Marinesoldaten verglichen wurden. Trotz umfangreicher Literaturrecherche konnten wir keine neueren Studien identifizieren. Die Datenlage ist also äußerst dünn, zumal an dieser einen Untersuchung nur 80 Personen teilnahmen.

Die Studie fand Ingwer zwar teilweise besser wirksam als das Scheinmedikament. Dieses Ergebnis ist aber wegen der Methode, mit der die Daten ausgewertet wurden, nicht besonders zuverlässig und liefert unserer Einschätzung nach ebenfalls keinen überzeugenden Wirksamkeitsnachweis.

(Autorin: I. Hinneburg, Review: C. Christof, V. Ahne)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] O’Donnell u.a. (2016)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: zur Teilfrage „Ingwer im Vergleich mit Placebo“ 6 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt 386 Teilnehmerinnen
Fragestellung: Verringert die Einnahme von Ingwer die Symptome von Schwangerschaftsübelkeit/-erbrechen?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der AutorInnen

Treatments for hyperemesis gravidarum and nausea and vomiting in pregnancy: a systematic review and economic assessment. Health Technol Assess, 20:1-268 (Volltext der Arbeit)

[2] McParlin u.a. (2016)
Studientyp, eingeschlossene Studien, Fragestellung, Interessenkonflikte: wie O’Donnell u.a. [1]

Treatments for Hyperemesis Gravidarum and Nausea and Vomiting in Pregnancy: A Systematic Review. JAMA, 316:1392-1401
(Zusammenfassung der Arbeit)

[3] Matthews (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit (keine Meta-Analyse wegen sehr heterogener Studien)
Eingeschlossene Studien: zur Teilfrage „Ingwer im Vergleich mit Placebo“ 7 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt 578 Teilnehmerinnen
Fragestellung: Welchen Nutzen und Schaden haben Interventionen gegen die Symptome von Schwangerschaftsübelkeit/-erbrechen in der frühen Schwangerschaft (bis zur 20. Schwangerschaftswoche)?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der AutorInnen

Interventions for nausea and vomiting in early pregnancy. Cochrane Database Syst Rev., CD007575 (Volltext der Arbeit)

[4] Firouzbakht u.a. (2014)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmerinnen: 120 Frauen bis zur 20. Schwangerschaftswoche mit Schwangerschaftsübelkeit/-erbrechen
Fragestellung: Verringert die Einnahme von Ingwer im Vergleich zu Placebo oder Vitamin B6 Übelkeit und Erbrechen in der Frühschwangerschaft?
Interessenkonflikte: keine Angaben

Comparison of ginger with vitamin B6 in relieving nausea and vomiting during pregnancy. Ayu. 2014 Jul-Sep; 35(3): 289–293 (Volltext der Studie)

[5] Betz u.a. (2005)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: eine randomisiert kontrollierte Studie mit 80 Teilnehmenden
Fragestellung: Verringert die Einnahme von Ingwer im Vergleich zu Placebo Reiseübelkeit und -erbrechen?
Interessenkonflikte: keine Angabe

Ist Ingwer ein klinisch relevantes Antiemetikum? Eine systematische Übersicht randomisierter kontrollierter Studien. Forsch Komplementarmed Klass Naturheilkd. 2005 Feb;12(1):14-23 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[6] Pharmazeutische Zeitung (2017)
Ingwer wird Heilpflanze des Jahres. Online 09.06.2017. Abgerufen am 15.5.2017 unter http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=69832

[7] UpToDate (2017)
Clinical features and evaluation of nausea and vomiting of pregnancy. Abgerufen am 15.5.2017 unter https://www.uptodate.com/contents/clinical-features-and-evaluation-of-nausea-and-vomiting-of-pregnancy

[8] UpToDate (2017)
Motion sickness. Abgerufen am 15.5.2017 unter http://www.uptodate.com/contents/motion-sickness