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Hilft Vitamin C gegen Reisekrankheit?

Verhindert Vitamin C Reisekrankheit?

Kurvenreiche Straßen: typische Auslöser von Reisekrankheit

Wenn in Auto oder Bus, Schiff oder Flugzeug die Reisekrankheit zuschlägt, ist das für Betroffene eine Qual. Kann die Vorbeugung mit Vitamin C eine Alternative zu Medikamenten sein?

Frage:Wirkt die Einnahme von Vitamin C vorbeugend gegen die Reisekrankheit?
Antwort:wissenschaftliche Belege fehlen
Erklärung:Zu dieser Frage haben wir nur eine kleine Studie mit methodischen Mängeln gefunden. Die Studie hat eine sehr spezielle Fragestellung untersucht und weist widersprüchliche Ergebnisse auf.

Wer im Bus immer vorne sitzen muss oder bei der Fahrt mit der Fähre eine grünliche Gesichtsfarbe annimmt, ist mitunter dem Spott der Mitreisenden ausgesetzt. Doch für Betroffene ist Reiseübelkeit alles andere als witzig und schränkt die Lust auf weiter entfernte Urlaubsziele oft deutlich ein.

Medikamente mit antiallergischen Wirkstoffen können Abhilfe schaffen. Aber die Mittel können müde machen und sind nicht für alle Menschen geeignet sind [2]. Deshalb werden zunehmend Alternativen ins Gespräch gebracht – wie die vorbeugende Einnahme von Vitamin C.

Ein Leser wollte von uns wissen, ob der Nutzen von Vitamin C gegen Übelkeit únd andere Symptome der Reisekrankheit gut mit Studien belegt ist.

Dünne Beweislage: Vitamin C gegen Reisekrankheit

Trotz einer ausgedehnten Literaturrecherche konnten wir nur eine einzige Studie finden, die den Einsatz von Vitamin C als Vorbeugung gegen die Reisekrankheit untersucht hat [1]. Die Studie hat einige methodische Mängel, und die Ergebnisse der Untersuchung sind teilweise widersprüchlich. Daraus lässt sich also keine verlässliche Aussage ableiten.

Die Forscher und Forscherinnen erwähnen in ihrer Arbeit weitere kleinere Vorstudien, die ebenfalls keinen Effekt von Vitamin C feststellen konnten. Allerdings wurden diese Studien vermutlich nicht veröffentlicht – wir haben sie jedenfalls nicht gefunden. Wie aussagekräftig sie sind, ließ sich also nicht nachprüfen.

Ein weiteres Problem der Studie ist die sehr spezielle Fragestellung: Es wurde nämlich nur geprüft, wie sich Vitamin C auf die Entwicklung einer Seekrankheit bei einer kleineren Gruppe von Marinesoldaten und -soldatinnen unter Extrembedingungen auswirkt [1].

Ob Vitamin C unter Alltagsbedingungen auf dem Schiff oder im Flugzeug, im Auto oder Bus ähnliche Ergebnisse zeigt wie in dieser Studie, bleibt deshalb unklar. Auch für die Seekrankheit im Speziellen können wir auf Basis der Studie keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen. Deshalb lässt sich die Frage, ob man mit Vitamin C eine Reisekrankheit verhindern kann, nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht beantworten.

Reisekrankheit: eine Fehlinformation des Gehirns

Das Übelwerden während des Reisens ist keine Krankheit im engeren Sinne. Vielmehr handelt es sich um eine natürliche Reaktion des Körpers auf widersprüchliche Sinneseindrücke. So verarbeitet das Gehirn Reize des Auges und des Gleichgewichtssinns und setzt sie miteinander in Beziehung.

In manchen Situationen passen diese Eindrücke aber nicht zueinander: Sitzt man zum Beispiel auf einem schwankenden Schiff und schaut zu Boden, nimmt das Auge meist keine Reize wahr, die auf Bewegung hindeuten. Gleichzeitig meldet aber das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, dass sich der Körper bewegt.

In Folge können die klassischen Symptome der Reisekrankheit entstehen: Schwindel, Übelkeit, Speichel sammelt sich im Mund. Manche Betroffene schwitzen, und im schlimmsten Fall müssen sie sich übergeben [2].

Nicht allen Menschen wird gleich schlecht

Theoretisch kann allen Menschen auf einem schaukelnden Schiff oder im schwankenden Flugzeug übel werden. Unter welchen Umständen die Probleme tatsächlich auftreten und wie stark die Beschwerden ausfallen, ist aber individuell sehr unterschiedlich. So sollen beispielsweise Frauen häufiger an Reisekrankheit leiden als Männer.

Bis zum Alter von etwa zwei Jahren haben die Kleinsten meist keine Probleme, während ältere Kinder bis zum Beginn der Pubertät durchaus mit Übelkeit im Auto oder auf dem Schiff zu kämpfen haben. Danach nimmt die Häufigkeit der Beschwerden wieder ab.

Auch eine Schwangerschaft oder bestimmte Krankheiten wie Migräne oder Erkrankungen des Innenohrs gelten als begünstigende Faktoren [2].

Was hilft gegen Reisekrankheit?

Ratschläge, wie die lästige Übelkeit vermieden werden kann, gibt es viele [2]. Wichtig ist, die Sinneseindrücke mit der passiven Bewegung in Einklang zu bringen. So sollen Betroffene auf einem Schiff beispielsweise nicht in ihrer Kabine leiden, sondern lieber an Deck bleiben und den Horizont im Auge behalten. Interessanterweise scheint es auch zu helfen, auf dem Rücken zu liegen [2].

Im Auto ist der Beifahrersitz ein besserer Ort als die Rückbank. Wer dennoch hinten Platz nehmen muss, sieht am besten in Fahrrichtung vorne aus dem Fenster. Auch in einem Bus ist es vorne besser als hinten.

Während der Fahrt zu lesen oder auf dem Handy oder Tablet zu spielen, kann hingegen Übelkeit hervorrufen. Erwachsene, denen leicht schlecht wird, bleibt die Reisekrankheit meist erspart, wenn sie das Auto selbst lenken [2].

 

Die Studie im Detail

Die einzige Studie, die wir für diese Fragestellung finden konnten, testete den Einsatz von Vitamin C bei 50 Marinesoldaten und 20 Marinesoldatinnen. Sie nahmen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an einer Bootsübung in einem Becken mit simuliertem starkem Wellengang teil [1].

Die Forscherinnen und Forscher teilten die Testpersonen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein: Die eine Gruppe erhielt am ersten Tag eine Stunde vor der Übung zwei Gramm Vitamin C in Form von Lutschtabletten, die zweite Gruppe ein geschmacklich ähnliches Scheinmedikament. Am zweiten Tag wurde die Medikation umgetauscht. Weder die Teilnehmenden noch die Ärztinnen und Ärzte wussten, wer zu welcher Gruppe gehörte.

Nun wurden die Soldatinnen und Soldaten in kleinen Grüppchen in ein Boot gesetzt und 20 Minuten lang starken Wellen ausgesetzt. Wer das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen, durfte das Boot vorzeitig verlassen. Unmittelbar nach der Übung und weiter über einen Zeitraum von drei Stunden zeigten die Teilnehmenden auf einer Skala, wie schlimm ihre Symptome waren. Am Ende des zweiten Tages wurden sie außerdem befragt, an welchem Tag die Beschwerden stärker ausgefallen waren.

Kein überzeugendes Ergebnis für Vitamin C

In der Auswertung, ob an Tag 1 oder Tag 2 die Symptome schlimmer waren, fehlten sieben der 70 Personen, weil sie an keinem Tag Beschwerden verspürt hatten. Den in der Auswertung einbezogenen schien es an am Vitamin-C-Tag besser gegangen zu sein als am Placebo-Tag, und weniger Testpersonen mussten das Boot vorzeitig mit starker Übelkeit verlassen, wenn sie vorher Vitamin C eingenommen hatten.

Allerdings verspürten viele der Soldaten und Soldatinnen am zweiten Tag deutlich weniger Beschwerden; weil in der Publikation statistische Detailangaben fehlen, bleibt unklar, ob dieser Gewöhnungseffekt bei der Auswertung berücksichtigt wurde. Das Ergebnis ist somit nicht nachvollziehbar.

[Ursprünglich veröffentlicht im Juli 2017, aktualisiert am 12.7.2018, keine neuen Studien gefunden.]

(Autorin: I. Hinneburg, Review: B. Kerschner, C. Christof, V. Ahne)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jarisch u.a. (2014)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie (Cross-over an zwei aufeinanderfolgenden Tagen)
Teilnehmende: 70 Marinesoldaten (20 Frauen, 50 Männer) zwischen 19 und 60 Jahren; mittleres Alter 31 Jahre
Fragestellung: Verhindert die Einnahme von zwei Gramm Vitamin C als Lutschtablette eine Stunde vor der Untersuchung im Vergleich zu Placebo Übelkeit bei einer Marineübung in einem Übungsbecken mit starkem Wellengang?
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der AutorInnen; Vitamin C und Placebo wurden von einem Hersteller zur Verfügung gestellt

Impact of oral vitamin C on histamine levels and seasickness. J Vestib Res. 24, 281-8 (Zugang zu Volltext der Studie) (Deutsche Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[2] UpToDate (2017)
Priesol AJ: Motion sickness. Abgerufen am 15.05.2017 unter http://www.uptodate.com/contents/motion-sickness