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Höhenverstellbarer Schreibtisch als Motivation gegen ungesundes Sitzen?

Was hilft gegen Dauersitzen im Büro?

Aufraffen – aber wie?

Weg mit dem Bürostuhl, her mit dem höhenverstellbaren Schreibtisch! Ist diese Strategie hilfreich gegen Dauersitzen im Büro?

Frage: Kann ein höhenverstellbarer Schreibtisch die Sitzzeit im Büro verringern?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung: Es gibt Hinweise darauf, dass Personen mit höhenverstellbarem Schreibtisch kurzfristig das Sitzen um etwa 100 Minuten pro Arbeitstag verringern könnten. Ob der Effekt langfristig anhält, ist nicht untersucht. Inwiefern eine Reduktion der Sitzzeit zu einer besseren Gesundheit beitragen kann, haben wir separat recherchiert.

Millionen von Berufstätigen verbringen ihre Arbeitstage am Schreibtisch vor dem Bildschirm. Meist sitzend. Es ist durch moderne Kommunikationsformen kaum mehr notwendig, dass sich Büroangestellte aus ihrem Stuhl erheben [1].

Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass das häufige und lange Sitzen im Job schädlich sein kann. Es soll das Auftreten von Diabetes, Herzerkrankungen und Übergewicht wahrscheinlicher machen und die Lebensdauer verkürzen. Sogar dann, wenn es in der Freizeit aktiv zugeht [1].

Wenn man die große Zahl der möglicherweise Betroffenen dieses nicht sehr gut erforschten Phänomens bedenkt, ergeben sich zwei Fragen:

  • Mit welchen Maßnahmen lassen sich die langen Sitzzeiten bei Bürojobs unterbrechen und insgesamt verkürzen?
  • Und: Führt weniger Sitzen im Job auch zu Verbesserungen der Gesundheit? Wird gar die Lebensdauer gesteigert?

Weniger Sitzen mit höhenverstellbarem Tisch?

Um die Sitzzeit im Büro zu verkürzen, gibt es mittlerweile etliche Ansätze: zum Beispiel höhenverstellbare Schreibtische, an denen abwechselnd im Sitzen und Stehen gearbeitet werden kann.

Oder aktive Pausen mit den Kolleginnen und Kollegen, Meetings im Gehen bzw. Stehen und Meldungen, die immer wieder am Bildschirm aufpoppen und ans Bewegen erinnern. Sogar Laufbänder und Standfahrräder direkt am Arbeitsplatz sind gegen die „Epidemie des Sitzens“ in Erprobung [1].

Was bringt Bewegung ins Büro?

Solche und ähnliche Maßnahmen haben Forscherinnen und Forscher im Rahmen einer Analyse bisher durchgeführter Studien [1] überprüft. Ziel war es herauszufinden, ob diverse Methoden wirklich wirksam sind. Können sie das häufige und lange Sitzen während der Arbeit reduzieren? Eingeflossen in die Auswertung sind Daten aus 34 Studien mit 3397 Personen.

Diese Studien wurden mit Angestellten aus wohlhabenden Ländern durchgeführt. Die untersuchten Maßnahmen bezogen sich auf die Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsplatzrichtlinien sowie Beratung und Information.

Entlastung des Sitzfleischs

Einigermaßen gut untersucht sind die immer populärer werdenden höhenverstellbaren Schreibtische („Sitz-Steh-Tische“). Mit ihnen kann relativ unkompliziert zwischen sitzender und stehender Arbeitshaltung gewechselt werden.

Aus der Auswertung von immerhin zehn Studien kann geschlossen werden, dass sich mit solchen Tischen die tägliche Sitzzeit im Büro möglicherweise reduziert. Denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Sitz-Steh-Tisch saßen pro Arbeitstag um durchschnittlich 100 Minuten weniger als Personen mit konventionellen Sitztischen.

Dieser Effekt scheint sich zumindest im ersten Jahr einzustellen. Ob er auch danach noch anhält, ist mangels Langzeitstudien nicht bekannt. Interessant ist, dass sich die Maßnahme wohl auch auf das Verhalten in der Freizeit ausgewirkt haben dürfte und die Sitzzeit sogar außerhalb des Büros zurückging.

Forschung steht noch am Anfang

Leider hat dieses erfreulich anmutende vorläufige Ergebnis auch unerfreuliche Einschränkungen: Die Studien zur Wirksamkeit von höhenverstellbaren Schreibtischen hatten beispielsweise nur wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer und weitere methodische Schwächen. Unser Vertrauen in das Ergebnis ist daher nicht sonderlich groß.

Auch mögliche unerwünschte Wirkungen sind nur schlecht untersucht, zum Beispiel Schmerzen von Rücken, Nacken und Schultern durch das vermehrte Stehen. Und so können keine konkreten Aussagen zu möglichen Risiken des „bewegten Arbeitens“ machen. Das Autorenteam räumt ein, dass diese Effekte besser untersucht gehören. Denkbar ist beispielsweise, dass längere Stehzeiten bei Personen mit bestimmten Vorerkrankungen negative Effekte haben können.

Weniger Sitzzeit, mehr Gesundheit?

Eine entscheidende Frage wurde in der vorgestellten Analyse [1] nicht beantwortet: Hat die sich andeutende Verkürzung der Sitzzeit überhaupt einen Effekt, abgesehen von der Schonung des Bürosessels? Sind positive Auswirkungen für die Büroangestellten in Form von einer besseren Gesundheit spürbar?

Dies wurde nicht im Rahmen der besprochenen Übersichtarbeit analysiert. Es ging vorranging um den ersten Schritt, also wie sich die Sitzzeit überhaupt verringern lässt. Aber wir haben uns dem Thema „Gesundheitsschäden durch Sitzen“ in einem separaten Beitrag gewidmet: „Wie ungesund ist Sitzen?

Andere Maßnahmen: unklare Wirkung

Neben den höhenverstellbaren Schreibtischen sind in der Übersichtsarbeit auch andere Maßnahmen beleuchtet, die teilweise kombiniert wurden: zum Beispiel Schreibtische mit Laufbändern und Standfahrrädern, reine Steh-Tische oder kurze Spaziergänge in Arbeitspausen. Ob es hier eine Wirkung im Sinne einer Sitzzeit-Reduktion gibt bzw. wie groß diese ist, hat sich bei keiner dieser Maßnahmen wirklich gut herauskristallisiert.

Es gibt zarte Hinweise auf eine Anti-Sitz-Wirkung von Information und Beratung von Büroangestellten; aber auch dieser mögliche Effekt gehört noch deutlich besser untersucht. [1].

 

Die Studie im Detail


Die Autorinnen und Autoren des aktualisierten und im Juni 2018 veröffentlichten Cochrane Reviews [1] haben sich gefragt, ob bzw. welche Interventionen Büroangestellte dazu motivieren könnten, weniger Zeit im Sitzen zu verbringen. Dafür haben sie 34 Studien mit Daten von 3397 Testpersonen ausgewertet.

In den Studien wurde immer die jeweils fragliche Methode mit einem anderen Szenario verglichen, zum Beispiel höhenverstellbare Schreibtische mit konventionellen Sitz-Schreibtischen. Die Studien wurden allesamt in wohlhabenden Ländern durchgeführt, darunter Australien, die Niederlande, USA und Dänemark.

Zu den getesteten Interventionen zählten verschiedene Veränderungen des Arbeitsumfeldes bzw der. Büro-Möblierung. Untersucht wurden auch Änderungen im Arbeitsablauf wie etwa gemeinsame aktive Pausen oder Meetings im Gehen. Auch die Wirkung von Beratungen und Gesundheitsinformationen wie Postern wurde analysiert.

Höhenverstellbare Schreibtische möglicherweise wirksam

Personen, die höhenverstellbare Schreibtische nutzen konnten, reduzierten ihr tägliches Sitzen während der Arbeit durchschnittlich um 84 bis 116 Minuten. Dabei war egal, ob zusätzlich begleitendes Informationsmaterial zur Verfügung gestellt wurde.

Die Sitzzeit-Reduktion scheint zumindest kurzfristig einzutreten, so die zusammengefassten Ergebnisse aus zehn Studien mit 323 Testpersonen. Die Testpersonen, die an höhenverstellbaren Schreibtischen arbeiteten, tendierten auch in ihrer Freizeit dazu, etwas weniger zu sitzen.

Über ein Jahr hinaus sind keine Aussagen möglich. Denn längere Studien fehlen. Es könnte sein, dass die anfänglichen positiven Effekte mit der Zeit schwinden.

Insgesamt sind die Ergebnisse zur Wirksamkeit von höhenverstellbaren Tischen zur Verkürzung der arbeitsbedingten Sitzzeit mit einiger Vorsicht zu genießen. Denn den zugrunde liegenden Studien mangelt es an Verlässlichkeit

Unsicher, ob auch hilfreich

Diverse Studien zu anderen Interventionen bieten leider keine sonderlich gute Basis für eine Einschätzung des Nutzens, zum Beispiel weil die Studien oft nur sehr klein sind. So ist nicht klar, inwiefern höhenverstellbare Tische anders wirken als reine Stehtische ohne Verstellmöglichkeit. Ebenso war die Studienlage zu unbefriedigend, um eine solide Einschätzung zur Wirksamkeit von Fahrrad-Tischen und aktiven Geh-Pausen zu geben.

Einzig zwei randomisiert-kontrollierte Studien mit 747 Testpersonen, die die Wirksamkeit von Information, Beratung und Feedback zum Thema „mehr Bewegung während der Arbeit“ untersucht haben, deuten eine mögliche mittelfristige Verbesserung an; den Studien nach könnten sie die tägliche Sitzzeit um 5 bis 51 Minuten reduzieren.

Der ursprüngliche Text wurde am 17.3.2016 veröffentlich. Unser Update basiert auf einem aktualisierten Cochrane-Review, der am 20.6.2018 erschienen ist. Die ursprüngliche Conclusio hat sich nicht geändert, doch der aktualisierte Text ist um einige Details und eine ausführlichere Begründung erweitert. In einem separaten Text sind wir der Frage nachgegangen, inwiefern Sitzzeit und Gesundheit miteinander zusammen hängen

(AutorIn: J. Wipplinger, J. Harlfinger, Review: B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Shrestha u.a. (2018)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit von Cochrane
Eingeschlossene Studien: 34 kontrollierte Studien
Teilnehmerinnen und Teilnehmer insgesamt: 3397
Fragestellung: Welche Interventionen (aus den Bereichen Möblierung, Arbeitsabläufe, Information & Beratung) verkürzen die Sitzzeiten am Arbeitsplatz?
Interessenskonflikte: keine laut Autorenteam

Shrestha N, Kukkonen-Harjula KT, Verbeek JH, Ijaz S, Hermans V, Pedisic Z. Workplace interventions for reducing sitting at work. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 6. Art. No.: CD010912. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)