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Wie ungesund ist Sitzen?

Sitzen: Risikosport ohne Bewegung?

Sitzen: Risikosport ohne Bewegung?

Übermaß tut selten gut – das scheint sogar für übermäßig langes Sitzen zu gelten. Bisherigen Studien zufolge könnte es Lebenszeit kosten. Gesichert ist das aber nicht.

Frage:Verkürzt langes Sitzen die Lebensdauer?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Den zusammengefassten Ergebnissen bisheriger Studien zufolge leben Menschen kürzer, wenn sie pro Tag neun Stunden oder sitzen. Dass wirklich das lange Sitzen an den verfrühten Todesfällen schuld ist, ist jedoch nicht gut abgesichert.

Je nach Quelle verbringen wir 50 bis 70 Prozent unserer wachen Zeit sitzend [1-3]. Die Befürchtung: der damit verbundene Bewegungsmangel könnte unserer Gesundheit schaden. Medien und Sachbücher verteufeln Sitzen gar als „das neue Rauchen“.

Handelt es sich hier nur um unbegründete Panikmache? Oder ist Sitzen wirklich so ungesund?

Ab neun Stunden

Mittlerweile haben etliche Studien untersucht, ob sich langes Sitzen auf die Lebensdauer auswirkt.

Die zusammengefassten Ergebnisse dieser Studien scheinen die Befürchtungen zu bestätigen: die untersuchten Menschen lebten kürzer, wenn sie viel Zeit im Sitzen verbrachten [1,2].

Das schien aber nur dann der Fall zu sein, wenn die tägliche Sitzdauer neun Stunden oder länger war [1]. Wer diese Stundenzahl nicht erreichte, war offenbar nicht betroffen .

Zahlen bitte!

Leider geben die bisher veröffentlichten Studienanalysen [1,2] keinen Aufschluss darüber, wieviel Lebenszeit jede zusätzliche Stunde Sitzen kostet.

Das Risiko lässt sich dennoch in Zahlen ausdrücken [1]. Demnach sind in den Studien in einem mittleren Zeitraum von etwa acht Jahren

  • 7 von 100 Menschen gestorben, die weniger als 9 Stunden am Tag sitzend verbracht hatten
  • 10 von 100 Menschen gestorben, die 10 Stunden am Tag sitzend verbracht hatten.
  • 12 von 100 Menschen gestorben, die 12 Stunden am Tag sitzend verbracht hatten.
  • 14 von 100 Menschen gestorben, die 14 Stunden am Tag sitzend verbracht hatten.

Die teilnehmenden Männer und Frauen waren dabei zu Studienbeginn durchschnittlich 40 bis 64 Jahre alt. Die Zahlen lassen sich daher nicht auf Menschen in anderen Altersgruppen übertragen.

Das Risiko, innerhalb des Studienlaufzeit zu sterben war also umso höher, je länger die Betroffenen täglich gesessen waren.

Fahndung nach der Ursache

Dass tatsächlich das Sitzen der Grund für die verringerte Lebensdauer der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer war, ist jedoch nicht gut abgesichert. Denn viele der Studien können nicht ausschließen, dass die untersuchten Personen in Wirklichkeit aus anderen Gründen als sitzbedingtem Bewegungsmangel früher verstorben waren. Deshalb schenken wir diesen Ergebnissen nur eingeschränktes Vertrauen.

Gibt es ein Gegenmittel?

Was also tun, um dem möglicherweise schädlichen Sitzen gegenzusteuern? Taugt ausgleichende Aktivität als Gegenmittel? Offenbar nicht. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass Sport das vermutete Risiko nicht komplett aufhebt [1,2]. Allerdings scheint regelmäßige sportliche Bewegung die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit etwas abzumildern [2].

Warum Sitzen ungesund sein könnte

Fachleute sind sich aufgrund starker Hinweise aus Studien einig, dass regelmäßige sportliche Bewegung nicht nur das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs verringert, sondern auch die Lebensdauer verlängert [3]. Dabei gilt grob: je mehr Sport, umso positiver die Auswirkung auf die Gesundheit.

 

Die Studien im Detail

Eine taiwanesische Forschungsgruppe fasste in einer systematischen Übersichtsarbeit die Ergebnisse aller relevanten Studien zum Thema zusammen, die bis Jänner 2018 veröffentlicht worden waren [1].

Insgesamt fanden sie 19 Studien mit nahezu 1,3 Millionen Probandinnen und Probanden. Diese waren je nach Studie im Durchschnitt zwischen 40 und 64 Jahre alt.

In zwölf Studien schätzten die teilnehmenden Personen zu Beginn der Untersuchung ab, wie viel Zeit sie täglich im Sitzen verbrachten. In sieben Studien trugen die Testpersonen zu Beginn Bewegungsmessgeräte am Körper, um die tägliche Sitzzeit aufzuzeichnen. Messungen mit solchen Geräten sind zuverlässiger als Zeitschätzungen. Doch auch sie liefern keine komplett zuverlässigen Daten. Sie können nämlich nicht unterscheiden, ob eine Person sitzt oder steht – sofern diese sich dabei nicht bewegt [1].

Anschließend erhoben die Studienautorinnen und -autoren, wie viele Personen unter den Weniger-Sitzerinnen und Weniger-Sitzern (unter 9 Stunden pro Tag) und wie viele unter den Mehr-Sitzerinnen und Mehr-Sitzern (9 Stunden oder mehr pro Tag) innerhalb eines bestimmen Zeitraums gestorben waren. Dieser Beobachtungszeitraum schwankte je nach Studie zwischen drei und 15 Jahren – im Schnitt waren es 7 Jahre und 10 Monate.

Interessanterweise hat sich bei der Übersichtsarbeit herausgestellt, dass es für ein erhöhtes Risiko eine gewisse Mindest-Sitzdauer braucht. In den verlässlichsten Untersuchungen, in denen die Sitzzeit der beobachteten Personen mit Bewegungsmessern erhoben wurde, war das erst ab neun Stunden am Tag der Fall [1]. Studien, die auf Selbsteinschätzung basierten, zeigten bereits ab sieben täglichen Sitzstunden ein erhöhtes Risiko an. Bei diesen Ergebnissen ist jedoch Vorsicht geboten, weil die Teilnehmenden die tägliche Sitzdauer womöglich unterschätzt haben.

Eines haben die Studien mit beiden Erhebungsarten jedoch gemeinsam: sie deuten darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit für einen frühzeitigen Tod umso mehr ansteigt, je mehr Zeit man pro Tag im Sitzen verbringt.

Die Übersichtsarbeiten lassen jedoch wesentliche Fragen offen:

  • Um wieviel sich die Lebenszeit pro täglich gesessener Stunde verkürzt, können sie nicht beantworten.
  • Es fehlen auch Informationen dazu, woran die Menschen verstorben sind.
  • Wir wissen auch nicht, wie gesund oder krank die Menschen mit weniger bzw. mehr Sitzzeit in den Jahren vor ihrem Tod waren. Gab es hier deutliche Unterschiede?

Einschränkungen

Dass tatsächlich das lange Sitzen für ein erhöhtes Sterberisiko verantwortlich ist, können die bisher durchgeführten Studien nicht zweifelsfrei belegen. Menschen, die viel sitzen, haben möglicherweise generell einen riskanteren Lebensstil als solche, die weniger sitzen. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Lebensstil oder andere Faktoren für die beobachtete höhere Sterberate verantwortlich waren.

In vielen Studien haben die Forscherinnen und Forscher zwar versucht, solche Einflüsse herauszurechnen. Demnach scheint langes Sitzen unabhängig von Alter, Übergewicht, Rauchen oder Alkoholkonsum die Lebenszeit zu verkürzen. Selbst wenn man zum Ausgleich Sport betreibt, dürfte das die schädlichen Folgen der langen Sitzdauer nur unzureichend abwenden [1,2].

Ein solches „Herausrechnen“ von die Lebenszeit beeinflussenden Faktoren ist jedoch nur möglich, wenn sie diese bei den beobachteten Personen zuvor auch erhoben hatten – was nur teilweise der Fall war. Zudem kann niemand alle möglichen Einflussfaktoren kennen.

Viele Studien können etwa nicht ausschließen, dass in Wahrheit der schlechte Gesundheitszustand der teilnehmenden Personen schuld am frühzeitigen Tod war. Denn wer durch eine langandauernde Belastung oder Erkrankung geschwächt ist, verbringt möglicherweise mehr Zeit im Sitzen als gesunde Menschen. Die lange Sitzzeit wäre dann lediglich Folge des schlechten Gesundheitszustandes und nicht Ursache.

Die Aussagekraft der zusammengefassten Ergebnisse ist auch dadurch eingeschränkt, dass sich die einzelnen Studien zum Teil stark voneinander unterscheiden: in der Art der Durchführung, in der Beobachtungsdauer, in der Erhebung der Sitzzeit und nicht zuletzt auch in den Ergebnissen selbst. Dies macht Vergleiche schwierig.

[Aktualisiert am 27.11.2018, ursprünglich veröffentlicht am 19.3.2014. Aktuellere Studien ändern unsere prinzipielle Einschätzung nicht.]

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Harlfinger, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Ku u.a. (2018)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 19 prospektive Kohortenstudien
Teilnehmende insgesamt: 1,259,482 Personen, deren Durchschnittsalter je nach Studie zwischen 39,7 und 63,8 Jahren liegt
Studiendauer: durchschnittlich 7,8 Jahre (je nach Studie 2.8 bis 15.7 Jahre)
Fragestellung: Verringert langes Sitzen die Lebensdauer?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren

Ku PW, Steptoe A, Liao Y, Hsueh MC, Chen LJ. A cut-off of daily sedentary time and all-cause mortality in adults: a meta-regression analysis involving more than 1 million participants. BMC Med. 2018 May 25;16(1):74. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Chau u.a. (2013)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 6 prospektive Kohortenstudien
Teilnehmende insgesamt: insgesamt: 595.086
Fragestellung: Verringert langes Sitzen die Lebensdauer?
Interessenskonflikte: keine laut Autorinnen und Autoren
Chau JY, Grunseit AC, Chey T, Stamatakis E, Brown WJ, Matthews CE, Bauman AE, van der Ploeg HP. Daily sitting time and all-cause mortality: a meta-analysis. PLoS One. 2013 Nov 13;8(11):e80000. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] UpToDate (2018)
Peterson DM. The benefits and risks of exercise. In Kunins L (ed.). UpToDate. Abgerufen am 15. 11. 2018 unter https://www.uptodate.com/contents/the-benefits-and-risks-of-exercise