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Elektrosensibilität – ein Gesundheitsproblem?

Elektrosensibilität: Führen Handymasten zu Beschwerden?

Elektrosensibilität: Führen Handymasten zu Beschwerden?

Manche Menschen geben an, elektromagnetische Strahlung etwa von Handymasten zu spüren und gesundheitlich darunter zu leiden. Was ist dran an dieser „Elektrosensibilität“?

Frage:Führt die elektromagnetische Strahlung von Handymasten zu gesundheitlichen Problemen wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Die wenigen bisherigen Studien zu Elektrosensibilität deuten eher darauf hin, dass nicht die Handymasten selbst die Gesundheit elektrosensibler Menschen beeinträchtigen. Deren Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme dürften eher durch die Sorge vor der Handymasten-Strahlung ausgelöst werden. Langzeituntersuchungen vor Ort fehlen noch.

Es ist kaum mehr vorstellbar, dass es vor ein paar Jahren noch ein Statussymbol sein konnte, mit Handy auf der Straße herumzulaufen. Heute verfügt nur noch ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung nicht über ein eigenes Handy oder Smartphone. Die Zahl der Mobilfunkverträge hat die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner in Europa sogar längst überschritten [3].

Während die meisten Menschen ohne weiteres Nachdenken die vielfältigen Möglichkeiten des Mobilfunks und der Dauer-Internet-Anbindung genießen, gibt es aber auch einige, die sich dadurch beeinträchtigt fühlen. Denn damit die Geräte funktionieren, müssen sie elektromagnetische Strahlung senden beziehungsweise empfangen. Als „Verbindungsstationen“ zwischen den Endgeräten dienen Handymasten, die in den letzten 20 Jahren überall wie die Pilze aus der Erde geschossen sind und die im Unterschied zum Handy nicht abgeschaltet werden können.

Manche Personen meinen, die Strahlung, die von diesen Masten ausgeht, spüren zu können und sich in der Nähe von Handymasten schlechter zu fühlen. Sie leiden eigenen Angaben zufolge unter „Elektrosensibilität“. Was ist da dran? Kann die elektromagnetische Strahlung der Mobiltelefonie bei elektrosensiblen Personen tatsächlich zu Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafmangel und Konzentrationsstörungen führen?

Elektrosensibilität: Symptome entstehen nicht durch Handymasten

Bei unserer umfangreichen Suche in medizinischen Datenbanken fanden wir zwei Übersichtsarbeiten, welche die Ergebnisse bisher veröffentlichter Studien zu Elektrosensibilität ausreichend objektiv zusammenfassen.

Eine der beiden Arbeiten wurde im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation erstellt. Sie umfasst alle bis März 2009 erschienenen Studien zu subjektiv empfundenen Gesundheitsproblemen durch Handymasten [1].

In den aussagekräftigsten dieser Studien wurden die teilnehmenden Personen zwei unterschiedlichen Versuchsbedingungen ausgesetzt: Entweder funkte ein naher Handymast auf voller Leistung, oder das Wissenschaftsteam schaltete die Masten aus beziehungsweise schirmte deren Strahlung ab. Die Versuchspersonen, die zu keinem Zeitpunkt wussten, wann sie der Handymasten-Strahlung ausgesetzt waren, sollten jeweils angeben, wie stark sie Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme empfanden.

Die Ergebnisse der Versuche deuten darauf hin, dass der Grund für Kopfschmerzen und Schlafprobleme nicht die Handymasten waren. Dass auch an berichteten Konzentrationsproblemen nicht die Handymasten schuld sind, ist den Studienergebnissen zufolge sogar wahrscheinlich.

Um diese Ergebnisse abzusichern, bräuchte es allerdings weitere, umfangreichere, gut gemachte Untersuchungen. Die Studienautoren betonen außerdem, dass Langzeitbeobachtungen fehlen.

Elektromagnetische Strahlung spüren?

Personen, die eigenen Angaben zufolge an Elektrosensibilität leiden, sind überzeugt, das Vorhandensein elektromagnetischer Felder deutlich spüren zu können. In mehreren Einzelstudien haben Wissenschaftler und Forscherinnen überprüft, ob elektrosensible Menschen erfühlen können, wann ein naher Handymast eingeschaltet ist und wann nicht [1]. Die Treffsicherheit der Elektrosensiblen scheint jedoch nicht höher zu sein, als sie es durch reines Raten beziehungsweise Zufall wäre. Das deutet darauf hin, dass es keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Strahlung der Masten und den Symptomen der Betroffenen gibt.

Körperliche Reaktionen nicht durch echte Elektrosensibilität erklärbar

Die Autorinnen und Autoren einer weiteren Übersichtsarbeit suchten ganz allgemein nach allen Studien, die körperliche Reaktionen elektrosensibler Personen auf elektromagnetische Felder untersucht hatten: Wie ändern sich zum Beispiel Blutdruck oder Puls, Erinnerungsvermögen oder Schlafqualität der Betroffenen durch die Strahlung [2]?

Die gefundenen Studien zeigten sehr widersprüchliche, zum Teil sogar paradoxe Ergebnisse. So schien sich in einzelnen Studien das Erinnerungsvermögen oder der Schlaf mancher Testpersonen sogar zu verbessern, wenn sie der von ihnen gefürchteten Strahlung ausgesetzt waren.

Wenn ähnlich gemachte Studien mit nur wenigen Teilnehmenden zu derart unterschiedlichen, sich widersprechenden Ergebnissen kommen, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass die Ergebnisse nur durch Zufall entstanden sind. In Studien mit sehr wenigen Teilnehmenden ist das so ähnlich wie beim Würfeln: Manchmal kommt mehrmals hintereinander eine Sechs oder es will gar keine kommen, obwohl man sie so dringend bräuchte…

Das Wissenschaftsteam zieht aus den Daten der Übersichtsarbeit deshalb auch den Schluss, dass es derzeit keine verlässlichen Hinweise dafür gibt, dass die Strahlung der Grund für die Symptome bei elektrosensiblen Menschen ist.

Elektrosensibilität: Wer spürt die Strahlung wirklich?

Sollten sich diese Ergebnisse in künftigen Arbeiten weiter bestätigen – wie kommt es dann aber zu den Symptomen?

Eine exakte Definition, was Elektrosensibilität ist und was nicht, gibt es nicht – das macht es auch schwierig, gut gemachte Studien zu entwerfen [2]. Üblicherweise ist es allerdings eine Selbstzuschreibung. Das heißt, die Menschen selbst geben von sich an, elektromagnetische Felder besser zu fühlen als andere und darunter zu leiden. Häufig fällt in diesem Zusammenhang auch das Wort „Elektrosmog“ – also die Summe aller elektromagnetischer Strahlen, die es braucht, damit all die elektrischen und elektronischen Geräte wie Fernseher und Radios, Handys, Tablets und WLAN-Router, aber auch Handymasten und Funkstationen, die uns umgeben, funktionieren.

Die Symptome, die dieser „Elektrosmog“ bei Menschen auslöst, die sich selbst als elektrosensibel bezeichnen, sind real: Die Betroffenen haben also tatsächlich Kopfschmerzen oder wälzen sich unruhig im Bett herum. Dass dafür jedoch nicht unbedingt ursächlich die Strahlung verantwortlich sein muss, zeigt ein einfaches Beispiel.

Wenn von Läusen die Rede ist, juckt die Kopfhaut

Die menschliche Psyche kann enorme Überzeugungskraft entwickeln. Nehmen wir als Beispiel eine Freundin, die wir auf der Straße treffen, und die entsetzt erzählt, ihre Kinder hätten gerade Läuse aus dem Kindergarten heimgebracht. Die meisten Menschen, die so etwas hören, beginnen sich sofort den Kopf zu kratzen. Hatten sie selbst Kontakt zu diesen Kindern, kann es sogar passieren, dass sie zwei Tage später in die Apotheke laufen und sich Lausshampoo besorgen, weil sie ganz genau spüren, dass hunderte kleine Tierchen auf ihrem Kopf herumkrabbeln – selbst wenn keine einzige echte Laus über ihre Kopfhaut gelaufen ist.

Wir können uns in solche Ideen und Überzeugungen so gut hineinsteigern, dass die Medizin eigene Begriffe dafür entwickelt hat. Im positiven Sinne nennt sie diese Fähigkeit zur Autosuggestion Placebo-Effekt: Wenn wir überzeugt sind, dass ein Mittel oder eine Behandlung wirkt, kann das zu einer tatsächlichen Besserung führen, selbst wenn wir gar nicht das „echte“ Mittel oder gar keine nachgewiesen wirksame Behandlung erhalten haben. So manches angebliche „Heilmittel“ ohne wissenschaftlich plausiblen Nachweis kann genau durch diesen Placebo-Effekt punkten, wie die Homöopathie gut zeigt.

Das Gegenteil von Placebo: Nocebo

Doch die Fähigkeit zur Selbstüberzeugung kann auch in die andere Richtung gehen. Die Wissenschaft spricht hier von Nocebo-Effekt: wenn also der Glaube an Nebenwirkungen und Schäden zu echten Beschwerden führt, selbst wenn das eingenommene Mittel wirkungslos war – oder ein Handymast vielleicht gar nicht eingeschaltet.

Und wirklich deuten alle derzeitigen gesammelten Erkenntnisse darauf hin, dass die Symptome, über die elektrosensible Menschen klagen, eher ein solcher Nocebo-Effekt sind. Wer mit der Überzeugung ins Bett geht, dass der neue Handymast am Hausdach gegenüber die Nachtruhe stört, wird wahrscheinlich wirklich schlechter schlafen, egal, ob der gerade strahlt oder nicht.

Elektrosensibilität als Geschäftsmodell

Abgesehen von den unspezifischen Beschwerden bei einer vermuteten Elektrosensibilität befürchten manche Menschen auch, dass häufiges Telefonieren das Risiko für Krebs im Kopf- und Halsbereich erhöhen könnte.
Den derzeitigen Stand der Wissenschaft zu diesem Thema haben wir in einem eigenen Beitrag beleuchtet.

Vor allem über das Internet werden inzwischen zahlreiche Produkte beworben, die angeblich vor „Elektrosmog“ und Handystrahlen schützen sollen. Über Handyaufkleber haben wir einen eigenen Beitrag verfasst, in dem auch nachzulesen ist, wie die Strahlenbelastung beim Telefonieren ganz einfach selbst reduziert werden kann.

 

Die Studien im Detail

In einer systematischen Überblicksarbeit für die Weltgesundheitsorganisation WHO suchten die Autorinnen und Autoren nach allen Studien zu selbst berichteten Gesundheitsproblemen durch Handymasten [1]. Sie fanden fünf randomisiert kontrollierte Studien: Das sind Studien, bei denen die Zuteilung der Teilnehmenden zu den Versuchsbedingungen – hier: „Handymasten eingeschalten“ oder „Handymasten ausgeschalten beziehungsweise abgeschirmt“ – zufällig erfolgt. Es handelt sich außerdem um Doppeltblind-Studien, das heißt, weder Versuchspersonen noch Versuchsleitung war bekannt, zu welchem Zeitpunkt welche Person tatsächlich einer Strahlung durch Handymasten ausgesetzt war.

Auch zwölf Beobachtungsstudien wurden in die Übersichtsarbeit aufgenommen, in denen die Effekte von Handymasten in der Bevölkerung ohne zufällige (randomisierte) Zuteilung untersucht worden waren. Bei vier davon wurden die Handymasten gezielt ein- und ausgeschalten.

Die Verfasserinnen und Autoren der Übersichtsarbeit lassen zwar einzelne Details zu ihrer Studienanalyse im Unklaren, haben sich bei der Zusammenfassung der Studienlage im Wesentlichen aber um Objektivität bemüht

Geistige Leistungsfähigkeit durch Handymasten nicht beeinflusst

Drei einigermaßen gut gemachte Einzelstudien untersuchten den Einfluss von Handymasten auf die geistige Leistungsfähigkeit. An den Studien nahmen zwar weniger als 200 Personen teil, was die Aussagekraft etwas mindert – doch alle drei kommen zum selben Ergebnis: Handymasten können die geistige Leistungsfähigkeit von elektrosensiblen Menschen wahrscheinlich nicht beeinträchtigten.

Zu Kopfschmerzen fand eine aussagekräftigere Studie keinen Zusammenhang. In einer zweiten Studie haben jene Personen, die bei aktiver Handymasten-Strahlung vermehrt Kopfschmerzen zu bekommen schienen, in Wahrheit schon vor Untersuchungsbeginn stärker zu Kopfschmerzen tendiert. Die Ergebnisse dieser zweiten Studie sind somit nicht aussagekräftig. Dass Handymasten Kopfschmerzen auslösen können, scheint insgesamt daher nicht zuzutreffen.

In die gleiche Richtung weisen die Ergebnisse zweier gut gemachter Studien bei Schlafproblemen – auch wenn diese aufgrund der sehr geringen Teilnehmerzahl nur bedingt aussagekräftig sind. Sechs Beobachtungsstudien kommen zum selben Ergebnis, auch wenn diese Studienart in der Aussagekraft den randomisiert kontrollierten Studien unterlegen ist. Lediglich eine besonders minderwertig durchgeführte Beobachtungsstudie fand einen scheinbaren Zusammenhang.

In insgesamt drei unterschiedlichen Studien konnten jene Personen, die sich selbst als elektrosensibel bezeichnen, nicht überzufällig gut erkennen, ob eine Strahlenquelle ein- oder ausgeschalten war. Das ist ein Hinweis darauf, dass nicht die Strahlenquelle die Ursache der Symptome ist, sondern möglicherweise ein Nocebo-Effekt [1].

Paradoxe Ergebnisse

Die zweite systematische Übersichtsarbeit fasste alle Studien zusammen, die in Experimenten mit elektrosensiblen und nicht elektrosensiblen Personen untersucht hatten, ob unterschiedlich starke elektromagnetische Strahlung zu messbaren körperlichen Veränderungen führt [2]. Die Übersichtsarbeit wurde in ein paar Punkten nicht nach den strengsten wissenschaftlichen Kriterien erstellt; das schränkt ihre Aussagekraft etwas ein.

Insgesamt fanden die Autoren und Autorinnen 29 einfach oder doppelt verblindete Studien. Fünf davon berichteten zwar über messbare Effekte, zum Beispiel Veränderungen beim Blutdruck, Pulsschlag, Pupillenreflex, bei Gehirnströmen während des Schlafens, bei Aufmerksamkeit oder Erinnerungsvermögen; allerdings waren das fast durchgängig Einzelbefunde, die in anderen Studien nicht wiederholt werden konnten.

Ein paar Experimente brachten sogar „paradoxe“ Effekte hervor: So hatten manche der Elektrosensiblen sogar über einen besseren Schlaf oder eine größere Merkfähigkeit berichtet, obwohl sie in der Zeit „bestrahlt“ worden waren. Bei anderen schien die elektromagnetische Strahlungsquelle Puls und Blutdruck sogar zu senken.

Insgesamt sind die Ergebnisse widersprüchlich und können laut Autorinnen und Autoren nicht verlässlich zeigen, dass elektrosensible Personen durch die Strahlung ungewöhnliche Symptome entwickeln.

(Autorin: V. Ahne, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Röösli u.a. (2010)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 5 randomisiert kontrollierte Studien und 12 epidemiologische Studien, 4 davon mit Feldintervention
Fragestellung: Führt die Strahlung von Handymasten zu Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen?
Interessenkonflikte: keine laut AutorInnen

Systematic review on the health effects of exposure to radiofrequency electromagnetic fields from mobile phone base stations. Bull World Health Organ. 2010 Dec 1;88(12): 887-896F (Volltext der Studie)

[2] Rubin u.a. (2011)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit Eingeschlossene Studien: 29 randomisiert kontrollierte einfach oder doppelt verblindete Studien
Fragestellung: Führt elektromagnetische Strahlung zu messbaren körperlichen Veränderungen bei elektrosensiblen Personen?
Interessenkonflikte: keine angegeben

Do people with idiopathic environmental intolerance attributed to electromagnetic fields display physiological effects when exposed to electromagnetic fields? A systematic review of provocation studies. Bioelectromagnetics. 2011 Dec;32(8): 593-609 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quelle

[3] GSMA (2015]
The Mobile Economy Europe 2015. Abgerufen am 26.5.2017 unter http://www.gsma.com/mobileeconomy/europe/