Elektrolytisch aktiviertes Wasser und Natriumhypochlorit: für Händedesinfektion unerforscht

AutorIn: Jana Meixner
Review:

Bernd Kerschner, Julia Harlfinger

zuletzt aktualisiert: 7. Mai 2020
Elektrolytisch aktiviertes Wasser – ausreichend stark gegen Coronaviren?
Händedesinfektionsmittel mit elektrolytisch aktiviertem Wasser und Natriumhypochlorit sollen vor Corona und Co. schützen. Ihre Wirksamkeit ist allerdings fraglich.
Frage:
Können Desinfektionsmittel mit stark verdünntem Natriumhypochlorit (unter 0,1%) Corona-und andere Viren unschädlich machen und so vor einer Infektion schützen?
wissenschafliche Beweise fehlen
Antwort:
Antwort:
Erklärung:
Ob Desinfektionsmittel mit Natriumhypochlorit die Hände verlässlich von Viren befreien, wurde wissenschaftlich nie untersucht. Studien zur Desinfektion von Oberflächen legen jedoch nahe: Die niedrige Konzentration von Natriumhypochlorit könnte für eine verlässliche Desinfektion der Hände nicht ausreichend sein.

Wie gehen wir vor?

Metastudien
Langzeitstudien
Fallstudien

Dass Natriumhypochlorit sich als Desinfektionsmittel für Oberflächen und Trinkwasser eignet, ist wissenschaftlich gut belegt. Doch eignet sich Natriumhypochlorit, auch bekannt unter dem Namen elektrolytisch aktiviertes Wasser, als Desinfektionsmittel für die Hände? Händedesinfektionsmittel sind in Zeiten der Corona-Pandemie besonders gefragt, um sich wirkungsvoll und sicher vor Viren zu schützen.

Bio-Desinfektion?

Ein Leser schickte uns eine Anfrage zu einem Natriumhypochlorit-Produkt namens Solenal. Es wird unter anderem als Händedesinfektionsmittel beworben.

Als Bio-Desinfektionsmittel soll Solenal zwar ungefährlich für Mensch und Umwelt, aber laut Hersteller hochwirksam gegen Coronaviren sein. Und das dank elektrolytisch aktiviertem Wasser mit 0,06 % Natriumhypochlorit.

Mit demselben Wirkstoff versprechen auch andere Herstellerfirmen wirksamen Schutz gegen Krankheitserreger, zum Beispiel „Wasseralm“ und „Super Saubi“. Auch sie sollen durch Natriumhypochlorit und elektrolytisch aktiviertes Wasser wirken. Genaue Angaben zu den enthaltenen Wirkstoffen beziehungsweise deren Konzentration fanden wir auf den entsprechenden Internetseiten nicht. Wie und ob sie im Einzelnen wirken und ob es Unterschiede gibt, können wir deshalb hier nicht beurteilen.

Gibt es wissenschaftliche Studien zu Natriumhypochlorit gegen Corona- oder andere Viren? Wie viel Natriumhypochlorit muss in einem Desinfektionsmittel enthalten sein und wie lange soll es einwirken, damit es Viren zuverlässig abtötet?

Als Händedesinfektion nicht untersucht

Wir haben in drei Datenbanken nach Studien gesucht. Hinweise darauf, dass Natriumhypochlorit die Hände von krankmachenden Viren befreit, fehlen. Diese Frage wurde nicht wissenschaftlich untersucht.

Es gibt aber zwei Studien zur desinfizierenden Wirkung von Natriumhypochlorit auf Stahl-Oberflächen und im Trinkwasser [1]. Das Ergebnis: Die Wirkung auf Oberflächen hängt maßgeblich davon ab, wie stark die Lösung verdünnt ist. Um Coronaviren so weit zu dezimieren, dass keine Ansteckungsgefahr mehr besteht, sollte das Desinfektionsmittel mindestens 0,1% Natriumhypochlorit enthalten. Lösungen mit 0,06% Natrium könnten deutlich zu schwach sein – zumindest legen das die Ergebnisse der Studien nahe.

Wirkung auf der Haut unklar

Es ist somit unklar, ob ein Desinfektionsmittel mit weniger als 0,1% Natriumhypochlorit stark genug ist, um Viren verlässlich zu beseitigen. Dazu kommt eine mögliche Schwachstelle von Natriumhypochlorit, auf die andere Studienergebnisse hindeuten: Natriumhypochlorit könnte an Wirkung verlieren, wenn es mit Eiweißen, Blut oder anderem organischen Material in Kontakt kommt [2]. Es ist also durchaus fraglich, ob Natriumhypochlorit auf den Händen seine Anti-Viren-Wirkung genauso entfaltet wie auf sauberem Stahl.

Undurchsichtige Gutachten

Die Wirksamkeit des Desinfektionsmittels „Solenal“ soll durch ein Zertifikat belegt sein, so die Angaben auf der Homepage des Herstellers. Genauere Informationen sucht man allerdings vergeblich.
Dem Produkt „Wasseralm“ scheint ein vom Hersteller veröffentlichtes Gutachten zwar eine Wirksamkeit gegen Viren zu bescheinigen. Bei genauem Hinsehen ist dieses allerdings ziemlich vage: Es bleibt unklar, welches der „Wasseralm“-Produkte hier eigentlich getestet wurde und in welcher Konzentration. Zudem entsprachen die im Test verwendeten Einwirkzeiten von mindestens einer bis zu dreißig Minuten nicht der Alltags-Realität.

WHO empfiehlt Desinfektionsmittel mit Alkohol

Denn neben der Konzentration spielt auch die Zeit eine große Rolle: Auf Oberflächen sollte die Natriumhypochlorit-Lösung mindestens eine Minute lang einwirken, um Viren unschädlich zu machen [1]. Ob dies auch für die Hände gilt, wurde zwar nicht untersucht. Es ist aber plausibel.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt für die Hände Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis, etwa mit 70-prozentigem Ethanol [3]. Die Wirkung solcher Desinfektionsmittel ist gut untersucht. Unbedenklich für die Umwelt ist Alkohol obendrein.

Elektrolytisch aktiviertes Wasser: Das steckt dahinter

Setzt man Salzwasser unter Strom, entstehen bei der Elektrolyse sogenannte hypochlorige Säuren und die dazu gehörenden Salze. Eines davon ist das Natriumhypochlorit.

Hinter dem kompliziert klingenden elektrolytisch aktivierten Wasser versteckt sich also nichts als Wasser, das durch Elektrolyse gereinigt wurde und Natriumhypochlorit enthält. Sowohl Natriumhypochlorit als auch die hypochlorigen Säuren in elektrolytisch aktiviertem Wasser können Viren, Bakterien, Pilze und Sporen unschädlich machen. Entscheidend für die Wirkung sind die Menge an Natriumhypochlorit und die Einwirkzeit [1, 3].

Biologische Bleiche?

Natriumhypochlorit findet man vermutlich in den meisten Haushalten: Es ist der Wirkstoff der Chlorbleiche, im Englischen einfach bleach genannt. Auch in Rohrreinigern und Schimmelentfernern ist Natriumhypochlorit enthalten – viel konzentrierter als in Desinfektionsmittel allerdings. Auch hinter dem Begriff „Aktivchlor“, den man aus der Putzmittelwerbung kennt, steckt Natriumhypochlorit.

Wir finden es deshalb etwas seltsam, dass ausgerechnet ein Desinfektionsmittel auf Basis von Chlorverbindungen als besonders „natürlich“ oder „bio“ beworben wird. In entsprechend hoher Dosierung ist Natriumhypochlorit giftig für Wasserlebewesen und reizend für Haut und Schleimhäute [4]. Auf die Haut darf es deshalb nur stark verdünnt.

Ob sehr stark verdünnte Natriumhypochlorit-Lösungen noch ausreichend stark gegen Viren sind, bleibt allerdings unklar. Für Oberflächen gilt: Lösungen mit 0,1% Natriumhypochlorit waren in Studien wirksam gegen Coronaviren. Stärker verdünnte Lösungen mit 0,01% oder 0,06% zeigten dagegen keine ausreichende Wirkung mehr, weil zu viele Viren unbeschadet überlebten [1].

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Die Studien im Detail

Wir konnten keine Studien finden, die die Wirkung von Lösungen mit Natriumhypochlorit oder elektrolytisch aktiviertem Wasser zu Händedesinfektion gegen Corona- und andere Viren untersuchten.

Wissenschaftliche Quellen


[1] Kampf u.a. (2020)
Kampf, G., Todt, D., Pfaender, S., & Steinmann, E. (2020). Persistence of coronaviruses on inanimate surfaces and its inactivation with biocidal agents. Journal of Hospital Infection. (Studie in voller Länge)

[2] Fukuzaki (2020)
Fukuzaki, S. (2006). Mechanisms of actions of sodium hypochlorite in cleaning and disinfection processes. Biocontrol science, 11(4), 147-157. (Studie in voller Länge)

[3] Hopman u.a. (2015)
Hopman, J., Kubilay, Z., Allen, T., Edrees, H., Pittet, D., & Allegranzi, B. (2015). Efficacy of chlorine solutions used for hand hygiene and gloves disinfection in Ebola settings: a systematic review. Antimicrobial resistance and infection control, 4(S1), O13. (Studie in voller Länge)

[4] European Chemicals Agency (2017)
Regulation (EU) No 528/2012 concerning the making available on the market and use of biocidal products. Active chlorine released from sodium hypochlorite. Abgerufen am 7.5.2020 unter https://echa.europa.eu