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Macht Weizenlektin krank?

Schadet Weizenlektin der Gesundheit?

Ist Weizenlektin ein Gesundheitsproblem?

Im Weizenkorn steckt ein natürlicher Fraßschutz aus der Gruppe der Lektine. Es gibt keine Studien, die zeigen, dass Weizenlektin Menschen schadet.

Frage:Ist Weizenlektin, das vor allem in Vollkornweizen in hohen Mengen enthalten ist, gesundheitsschädlich?
Antwort:möglicherweise Nein
Erklärung:Es gibt keine gut gemachten Langzeitbeobachtungen an gesunden Menschen aus der Allgemeinbevölkerung. Daher fehlen belastbare Daten über Nutzen und Risiken einer langfristigen Ernährung ohne Weizenlektin bzw. Vollkornweizen. Dass eine abwechslungsreiche Ernährung mit lektinhaltigem Vollkorn vor einigen Krankheiten schützt, ist allerdings relativ gut belegt.

Eigentlich gelten Vollkornbrot und Müsli als Inbegriff einer gesunden Ernährung. Beispielsweise empfiehlt die österreichische Ernährungspyramide täglich mehrere Getreideportionen etwa in Form von Gebäck und Nudeln [6].

In vielen dieser Grundnahrungsmittel steckt Weizen, idealerweise als „volles Korn“. Doch seit einigen Jahren steht das Getreide unter Verdacht, auch besorgniserregende Stoffe zu enthalten: das so genannte Weizenkeim-Agglutinin, ein Weizenlektin, das ein veritabler Krankmacher sein soll. Es ist vor allem in Vollkornprodukten enthalten, die durch den enthaltenen Weizenkeim ihre typische dunkle Färbung behalten.

Natürlicher Insektenschutz im täglichen Brot

Und in diesem kleinen Keimling steckt – neben ungesättigten Fettsäuren und Vitamin E [3] – auch eine bestimmte Eiweißsubstanz, die, wie andere in der Pflanzenwelt weit verbreiteten Lektine, in der Natur eine äußerst praktische Aufgabe hat: Das Weizenlektin fungiert als natürlicher Fraßschutz, verdirbt Schädlingen also den Appetit auf die nahrhaften Samen.

Die Überlegung ist nun: Wenn das Lektin Schädlinge ungünstig beeinflusst, hat es dann vielleicht auch nachteilige gesundheitliche Auswirkungen auf den Menschen? Die Behauptung wird inzwischen jedenfalls eifrig verbreitet. So soll Weizen zum Beispiel das „Leaky-Gut-Syndrom“ befördern – wir haben über diesen Mythos bereits ausführlich berichtet.

Schäden im Rattendarm

Zwar kann Weizenlektin die Darmschleimhaut von Nagetieren tatsächlich ernsthaft in Mitleidenschaft ziehen [2] [5]. Doch wurde dieser schädigende Effekt bisher nur im Tierversuch detailliert nachgewiesen – und zwar bei Ratten, die mit großen Mengen dieser Eiweißsubstanz gefüttert wurden. Abgesehen davon, dass Experimente mit Tieren nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar sind, entspricht eine derartige Versuchsanordnung in keiner Weise einer normalen menschlichen Kost. In unserem Ernährungsalltag wird Weizenlektin weder pur noch in derartig großen Mengen – umgerechnet auf das Körpergewicht – verzehrt [5].

Und obwohl vor allem in der westlichen Welt viele Menschen mehrmals täglich Weizen in unterschiedlicher Form zu sich nehmen, ist er auch nur selten roh. Selbst Müsliflocken werden vorbehandelt.

Die Zubereitung von Weizen spielt eine Rolle

Dass Kochen und Backen tatsächlich einen Unterschied machen könnte, legt zum Beispiel eine kleine italienische Studie nahe, die Weizenlektin in gekochter Vollkornpasta mit rohen Vollkornnudeln verglichen hat. In den gekochten Nudeln war wesentlich weniger Weizenkeim-Agglutinin nachweisbar als in der Rohware [3].

Ein ähnlicher Effekt ist von einigen Hülsenfrüchten bekannt, etwa von Bohnen. Viele Hülsenfrüchte enthalten andere Varianten von Lektinen, die beim Rohverzehr nachweislich giftig sind. Erst durch das Kochen werden diese Lebensmittel genießbar, weil die Hitze diese gefährlichen Lektine unschädlich macht.

Allerdings werden nicht alle Vertreter der Lektine – eine äußerst vielfältige Gruppe – durch Hitze außer Gefecht gesetzt. Für Vollkornweizen wären weitere Studien höchst interessant, die untersuchen, welche Rolle die Verarbeitungs- und Zubereitungsform für den Lektingehalt spielt und ob es wesentliche Unterschiede etwa zwischen Müsliflocken und gebackenem Vollkornkuchen gibt.

Effekte von Weizenlektin auch für Menschen?

Obwohl es bisher keine Belege für die Gefährlichkeit von Weizenlektin gibt, das seit Jahrtausenden Teil unserer Ernährung ist, wird über Internet und Medien behauptet, es könnte bei Menschen nicht nur zu Darmschäden führen. Diese vermeintlichen Schäden sollen in weiterer Folge sogar Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie und Gelenksentzündungen auslösen bzw. begünstigen.

Doch ähnlich wie beim Thema Gluten fehlen auch für Weizenlektin handfeste Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang mit diesen Erkrankungen [5].

Anklage ohne Substanz

Die einzige Studie, die wir bei unserer Recherche finden konnten, die Weizenlektin direkt am Menschen untersucht hat, ist vor fast 40 Jahren erschienen. Die Untersuchung zeigte lediglich, dass unverarbeitetes Weizen-Agglutinin aus rohem Korn den menschlichen Magen-Darm-Trakt recht unbeschadet passiert. Über Nebenwirkungen oder gar Langzeitfolgen dieses nur vier Tage dauernden Experiments mit lediglich sechs (!) gesunden Personen wurde nichts berichtet [1].

Abgesehen von dieser kleinen Studie wurden bisher keine Personen aus der Allgemeinbevölkerung beim Vollkorn-Essen begleitet, um eventuelle Schadeffekte zu orten. Solche Studien müssten, um aussagekräftig zu sein, sehr viele Menschen zwei Gruppen zuzuordnen – einer mit und einer ohne Weizenlektin in der Ernährung – und sie über einen längeren Zeitraum beobachten. Die Leute müssten in Merkmalen wie Alter, Bildung, Körpergewicht, Rauchen oder Vorerkrankungen mehr oder weniger übereinstimmen. Das ist nötig, um überhaupt Vergleiche ziehen und den möglichen Effekt von Weizenlektin aus der Datensuppe filtern zu können. Da solide Ernährungsstudien aber sehr aufwändig und teuer sind, ist wenig verwunderlich, dass bisher keine derartige Arbeit vorliegt.

Fragen ans Vollkorn

Alles in allem ist die Information aus der wissenschaftlichen Literatur also ziemlich unbefriedigend: Die vorliegenden Studien an Tieren („in vivo“) und Zellen im Reagenzglas („in vitro“) [4] liefern keine Basis für eine Alarmierung. Es gibt auch keine Richtlinien für als sicher geltende Verzehrmengen von Weizenlektin oder gesetzlich erlaubte Höchstmengen.

In Zukunft liegen hoffentlich mehr gut gemachte Untersuchungen vor. Sie könnten etwa klären:

  • Mit welchen Lebensmitteln (z. B. Vollkornkekse, Frühstücksflocken) nehmen Menschen Weizenlektin normalerweise zu sich, und in welchen Mengen über welche Zeiträume?
  • Kann Weizenlektin, wenn es in sehr großen Mengen konsumiert wird, einzelnen Personen möglicherweise doch schaden?
  • Hat Weizenlektin auch positive Effekte?

Unser Fazit

Auf Basis der aktuellen Studienlage erscheint ein Verzicht auf Weizen-Vollkornprodukte nicht sinnvoll. Ein Risiko durch Weizenlektin ist derzeit schlicht nicht greifbar – ganz im Gegensatz zu den Vorteilen einer ausgewogenen Ernährung, die viel Vollkorn enthält. Diese Ernährungsform kann beispielsweise das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken und zu einem längeren Leben beitragen. Wir haben erst vor kurzem ausführlich zu diesem Thema recherchiert und berichtet.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Brady u.a. (1978)
Identification of the dietary lectin, wheat germ agglutinin, in human intestinal contents. Gastroenterology. 1978;75(2):236-239 (Zusammenfassung der Studie)

[2] de Punder & Pruimboom (2015)
The dietary intake of wheat and other cereal grains and their role in inflammation. Nutrients. 2013;5(3):771-787 (Volltext der Studie)

[3] Matucci u.a. (2004)
Temperature-dependent decay of wheat germ agglutinin activity and its implications for food processing and analysis. Food Control. 2004;15(5):391-395 (Zusammenfassung der Studie)

[4] Pellegrina u.a. (2009)
Effects of wheat germ agglutinin on human gastrointestinal epithelium: Insights from an experimental model of immune/epithelial cell interaction.
Toxicol Appl Pharmacol. 2009;237(2):146-153 (Zusammenfassung der Studie)

[5] Van Buul & Brouns (2014)
Health effects of wheat lectins: A review. J Cereal Sci. 2014 (Zusammenfassung der Studie)

Weiterführende Literatur

[6] Fonds Gesundes Österreich
Die österreichische Ernährungspyramide mit Erläuterungen. Abgerufen am 27.10.2016 unter http://www.fgoe.org/presse-publikationen/downloads/fotos-grafiken/infografiken/ernahrungspyramide-mit-erlauterungen/2012-11-23.1200946653