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Vitamin D bei chronischen Schmerzen überbewertet

Chronische Schmerzen können die Lebensqualität signifikant beeinträchtigen

Chronische Schmerzen können die Lebensqualität signifikant beeinträchtigen

Chronische Schmerzen unkompliziert und kostengünstig behandeln: Vitamin D soll es möglich machen. Studien dazu lassen jedoch keine Euphorie aufkommen.


Frage:Kann die Einnahme von Vitamin D chronische Schmerzen lindern?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Bisherige Studien sind widersprüchlich. Einen klaren Hinweis, dass Vitamin D chronische Schmerzen lindern kann, können sie nicht liefern, weitere Studien sind notwendig.

Chronische Schmerzen gehören zu den am weitesten verbreiteten Gesundheitsproblemen [1]. Genaue Zahlen fehlen, doch Schätzungen gehen davon aus, dass jeder und jede fünfte Erwachsene betroffen sein könnte [1]. Als chronisch gelten Schmerzen dann, wenn sie drei Monate und länger an fast jedem Tag auftreten [1] [5]. Die Ursachen sind vielfältig; unter anderem können Rücken- und Knieschmerzen, Rheuma und Arthritis zu einer Dauer-Schmerzbelastung führen. Außerdem gibt es chronische Schmerzen, für die keine körperliche Ursache gefunden werden kann.

Bei vielen Schmerzkranken kann gleichzeitig ein Vitamin-D-Mangel festgestellt werden [1] [5] [7]. Dieser beobachtete Zusammenhang nährte die Hoffnung, die Symptome könnten sich durch das Schlucken von Vitamin D bessern. Doch halten die günstigen und nebenwirkungsarmen Mittel, was sich die Forschung von ihnen verspricht?

Vitamin D als Mittel gegen Schmerzen fraglich

In einer Übersichtsarbeit [1] fasst ein Wissenschaftsteam alle Studien zu Vitamin D und chronischen Schmerzen zusammen, die bis Anfang 2015 veröffentlicht worden waren. Insgesamt fanden sie zehn Studien, in denen mehr als 800 Erwachsene mit verschiedenen chronischen Schmerzzuständen unterschiedlich hohe Vitamin-D-Gaben oder ein Scheinmedikament erhalten.

Die einzelnen, insgesamt wenig aussagekräftigen Arbeiten kommen jedoch zu widersprüchlichen Ergebnissen: In manchen Studien schein Vitamin D die Symptome etwas zu bessern, in anderen ist selbst bei Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Blutspiegeln kein Effekt nachweisbar. Eine Studie berichtet sogar über eine Verschlechterung.

Insgesamt können die bisherigen Studien keinen klaren Hinweis darauf liefern, dass Vitamin D chronische Schmerzen bessern kann. Immerhin führte das Einnehmen der Präparate in diesen Studien jedoch selbst in höheren Dosierungen kaum zu Nebenwirkungen.

Um ein gesichertes Urteil abgeben zu können, wären weitere, gut gemachte und umfangreichere Studien nötig. Da gerade mehrere Arbeiten zu Vitamin D und Schmerzerkrankungen im Laufen sind, könnte es hier in Zukunft mehr Klarheit geben [1].

Schmerzen durch Vitamin-D-Mangel?

Üblicherweise decken wir Menschen fast unseren gesamten Bedarf an Vitamin D durch Sonnenlicht (bzw. die UVB-Strahlen der Sonne) in der Haut. Dafür braucht es durchaus keine ausgedehnten Sonnenbäder das ganze Jahr über, wie wir in unserem Beitrag „Vitamin D und Immunsystem“ näher beleuchtet haben.
Ergänzend zur Sonne enthalten auch manche Nahrungsmittel Vitamin D, wie zum Beispiel fettreicher Fisch.

Dass bei Menschen mit chronischen Schmerzen im Blut oft gleichzeitig ein niedriger Vitamin-D-Spiegel gemessen wird, bedeutet nicht automatisch, dass das eine mit dem anderen zu tun hat. Es muss also weder der Vitaminmangel zwingend Ursache der Schmerzen sein noch müssen sich die Schmerzen automatisch bessern, wenn Vitamin D geschluckt wird. Die niedrigen Blutwerte könnten beispielsweise auch einfach nur darauf hindeuten, dass Menschen, die unter anhaltenden Schmerzen leiden, weniger oft das Haus verlassen und deshalb nur wenig an der Sonne sind. Einen ursächlichen Zusammenhang könnten nur gut gemachten Studien in Zukunft klären.

Spezialfall Osteomalazie

Erwachsene, die über lange Zeit nicht an die Sonne kommen – zum Beispiel Frauen, die aus kulturellen oder religiösen Gründen den Großteil ihrer Haut im Freien bedecken, oder Menschen mit dunkler Hautfarbe, die überwiegend in der Nacht arbeiten –, können eine „Erwachsenen-Rachitis“ entwickeln: eine sogenannte Osteomalazie. Diese kann unter anderem mit Schmerzen in den Knochen einhergehen, die als „diffuse chronische Schmerzen“ eingestuft werden könnten [6].

Eine Osteomalazie kann auch andere Ursachen haben als Sonnenmangel, etwa die Einnahme bestimmter Medikamente. Doch wenn zu wenig Sonnenlicht der Auslöser ist, kann das Auffüllen der leeren Vitamin-D-Speicher im Körper über hoch dosiertes Vitamin D bei den Betroffenen insgesamt zu einer Verbesserung der Symptome und im Speziellen auch zu weniger Schmerzen in den Knochen führen [6].

Was bei chronischen Schmerzen helfen kann

Manchmal entstehen chronische Schmerzen durch Krankheiten oder Abnützungserscheinungen. Oft bleibt die Ursache für die Schmerzen aber auch unklar, zum Beispiel bei einer Fibromyalgie. Betroffene empfinden an mehreren Körperstellen chronische Schmerzen, die entweder durch feste Berührung ausgelöst werden oder spontan auftreten. Selbst durch gründliche Untersuchungen können Ärztinnen und Ärzte dann keine sichtbaren körperlichen Veränderungen feststellen. Dennoch können die dauernden Schmerzen das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Als Folge davon sind Depressionen und Angsterkrankungen eine häufige Begleiterscheinung chronischer Schmerzerkrankungen.

Die Behandlung mit Medikamenten richtet sich nach der Grunderkrankung. Doch die Betroffenen können auch selbst zur Besserung ihrer Symptome beitragen.

Generell wurde bei chronischen Schmerzen früher auf „Ruhe“ gesetzt. Eine Analyse bisheriger Studien zeigt jedoch, dass eine gezielte Aktivierung und regelmäßige sportliche Betätigung bei vielen Arten von chronischen Schmerzen dazu beitragen kann, das Leiden zu lindern und die Einstellung zur Erkrankung zu verbessern [4]. Bei einer Fibromyalgie zum Beispiel zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien eine deutliche Besserung bei zumindest 20 Minuten Bewegung an zwei bis drei Tagen in der Woche, zum Beispiel rasches Gehen, Radfahren oder Schwimmen [10]. Auch Krafttraining könnte zur Besserung beitragen [2].

Ebenfalls Hilfe verschaffen kann bei chronischen Schmerzen eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der die Betroffenen lernen, negative Gedanken und die Einstellung zu sich selbst und ihrer Erkrankung zu verändern [3].

[Ursprünglich veröffentlicht am 30.1.2014, zum ersten Mal aktualisiert 26.7.2014. Die Ausweitung der Suche über Fibromyalgie hinaus auf chronische Schmerzen im Mai 2017 führt zu keiner Neubewertung unserer Einschätzung.]

 

Die Studien im Detail

Die unabhängige Cochrane-Vereinigung suchte in medizinischen Datenbanken systematisch nach allen relevanten Studien zum Thema chronische Schmerzen und Vitamin D. Dabei fand sie zehn Studien an insgesamt 811 Erwachsenen, welche an unterschiedlichen Arten chronischer Schmerzen litten [1]. Vier der Studien befassten sich mit Rheuma („rheumatoider Arthritis“), je zwei mit chronischen Knieschmerzen („Knie-Osteoarthritis“) und unspezifischen Schmerzen des Bewegungsapparats sowie je eine mit rheumatischer Polymyalgie und der Schmerzerkrankung Fibromyalgie.

Studien sehr unterschiedlich

Weil sich die Krankheitsbilder und die Art der Vitamin-D-Behandlungen zu stark voneinander unterschieden, konnten die Daten der Einzelstudien nicht zu einer Gesamtauswertung zusammengeführt werden. Auch wurden in keiner Studie mehr als 200 Personen untersucht. Studien mit zu wenigen Teilnehmenden sind aber von vornherein weniger aussagekräftig.

… und mit widersprüchlichen Ergebnissen

Die Ergebnisse der einzelnen Arbeiten sind widersprüchlich. In einigen der wenig aussagekräftigen Studien schien Vitamin D die Schmerzen besser zu lindern als Placebo, in anderen gab es keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen, in einer Studie schienen sich die Symptome in der Vitamin-D-Gruppe sogar zu verschlechtern.

Studien mit nur wenigen Teilnehmenden finden meistens stärkere Effekte als umfangreiche Arbeiten. Doch weil selbst in den analysierten kleinen Studien kaum überzeugende Wirkungen von Vitamin D auf die chronischen Schmerzen gefunden wurden, kommen die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass Vitamin D eher nicht zu einer Besserung dieser Leiden beitragen dürfte. Um diese Aussage abzusichern, hoffen sie auf besser gemachte, umfangreichere Studien.

Immerhin führte Vitamin D sogar bei höheren Dosierungen in diesen Studien kaum zu Nebenwirkungen.

(AutorIn: V. Ahne, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Straube u.a. (2015)
Studienart: systematische Übersichtsarbeit
Analysierte Studien: 10 randomisiert kontrollierte Studien
Teilnehmende insgesamt: 811 Erwachsene mit chronischen Schmerzen
Fragestellung: Bewirkt die Einnahme von Vitamin D bei chronischen Schmerzen eine Schmerzlinderung?
Mögliche Interessenkonflikte: keine laut AutorInnen

Straube, S., et al. (2015). „Vitamin D for the treatment of chronic painful conditions in adults.“ Cochrane Database Syst Rev(5): CD007771 (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Studien

[2] Busch u.a. (2007)
Exercise for treating fibromyalgia syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 4. Art. No.: CD003786. DOI: 10.1002/14651858.CD003786.pub2. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Bernardy u.a. (2013)
Cognitive behavioural therapies for fibromyalgia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 9. Art. No.: CD009796. DOI: 10.1002/14651858.CD009796.pub2. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[4] Geneen u.a. (2017)
Geneen LJ, Moore RA, Clarke C, Martin D, Colvin LA, Smith BH. Physical
activity and exercise for chronic pain in adults: an overview of Cochrane
Reviews. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Apr 24;4:CD011279. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[5] UpToDate (2016)
Rosenquist E (2016) Evaluation of chronic pain in adults. In Crowley M (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 5. 2017 unter www.uptodate.com/contents/evaluation-of-chronic-pain-in-adults

[6] UpToDate (2016)
Drezner MK (2016) Clinical manifestations, diagnosis and treatment of osteomalacia. In Mulder JE (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 5. 2017 unter
www.uptodate.com/contents/clinical-manifestations-diagnosis-and-treatment-of-osteomalacia

[7] UpToDate (2016)
Goldenberg DL (2016). Clinical manifestations and diagnosis of fibromyalgia in adults. In Romain PL (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 5. 2017 unter www.uptodate.com/contents/clinical-manifestations-and-diagnosis-of-fibromyalgia-in-adults

[8] UpToDate (2017)
Patient education: Chronic pain (The Basics) Abgerufen am 22. 5. 2017 unter
www.uptodate.com/contents/chronic-pain-the-basics

[9] UpToDate (2017)
Rosenquist EW (2017) Overview of the treatment of chronic non-cancer pain. In Crowley M (ed.). Abgerufen am 22. 5. 2017 unter www.uptodate.com/contents/overview-of-the-treatment-of-chronic-non-cancer-pain

[10] UpToDate (2017)
Goldenberg DL (2017) Initial treatment of fibromyalgia in adults. In Romain PL (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 5. 2017 unter www.uptodate.com/contents/initial-treatment-of-fibromyalgia-in-adults