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Kürbiskerne nutzlos für die Prostata

Präparate aus Kürbiskernen werden bei Prostata-Beschwerden beworben

Präparate aus Kürbiskernen werden bei Prostata-Beschwerden beworben

Kürbiskerne gelten als Volksmedizin für den Mann. Studien zufolge bessern sie Beschwerden durch eine gutartig vergrößerte Prostata aber wahrscheinlich nicht.


Frage:Bessern Kürbiskern-Präparate Beschwerden durch eine gutartig vergrößerte Prostata?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:In zwei Studien haben sich die Beschwerden selbst nach einer einjährigen Behandlung nicht gebessert.

Sie sind klein, grün und sollen wahre Wunder wirken: Kürbiskerne gelten als das Volksmittel gegen Prostatabeschwerden. Schwierigkeiten beim Wasserlassen und gleichzeitig häufiger Harndrang – auch nachts – sind die Hauptprobleme bei einer gutartig vergrößerten Prostata. Sie sind vor allem bei Männern ab der zweiten Lebenshälfte verbreitet. Im Alter zwischen 50 und 60 treffen sie bereits jeden fünften Mann, mit fortschreitendem Alter werden sie noch häufiger [3].

Als Küchenzutat sind die aromatisch-nussigen Kerne des Gartenkürbis‘ in Österreich weit verbreitet – ob ins Brot hineingebacken, als Snack zum Knabbern, als Salatgarnitur oder zu Öl gepresst im Dressing finden sie ihren Weg häufig in die Salatschüssel. Doch auch als Nahrungsergänzungsmittel für Prostata und Blase sind Kürbiskerne beliebt. Dementsprechend bewerben Apotheken, Drogerien und Internetshops Präparate aus Kürbiskernen.

Kürbiskerne bessern Prostata-Beschwerden nicht

In einer umfangreichen Suche nach bisher veröffentlichten Studien haben wir nur zwei Untersuchungen gefunden, die die Wirkung von Kürbiskernen bei einer gutartig vergrößerten Prostata erforscht haben. Die Ergebnisse beider Arbeiten zeigen: Kürbiskerne können die Beschwerden bei betroffenen Männern wahrscheinlich nicht bessern [1,2].

Für die Studien wurden insgesamt rund 1400 Männer, die sich durch ihre gutartig vergrößerte Prostata beeinträchtigt fühlten, per Los einer von zwei Gruppen zugeteilt. Während die Teilnehmer der einen Gruppe ein Jahr lang täglich Kapseln mit dem Extrakt aus Kürbiskernen schluckten, nahmen die Männer der anderen Gruppe Scheinpräparat-Kapseln ohne Wirkstoff ein. Weder die Studienleiter noch die Teilnehmer wussten, wessen Kapseln tatsächlich Kürbiskerne enthielten und welche ohne Wirkstoff waren. Am Ende der einjährigen Studie stuften die Teilnehmer der Kürbiskern-Gruppe ihre Beschwerden jedoch nicht als merkbar besser ein als jene der Scheinpräparat-Gruppe.

Immerhin scheinen die Kürbiskerne kaum Nebenwirkungen zu verursachen. Eventuell könnten die Kapseln mit dem Extrakt in Einzelfällen Magen-Darm-Beschwerden verursachen [2].

Ob Kürbiskerne Beschwerden durch eine Blasenschwäche bessern können, ist weniger gut untersucht. Dazu hat Medizin-Transparent bereits einen eigenen Beitrag veröffentlicht: Reizblase: Kürbiskerne gegen Harndrang?

Woher der Mythos um die Kürbiskerne stammt

Kürbiskerne enthalten eine Verbindung, die Ärzte und Forscherinnen als Beta-Sitosterin bezeichnen. Von dieser Substanz vermuten Wissenschaftler, dass er die Umwandlung des männlichen Geschlechtshormons Testosteron in einen anderen Stoff hemmen kann, der das gutartige Wachstum der Prostata fördert.

Tatsächlich gibt es vorsichtige Hinweise, dass Beta-Sitosterin eine solche Wirkung auf die Prostata haben könnte. Das ist aber nicht gut belegt, insgesamt ist die Studienlage dazu noch unklar. Andererseits zeigen bisher veröffentlichte Studien deutlich, dass Beta-Sitosterin-reiche Präparate aus der Sägepalme Beschwerden einer gutartigen Prostatavergrößerung nicht bessern können.

Gutartig vergrößerte Prostata – was tun?

Häufiger verläuft das gutartige Wachstum der Prostata gemächlich. Sind die Beschwerden nicht zu belastend, beschließen Ärztin oder Arzt gemeinsam mit dem Patienten oft, erst einmal abzuwarten. Manchmal kann ein Beckenbodentraining Erleichterung bringen. Es gibt auch verschiedene Medikamente, die jedoch manchmal störende Nebenwirkungen haben können [3].

Sind die Beschwerden stark und lassen sie sich nicht anders lindern, gibt es die Möglichkeit einer Operation, um die Prostata zu verkleinern. Operationen an der Prostata können allerdings auch Risiken haben [3].

Selten kann eine Prostatavergrößerung zu einem gefährlichen Harnverhalt führen. Dabei kann der betroffene Mann kaum oder gar nicht mehr urinieren [3].

Mehr wissenschaftlich geprüfte Informationen rund um die gutartige Prostatavergrößerung finden Sie auf der Webseite des deutschen IQWIG.

 

Die Studien im Detail

Beim gründlichen Durchsuchen der medizinischen Literatur fanden wir lediglich zwei randomisiert kontrollierte Studien, die die Wirkung von Kürbiskern-Präparaten bei gutartiger Prostatavergrößerung mit Placebo verglichen haben [1,2].

Die erste Studie [1] hat rund 476 betroffene Männer untersucht. Sie ist aber nur bedingt aussagekräftig, weil unter anderem unklar ist, ob die Teilnehmer vor und während der Untersuchung eventuell auch weitere Medikamente eingenommen haben. Außerdem lässt sich nicht ausschließen, dass sich die Teilnehmer bereits zu Studienbeginn in manchen Merkmalen unterschieden haben.

Zu Ende des einjährigen Studienzeitraums stellte der Studienleiter eine rechnerisch geringfügig größere Linderung der Symptome bei den Teilnehmern der Kürbiskern-Gruppe fest als bei jenen in der Placebo-Gruppe. Dieser Unterschied war jedoch zu klein, als dass ihn die Teilnehmer wahrnehmen hätten können. Von wem die Studie finanziert wurde, ist nicht angegeben.

Die zweite Studie [2] verglich 475 Teilnehmer, die der Gruppe mit Kürbiskernextrakt-Kapseln zugewiesen worden waren, mit ebenso vielen Männern einer Placebo-Gruppe. Nach der einjährigen Behandlung mit Kürbiskern-Extrakt waren die Prostata-Beschwerden nicht besser als bei denjenigen Teilnehmern, die Placebokapseln geschluckt hatten.

Die Studie ist sorgfältig durchgeführt, daher sind die Ergebnisse dieses Vergleichs vertrauenswürdig. Allerdings hat das wissenschaftliche Studienleitungsteam noch einen weiteren Vergleich mit 481 zusätzlichen Männern durchgeführt, die täglich 10 Gramm Kürbiskerne essen sollten. Dabei ist wahrscheinlich, dass die Erwartungshaltung der Teilnehmer das Ergebnis verzerrt, da diese Männer wussten, dass Kürbiskerne ihre Symptome bessern sollten. Rein rechnerisch schnitten sie in der Tat geringfügig besser ab als die Männer der Placebokapsel-Gruppe. Die Unterschiede sind jedoch so gering, dass sie von den Betroffenen nicht bemerkt worden wären. Finanziert wurde die Studie von der Firma GlaxoSmithKline, die das in der Studie untersuchte Kürbiskern-Präparat GranuFink früher selbst hergestellt hat.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: V. Ahne, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Bach u.a. (2000)
Studientyp: randomisiertkontrollierte Studie
Teilnehmer: 476 Patienten mit gutartiger Prostatavergrößerung
Studiendauer: 12 Monate
Fragestellung: Bessert Kürbiskernextrakt durch eine gutartige Prostatavergrößerung verursachte Harnwegssymptome besser als Placebo?
Interessenkonflikte: Angabe fehlt

Bach, D. „Placebokontrollierte Langzeittherapiestudie mit Kürbissamenextrakt bei BPH-bedingten Miktionsbeschwerden.“ Der Urologe B 40.5 (2000): 437-443. (Studie in voller Länge)

[2] Vahlensieck u.a. (2015)
Studientyp: randomisiert kontrollierte Studie
Teilnehmer: 1431 Patienten mit gutartiger Prostatavergrößerung (davon 956 Personen in Doppeltblind-Studien-Teil)
Studiendauer: 12 Monate
Fragestellung: Bessert Kürbiskernextrakt durch eine gutartige Prostatavergrößerung verursachte Harnwegssymptome besser im Vergleich zu Placebo?
Interessenkonflikte: finanziert durch GlaxoSmithKline (bis 2011 Hersteller des untersuchten Nahrungsergänzungsmittels GranuFink)

Vahlensieck W, Theurer C, Pfitzer E, Patz B, Banik N, Engelmann U. Effects of pumpkin seed in men with lower urinary tract symptoms due to benign prostatic hyperplasia in the one-year, randomized, placebo-controlled GRANU study. Urol Int. 2015;94(3):286-95. (Studie in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] IQWIG (2014)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2014). Gutartige Prostatavergrößerung. Abgerufen am 16. 3. 2017 unter www.gesundheitsinformation.de