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Schwangerschaft: Diät und Sport gegen zu viele Kilos

Sport in der Schwangerschaft hilft gegen zu große Gewichtszunahme

Sport in der Schwangerschaft hilft gegen zu große Gewichtszunahme

In der Schwangerschaft zuzunehmen ist normal. Zu viel kann aber zu Problemen führen – dann helfen Sport und richtige Ernährung. Das könnte auch für das Baby gut sein.

Frage:Hilft Sport, eine eingeschränkte Ernährung oder beides zusammen, einer übermäßigen Gewichtszunahme in der Schwangerschaft vorzubeugen?
Antwort:Ja
Erklärung:Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen dies deutlich. Weniger gut abgesichert ist allerdings, dass die Maßnahmen auch die Gesundheit von Mutter und Kind während der Schwangerschaft und Geburt verbessern.

„Ich dachte, ich werde mich schön fühlen. Doch dann fühlte ich mich einfach nur fett.“ Diese Aussage, die eine werdende Mutter auf der Internetplattform Mumsnet geschrieben hat, können wohl viele schwangere Frauen nachvollziehen.

In der Schwangerschaft Gewicht zuzunehmen ist ganz normal und wichtig. Der Grund ist nicht nur das Gewicht des heranwachsenden Kindes. Die Brüste werden größer, die Plazenta wächst, und der Körper lagert mehr Flüssigkeit für den Blutkreislauf des Babys und das Fruchtwasser ein. Zusätzlich produziert der Körper aber auch mehr Fettgewebe.

Gesunde Gewichtszunahme in der Schwangerschaft

Ab wie vielen Extra-Kilos wird die Gewichtszunahme nun bedenklich? Ratschläge von Freundinnen oder Bekannten sind da nicht immer hilfreich und oft widersprüchlich. Sie reichen von „pass bloß aufs Gewicht auf, das wirst du später nie mehr los“ bis „iss einfach, was du willst – schließlich isst du ja für zwei“.

Früher galt unter Medizinern die Devise: so wenig zunehmen wie möglich. Doch das ist heute überholt. Dazu hat das US-amerikanische Institute of Medicine (IOM) Empfehlungen herausgegeben, an denen sich Ärzte und Ärztinnen auf der ganzen Welt orientieren. Die Experten des IOM empfehlen werdenden Müttern mit einem durchschnittlichen Normalgewicht, zwischen 11,5 und 16 kg im Laufe der Schwangerschaft zuzunehmen. Bei Frauen mit Untergewicht sollten es etwas mehr sein, bei Übergewichtigen weniger. Im Detail können Sie die Empfehlungen auf der Plattform Gesundheitsinformation.de nachlesen.

Zusammenhang mit Gesundheitsproblemen

Fest steht: Nimmt eine Frau in der Schwangerschaft zu viel an Gewicht zu, hat sie und ihr Kind mit größerer Wahrscheinlichkeit Gesundheitsprobleme. Zudem steigt das Risiko für Komplikationen bei der Geburt. Nimmt sie übermäßig stark zu, hat ihr Kind bei der Geburt ein überdurchschnittlich hohes Geburtsgewicht von über vier Kilo und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Kaiserschnitt notwendig wird. Außerdem hat sie nach der Geburt eher Probleme damit, das zusätzliche Gewicht wieder loszuwerden [a] [b].

Problematisch ist aber auch, wenn eine werdende Mutter zu wenig Gewicht zunimmt Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Baby zu früh oder mit einem zu niedrigen Geburtsgewicht zur Welt kommt [a] [b].

Effektive Gewichts-Bremse

Wie lässt sich eine übermäßige Gewichtszunahme in den Griff bekommen? Die Antwort ist klar: durch Ernährungsumstellung und Sport. Das zeigen die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien deutlich [1]. Manche Studienteilnehmerinnen stellten ihre Ernährung vorrangig auf Nahrungsmitteln mit niedrigem glykämischem Index um. Das sind Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Obst und Gemüse, die den Blutzuckerspiegel im Gegensatz zu Lebensmitteln aus raffiniertem Mehl (zum Beispiel Weißbrot) und Zucker nicht schnell ansteigen lassen.

Manche betrieben – entweder alleine oder in angeleiteten Gruppen – in moderatem Ausmaß Sport wie beispielsweise Aerobic, Tanzen oder Wandern. Einige Frauen kombinierten auch Bewegung und Ernährungsumstellung. Jede dieser Maßnahmen konnte den Anteil der Studienteilnehmerinnen mit übermäßiger Gewichtszunahme um rund ein Fünftel verringern – egal ob nur durch Bewegung, nur durch eine Ernährungsumstellung oder durch beides in Kombination [1].

Gut für die Gesundheit?

Das ist nicht nur gut für die Figur der Mutter nach der Geburt, sondern scheint sich teilweise auch positiv auf die Gesundheit von ihr und ihrem Baby auszuwirken – auch wenn das weit weniger gut abgesichert ist. So dürften Sport oder eine Ernährungsumstellung das Risiko für schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck verringern. In den Studien sank allerdings die Zahl der Frauen nicht, die an Präeklampsie erkrankten [1]. Präeklampsie ist eine schwangerschaftsbedingte Erkrankung, die sich hauptsächlich durch Bluthochdruck und Eiweiß im Harn bemerkbar macht, sie geht manchmal aber auch mit Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel einher. Die Erkrankung kann für Mutter und Kind lebensbedrohlich werden und muss rasch ärztlich behandelt werden.

Die Studienergebnisse liefern auch Hinweise, dass Sport und eine Änderung der Ernährung zu etwas weniger Babys mit erhöhtem Geburtsgewicht und zu einer etwas geringeren Anzahl notwendiger Kaiserschnitte führen könnten. Besonders bei übergewichtigen Schwangeren war dadurch die Wahrscheinlichkeit kleiner, dass ihre Babys bei der Geburt mit mehr als vier Kilo überdurchschnittlich schwer waren. Zudem hatten diese Kinder bei der Entbindung seltener Atemprobleme. Das war in den Studien vor allem bei jenen übergewichtigen Frauen zu beobachten, die an einer kombinierten Ernährungs- und Bewegungsmaßnahme teilnahmen [1].

Auch Nachteile

Inwieweit Sport und Diäten in der Schwangerschaft sicher sind, ist allerdings nur wenig erforscht. Ein großer Nachteil von Sport und einer Änderung der Ernährung in der Schwangerschaft ist allerdings, dass dadurch manche Frauen weniger Gewicht zunehmen als empfohlen [1]. Daher ist es wichtig, dass sich werdende Mütter über das ideale Ausmaß der Gewichtszunahme von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt beraten lassen [b].

 

Die Studien im Detail

Ob Bewegungsprogramme oder eine Ernährungsumstellung werdende Mütter vor übermäßiger Gewichtszunahme bewahren können, ist gut untersucht. In ihrer systematischen Übersichtsarbeit [1] fasste ein thailändisch-schweizerisches Wissenschaftler-Team die Ergebnisse von 49 klinischen Studien dazu zusammen, die sie bis November 2014 gefunden hatten. Insgesamt hatten in diesen Studien über 11.000 Frauen teilgenommen.

Dass die Maßnahmen – entweder alleine oder in Kombination – das Problem der übermäßigen Gewichtszunahme effektiv bändigen können, ist gut belegt. Auch wenn nicht alle analyiserten Studien von hoher Qualität waren, deuteten sie alle in dieselbe eindeutige Richtung. Von 1000 untersuchten Schwangeren nahmen 453 übermäßig zu, wenn sie der Gruppe zugelost worden waren, die an keinem speziellen Programm teilgenommen hat. In der Gruppe mit Sport- und/oder Ernährungsumstellung waren es nur 362 – ein Fünftel weniger [1].

Dass ein Ernährungs- oder Sport-Programm nicht nur den mütterlichen Gewichtszuwachs bremst, sondern auch die Gesundheit von sich und ihrem Baby verbessert, ist hingegen weit weniger gut belegt. Einigermaßen verlässlich ist noch, dass die Neugeborenen von vornherein übergewichtigen Müttern weniger Atemprobleme hatten, wenn die Mütter zuvor an den Programmen teilgenommen hatten.

Ob die Programme generell verhindern können, dass die Neugeborenen ein zu großes Geburtsgewicht haben, ist nicht abgesichert. Auf den ersten Blick deuten sie zwar in diese Richtung, die Schwankungsbreite der Ergebnisse ist jedoch breit und schließt die Wahrscheinlichkeit nicht gänzlich aus, dass die Programme nichts bringen. Dasselbe gilt für ein eventuell vermindertes Risiko für einen Kaiserschnitt.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Muktabhant u.a. (2015)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 49 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer insgesamt: 11.444 Frauen
Fragestellung: Kann eine Diät, Sport oder beides in Kombination eine zu große Gewichtszunahme in der Schwangerschaft verhindern?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Muktabhant B, Lawrie TA, Lumbiganon P, Laopaiboon M. Diet or exercise, or both, for preventing excessive weight gain in pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 6. Art. No.: CD007145. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[a] UpToDate (2016)
Macones G (2016). Weight gain and loss in pregnancy. In Barss VA (ed.). UpToDate. Abgerufen am 19. 5. 2016 unter www.uptodate.com/contents/weight-gain-and-loss-in-pregnancy

[b] IQWIG (2014)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Gewichtszunahme in der Schwangerschaft. Gesundheitsinformation.de. Abgerufen am 19. 5. 2016 unter www.gesundheitsinformation.de/gewichtszunahme-in-der-schwangerschaft.2686.de.html?part=leben-km