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Gesättigte Fette: Entwarnung für Herzrisiko irreführend

Welches Fett ist gesünder?

Welches Fett ist gesünder?


Pflanzliche (ungesättigte) Fette seien für das Herz nicht gesünder als tierische (gesättigte), so das Ergebnis einer aktuellen Meta-Analyse laut Kurier.at. Dem widerspricht eine Zusammenfassung hochwertiger, bisher durchgeführter Studien klar.
 
 
 

 

Zeitungsartikel: Margarine ist nicht gesünder als Butter (18.3.201, Kurier.at)
Frage: Verringern ungesättigte (pflanzliche) Fette im Vergleich zu gesättigten Fetten (aus Fleisch- und Milchprodukten) Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Antwort: Der Verzehr von mehr ungesättigten anstelle von gesättigten Fetten könnte das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen möglicherweise verringern.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür das niedrigere Herz-Kreislauf-Risiko

Bei der Ernährung von gesättigten Fetten aus Fleisch- und Milchprodukten auf ungesättigte, pflanzliche Fette umzusteigen soll keinen gesundheitlichen Vorteil bringen. Das zumindest behauptet eine Wissenschaftlergruppe rund um Rajiv Chowdhury in einer aktuellen Zusammenfassung wissenschaftlicher Studien (Meta-Analyse) [1]. Damit stehen die Autoren in klarem Gegensatz zur bisherigen wissenschaftlichen Meinung. So empfehlen etwa die aktuellen US-Amerikanischen Ernährungsrichtlinien klar, den Anteil an gesättigten Fetten zu reduzieren und durch ungesättigte Fette zu ersetzen [3]. Im Klartext: mehr pflanzliche Öle statt Schmalz und Butter, mehr pflanzliche Produkte an Stelle von tierischen sowie fettreduzierte statt Vollmilch-Erzeugnisse [3] [4]. Soll das alles jetzt plötzlich nicht mehr gelten?

Irreführende Meta-Analyse

Für ihre aufsehenerregende Analyse haben Chowdhury und sein Team die Ergebnisse von bisher veröffentlichten Kohortenstudien zusammengefasst. Darin waren die Studienteilnehmer zuerst zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt und dann über längere Zeit beobachtet worden. Wer regelmäßig große Mengen an gesättigten Fetten aufnimmt, scheint demnach nicht häufiger an Herz-Kreislauf-Problemen zu erkranken als Personen, die nur wenig gesättigte Fette zu sich nehmen. Ebenso verhielt es sich mit dem Herz-Kreislauf-Risiko für ungesättigte Fette. Personen, die viel ungesättigte Fette aßen, waren offenbar nicht weniger Herz-gefährdet als Personen mit einem niedrigen Konsum dieser Fette [1].

Nicht beachtet haben die Studienautoren jedoch, ob Liebhaber großer Mengen an pflanzlichen Fetten gleichzeitig etwa auch viele fettreiche Milch- und Fleischprodukte aßen oder sich sonst ungesund ernährten. Wer zum Beispiel in Pflanzenöl frittierte Schnitzel und Pommes isst, ernährt sich schließlich nicht unbedingt gesünder als jemand, der einen Salat mit Sauerrahmdressing und ein Käsebrot mit Butter verspeist.

Ob ein Weniger an tierischen Fetten zu einem gesünderen Herzen führt, hat das Forscherteam um Chowdhury gar nicht direkt untersucht.

Verzicht auf gesättigte Fette hilft wahrscheinlich doch

Diese Arbeit hat aber bereits eine andere Gruppe von Wissenschaftlern übernommen [2]. Sie fasste die Ergebnisse streng durchgeführter, randomisiert-kontrollierter Studien zusammen. In diesen wurde direkt untersucht, wie sich eine Verringerung von gesättigten Fetten in der Nahrung auf die Herzgesundheit der Teilnehmer auswirkt, und mit einer Gruppe Studienteilnehmer ohne Nahrungsumstellung verglichen. Solche Studien sind deutlich aussagekräftiger als die bloße Beobachtung von Personen, die in einem Fragebogen ungefähr die verzehrte Menge an gesättigten Fetten angegeben haben.

Die zusammengefassten Ergebnisse zeigen: Personen, die über zwei oder mehr Jahre gesättigte Fette durch ungesättigte ersetzten und zusätzlich oder stattdessen ihren Konsum an gesättigten Fetten und Fett insgesamt verringerten, erlitten etwas seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen als die Vergleichsgruppe ohne Nahrungsumstellung. Der Effekt ist allerdings nicht groß. Außerdem haben an den Studien nur Menschen mit bereits erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko teilgenommen – es ist also nicht untersucht, ob sich die Ergebnisse auch auf gesunde Menschen eins zu eins übertragen lassen. Den Forschern zufolge deuten die Auswertungen darauf hin, dass der Grund für das etwas verringerte Herzrisiko das Ersetzen von gesättigten durch ungesättigte Fette ist, und nicht die Verringerung des Fettanteils in der Nahrung insgesamt. Das müssen weitere Studien aber noch bestätigen.

Gesunder Fisch und schädliche Transfette

Genaugenommen sind es nicht die Fette, die gesättigt oder ungesättigt sind, sondern die Fettsäuren, die ein wichtiger Bestandteil von Fetten sind. Viele Pflanzenöle enthalten vorwiegend einfach ungesättigte Fettsäuren. Besonders hoch ist ihr Anteil etwa in Oliven- und Rapsöl [4]. Beobachtungsstudien deuten darauf hin, dass etwa Olivenöl die Herzgesundheit fördern kann (siehe Olivenöl: nur wohlschmeckend oder auch gesund fürs Herz?).

Ungesättigte Fettsäuren kommen nicht nur in pflanzlichen Fetten vor, sondern finden sich auch als mehrfach ungesättigte Fettsäuren in Fischöl. Sie werden als Omega-3-Fettsäuren bezeichnet und haben möglicherweise ebenfalls einen schützenden Effekt auf die Herzgesundheit (siehe Omega-3 Fette – das halbherzige Wundermittel). Zu diesem Schluss kommt auch die Meta-Analyse von Chowdhurys Team [1].

Und noch eine andere Fettsäure-Gattung hat sein Wissenschaftlerteam untersucht: Transfettsäuren. Diese entstehen bei der Härtung von Fetten, im Fachjargon auch Hydrogenierung genannt. Die Ergebnisse der Meta-Analyse zeigen, dass ein hoher Konsum von solchen Transfetten das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen kann – und zwar unabhängig davon, wieviel oder wenig Fett man sonst zu sich nimmt [1]. Diese gehärteten Fette werden vor allem in der Nahrungsmittelindustrie eingesetzt, da sie länger haltbar sind als herkömmliche Fette. In Österreich ist die Verwendung von Transfetten zwar in geringen Mengen erlaubt, aber streng reglementiert.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht )

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Chowdhury u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 27 randomisiert-kontrollierte Studien, 49 prospektive Kohortenstudien
Teilnehmer insgesamt: 105 085 aus randomisiert-kontrollierten Studien sowie 538 141 aus Kohortenstudien
Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Menge an gesättigten bzw. ungesättigten Fettsäuren in der Nahrung oder im Blut und dem Herz-Kreislauf-Risiko?
Interessenskonflikte: Die Studie wurde zwar nicht von der Industrie finanziert, ein Großteil der Autoren erhält allerdings anderweitig von Unternehmen aus der Pharma- oder Nahrungsmittelindustrie.

Chowdhury R, Warnakula S, Kunutsor S, Crowe F, Ward HA, Johnson L, Franco OH, Butterworth AS, Forouhi NG, Thompson SG, Khaw K-T, Mozaffarian D, Danesh J, Di Angelantonio E; Association of Dietary, Circulating, and Supplement Fatty Acids With Coronary RiskA Systematic Review and Meta-analysis. Annals of Internal Medicine. 2014 Mar;160(6):398-406. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[2] Hooper u.a. (2012)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse der Cochrane-Collaboration
Analysierte Studien: 48 randomisiert-kontrollierte Studien
Fragestellung: Verringert eine Reduktion des Gesamtfettanteils oder des Anteils gesättigter Fette in der Nahrung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Hooper L, Summerbell CD, Thompson R, Sills D, Roberts FG, Moore HJ, Davey Smith G. Reduced or modified dietary fat for preventing cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 5. Art. No.: CD002137. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] U.S. Department of Agriculture and U.S. Department of Health and Human Service Dietary Guidelines for Americans, 2010. 7th Edition, Washington, DC: U.S. Government Printing Office, December 2010. (Empfehlung in voller Länge)

[4] Gillman MW (2014). Dietary fat. In Rind MD (ed.). UpToDate. Abgerufen am 17. 4. 2014 unter www.uptodate.com/contents/dietary-fat