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Krebsrisiko Fleisch: die Fakten

Krebsrisiko: Kein Appetit auf Wurst

Krebsrisiko: Kein Appetit auf Wurst

Wurst und Fleisch sollen angeblich Krebs auslösen. Sind Wurstsemmeln und Selchbraten ähnlich giftig wie Zigaretten und giftigen Chemikalien? Wir klären auf.

Frage:Verursachen große Mengen von verarbeiteten Fleischprodukten (zum Beispiel Wurst, Schinken, Gepökeltes, Geräuchertes) Krebs?
Antwort:wahrscheinlich Ja
 
Frage:Löst der Verzehr großer Mengen an rotem Fleisch Krebs aus?
Antwort:möglicherweise Ja
Erklärung:Bisher veröffentlichte Studien liefern deutliche Hinweise, dass verarbeitetes Fleisch das Krebsrisiko leicht erhöht. Es ist aber deutlich niedriger als etwa durch Rauchen, Alkohol oder Luftverschmutzung an Krebs zu erkranken. Für unverarbeitetes rotes Fleisch ist eine krebsfördernde Wirkung aber nur schwach abgesichert.

Die Leibspeisen der Österreicher als Krebsursache: Aktuellen Medienberichten zufolge sollen Wurst, Schinken, Schweinsbraten und Schnitzel Darmkrebs auslösen. Hintergrund ist eine wissenschaftliche Analyse bisheriger Studien durch die Weltgesundheitsorganisation WHO [3].

Demnach lösen vor allem verarbeitete Fleischprodukte – dazu zählt Geräuchertes, Gepökeltes, Wurst und Schinken – das Wachstum von Krebsgeschwüren im Darm aus. Unverarbeitetes rotes Fleisch (Rind, Schwein und alle anderen Fleischsorten außer Geflügel) stufen die WHO-Experten zumindest als wahrscheinlich krebsfördernd ein.

Medizin-Transparent.at hat nachgeforscht und befindet: Kein Grund zur Panik.

Vergleichsweise geringes Risiko

Es ist tatsächlich wahrscheinlich, dass verarbeitete Fleischprodukte die Entstehung von Krebs fördern. Das zeigt nicht nur die WHO-Analyse, sondern auch eine andere aktuelle Zusammenfassung bisher durchgeführter Studien [1] [2]. Für unverarbeitetes rotes Fleisch ist das weniger gesichert. Ähnliches gilt auch für das Herz-Kreislauf-Risiko, wie Medizin-Transparent.at schon untersucht hat.

Bei vielen entsteht dabei der Eindruck, Fleisch sei ähnlich gesundheitsschädlich wie Rauchen oder Alkohol. Im Vergleich ist das Krebsrisiko allerdings gering. Tabak verursacht rund 30-mal so viele Krebstote wie verarbeitete Fleischprodukte. Bei Tabak sind es etwa eine Million pro Jahr weltweit, bei Fleischprodukten 34.000 Krebstote. Durch Alkohol sterben 18-mal mehr Menschen an Krebs, die Luftverschmutzung ist sechsmal so gefährlich wie Wurst und Schinken [7].

Sollte sich der Hinweis erhärten, dass auch unverarbeitetes rotes Fleisch tatsächlich krebsfördernd ist, würde die Zahl der jährlichen Krebstoten durch Fleisch mit höchstens 50.000 weltweit geschätzt [7].

In ihrer Einschätzung beruft sich die WHO auch auf die Ergebnisse von Tier- und Laborstudien. Eine detaillierte Auflistung und Einschätzung dieser Studien wird laut WHO aber erst „innerhalb der nächsten sechs Monate“ veröffentlicht werden. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Einschätzungen daher nicht überprüfbar.

Die Menge machts

Nur wer regelmäßig große Mengen Wurst, Schinken und Co verzehrt, hat tatsächlich eine höhere Wahrscheinlichkeit, später im Leben an Krebs zu erkranken. Ein exzessiver Liebhaber verarbeiteter Fleischprodukte hat im Vergleich zu jemandem, der nur wenig verarbeitete Fleischwaren zu sich nimmt, ein um 17 Prozent erhöhtes Risiko [1].

Auch wenn Leberkässemmel, Hotdog und Selchbraten nicht der Inbegriff einer gesunden Ernährung sind: 17 Prozent klingt erschreckend viel. Doch was heißt das eigentlich konkret?

Keine Panik

Eine 17-prozentige Risikoerhöhung bedeutet keinesfalls, dass 17 Prozent aller Konsumenten von verarbeiteten Fleischprodukten Krebs bekommen werden. Das durchschnittliche Darmkrebs-Risiko liegt bedeutend niedriger. Beispielsweise werden in den nächsten zehn Jahren im Durchschnitt so viele Männer an Darmkrebs erkranken:

  • 4 von 1000 Männern im Alter von 45 Jahren
  • 24 von 1000 Männern im Alter von 65 Jahren

Das Darmkrebs-Risiko ist stark vom Alter abhängig. Beinahe dreiviertel der Betroffenen erkranken erst ab einem Alter von 65 Jahren oder mehr [8]. Bei unter 50-Jährigen ist Darmkrebs sehr selten. Für Frauen liegen die Zahlen etwas niedriger.

Eine Erhöhung um 17 Prozent würde bedeuten, dass:

  • statt 4 nun 5 von 1000 Männern im Alter von 45 erkranken und
  • statt 24 nun 28 von 1000 Männern im Alter von 65 Darmkrebs bekommen werden

Wenn angenommen wird, dass auch unverarbeitetes rotes Fleisch Krebs fördert, wäre das Risiko nicht um 17, sondern um insgesamt 22 Prozent höher [1]. Auch dieser höhere Wert würde an der Rechnung kaum etwas ändern.

Kein Verzicht nötig

Ob ein völliger Verzicht auf Fleisch das Krebsrisiko weiter senken kann, haben die analysierten Studien nicht untersucht. Die WHO empfiehlt daher, die Menge an verarbeiteten Fleischprodukten am täglichen Speiseplan zu reduzieren [7]. Dass wir zu Vegetariern werden sollen, fordern die Experten der Weltgesundheitsbehörde nicht, denn Fleisch habe ihnen zufolge auch gesundheitliche Vorteile.

Portionsweises Missverständnis

Laut den zusammengefassten Ergebnissen [1] derjenigen Studien, die der WHO-Analyse zugrunde liegen, steigt das Risiko mit jeder täglichen Fleischportion scheinbar gleichmäßig an. Jede 50-Gramm-Portion Wurst, Schinken oder Geselchtes soll demnach das Darmkrebs-Risiko um 18 Prozent in die Höhe schnellen lassen. Für unverarbeitetes rotes Fleisch rechnen die Experten mit doppelt so großen Portionen, hier soll das Risiko pro 100 Gramm um 17 Prozent ansteigen.

Die Zahlen sind jedoch irreführend. Sie lassen glauben, dass durch den täglichen Verzehr dreier Semmeln mit je 50 Gramm Wurst oder Leberkäse das Krebsrisiko um dreimal 18 Prozent höher sei als das eines Vegetariers.

Tatsächlich hat die WHO jedoch keine Vegetarier untersucht, sondern Personen, die mit durchschnittlich 50 Gramm täglich eher wenig Fleisch und Wurst essen. Diese wurden dann mit Studienteilnehmern verglichen, die etwas mehr als 200 Gramm täglich zu sich nehmen [1] Die Risikoerhöhung zwischen der ersten und der zweiten Gruppe beträgt 17 Prozent. Unbehandelte Fleischwaren erhöhen das Risiko um zehn Prozent, dies ist aber weniger gut abgesichert.

Noch etwas zeigen die Daten: ab einer täglichen Fleischmenge von 140 Gramm steigt die Krebsgefahr kaum noch weiter an. Die Angaben zum Risiko durch zusätzliche Portionen verwirren also mehr, als sie nützlich sind.

Ein Risikofaktor unter vielen

Auch wenn es wahrscheinlich ist: einen klaren Beweis, dass Fleisch oder Fleischprodukte Krebs verursachen, können die bisherigen Studienergebnisse [1] [2] nicht liefern. Der Grund: mehrere Studienautoren haben andere Risikofaktoren für die erhöhte Krebswahrscheinlichkeit nicht in der Analyse berücksichtigt. Schließlich gibt es auch andere Gründe, die das Darmkrebsrisiko deutlich stärker erhöhen als der Fleischkonsum: dazu gehören Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und eine generell ballaststoffarme Ernährung [6].

 

Die Studien im Detail

Zur Bewertung des Darmkrebsrisikos zieht die WHO eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2011 heran [1]. Darin rechneten die Verfasser die Ergebnisse aller relevanten, bis dahin veröffentlichten Beobachtungsstudien an großen Bevölkerungsgruppen zusammen. Die Ergebnisse sind dennoch nicht hunderprozentig verlässlich. Der Grund: viele der analysierten Studien können nicht ausschließen, dass andere bekannte Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht oder erbliche Veranlagung für das erhöhte Darmkrebs-Risiko verantwortlich sind.

Aussagekräftigere Zahlen

Diesen Kritikpunkt berücksichtigt eine aktuellere systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 [2]. Zusätzlich untersucht sie nicht nur Darmkrebs, sondern sieht sie sich alle Krebsarten gemeinsam an. Die Autoren geben dabei nicht die Wahrscheinlichkeit an, an Krebs zu erkranken, sondern daran zu sterben. Das ist um vieles aussagekräftiger, denn viele Menschen bekommen erst im hohen Alter Darmkrebs. Diese Krebsart schreitet jedoch relativ langsam fort – die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass ein alter Mensch trotz Darmkrebs an etwas anderem stirbt.

Die aktuellere Übersichtsarbeit berücksichtigt alle Krebsarten und zählt nur an Krebs Gestorbene. Die Verfasser kommen zu niedrigeren Risikowerten als in der Arbeit aus dem Jahr 2011. Demzufolge steigt das Risiko, generell an Krebs zu sterben pro 50 Gramm-Portion verarbeiteten Fleischwaren um 8 Prozent.In der älteren Arbeit beträgt die Steigerung des Risikos, an Darmkrebs zu erkranken, pro 50-Gramm-Portion 18 Prozent. Im Gegensatz zur älteren Analyse hat die aktuellere Arbeit aber auch die Qualität der analysierten Studien berücksichtigt.

Nur teilweise nachvollziehbar

Unsere Bewertung der Risikos weicht von jener der WHO ab. Während die WHO etwa prozessiertes Fleisch als klar krebserregend einstuft, bewertet Medizin-Transparent Wurst und Co lediglich als wahrscheinlich krebserregend. Nicht prozessiertes rotes Fleisch ist für die WHO „wahrscheinlich krebserregend“, während wir dieses Risiko nur mit „möglicherweise“ bewerten.

Der Grund dafür ist, dass die WHO ihre Ergebnisse noch nicht in vollem Umfang veröffentlicht hat, sie sind daher für uns nicht nachvollziehbar. So stützt sich die WHO in ihrer Risikoeinschätzung nicht nur auf epidemiologische Studien zu Krebs am Menschen, sondern auch auf etliche Tierstudien und Laborexperimente, die unserem Team nicht vorliegen. Laut Auskunft der WHO wird die volle Risikobewertung als Monographie „innerhalb der nächsten sechs Monate“ veröffentlicht werden.

(AutorIn: B. Kerschner, Review: J. Wipplinger, P. Mahlknecht)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Chan u.a. (2011)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: 21 prospektive Kohortenstudien
Fragestellung: Löst rotes Fleisch (verarbeitet bzw. unverarbeitet) Darmkrebs aus?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Chan, Doris S. M. et al. “Red and Processed Meat and Colorectal Cancer Incidence: Meta-Analysis of Prospective Studies.” Ed. Daniel Tomé. PLoS ONE 6.6 (2011): e20456. PMC. Web. 28 Oct. 2015. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Wang u.a. (2015)
Studienart: Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse
Analysierte Studien: unter anderem 5 prospektive Kohortenstudien zu Krebs
Teilnehmer: 1,14 Millionen in Studien zu Krebs
Fragestellung: Erhöht der Konsum von rotem Fleisch (verarbeitet bzw. unverarbeitet) die Wahrscheinlichkeit, überhaupt bzw. an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben?
Mögliche Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Wang X, Lin X, Ouyang YY, Liu J, Zhao G, Pan A, Hu FB. Red and processed meat consumption and mortality: dose-response meta-analysis of prospective cohort studies. Public Health Nutr. 2015 Jul 6:1-13.
(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere Quellen

[3] WHO (2015)
International Agency for Research on Cancer. IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat. Press release, 26 Oct 2015. Abgerufen am 29. 10. 2015 unter http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2015/pdfs/pr240_E.pdf

[4] Statistik Austria
Abgerufen am 9. 10. 2015 unter http://statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/krebserkrankungen/dickdarm_enddarm/index.html

[5] Bouvard u.a. (2015)
Bouvard V, Loomis D, Guyton KZ, Grosse Y, Ghissassi FE, Benbrahim-Tallaa L, et al. Carcinogenicity of consumption of red and processed meat. The Lancet Oncology. (Beitrag in voller Länge – kostenlose Registrierung erforderlich)

[6] Robert Koch Institut (2013)
Krebs in Deutschland. Abgerufen am 29. 10. 2015 unter http://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/krebs_in_deutschland_node.html

[7] WHO (2015)
Q&A on the carcinogenicity of the consumption of red meat and processed meat. Abgerufen am 29. 10. 2015 unter http://www.iarc.fr/en/media-centre/iarcnews/pdf/Monographs-Q&A_Vol114.pdf

[8] Statistik Austria
Abgerufen am 29. 10. 2015 unter http://statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/krebserkrankungen/075117.html