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Aronia gegen Blasenentzündung: Keine Beeren aufbinden lassen

Schmerzhafte Blasenentzündung

Schmerzhafte Blasenentzündung

Aroniabeeren schmecken zwar nach Medizin – herb und säuerlich. Dass teurer Aronia-Saft jedoch gegen Harnwegsinfekte wirkt, ist unbelegt.

Frage:Hilft Aroniabeeren-Saft gegen Harnwegsinfekte?
Antwort:unklar
Erklärung:Der Aroniabeere werden diverse positive Effekte nachgesagt. Handfeste Beweise und gut gemachte Untersuchungen fehlen allerdings. Wir haben nur eine Studie mit betagten Pflegeheimbewohnern gefunden. Leider lässt diese Studie keine verlässlichen Schlüsse über eine Vorbeugungswirkung zu, denn sie hat etliche gravierende Mängel. Das heißt: Wir haben keine belastbaren Informationen über die Wirksamkeit und die Sicherheit von Aroniabeeren-Saft.

Viele Menschen machen zumindest ein Mal in ihrem Leben einen Harnwegsinfekt durch: Dann brennt und schmerzt es beim Wasserlassen. Der Urin kann blutig sein, und der Harndrang ist groß. Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer.

Meistens sind Bakterien die Auslöser von Harnwegsinfekten, zum Beispiel allgegenwärtige Bakterien namens Escherichia coli. Normalerweise werden sie rasch ausgeschieden.

Häufig unkompliziert

Doch manchmal können sich die Erreger in der Harnröhre und in der Blase festsetzen und dort eine Entzündung auslösen. Dann prägt sich der Harnwegsinfekt ‚nur’ als Blasenentzündung (Zystitis) aus.

Komplizierter und weniger harmlos, aber zum Glück deutlich seltener sind Infektionen, die sich über die Harnleiter in Richtung Nieren ausbreiten. Dies kann mit Fieber, Übelkeit und Schmerzen in der Nierengegend einhergehen. [3] [6] [7]

Antibiotika helfen rasch

Die meisten Harnwegsinfekte sind jedoch unkompliziert. Sie werden in der Regel mit Antibiotika behandelt. Auf diese Therapie sprechen die Patienten meistens gut an.

Die Medikamente töten die bakteriellen Erreger, und so klingen die Entzündung und die damit einhergehenden Beschwerden recht schnell ab. Anfällige Personen mit wiederkehrenden Infekten bekommen Antibiotika in manchen Fällen sogar zur Vorbeugung verschrieben. [3] [6] [7]

Wirksame Hausmittel?

Allerdings möchten manche Frauen oder Männer, die immer wieder mit Harnwegsinfekten zu kämpfen haben, nicht unbedingt zu Antibiotika greifen. Und so kursieren diverse Tipps zu Hausmitteln oder bestimmten Verhaltensweisen.

Dazu zählen Wärme (heißes Bad, Wärmeflasche), reichlich Teetrinken oder Wasserlassen nach dem Sex, damit sich Bakterien nicht in den Harnwegen festsetzen können.

Gute Studien gibt es zu diesen Hausmitteln und Methoden meistens nicht. Daher kann man nicht sagen, ob diese Hausmittel wirklich wirksam sind oder wie gut sie helfen – auch wenn manche Betroffene darauf schwören. [3] [6] [7]

Beerenkraft im Saft?

Besonders häufig werden Cranberrys in Form von Saft und Tabletten eingenommen. Nützlich ist die Anwendung dieser Beeren offenbar nicht, auch wenn ihnen ein guter Ruf vorauseilt. Wir haben darüber bereits ausführlich berichtet: ‚Cranberrys – Schutz vor Blasenentzündung?’ [http://www.medizin-transparent.at/cranberrys-schutz-vor-blasenentzuendung]

Und noch eine Beere wird mitunter zur Vorbeugung empfohlen – die Aroniabeere. In einer Leseranfrage wurden wir um Informationen zur wissenschaftlichen Studienlage gebeten: Ist es sinnvoll, den aus diesen Beeren gepressten Saft zu trinken, um Harnwegsinfekten vorzubeugen?

Keine Daten, keine Aussagen

Wir haben recherchiert und danach ein Fazit gezogen:

  • Wir konnten nur eine Studie [1] zum Thema finden, deren Ergebnisse allerdings nicht aussagekräftig erscheinen.
  • Wir wissen nicht, ob Aroniabeeren-Saft vorbeugend wirkt oder eine sinnvolle Therapieergänzung bei Harnwegsinfekten ist. Es gibt in der aktuellen wissenschaftlichen Literatur keine guten Belege für positive Effekte.
  • Wer einen Harnwegsinfekt hat, sollte einen Arzt aufsuchen und ggf. Medikamente einnehmen, die sich bereits als wirksam erwiesen haben.
  • Über die mutmaßlich vorbeugenden Effekte von Wasserlassen nach dem Sex und reichlich Trinken gibt es keine Belege. Für Personen mit wiederkehrenden Infekten sind diese Mittel, die wohl unschädlich sind, möglicherweise einen Versuch wert.

Aus Amerika nach Europa

Aronia-Sträucher stammen ursprünglich aus Nordamerika. Es gibt, je nach wissenschaftlicher Betrachtungsweise, zwei oder drei Arten.

Wegen ihrer dunkelroten bis schwarz glänzenden Beeren, auch Apfelbeeren genannt, kamen die Sträucher im 20. Jahrhundert nach Osteuropa und in die Sowjetunion. Sie wurden im großen Stil kultiviert oder als Zierpflanze eingesetzt.

Heute ist Aronia eine Zutat von Säften, alkoholischen Getränken, Smoothies, Marmeladen und Teemischungen. Der pure Beerensaft ist nicht sonderlich wohlschmeckend, weil er herb, säuerlich und zusammenziehend ist. [2] [4] [5]

In Zukunft: Fruchtbare Analysen

Nicht nur kulinarisch, sondern auch in der medizinischen Forschung wird Aronia immer mehr entdeckt. Abgesehen von Harnwegsinfekten, so die Hoffnung mancher Wissenschaftler, soll Aronia bei diversen Leiden hilfreich sein.

Es wird darüber spekuliert, ob Aronia gut ist für das Herz-Kreislaufsystem oder bei Diabetes. Bisher gibt es einige mehr oder weniger viel versprechende Studien mit Zellen und Ratten, aber nur wenige Untersuchungen mit Menschen.

Sollte Aronia jemals präventiv oder therapeutisch eingesetzt werden, müssen davor noch sehr viele Fragen geklärt werden, zum Beispiel über die Wirkmechanismen, die ideale Anwendungsdauer, mögliche Risiken und sinnvolle Dosierung. [2] [4] [5]

 

Die Studien im Detail

Wir haben zum Thema nur eine Studie [1] gefunden. Bei dieser 2014 veröffentlichten Pilotstudie aus Norwegen fragten sich Forscher aus Norwegen folgendes: Reduziert das regelmäßige Trinken von Aroniabeeren-Saft bei Pflegeheimbewohnern die Anzahl der Harnwegsinfekte?

Hat die Natur eine Lösung parat?

Prinzipiell ist diese Fragestellung interessant. Denn Pflegebedürftige haben oft ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte. Dies führt zu häufigen Erkrankungen und zu Verschreibungen von Antibiotika. Dies kann wiederum Resistenzen nach sich ziehen, was die Bekämpfung von Keimen immer schwieriger macht.

Es wäre also durchaus praktisch, wenn man durch die gezielte Einnahme von Lebensmitteln den häufigen Infektionen vorbeugen könnte – anstatt erst nach Krankheitsausbruch mit Medikamenten gegen diese vorzugehen.

Gewagte Interpretation

An der Studie nahmen 236 Bewohner aus sechs Pflegeheimen in Südnorwegen teil. Die Frauen und Männer waren im Schnitt 85 Jahre alt.

Sie konnten drei Monate lang bei Aroniabeeren-Saft zugreifen. Davor oder danach stand ihnen für drei Monate Placebosaft zur Verfügung, der zwecks Verblindung möglichst so schmecken und aussehen sollte wie Aronia-Saft Während der ‚echten’ Aronia-Phase konnten die Forscher keine bedeutsame Reduktion von Harnwegsinfektionen orten.

Allerdings, so berichten sie, seien die Infektionen in der darauffolgenden Zeit etwas zurückgegangen. Sie interpretieren dies als einen Hinweis darauf, dass Aronia vielleicht einen schützenden Langzeiteffekt entfalten könnte.

Wichtige Fragen, keine Antworten

Der Studie ist zugute zu halten, dass sie sich eines wichtigen Themas angenommen hat. Leider können wir daraus keine zuverlässigen Schlüsse zu Wirksamkeit oder Unwirksamkeit ziehen. Denn es gibt diverse Mängel, zum Beispiel:

  • Den Patienten wurde drei Monate lang täglich Aronia-Saft angeboten. Wir erfahren aus der Studie nicht, wie die tatsächlich aufgenommene Saftmenge erfasst wurde. Jedenfalls trank nicht jeder Proband täglich Saft und auch nicht dieselbe Menge. Insgesamt gibt es große individuelle Unterschiede.
  • li>Wir wissen nicht, ob die Probandengruppen zu Studienbeginn prinzipiell miteinander vergleichbar, also korrekt randomisiert waren.

  • Ein Lebensmittelhersteller war einerseits Saftlieferant und hat die Studien mitfinanziert. Dies kann Verzerrungseffekte auslösen und zum Beispiel zu einem allzu großen Wohlwollen gegenüber dem Produkt führen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Handeland u.a. (2014)
Handeland M, Grude N, Torp T, Slimestad R. Black chokeberry juice (Aronia melanocarpa) reduces incidences of urinary tract infection among nursing home residents in the long term–a pilot study. Nutr Res. 2014 Jun;34(6):518-25. (Zusammenfassung der Studie)

Weitere Quellen

[2] Chrubasik u.a. (2010)
Chrubasik C, Li G, Chrubasik S. The clinical effectiveness of chokeberry: a systematic review. Phytother Res. 2010 Aug;24(8):1107-14. (Zusammenfassung)

[3] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWIG (2013)
Gesundheitsinformation.de: Blasenentzündung. Abgerufen am 28.9.2015 unter
https://www.gesundheitsinformation.de/blasenentzuendung.2258.de.html

[4] Kokotkiewicz u.a. (2010)
Kokotkiewicz A, Jaremicz Z, Luczkiewicz M. Aronia plants: a review of traditional use, biological activities, and perspectives for modern medicine.J Med Food. 2010 Apr;13(2):255-69. (Zusammenfassung)

[5] Kulling & Rawel (2008)
Kulling SE, Rawel HM. Chokeberry (Aronia melanocarpa) – A review on the characteristic components and potential health effects. Planta Med. 2008 Oct;74(13):1625-34. (Zusammenfassung)

[6] National Institutes of Health, NIH (2011)
Urinary Tract Infections in Adults. Abgerufen am 28.9. 2015 unter
http://www.niddk.nih.gov/health-information/health-topics/urologic-disease/urinary-tract-infections-in- adults/Documents/Urinary_Tract_Infections_Adults_508.pdf

[7] UpToDate (2014)
Recurrent urinary tract infections in women. Abgerufen am 28.9.2015 unter http://www.uptodate.com/contents/recurrent-urinary-tract-infection-in-women