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Cranberrys bei Blasenentzündung: Wirksamkeit noch ungeklärt

Cranberrys: eine Frage des Geschmacks - aber auch der Gesundheit?

Cranberrys: eine Frage des Geschmacks – aber auch der Gesundheit?

Cranberrys werden schon lange bei der Behandlung von Blasenentzündungen eingesetzt. Was sagt die Wissenschaft zu dieser Tradition?


Frage:Senken Cranberry-Produkte das Risiko von Harnwegsinfekten bei Frauen?
Antwort:widersprüchliche Studienlage
Erklärung:Zwar sehen etliche Einzelstudien nach einer Wirksamkeit von Cranberrys aus, die Studien sind jedoch mangelhaft. Daher ist unklar, ob ihre Ergebnisse vertrauenswürdig sind.

Brennen oder Schmerzen beim Harnlassen, Blut im Urin und das Gefühl, ständig aufs WC zu müssen – diese Symptome sind typisch für eine Harnwegsinfektion. Sie kann Blase, Harnröhre und Nieren betreffen [4].

Betroffen: vor allem Frauen

Vor allem Frauen erkranken zumindest einmal im Leben an einer Harnwegsinfektion. Aber auch Kinder, ältere Menschen und Personen mit Blasenkatheter sind gefährdet.

Auslöser der Infektion sind meistens Bakterien. Sie können zum Beispiel aus dem Darm in die Harnwege gelangen. Je nachdem, wo die Infektion sitzt und wie sie verläuft, wird sie „unkompliziert“ oder „kompliziert“ genannt [1].

Antibiotika gegen die Erreger

Um die Erreger einer Harnwegsinfektion und damit die Beschwerden loszuwerden, werden oft Antibiotika verschrieben. Bei Rückfall-gefährdeten Personen kann auch eine Langzeittherapie mit Antibiotika zur Vorbeugung angebracht sein. Doch die Medikamente lösen mitunter Nebenwirkungen und Resistenzen aus [4, 5].

Fragwürdige Alternative

Gibt es auch „natürliche“ pflanzliche Mittel zur Vorbeugung? Taugen etwa die vielfach angepriesenen Produkte mit Cranberry? Die Beeren gibt es in Form von Saft, Konzentrat, Kapseln und Tabletten rezeptfrei in Apotheken und Drogerien zu kaufen. Cranberrys gelten seit Jahrzehnten als Hausmittel für die Harnwege [1].

Was ist drin, was ist dran?

Trotz Tradition: Uns reichte es nicht als Wirkungsnachweis, dass Cranberrys schon lange angewendet werden. Wir wollten wissen, ob es gute wissenschaftliche Studien zum Thema gibt. Zeigen diese, dass die Beeren tatsächlich das Risiko von Harnwegsinfektionen bei ansonsten gesunden Frauen senken?

Wir haben für unsere Einschätzung eine aufwändige Literatursuche durchgeführt und letztlich zwei Übersichtsarbeiten mit acht Einzelstudien, veröffentlicht 2012 und 2017 [1, 2], für unsere Bewertung herangezogen.

Hinweise, aber keine Belege

Unser Fazit: Leider ist es zurzeit noch unklar, ob Cranberrys ein wirksames Mittel zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten sind. Zwar deuten die meisten in den Übersichtsarbeiten ausgewerteten Studien in diese Richtung. Dies legt einerseits nahe, dass zumindest manche Frauen von der Cranberry-Einnahme profitieren können. Andererseits: In den meisten „positiven“ Cranberry-Studien könnte dieser vermeintliche Vorteil durchaus ein Zufallsbefund gewesen sein.

Frustrierend: warum so wenig Klarheit?

Warum keine Aussagen mit mehr Klarheit möglich sind? Die Vergleichbarkeit von Cranberry-Studien ist oft schwierig: so etwa kann die Diagnosestellung unterschiedlich erfolgen, zum Beispiel mit verschiedenen Grenzwerten. Die in Studien gesetzten Cranberry-Produkte (z. B. Kapseln oder Saft) dürften sich hinsichtlich der Konzentration der „verdächtigen“ wirksamen Substanzen mehr oder weniger stark unterscheiden.

Auch die Tatsache, dass Hersteller von Cranberry-Saft mitunter als Finanziers der Studien auftreten, macht die Sache nicht einfacher. Und viele der bisher vorliegenden Cranberry-Studien waren nur klein bzw. haben die Testpersonen ihre Teilnahme oft vorzeitig abgebrochen – vermutlich, weil sie den Geschmack der Cranberry-Produkten auf Dauer nicht in Kauf nehmen wollten. Diese und noch weitere Faktoren können die Ergebnisse von Cranberry-Studien verzerren.

Gute Neuigkeiten: keine schweren Nebenwirkungen

Zumindest zeigte die Übersichtarbeit des Cochrane-Netzwerks [1] keine Unterschiede bei den Nebenwirkungen: Sie trafen gleichermaßen die aktiven Cranberry-Testerinnen und -Tester sowie die Vergleichsgruppen.
Das heißt, Cranberrys scheinen zumindest sicher in der Anwendung zu sein. Dieser vorläufige Befund hat allerdings Einschränkungen, weil das Auftreten von Nebenwirkungen in Cranberry-Studien nicht sonderlich gut dokumentiert worden ist.

Fast in aller Munde

Die Cranberry ist eine Verwandte der Heidelbeere. Sie erfreut sich mittlerweile in Saucen, Gebäck und Müsli großer Beliebtheit. Sie wird auch Große Moosbeere oder Kranbeere genannt.

Wie die Früchte im Detail gegen Harnwegsinfekte wirken sollen, ist noch ungeklärt. Möglicherweise haben es die Krankheits-auslösenden Bakterien durch bestimmte Pflanzenstoffe (z. B. Proanthocyanidine) schwer, sich im Inneren der Blase anzuheften. Dies legen zumindest Versuche aus dem Labor nahe. Inwiefern diese viel versprechend anmutenden Ergebnisse auf den menschlichen Organismus übertragbar sind, ist aber noch offen.

Mehr Informationen rund um das Thema Blasenentzündungen finden Sie auf den Seiten von gesundheitsinformation.de.

 

Die Studien im Detail

Ältere Übersichtsarbeit

Eine Basis für unsere Einschätzung ist eine Übersichtsarbeit des Cochrane-Netzwerks aus dem Jahr 2012 [1]. Hier wurden 24 Studien mit 4473 Testpersonen berücksichtigt. Im Zentrum dieser Studien stand die Frage: Ist die Einnahme von Cranberrys wirksam, um leichteren und schwereren – also „unkomplizierten“ und „komplizierten“ – Harnwegsinfektionen vorzubeugen?

Vom Kind bis zum Greis

Die Testpersonen kamen aus sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Es handelte sich zum Beispiel um Frauen und Männer mit aktuellen und oder wiederkehrenden Harnwegsinfekten, Kinder mit erhöhtem Risiko für Harnwegsinfekte, Ältere, Schwangere oder Personen mit Blasenkatheter.

Der Zufall entschied, welche Behandlung die Testpersonen bekamen: Ein Teil sollte Cranberrys in Form von Saft, Konzentrat, Tabletten oder Kapseln zu sich nehmen. Die Menschen in der Vergleichsgruppe bekamen u.a. Antibiotika, Placebopräparate, Wasser oder Milchsäurebakterien zugeteilt. Oder sie bekamen gar nichts.

Wenn die Testpersonen im Laufe der Studien einen Harnwegsinfekt entwickelten, wurde die Diagnose anhand der typische Beschwerden bzw. mit Hilfe einer Urinkultur gestellt (oder mit beiden Methoden). Am Ende der Studien wurde gezählt, wie viele unkomplizierte und komplizierte Harnwegsinfekte in den Cranberrygruppen und in den Vergleichsgruppen aufgetreten waren.

Fazit: Unterschiede nicht deutlich

Gab es einen Unterschied? Tendenziell kam es bei den Testpersonen, die Cranberry-Produkte einnahmen, zu weniger Harnwegsinfektion. Allerdings kann dieser eher kleine Unterschied zufallsbedingt sein; er war also nicht signifikant, wie es im Fachjargon heißt.

Demnach lautete das Fazit der Cochrane-Übersichtsarbeit: Ob mit oder ohne Cranberrys – beim Auftreten von Harnwegsinfekten gab es insgesamt keinen deutlichen Nutzen – auch wenn die Resultate einzelner Studien in verschiedene Richtungen deuteten.

Ebenso zeigte sich bei einem „Zoom“ auf die Daten von einzelnen Bevölkerungsgruppen (sog. Subgruppen-Analyse): Offenbar profitierte auch keine einzelne Gruppe deutlich von den Beerenprodukten: weder Schwangere, Kinder, Ältere oder Personen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Kein Vorteil durch Cranberrys für Frauen

Auch für Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten kristallisierte sich in einer Detail-Übersicht kein eindeutiger Vorteil heraus. Sie waren durch drei kleine und eine große Studie mit insgesamt 594 Testerinnen vertreten. Sie wurden je nach Studie drei bis zwölf Monate lang beobachtet. Während in der Cranberry-Gruppe ca. 20% einen Harnwegsinfekt bekamen, waren es 23% in der Kontrollgruppe. Dieser Unterschied könnte zufallsbedingt sein.

Vorsicht Verzerrung!

Problematisch an dieser breit angelegten Übersicht ist, dass bei den zugrundliegenden Studien bis zu 55 Prozent der Testpersonen vorzeitig ausgestiegen sind („Drop-out“). Die Studienabbrüche wurden nicht immer angemessen in der statistischen Auswertung der Einzelstudien behandelt; und dies kann zu Verzerrungseffekten geführt haben.

Als ein möglicher Grund für einen kompletten Ausstieg oder auch nur die unregelmäßige Einnahme wird der bittere Geschmack der Cranberry gesehen, der im Laufe von monatelangen Studien offenbar inakzeptabel werden kann.

Die Schwäche von kleinen Studien

Viele der eingeflossenen Studien waren auch nur klein und könnten daher zu „schwach“ gewesen sein, um möglicherweise existierende Effekte zu entdecken.

Außerdem war bei etlichen Produkten die genaue Zusammensetzung nicht bekannt. Somit konnte auch nicht auf die Konzentration der möglicherweise wirksamen Inhaltsstoffe geschlossen werden.

Aktuelle Übersichtsarbeit

Die Übersichtsarbeit des Cochrane Netzwerks ist auch nicht mehr ganz aktuell, da seit 2012 etliche Studien erschienen sind [1] . Im Gegensatz dazu interessierte sich ein Wissenschaftsteam aus den USA [2] nur für eine bestimmte Personengruppe: gesunde Frauen. Können sie mit Cranberrys ihr Risiko für unkomplizierte Harnwegsinfekten reduzieren? Randomisiert-kontrollierte Studien mit anderen Personengruppen oder zu komplizierten Harnwegsinfekten berücksichtigten sie in ihrer Übersicht, die 2017 veröffentlicht wurde, nicht.

Das Autorenteam legte nahe, dass Cranberrys wirksam sein könnten, um bei dieser Personengruppe wiederkehrenden unkomplizierte Harnwegsinfekten vorzubeugen. Allerdings sei mehr Forschung notwendig, um diesem vorläufigen Befund nachzugehen.

Basis für die Conclusio des US-amerikanischen Teams waren die Daten aus sieben randomisiert-kontrollierte Studien mit 1496 Teilnehmerinnen. Drei dieser Studien sind auch schon in die Übersichtsarbeit des Cochrane-Netzwerks [1] aus dem Jahr 2012 eingeflossen. Die restlichen vier Studien sind neueren Datums und wurden nicht im Cochrane Review berücksichtigt.

Von den Frauen, die Cranberrys in Form von Saft, Kapseln oder Tabletten (meist sechs Monate lang) einnahmen, bekamen etwa 21% einen Harnwegsinfektion. Aus der Placebogruppe waren es gut 26%. Statistisch gesehen ist dies ein „echter“ Unterschied Kritisch anzumerken ist, dass die Studie von einem großen Cranberry-Produzenten finanziert wurde und dass der rechnerische Vorteil durch Cranberry nur klein zu sein scheint.

Die Übersichtsarbeiten gewichten

Wir standen nun vor der Situation, dass sich eine Übersichtsarbeit eher gegen, die andere eher für die Wirksamkeit von Cranberrys aussprach. Beide Übersichtsarbeiten haben Mängel, und insgesamt lautet unser Fazit deswegen – nicht sonderlich befriedigend – unklar.

Gut gemachte und besser vergleichbare Studien werden hoffentlich mehr Klarheit bringen. Ein Blick in das Studienregister ClinicalTrials [3] zeigt, dass neue Studien über Wirkung und Anwendung von Cranberrys laufen. Durch sie könnte sich im Idealfall besser abzeichnen, was die rote Frucht (nicht) bewirken kann – und zwar in welcher Form und bei welchen Personengruppen.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Jepson u.a. (2012)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 24 randomisiert-kontrollierte und quasi-randomisierte Studien mit unterschiedlichen Personengruppen; davon 13 Studien in Meta-Analyse
Teilnehmer insgesamt: 4473 Personen
Fragestellung: Sind Cranberry-Produkte wirksam als Vorbeugung von Harnwegsinfekten?
Interessenskonflikte: keine

Jepson RG, Williams G, Craig JC. Cranberries for preventing urinary tract infections. Cochrane Database of Systematic Reviews 2012, Issue 10. Art. No.: CD001321. Zusammenfassung

[2] Fu u.a. (2017)
Studientyp: systematische Übersichtsarbeit, Meta-Analyse
Eingeschlossene Studien: 7 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmenende insgesamt: 1498 Frauen
Fragestellung: Sind Cranberry-Produkte wirksam als Vorbeugung von unkomplizierten Harnwegsinfekten bei ansonsten gesunden Frauen?
Interessenskonflikte: Die Studie wurde von einer Hersteller-Firma finanziert, die jedoch laut Autorenteam keinen Einfluss auf die wissenschaftliche Arbeit hatte.

Fu Z, Liska D, Talan D, Chung M. Cranberry Reduces the Risk of Urinary Tract Infection Recurrence in Otherwise Healthy Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Nutr. 2017 Dec;147(12):2282-2288.
Zusammenfassung

Weitere wissenschaftliche Quellen Studien

[3] Clinical Trials
Datenbank der National Institutes of Health Clinical Trials
Suchbegriff „Cranberry“
abgerufen am 1.10.2018

[4] IQWIG (2016)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG, gesundheitsinformation.de: Thema Blasenentzündung
abgerufen am 1.10.2018

[5] UpToDate(2018)
Patient Information: Urinary tract infections in adolescents and adults abgerufen am 1.10.2018