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Amla-Beere gegen Cholesterin: Wirksamkeit ungeklärt

Beerenhunger auf Cholesterinsenkung

Beerenhunger auf Cholesterinsenkung

Es klingt verlockend: einfach Amla-Beeren-Extrakt einnehmen und die Cholesterinwerte normalisieren. Doch Studien dazu fehlen.

Frage:Sind Amla-Nahrungsergänzungsmittel wirksam und sicher bei der Senkung der Cholesterinwerte?
Antwort:unklar
Erklärung:Es gibt zwar einige Hinweise auf eine mögliche cholesterinsenkende Wirkung. Doch bei den Studien mit menschlichen Probanden ist die Mängelliste zu den Forschungsmethoden lang, die Ergebnisse sind daher nicht vertrauenswürdig. Auch positiv erscheinende Untersuchungen mit Tieren und Zellen lassen sich nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Alles in allem fehlen belastbare Belege für eine cholesterinsenkende Wirkung der Amla-Beere. Die Nahrungsergänzungsmittel sind also keine Alternative für die herkömmlichen und bewährten Therapien. Dazu zählen Medikamente, Gewichtsabnahme und ausgewogene Ernährung.

Viele Menschen machen sich Sorgen wegen ihres erhöhten Cholesterinspiegels. Sie möchten diese Blutwerte senken. Dies kann auch durchaus sinnvoll sein. Denn zu viel Cholesterin im Blut zählt zu den gesundheitlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. [7]

Werte senken, Risiko drosseln

Rauchen, Bluthochdruck und eben auch erhöhte Cholesterinwerte können dazu beitragen, dass eine Herz-Kreislauf-Erkrankung auftritt, sich verschlimmert oder im schlimmsten Fall tödlich endet. [7]

Anders als Risikofaktoren wie Alter oder genetische Vorbelastung lassen sich die Cholesterinwerte beispielsweise durch Medikamente beeinflussen. Über die Wirksamkeit einer Statin genannten Arznei haben wir hier berichtet: Cholesterinsenken sinnlos? Von wegen!

Die häufig eingesetzten Medikamente zur Cholesterinsenkung sollten über einen längeren Zeitraum eingenommen werden; sie können jedoch Nebenwirkungen auslösen und werden nicht von allen Patienten vertragen.

Selbst wirksam werden

Es ist also nur allzu verständlich, wenn sich die Betroffenen nach anderen Möglichkeiten umschauen. Angetrieben vom Wunsch, selbst etwas zu bewirken, möchten sie ihr Leben verändern und die Gesundheit durch eigenes Handeln positiv beeinflussen.

Auf der Suche nach Alternativen stoßen sie vor allem im Internet rasch auf diverse natürlich und nützlich erscheinende Nahrungsergänzungsmittel. Diese sollen effektiv sein bei erhöhten Cholesterinwerten, gleichzeitig aber nicht die Risiken der gängigen Medikamente mit sich bringen. Und das ganz ohne ärztliche Verschreibung.

Verführerische Tradition

So hilft angeblich die Indische Stachelbeere, auch Amla-Beere genannt, die Cholesterinwerte zu senken und damit das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung einzuschränken. Amla-Produkte werden seit einiger Zeit als Nahrungsergänzungsmittel angeboten.

In ihren asiatischen Herkunftsländern, dazu zählen Indien und China, ist Amla schon lange eine weit verbreitete Medizinpflanze. Die Beeren, aber auch die Rinde und die Blätter des Amla-Baums kommen bei diversen Krankheiten zum Einsatz. Diese Tradition verleiht den Nahrungsergänzungsmitteln eine trügerische Glaubwürdigkeit. Nachweise für ihre Wirksamkeit gibt es allerdings keine. [6]

Eine Handvoll Studien…

In der aktuellen Studienlage finden sich zwar einige Hinweise darauf, dass Amla-Nahrungsergänzungsmittel möglicherweise die Cholesterinwerte senken könnten. Doch die zur Verfügung stehenden Studien haben meistens nur Pilotcharakter, sind nicht gut durchgeführt, und ein positives Gesamturteil wäre daher nicht seriös. [1] [2] [3] [4] Zu diesem Urteil kam 2011 auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA. [5]

Es bleibt also offen, ob die Einnahme von Amla-Nahrungsergänzungsmitteln einerseits die Laborwerte auf dem Papier ‚schöner’ erscheinen lassen können und andererseits tatsächlich eine Verminderung von Krankheits- und Todesfällen zu bewirken vermögen. Es ist auch unklar, welche Substanz(en) aus der Beere überhaupt eine Verbesserung erzielen könnten – und wie groß dieser Effekt wäre.

…ohne handfestes Fazit

Es ist darüber hinaus nicht erforscht, wie die Nahrungsergänzungsmittel am besten hergestellt und dosiert werden sollten. Auch über einen möglichen idealen Einnahmezeitraum fehlen Informationen.

Ebenfalls ungeklärt: Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus? Sind Wechselwirkungen mit gleichzeitig eingenommenen Medikamenten denkbar? Gibt es eventuell Personengruppen, die mehr von einer Amla-Einnahme profitieren als andere? Ist es besser, konzentrierte Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen oder die frischen Beeren als Teil einer ausgewogenen Ernährung zu genießen?

Die Forschung steht also mit vielen Fragen noch am Anfang. Wünschenswert wären beispielsweise gut gemachte, langfristige Untersuchungen wie randomisierte kontrollierte Studien – ohne die finanzielle Beteiligung von Nahrungsergänzungsmittel-Herstellern, was zu Verzerrungseffekten führen kann.

Wissenslücken im Dschungel der Alternativen

Bei früheren Recherchen zu Cholesterinsenker-Alternativen sind wir zu einem ähnlich ernüchternden Ergebnis gekommen. Nach heutigem Wissensstand sind etliche Nahrungsergänzungsmittel nicht gut erforscht und daher nicht empfehlenswert: ‚Cholesterin senken durch Vitamine und Spurenelemente?’ und ‚Rotschimmelreis gegen Cholesterin’: Sicher und wirksam?.

Auch über das Ayurveda-Heilmittel Chyawanprash, das zum Großteil aus Amla-Beeren besteht, konnten wir keine belastbaren Daten hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit finden: ‚Chyawanprash: Hilft das Ayurveda-Mus?

 

Die Studien im Detail

Wir haben eine Reihe von Studien gefunden, bei denen die Wirkung von Amla-Nahrungsergänzungsmitteln mit menschlichen Probanden getestet wurde. Das ist ein guter Anfang. Doch leider weisen die Studien diverse Mängel auf.

Aus ihren Ergebnissen lassen sich keine seriösen Schlüsse ableiten. Somit bleibt unklar, ob Amla einen Beitrag zur Cholesterinsenkung leisten kann und ob die Beere letztlich Erkrankungen und Todesfälle vermindern kann.

Hier einige Beispiele für Mängel, die in manchen Studien aufgetreten sind:

  • Probanden und ihre Behandler waren nicht verblindet. Das heißt, die Studienteilnehmer wussten, wer an welcher experimentellen Behandlung teilnahm oder wer ein Scheinpräparat bekam. Dieses Wissen kann die Erwartungshaltung und die Beurteilung vom Behandlungsergebnis beeinflussen. [3]
  • Alle Probanden erhielten dieselbe experimentelle Behandlung. Daher ist ein Vergleich mit einer Kontrollgruppe nicht möglich. [4]
  • Studien hatten nur eine geringe Laufzeit. Somit ist die Beurteilung der Wirksamkeit bei einer langfristigen Einnahme nicht möglich. Ein großer Beobachtungszeitraum ist jedoch notwendig – schließlich sollen nicht nur die Laborwerte kurzfristig verbessert, sondern Krankheits- und Todesfälle vermindert werden. Auch gefährliche Nebenwirkungen können durch kurze Testphasen übersehen werden. [4]
  • An den Studien nahmen nur wenige Probanden teil; damit werden mögliche Effekte ‚unsichtbar’. [1]
  • Wenn Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln deren wissenschaftliche Untersuchung unterstützen – finanziell oder durch Produkte –, kann dies zu Verzerrungseffekten und Interessenskonflikten führen. [2]

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Akhtar u.a. (2011)
Studientyp: klinische Studie
Teilnehmer insgesamt: 16 Diabetiker, 16 Gesunde
Fragestellung: Wirkt sich die Einnahme von Amla auf Blutzucker und Blutfette aus?
Interessenskonflikte: keine laut Autoren

Akhtar MS, Ramzan A, Ali A, Ahmad M. Effect of Amla fruit (Emblica officinalis Gaertn.) on blood glucose and lipid profile of normal subjects and type 2 diabetic patients. Int J Food Sci Nutr. 2011 Sep;62(6):609-16. (Zusammenfassung der Studie)

[2] Antony u.a. (2008)
Studientyp: klinische Pilotstudie
Teilnehmer insgesamt: 51 Personen
Fragestellung: Wirkt sich die Einnahme von Amla-Extrakt auf Entzündungs- und Blutfettwerte aus?
Interessenskonflikte: Herstellerfirma führte die Studie durch

Antony B, Benny M, Kaimal TN. A Pilot clinical study to evaluate the effect of Emblica officinalis extract (Amlamax™) on markers of systemic inflammation and dyslipidemia. Indian J Clin Biochem. 2008 Oct;23(4):378-81. (Studie in voller Länge)

[3] Jacob u.a. (1988)
Studientyp: klinische Studie
Teilnehmer insgesamt: 35
Fragestellung: Wie wirkt sich die Einnahme von Amla auf Cholesterinwerte von Männern im Alter von 35 bis 55 aus?
Interessenskonflikte: keine Angaben

Jacob A, Pandey M, Kapoor S, Saroja R. Effect of the Indian gooseberry (amla) on serum cholesterol levels in men aged 35-55 years. Eur J Clin Nutr. 1988 Nov;42(11):939-44. (Zusammenfassung der Studie)

[4]Khanna u.a. (2015)
Studientyp: klinische Studie
Teilnehmer insgesamt: 15
Fragestellung: Wirkt sich die Einnahme von Amla-Extrakt auf Herz-Kreislauf-Risikofaktoren aus?
Interessenskonflikte: Herstellerfirmen leisteten finanzielle Unterstützung

Khanna S, Das A, Spieldenner J, Rink C, Roy S. Supplementation of a Standardized Extract from Phyllanthus emblica Improves Cardiovascular Risk Factors and Platelet Aggregation in Overweight/Class-1 Obese Adults. Journal of Medicinal Food. 2015;18(4):415-420. (Studie in voller Länge)

Weitere Quellen

[5] EFSA (2011)
European Food Safety Authority – EFSA (2011). Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to the raw fruit of Emblica officinalis Gaertn. and maintenance of normal blood LDL-cholesterol concentrations (ID 4041) and protection of DNA, proteins and lipids from oxidative damage (ID 4042) pursuant to Article 13(1) of Regulation (EC) No 1924/20061. Zugriff am 4.9.2015 unter www.efsa.europa.eu/sites/default/files/scientific_output/files/main_documents/2217.pdf

[6] Gaire & Subedi (2014)
Gaire BP, Subedi L. Phytochemistry, pharmacology and medicinal properties of Phyllanthus emblica Linn. Chin J Integr Med. 2014 Dec 9. (Zusammenfassung)

[7] IQWIG (2013)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWIG (2013). Erhöhte Cholesterinwerte. Zugriff am 4.9.2015 unter www.gesundheitsinformation.de/erhoehte-cholesterinwerte.2178.de.html