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Rotschimmelreis gegen Cholesterin: Sicher und wirksam?

Cholesterin-Senker in der Peking-Ente?

Cholesterin-Senker in der Peking-Ente?

Seit einigen Jahren werden Rotschimmelreis-Produkte als ‚natürliche’ Cholesterinsenker angeboten. Harmlos sind sie jedoch keineswegs.


Frage:Können Produkte aus Rotschimmelreis hohe Cholesterinwerte senken?
Antwort:möglicherweise Ja
 
Frage:Sind Produkte aus Rotschimmelreis frei von möglicherweise schweren Nebenwirkungen?
Antwort:wahrscheinlich Nein
Erklärung:Das im Rotschimmelreis enthaltene Monacolin K ist identisch mit dem cholesterinsenkenden Arzneistoff Lovastatin. Da dessen Konzentration in Rotschimmelreis-Produkten schwanken kann, ist eine gleichwertige Wirksamkeit jedoch nicht gesichert. Je nach Dosierung sind auch dieselben unerwünschten Nebenwirkungen möglich wie bei herkömmlichen Medikamenten (Statinen) zur Cholesterinsenkung.

Seit hunderten Jahren ist Rotschimmelreis eine wichtige Zutat in der chinesischen Küche. Gemahlen machen die roten Körner Speisen und Getränke aromatisch, haltbar und sie verleihen ihnen eine appetitliche Färbung – man denke nur an die berühmte Pekingente [9].

Wandelbare Körner

Rotschimmelreis ist keine eigene Reissorte. Er entsteht, wenn normaler Reis mit speziellen Schimmelpilzen vergoren wird. Durch die Gärung bildet sich einerseits die typisch rote Farbe. Außerdem bringt der Prozess noch eine ganze Reihe anderer Substanzen hervor, etwa Monacolin K [9].

Seit einigen Jahren wird Rotschimmelreis in Europa und Nordamerika als Nahrungsergänzungsmittel verkauft – häufig via Internethandel. Die Rotschimmelreis-Kapseln sollen den Spiegel des „schlechten“ LDL-Cholesterins ‚auf natürliche Weise’ senken.

Wunsch nach neuen Behandlungsformen

Diese Ankündigung mag für Personen verlockend klingen, die ihre hohen Blutfettwerte alleine in den Griff bekommen möchten – mit dem Ziel, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall usw.) zu senken. Das Normalisieren des Cholesterinspiegels ist nämlich nicht immer durch Veränderungen des Lebensstils möglich, also durch ausgewogene Ernährung, Gewichtsabnahme und ausreichend Bewegung.

Auch das langfristige Einnehmen von Medikamenten zur Cholesterinsenkung kommt nicht für alle Betroffenen in Frage. Gründe dafür können Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten sein [5].

Cholesterin-Senkung – und dann?

Dass Rotschimmelreis bzw. dessen Extrakt zu hohe Cholesterinwerte günstig beeinflussen kann, deuten etlichen Studien aus Asien an [1,2]. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die im roten Reis natürlicherweise enthaltene Substanz Monacolin K ist nichts anderes als der bekannte Wirkstoff Lovastatin. Dieser ist – wie auch ähnliche Arzneimittel, die Mediziner als „Statine“ bezeichnen – ein verschreibungspflichtiges Medikament zur Senkung eines erhöhten Cholesterinspiegels [10,11].

Für Konsumenten ist allerdings nicht genau nachvollziehbar, in welcher Dosis sie die mutmaßlichen Wirkstoffe zu sich nehmen. Anders als bei Medikamenten schwankt bei Nahrungsergänzungsmitteln die Konzentration der Inhaltsstoffe mehr oder weniger stark, etwa aufgrund verschiedener Herstellungsmethoden. Zudem ist unklar, ob eine vermutete Wirkung von Rotschimmelreis durch andere Inhaltsstoffe beeinflusst werden könnte.

Lovastatin kann nicht nur Cholesterinwerte drosseln, sondern darüber hinaus auch das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verringern [4]. Für Rotschimmelreis bleibt hingegen offen, ob er nur einen erhöhten Cholesterinspiegel senkt – oder ob seine Einnahme tatsächlich auch zu weniger Folgeerkrankungen und zu weniger verfrühten Todesfällen führt.

Zu diesem entscheidenden Punkt gibt es nicht genug gut durchgeführte Untersuchungen; es fehlen belastbare Daten

‚Natürlich’, aber nicht harmlos

Neben seinen positiven Effekten löst Lovastatin mitunter auch unangenehme bis ernste Nebenwirkungen aus. Dazu gehören Schäden von Muskeln und Leber. Das ist einer der Gründe, warum diese Medikamente verschreibungspflichtig sind [5] [10,11] [13]. Bei der Einnahme von Rotschimmelreis-Nahrungsergänzungsmitteln mit dem identischen Inhaltsstoff fehlt diese ärztliche Begleitung und Aufklärung.

Doch nicht nur diese Tatsache birgt Unsicherheiten bezüglich der Einnahme von Rotschimmelreis-Produkten in sich. Expertinnen geben auch zu bedenken, dass Patienten, aus welchen Gründen auch immer, zusätzlich zu ihren ärztlich verordneten Cholesterin-Senkern zu Rotschimmelreis-Präparaten greifen könnten. Das würde das Risiko zusätzlich steigern, dass Leber oder Muskulatur Schaden nehmen [10,11].

Rotschimmelreis-Produkte (ebenso wie Lovastatin) bergen auch das Risiko, dass sie mit bestimmten Medikamenten und Lebensmitteln Wechselwirkungen haben können. Beispielsweise können sie die Wirkung mancher Medikamente, die die Blutgerinnung hemmen, verstärken und so das Risiko für Blutungen erhöhen.
Außerdem wurde in manchen Rotschimmelreis-Produkten bereits gefährliche Mengen des Pilzgifts Citrinin entdeckt. Es kann die Nieren angreifen [6,7].

Doch nicht nur das: Der gleichzeitige Genuss von Grapefruit kann die Wirkung und damit auch Nebenwirkungen der Reis-Pillen genauso verstärken wie bei Statinen [10,11]. Liebhaber von Grapefruits sollten prinzipiell nachfragen ob sich ein neu verordnetes Medikament mit der Frucht verträgt, wie wir in unserem Beitrag „Medikamenten Überdosis durch Grapefruit“ näher beleuchtet haben.

Diskussion um Verbot

In mehreren Ländern stand oder steht zur Debatte, ob Rotschimmelreis unter der harmlosen Anmutung eines Nahrungsergänzungsmittels verkauft werden darf. Nach Ansicht mehrerer Experten ähnelt Rotschimmelreis in Wirkung und Nebenwirkungen zu sehr einem Arzneimittel, um als Nahrungsergänzungsmittel durchzugehen [3] [10,11].

In der Schweiz sind Rotschimmelreis-Produkte seit längerem verboten [8]. In den USA dürfen sie nur dann zur Nahrungsergänzung verkauft werden, wenn sie keine nennenswerten Mengen an Monacolin K enthalten [7]. Vor kurzem hat auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) reagiert: In Deutschland sollen Rotschimmelreis-Produkte ab einem Monacolin K-Gehalt von fünf Milligramm nicht mehr als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden dürfen, sondern als Arzneimittel gelten [10,11]. Als solche müssen die Hersteller mit Studien nachweisen, dass diese wirksam und unbedenklich sind. Nach Auskunft der österreichischen Arzneimittelbehörde AGES sollen auch in Österreich zukünftig Rotschimmelreis-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel vom Markt verschwinden und nur noch in Apotheken angeboten werden dürfen.

Fragwürdige Spezial-Margarine

Eine ähnliche Diskussion zum Thema Cholesterinsenkung in Eigenregie hat Medizin-Transparent bereits in der Vergangenheit beleuchtet: Damals stellte sich die Frage, ob der Verzehr von spezieller Margarine möglicherweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Nachzulesen unter ‚Risiko durch Cholesterin-senkende Margarine?’

[Aktualisierter Artikel, ursprünglich veröffentlicht am 14. 10. 2014. Eine Suche nach neuen Studien [2] bringt im Wesentlichen keine neuen Erkenntnisse. Zur besseren Verständlichkeit haben wir Wirksamkeit und Sicherheit getrennt voneinander bewertet.]

 

Die Studien im Detail

Im Jahr 2016 fassten die Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit die Ergebnisse von zehn randomisiert-kontrollierte Studien an insgesamt 905 Personen mit erhöhten Blutfettewerten zusammen [2]. Die transparent durchgeführte Analysezeigt, dass Rotschimmelreis-Produkte erhöhte Cholesterinwerte ähnlich gut senken wie das gängige Medikament Simvastatin.

Allerdings stammt diese Erkenntnis aus zumeist mangelhaft durchgeführten Studien. So geht aus den Aufzeichnungen der einzelnen Untersuchungen oft nicht hervor, wie die Teilnehmer der jeweiligen Behandlungsgruppe (Rotschimmelreis oder Simvastatin) zugeteilt wurden. In gut gemachten Studien sollte die Zuteilung der Probanden zufällig erfolgen. Dadurch lässt sich sicherstellen, dass sich beide Gruppen in Hinblick auf mögliche Einflussfaktoren wie Alter oder Schwere der Erkrankung ähnlich sind. So kann eine Verzerrung der Ergebnisse verhindert werden.

Eine weitere Schwachstelle ist, dass in den meisten eingeschlossenen Studien nur wenige Patienten untersucht wurden. Diese Tatsache schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse stark ein, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese Resultate aufgrund der zu geringen Teilnehmerzahl zufällig entstanden sein könnten.
Schließlich erschwert die Tatsache, dass bei vielen Untersuchungen nicht klar hervorgeht, ob diese durch Herstellerfirmen der Produkte zumindest mitfinanziert wurden, eine seriöse Bewertung.

Eine weitere Übersichtsarbeit aus dem asiatischen Raum ging der Frage nach, ob Rotschimmelreisprodukte erhöhte Blutfette besser senken als ein Scheinmedikament [1]. Auch die Autoren dieser Arbeit fanden Hinweise, dass die Reisprodukte zu hohe Blutfette günstig beeinflussen könnten. Zwar haben die Verfasser ausschließlich randomisiert-kontrollierte Studien in ihre Arbeit eingeschlossen, die von ihnen gefundenen Studien weisen allerdings zahlreiche methodische Schwächen auf. Abgesehen von nur wenigen Teilnehmern, bleibt auch hier offen, ob die Zuteilung zu Versuchs- und Vergleichsgruppe zufällig erfolgt ist. Unklar ist auch, inwieweit andere Maßnahmen wie zusätzliche Medikamente oder Diäten zur Senkung der Blutfette beigetragen haben und so das Ergebnis einiger Studien beeinflusst haben könnten.

(AutorIn: J. Harlfinger, Review: C. Christof, B. Kerschner)

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Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Li u.a. (2014)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Analysierte Studien: 13 RCTs
Teilnehmer: 804 Personen
Fragestellung: Ist Rotschimmelreis wirksam und sicher bei der Behandlung von Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämie)?
Interessenskonflikte: keine laut AutorInnen

Li Y, Jiang L, Jia Z, Xin W, Yang S, Yang Q, Wang L. A meta-analysis of red yeast rice: an effective and relatively safe alternative approach for dyslipidemia. PLoS One. 2014 Jun 4;9(6):e98611. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[2] Ong u.a. (2016)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse
Analysierte Studien: 10 randomisiert-kontrollierte Studien
Teilnehmer: 905 Personen mit Fettstoffwechsel-Störung
Fragestellung: Wie wirkt sich Rotschimmelreis im Vergleich zu Simvastatin auf erhöhte Bluttfettwerte aus?
Interessenskonflikte: keine laut AutorInnen
Ong YC, Aziz Z. Systematic review of red yeast rice compared with simvastatin in dyslipidaemia. J Clin Pharm Ther. 2016 Apr;41(2):170-9. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[3] DFG Senatskommission zur gesundheitlichen Bewertung von Lebensmitteln (2012)
Toxikologische Bewertung von Rotschimmelreis: Aktualisierung. Abgerufen am 1. 6. 2017 unter
http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/2012/sklm_rotschimmelreis_121218.pdf

[4] Taylor u.a. (2013)
Taylor F, Huffman MD, Macedo AF, Moore THM, Burke M, Davey Smith G, Ward K, Ebrahim S. Statins for the primary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 1. Art. No.: CD004816. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit) http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004816.pub5/abstract

[5] IQWIG (2013)
Erhöhte Cholesterinwerte. Abgerufen am 1. 6. 2017 unter https://www.gesundheitsinformation.de/erhoehte-cholesterinwerte.2178.de.html

[6] Klimek u.a. (2009)
Viljoen E, Visser J, Koen N, Musekiwa A. A systematic review and meta-analysis of the effect and safety of ginger in the treatment of pregnancy-associated nausea and vomiting. Nutr J. 2014 Mar 19;13:20. (Übersichtsarbeit in voller Länge)

[7] National Center for Complementary and Integrative Health (2013)
Red Yeast Rice: An Introduction. Abgerufen am 1. 6. 2017 unter https://nccih.nih.gov/health/redyeastrice

[8] Schweizerisches Heilmittelinstitut (2014)
Im Brennpunkt: Vermarktung von Präparaten mit Monascus purpureus (Rotschimmelreis, rote Reishefe) ist in der Schweiz nicht zulässig. Swiss Medic Journal 2/2014, ab Seite 80. www.swissmedic.ch

[9] UpToDate (2017)
Tangney C, Rosenson R (2017) Lipid lowering with diet or dietary supplements. In Saperia G (ed.) UpToDate. Abgerufen am 1. 6. 2017 unter www.uptodate.com/contents/lipid-lowering-with-diet-or-dietary-supplements

[10] BVL, BfArM (2016)
Deutsches Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit; Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Stellungnahme der gemeinsamen Expertenkommission BVL/BfArM, Einstufung von Rotschimmelreisprodukten (02/2016). Abgerufen am 22.05.2017 unter www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/expertenkommission/Dritte_Stellungnahme_Rotschimmelreis.html

[11] BfArM (2016)
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Pressemitteilung 3/16, BfArM warnt erneut vor Red Rice-Nahrungsergänzungsmitteln: Produkte ab einer Tagesdosis von 5 mg Monakolin K sind als Arzneimittel einzustufen, abgerufen am 22.05.2017 unter www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/pm3-2016.html

[12] Mazzanti u.a. (2017)
Mazzanti G, Moro PA, Raschi E, Da Cas R, Menniti-Ippolito F. Adverse reactions to dietary supplements containing red yeast rice: assessment of cases from the Italian surveillance system. Br J Clin Pharmacol. 2017 Apr;83(4):894-908. (Zusammenfassung der Arbeit)

[13] UpToDate (2017)
Rosenson R (2017). Statins: Actions, side effects, and administration. In Saperia G (ed.). UpToDate. Abgerufen am 22. 5. 2017 unter www.uptodate.com/contents/statins-actions-side-effects-and-administration